Ukrainekonflikt 5

Jacques Baud über die militärische Lage in der Ukraine

Überall in der westlichen Welt scheint es so zu sein, dass die Nachrichtendienste von den Politikern überwältigt werden.

17.4.2022


„La situation militaire en Ukraine“, Bulletin Nr. 27
Wegen des katastrophalen Zustands seiner Armee und militärischer Niederlagen gegen die Donbass-Autonomisten musste sich Kiew auf die Minsker Abkommen einlassen – eine systematische Anwendung durch Kiew erfolgte aber nie
Die ukrainische Armee war durch die Korruption ihrer Kader unterminiert. Um den Mangel an Soldaten auszugleichen, griff die ukrainische Regierung auf paramilitärische Milizen zurück
Der Ausbruch des Krieges datiert eigentlich auf den 16. Februar, als der Artilleriebeschuss der Bevölkerung im Donbass durch die Ukrainer dramatisch zunahm
Die beiden Ziele der russischen Operation
Die „Entmilitarisierung“
„Entnazifizierung“
Schlussfolgerungen

„Le point sur la situation militaire en Ukraine au 25 mars 2022“, Bulletin Nr. 28
Die operative Situation
Russisches Scheitern oder Erfolg?
Die Kampfführung – keine Neuausrichtung oder Redimensionierung, sondern eine methodische Umsetzung der zu Beginn angekündigten Ziele
Die Rolle der Freiwilligen
Drei abschließende Punkte
Westliche Geheimdienste werden von politischen Entscheidungsträgern ignoriert
Eine gescheiterte Diplomatie
Die Anfälligkeit der Europäer für Manipulationen steigt

Aktuelles Interview mit Jacques Baud in der Schweizer Zeitung Zeitgeschehen im Fokus
„Die europäischen Länder – und allen voran die Schweiz – sollten versuchen, die Wogen zu glätten, anstatt Öl ins Feuer zu giessen“
„Der Grossteil der ukrainischen Streitkräfte ist im Kessel von Kramatorsk umkreist“
„Die Vision Russlands wäre, dass die Länder Estland, Lettland, Litauen, Polen, Belarus und die Ukraine neutrale Länder seien“
„Die USA trieb hier ein ganz perverses Spiel, um einen Krieg zu schaffen“
„In Wirklichkeit versucht man, Putin zu bekämpfen …“
„… und nicht, der Ukraine zu helfen“
„Putin könnte die Ukraine zerstören, aber er hält sich zurück“

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Es hat sich inzwischen herumgesprochen – zumindest bei Menschen und Medien, die noch klar denken und schreiben können – dass wir mit dem Schweizer Jacques Baud einen wertvollen Analysten haben, vor allem auch für die militärische Lage in der Ukraine. Als Ex-Oberst des Generalstabs, Ex-Mitglied des strategischen Nachrichtendienstes der Schweiz, Spezialist für osteuropäische Länder, NATO- und UN-Mitarbeiter weiß er, wovon er redet. Auch der Standpunkt der Neutralität liegt einem Schweizer. Wir wollen hier zunächst auf eine Studie von Jacques Baud von Mitte März hinweisen „La situation militaire en Ukraine“, Erstveröffentlichung beim Französisches Zentrum für Nachrichtendienstforschung. Am 25. März schrieb er noch eine Aktualisierung.

Hier weist Baud unter anderem darauf hin: „Was den Verlauf der Operationen betrifft, so stammen die in unseren Medien präsentierten Analysen meist von Politikern oder sogenannten Militärexperten, die die ukrainische Propaganda weitergeben. Lassen Sie uns klarstellen, dass ein Krieg, egal welcher Art, ein Drama ist. Das Problem hierbei ist, dass unsere Krawattenstrategen eindeutig versuchen, die Situation zu überdramatisieren, um eine Verhandlungslösung auszuschließen. … Wir wissen auch, dass die US-amerikanischen und deutschen Geheimdienste die Situation seit Ende 2021 sehr gut verstanden hatten und wussten, dass die Ukraine einen Angriff auf den Donbass vorbereitete. Daraus können wir schließen, dass die politischen Führer der USA und Europas die Ukraine absichtlich in einen Konflikt hineingetrieben haben, von dem sie wussten, dass er verloren war, nur um Russland einen politischen Schlag zu versetzen.“

In einem aktuellen Interview in der Schweizer Zeitung Zeitgeschehen im Fokus vom 6. April antwortet Jacques Baud auf die Frage „Hat sich in den letzten Wochen die Lage geändert? Ist das Vorgehen der Russen überhaupt erfolgreich?“: „Ja, man kann sagen, dass Russland seine Ziele in der Ukraine fast erreicht hat. Es ist klar, dass es die Ukraine nicht in Besitz nehmen will, aber sein Ziel ist es, die Bedrohung für die Donbas-Republiken zu neutralisieren.“

 

„La situation militaire en Ukraine“, Bulletin Nr. 27

Die Analyse von Jacques Baud „La situation militaire en Ukraine“ wurde zunächst als Bulletin beim Centre Francais de Recherche sur le Renseignement (Französisches Zentrum für Nachrichtendienstforschung) veröffentlicht und im April bei Krass & Konkret übersetzt ( 1 ) .

Krass & Konkret ist nach eigener Aussage das Magazin der Buchkomplizen, der Internetbuchhandlung für Menschen, die noch gerne selber denken. Krass & Konkret bietet Orientierung im Wirrwarr unserer Tage, mit aktuellem Journalismus, wichtigen Buchempfehlungen und spannenden Interviews zu relevanten Themen: Ungefilterte Informationen aus erster Hand, regelmäßige Gespräche mit JournalistInnen aus unserem globalen Netzwerk und den Beiträgen der Autorinnen und Autoren unserer Blogs, die sich hier regelmäßig zu Wort melden. Die Chefredaktion liegt in der Verantwortung von Florian Rötzer, journalistischer Online-Pionier und ehemaliger Chefredakteur von Telepolis. Die Schwerpunkte liegen in den Themenfeldern Politik, Gesellschaft, Ökologie, Wirtschaft und Naturwissenschaften.

Bei krass & konkret finden sich eine Fülle weiterer, empfehlenswerter Artikel zum Krieg in der Ukraine.

Jacques Baud schreibt im ersten Abschnitt seiner Studie ( 2 ) : „Von Mali bis Afghanistan habe ich jahrelang für den Frieden gearbeitet und dafür mein Leben riskiert. Es geht also nicht darum, den Krieg zu rechtfertigen, sondern zu verstehen, was uns zu ihm geführt hat. Ich stelle fest, dass die ‚Experten‘, die sich im Fernsehen abwechseln, die Situation auf der Grundlage zweifelhafter Informationen analysieren, meist Hypothesen, die in Fakten umgewandelt werden, so dass es uns nicht mehr gelingt zu verstehen, was geschieht. So schafft man Panik . “ (Hervorhebung en durch uns)

Wegen des katastrophalen Zustands seiner Armee und militärischer Niederlagen gegen die Donbass-Autonomisten musste sich Kiew auf die Minsker Abkommen einlassen – eine systematische Anwendung durch Kiew erfolgte aber nie

Laut Baud ist die Erzählung von „Separatisten“ oder „Unabhängigkeit“ des Donbass falsch. Die von den beiden selbsternannten Republiken Donezk und Luhansk im Mai 2014 durchgeführten Referenden seien keine Referenden über die „Unabhängigkeit“, sondern für ein Autonomiestatut,

„das ihnen den Gebrauch der russischen Sprache als Amtssprache garantiert. Denn der erste gesetzgeberische Akt der neuen Regierung, die aus dem Sturz von Präsident Janukowitsch hervorging, war am 23. Februar 2014 die Abschaffung des Kivalov-Kolesnichenko-Gesetzes von 2012, das Russisch zur Amtssprache machte. …

Diese Entscheidung löste einen Sturm in der russischsprachigen Bevölkerung aus. Dies führte zu heftigen Repressionen gegen die russischsprachigen Regionen (Odessa, Dnipropetrowsk, Charkow, Lugansk und Donezk), die im Februar 2014 begannen und zu einer Militarisierung der Situation und einigen Massakern führten (vor allem in Odessa und Mariupol). Am Ende des Sommers 2014 blieben nur die selbsternannten Republiken Donezk und Lugansk übrig.

In dieser Phase waren die ukrainischen Stäbe zu starr, hingen einer doktrinären Herangehensweise an die Kunst der Kriegsführung an und mussten den Feind ertragen, ohne sich durchsetzen zu können. Die Untersuchung des Verlaufs der Kämpfe 2014-2016 im Donbass zeigt, dass der ukrainische Generalstab systematisch und mechanisch die gleichen operativen Schemata anwandte. Der von den Autonomisten geführte Krieg ähnelte jedoch sehr stark dem, was wir in der Sahelzone beobachten konnten: sehr mobile Operationen, die mit leichten Mitteln durchgeführt wurden. Mit einem flexibleren und weniger doktrinären Ansatz waren die Rebellen in der Lage, die Trägheit der ukrainischen Streitkräfte auszunutzen und sie immer wieder in die ‚Falle‘ zu locken. …

Jacques Baud, Bild zvg (zur Verfügung gestellt)

Die Rebellen sind dank der Überläufer russischsprachiger ukrainischer Einheiten, die auf die Seite der Rebellen überlaufen, bewaffnet. Im Zuge des ukrainischen Scheiterns sind ganze Panzer-, Artillerie- oder Flugabwehrbataillone in die Reihen der Autonomisten übergelaufen. Das ist es, was die Ukrainer dazu bringt, sich zu den Minsker Vereinbarungen zu bekennen.

Doch kurz nach der Unterzeichnung der Minsker Vereinbarungen startete der ukrainische Präsident Petro Poroschenko eine groß angelegte Anti-Terror-Operation … gegen den Donbass. Bis repetita placent (lat. zweimal wiederholtes gefällt, Red.): von NATO-Offizieren schlecht beraten, erlitten die Ukrainer eine vernichtende Niederlage bei Debalzewo, die sie zwang, sich auf die Minsk-2-Abkommen einzulassen …

Es ist wichtig, hier daran zu erinnern, dass die Abkommen von Minsk 1 (September 2014) und Minsk 2 (Februar 2015) weder die Abspaltung noch die Unabhängigkeit der Republiken vorsahen, sondern ihre Autonomie im Rahmen der Ukraine. Diejenigen, die die Abkommen gelesen haben (und das sind sehr, sehr, sehr wenige), werden feststellen, dass der Status der Republiken vollständig zwischen Kiew und den Vertretern der Republiken ausgehandelt werden sollte, um eine interne Lösung in der Ukraine zu finden.

Aus diesem Grund hat Russland seit 2014 systematisch ihre Anwendung gefordert, sich aber geweigert, an den Verhandlungen teilzunehmen, da es sich um eine interne Angelegenheit der Ukraine handele. Auf der anderen Seite hat der Westen – allen voran Frankreich – systematisch versucht, die Minsker Vereinbarungen durch das ‚Normandie-Format‘ zu ersetzen, bei dem sich Russen und Ukrainer von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden. Erinnern wir uns jedoch daran, dass es vor dem 23. und 24. Februar 2022 nie russische Truppen im Donbass gab. Außerdem haben OSZE-Beobachter nie auch nur die geringste Spur von russischen Einheiten im Donbass beobachtet.“

Die ukrainische Armee war durch die Korruption ihrer Kader unterminiert. Um den Mangel an Soldaten auszugleichen, griff die ukrainische Regierung auf paramilitärische Milizen zurück

„Die ukrainische Armee befand sich damals in einem beklagenswerten Zustand. …

Tatsächlich ist die Armee durch die Korruption ihrer Kader unterminiert und genießt nicht mehr die Unterstützung der Bevölkerung. Nach einem Bericht des britischen Innenministeriums erschienen bei der Einberufung von Reservisten im März/April 2014 70 % nicht zur ersten Vorladung, 80 % zur zweiten, 90 % zur dritten und 95 % zur vierten Sitzung. Im Oktober/November 2017 erschienen bei der Rückrufaktion ‚Herbst 2017‘ 70 % der Einberufenen nicht. Dabei sind Selbstmorde und Desertionen (oft zugunsten der Autonomisten), die bis zu 30 % der Arbeitskräfte in der ATO-Zone ( 3 ) ausmachen, nicht berücksichtigt. Junge Ukrainer weigern sich, im Donbass zu kämpfen und ziehen die Auswanderung vor, was zumindest teilweise auch das demografische Defizit des Landes erklärt. …

Um den Mangel an Soldaten auszugleichen, griff die ukrainische Regierung auf paramilitärische Milizen zurück. Sie bestehen im Wesentlichen aus ausländischen Söldnern, oft Rechtsextremisten. Im Jahr 2020 machen sie rund 40 % der ukrainischen Streitkräfte aus und umfassen laut Reuters etwa 102000 Mann. Bewaffnet, finanziert und ausgebildet werden sie von den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Kanada und Frankreich. Es gibt mehr als 19 Nationalitäten – darunter auch Schweizer.

Westliche Länder haben also eindeutig ukrainische rechtsextreme Milizen geschaffen und unterstützt. …

Diese Milizen, die aus den rechtsextremen Gruppen hervorgegangen sind, die 2014 die Euromaidan-Revolution anführten, bestehen aus fanatischen und brutalen Personen. Das bekannteste von ihnen ist das Asow-Regiment, dessen Emblem an das der 2. SS-Panzerdivision ‚Das Reich‘ erinnert, die in der Ukraine regelrecht verehrt wird, weil sie 1943 Charkow von den Sowjets befreit hat, bevor sie 1944 in Frankreich das Massaker von Oradour-sur-Glane verübte. …

Der Westen unterstützt und bewaffnet also weiterhin Milizen, die sich seit 2014 zahlreicher Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung schuldig gemacht haben: Vergewaltigungen, Folter und Massaker. Aber während die Schweizer Regierung sehr schnell war, Sanktionen gegen Russland zu verhängen, hat sie keine gegen die Ukraine beschlossen, die seit 2014 ihre eigene Bevölkerung abschlachtet. Diejenigen, die die Rechte der Menschen in der Ukraine verteidigen, haben die Aktionen dieser Gruppen schon lange verurteilt, aber unsere Regierungen sind ihnen nicht gefolgt. Denn in Wirklichkeit versuchen wir nicht, der Ukraine zu helfen, sondern Russland zu bekämpfen. …

Im Jahr 2022 sind die ukrainischen Streitkräfte, die gegen die russische Offensive kämpfen, sehr schematisch wie folgt strukturiert:

– Armee, die dem Verteidigungsministerium unterstellt ist: Sie ist in 3 Armeekorps gegliedert und besteht aus Manövrierverbänden (Panzer, schwere Artillerie, Raketen usw.).

– Nationalgarde, die dem Innenministerium untersteht und in 5 territoriale Kommandos gegliedert ist.

Die Nationalgarde ist also eine territoriale Verteidigungstruppe, die nicht Teil der ukrainischen Armee ist. Sie umfasst paramilitärische Milizen, die ‚Freiwilligenbataillone‘ (…) genannt werden und auch unter dem vielsagenden Namen ‚Vergeltungsbataillone‘ bekannt sind und aus Infanteristen bestehen. Sie sind vor allem für den Kampf in den Städten ausgebildet und sichern heute die Verteidigung von Städten wie Charkow, Mariupol, Odessa, Kiew usw.“

Der Ausbruch des Krieges datiert eigentlich auf den 16. Februar, als der Artilleriebeschuss der Bevölkerung im Donbass durch die Ukrainer dramatisch zunahm

„Wir müssen bis zum 24. März 2021 zurückgehen. An diesem Tag erließ Wolodymyr Selenskij einen Erlass zur Rückeroberung der Krim und begann, seine Streitkräfte in den Süden des Landes zu verlegen. …

Unter Verletzung der Minsker Vereinbarungen führt die Ukraine im Donbass Luftangriffe mit Drohnen durch, darunter mindestens ein Angriff auf ein Treibstoffdepot in Donezk im Oktober 2021. Die amerikanische Presse wies darauf hin, aber nicht die Europäer, und niemand verurteilte diese Verstöße. …

Die ukrainischen Vorbereitungen in der Kontaktzone gingen weiter. Das russische Parlament war alarmiert und forderte Wladimir Putin am 15. Februar auf, die Unabhängigkeit der Republiken anzuerkennen, was dieser ablehnte. …

Aber seit dem 16. Februar hat der Artilleriebeschuss der Bevölkerung im Donbass dramatisch zugenommen, wie die täglichen Berichte der OSZE-Beobachter zeigen. Natürlich reagieren weder die Medien, noch die Europäische Union, noch die NATO, noch irgendeine westliche Regierung und schreiten ein. Wir werden später sagen, dass dies eine russische Desinformation ist. Tatsächlich scheint es, dass die Europäische Union und einige Länder das Massaker an den Menschen im Donbass absichtlich beschönigt haben, weil sie wussten, dass dies eine russische Intervention provozieren würde. (Hervorhebung durch uns) …

Zahl der von der OSZE registrierten Explosionen vom 14. bis 22 Februar 2022

 

Seit dem 16. Februar wusste Joe Biden, dass die Ukrainer damit begonnen haben, die Zivilbevölkerung im Donbass zu beschießen, was Wladimir Putin vor eine schwierige Wahl stellte: entweder dem Donbass militärisch zu helfen und ein internationales Problem zu schaffen oder untätig zuzusehen, wie russischsprachige Menschen aus dem Donbass überrollt werden.

Wenn er sich für ein Eingreifen entscheidet, kann sich Wladimir Putin auf die internationale Verpflichtung der ‚Schutzverantwortung‘ (R2P) berufen. Aber er weiß, dass die Intervention unabhängig von ihrer Art und ihrem Ausmaß eine Flut von Sanktionen auslösen wird. Unabhängig davon, ob sich seine Intervention auf den Donbass beschränkt oder ob sie darüber hinausgeht, um den Westen in Bezug auf den Status der Ukraine unter Druck zu setzen, wird der zu zahlende Preis derselbe sein. Dies erklärte er in seiner Rede vom 21. Februar.

An diesem Tag kam er dem Ersuchen der Duma nach und erkannte die Unabhängigkeit der beiden Donbass-Republiken an, mit denen er Freundschafts- und Beistandsverträge unterzeichnete.

Der ukrainische Artilleriebeschuss auf die Bevölkerung des Donbass ging weiter, und am 23. Februar baten die beiden Republiken Russland um militärische Hilfe. Am 24. Februar berief sich Wladimir Putin auf Artikel 51 der Charta der Vereinten Nationen, der gegenseitige Militärhilfe im Rahmen eines Verteidigungsbündnisses vorsieht.

Um die russische Intervention in den Augen der Öffentlichkeit völlig illegal zu machen, verschleiern wir absichtlich die Tatsache, dass der Krieg eigentlich schon am 16. Februar begann. Die ukrainische Armee bereitete sich bereits 2021 auf einen Angriff auf den Donbass vor, wie bestimmte russische und europäische Geheimdienste wussten… Die Juristen werden darüber urteilen.“

Die beiden Ziele der russischen Operation

„In seiner Rede vom 24. Februar nannte Wladimir Putin die beiden Ziele seiner Operation: ‚Entmilitarisierung‘ und ‚Entnazifizierung‘ der Ukraine. Es geht also nicht darum, die Ukraine zu erobern, wahrscheinlich nicht einmal zu besetzen und schon gar nicht zu zerstören.

Von dort aus haben wir nur einen begrenzten Einblick in den Verlauf der Operation: Die Russen verfügen über eine ausgezeichnete Geheimhaltung der Operationen (OPSEC), und die Einzelheiten ihrer Planung sind nicht bekannt. Der Verlauf der Operationen macht es jedoch relativ schnell möglich zu verstehen, wie die strategischen Ziele in den operativen Plan umgesetzt wurden.

Entmilitarisierung:

– Zerstörung der ukrainischen Luftfahrt, Luftabwehrsysteme und Aufklärungseinrichtungen am Boden;

– Neutralisierung der Führungs- und Aufklärungsstrukturen (C3I) sowie der wichtigsten Logistikrouten in der Tiefe des Gebietes;

– Einkreisung des Großteils der ukrainischen Armee, die im Südosten des Landes zusammengezogen ist.

Entnazifizierung:

– Zerstörung oder Neutralisierung von Freiwilligenbataillonen, die in den Städten Odessa, Charkow und Mariupol sowie in verschiedenen Einrichtungen des Landes operieren.“

Die „Entmilitarisierung“

„Die russische Offensive verläuft in einer sehr ‚klassischen‘ Weise. Zunächst – wie die Israelis 1967 – mit der Zerstörung der Luftstreitkräfte am Boden in den ersten Stunden. Dann folgt ein gleichzeitiger Vormarsch auf mehreren Achsen nach dem Prinzip des ‚fließenden Wassers‘: Wir rücken dort vor, wo der Widerstand schwach ist, und überlassen die (sehr truppenstarken) Städte einem späteren Zeitpunkt. Im Norden wird das Kernkraftwerk von Tschernobyl sofort besetzt, um Sabotageakte zu verhindern. Die Bilder von ukrainischen und russischen Soldaten, die das Kraftwerk gemeinsam bewachen, werden natürlich nicht gezeigt…

Die Idee, dass Russland versucht, die Hauptstadt Kiew zu übernehmen, um Zelenski zu beseitigen, kommt typischerweise aus dem Westen: Das hat man in Afghanistan, im Irak und in Libyen getan und wollte es in Syrien mit Hilfe des Islamischen Staates tun. Aber Wladimir Putin hatte nie die Absicht, Selenskij zu stürzen oder zu beseitigen. Im Gegenteil, Russland versucht, ihn an der Macht zu halten, indem es ihn durch die Einkreisung von Kiew zu Verhandlungen zwingt. Bislang hatte er sich geweigert, die Minsker Vereinbarungen anzuwenden, doch nun wollen die Russen die Neutralität der Ukraine erreichen.

Viele westliche Kommentatoren wunderten sich darüber, dass die Russen weiterhin eine Verhandlungslösung anstrebten, während sie militärische Operationen durchführten. Die Erklärung dafür liegt in der strategischen Konzeption der Russen seit der Sowjetzeit. Für den Westen beginnt der Krieg, wenn die Politik aufhört. Der russische Ansatz folgt jedoch einer Clausewitzschen Inspiration: Krieg ist die Kontinuität der Politik, und man kann fließend von der einen zur anderen übergehen, sogar während des Kampfes. Dies erzeugt Druck auf den Gegner und zwingt ihn zu Verhandlungen.

Aus operativer Sicht war die russische Offensive ein Beispiel für ihre Art: In sechs Tagen eroberten die Russen ein Gebiet, das so groß war wie das Vereinigte Königreich, und zwar mit einer Geschwindigkeit, die die der Wehrmacht im Jahr 1940 überlegen war.

Der Großteil der ukrainischen Armee war im Süden des Landes für eine Großoperation gegen den Donbass stationiert. Deshalb konnten die russischen Streitkräfte den Donbass ab Anfang März im ‚Kessel‘ zwischen Slawjansk, Kramatorsk und Sewerodonezk einkesseln, und zwar durch einen Vorstoß von Osten über Charkow und einen weiteren von Süden von der Krim aus. Die Truppen der Republiken Donezk (DPR) und Lugansk (RPL) ergänzen die Aktion der russischen Streitkräfte mit einem Vorstoß aus dem Osten.

In dieser Phase ziehen die russischen Streitkräfte die Schlinge langsam zu, stehen aber nicht mehr unter Zeitdruck. Ihr Ziel der Entmilitarisierung ist praktisch erreicht, und die verbliebenen ukrainischen Streitkräfte verfügen über keine operative und strategische Kommandostruktur mehr.

Die ‚Verlangsamung‘, die unsere ‚Experten‘ auf die schlechte Logistik zurückführen, ist nur die Folge des Erreichens der gesetzten Ziele. Russland scheint sich nicht auf eine Besetzung des gesamten ukrainischen Territoriums einlassen zu wollen. Vielmehr scheint es, als wolle Russland seinen Vormarsch auf die Sprachgrenze des Landes beschränken.

In unseren Medien ist von wahllosen Bombardements gegen die Zivilbevölkerung, insbesondere in Charkow, die Rede, und danteske Bilder werden in einer Endlosschleife gesendet. Gonzalo Lira, ein Lateinamerikaner, der dort lebt, zeigt uns jedoch am 10. und 11. März eine ruhige Stadt. Zugegeben, es ist eine große Stadt und man kann nicht alles sehen, aber das scheint darauf hinzuweisen, dass wir uns nicht in dem totalen Krieg befinden, der uns ständig auf den Bildschirmen serviert wird.

Was die Donbass-Republiken angeht, so haben sie ihre eigenen Gebiete ‚befreit‘ und kämpfen in der Stadt Mariupol.“

„Entnazifizierung“

„In Städten wie Charkow, Mariupol und Odessa wird die Verteidigung von paramilitärischen Milizen übernommen. Sie wissen, dass das Ziel der ‚Entnazifizierung‘ in erster Linie auf sie ausgerichtet ist.

Für einen Angreifer in einem städtischen Gebiet sind die Zivilisten ein Problem. Deshalb versucht Russland, humanitäre Korridore zu schaffen, um die Städte von Zivilisten zu befreien und nur die Milizen zurückzulassen, um sie leichter bekämpfen zu können.

Umgekehrt versuchen die Milizen, Zivilisten in den Städten zu halten, um die russische Armee davon abzuhalten, dort zu kämpfen. Deshalb zögern sie, diese Korridore einzurichten, und tun alles, damit die russischen Bemühungen vergeblich sind: So können sie die Zivilbevölkerung als ‚menschliche Schutzschilde‘ benutzen. Videos, die zeigen, wie Zivilisten versuchen, Mariupol zu verlassen und dabei von Kämpfern des Asow-Regiments verprügelt werden, werden hier natürlich sorgfältig zensiert.

Auf Facebook wurde die Asow-Gruppe in die gleiche Kategorie wie der Islamische Staat eingestuft und unterlag der ‚Politik für gefährliche Personen und Organisationen‘ der Plattform. Es war daher verboten, sie zu verherrlichen, und die ‚Posts‘, die ihr wohlgesonnen waren, wurden systematisch verbannt. Doch am 24. Februar änderte Facebook seine Politik und erlaubte Beiträge, die die Miliz unterstützten. Im März genehmigte die Plattform in den ehemaligen osteuropäischen Ländern Aufrufe zur Ermordung von russischen Soldaten und Führern. …

Unsere Medien propagieren ein romantisches Bild des Volkswiderstands. Dieses Bild hat die Europäische Union dazu veranlasst, die Verteilung von Waffen an die Zivilbevölkerung zu finanzieren. Das ist ein krimineller Akt. In meiner Funktion als Chef der Doktrin für friedenserhaltende Operationen bei der UNO habe ich mich mit der Frage des Schutzes der Zivilbevölkerung beschäftigt. Dabei haben wir festgestellt, dass Gewalt gegen Zivilisten in ganz bestimmten Kontexten stattfindet. Vor allem dann, wenn Waffen im Überfluss vorhanden sind und es keine Kommandostrukturen gibt.

Diese Kommandostrukturen sind das Wesen von Armeen: Sie haben die Aufgabe, den Einsatz von Gewalt entsprechend einem Ziel zu kanalisieren. Indem die EU die Bürger willkürlich bewaffnet, wie es derzeit der Fall ist, macht sie sie mit den entsprechenden Konsequenzen zu Kombattanten: potenzielle Ziele. Außerdem führt die Verteilung von Waffen ohne Befehl und ohne operative Ziele unweigerlich zu Abrechnungen, Banditentum und Aktionen, die eher tödlich als effektiv sind. …

Die EU wiederholt die katastrophalen Erfahrungen des Dritten Reiches in den letzten Stunden der Schlacht um Berlin. Der Krieg sollte dem Militär überlassen werden, und wenn eine Seite verloren hat, sollte dies zugegeben werden. Und wenn es Widerstand geben sollte, dann muss dieser unbedingt geführt und strukturiert werden. Wir tun jedoch genau das Gegenteil: Wir drängen die Bürger, in den Kampf zu ziehen, und gleichzeitig erlaubt Facebook Aufrufe zur Ermordung russischer Soldaten und Führer. So viel zu den Werten, die uns inspirieren.

In einigen Geheimdiensten wird diese unverantwortliche Entscheidung als Möglichkeit gesehen, die ukrainische Bevölkerung als Kanonenfutter für den Kampf gegen Wladimir Putins Russland zu benutzen. Diese Art von mörderischer Entscheidung musste den Kollegen von Ursula von der Leyens Großvater überlassen werden. Es wäre klüger gewesen, in Verhandlungen einzutreten und so Garantien für die Zivilbevölkerung zu erhalten, als Öl ins Feuer zu gießen. Es ist leicht, mit dem Blut anderer Leute kämpferisch zu sein.“

Schlussfolgerungen

„Es ist wichtig, im Voraus zu verstehen, dass nicht die ukrainische Armee die Verteidigung von Mariupol sicherstellt, sondern die Asow-Miliz, die aus ausländischen Söldnern besteht. …

Das Problem ist, dass die paramilitärischen Milizen, die für die Verteidigung der Städte zuständig sind, von der internationalen Gemeinschaft ermutigt werden, sich nicht an die Regeln des Krieges zu halten. …

Als ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter fällt mir als Erstes auf, dass die westlichen Nachrichtendienste die Situation ein Jahr lang überhaupt nicht dargestellt haben. In der Schweiz wurden die Dienste dafür kritisiert, dass sie kein korrektes Bild der Lage geliefert haben. Überall in der westlichen Welt scheint es so zu sein, dass die Nachrichtend ienste von den Politikern überwältigt werden.

Die dramatischen Entwicklungen, die wir heute erleben, haben Ursachen, die wir kannten, aber nicht sehen wollten:

– auf strategischer Ebene die Ausweitung der NATO (auf die wir hier nicht eingegangen sind);

– auf politischer Ebene die Weigerung des Westens, die Minsker Vereinbarungen umzusetzen;

– und auf operativer Ebene seit Jahren die kontinuierlichen und wiederholten Angriffe auf die Zivilbevölkerung des Donbass und die dramatische Zunahme Ende Februar 2022.

Mit anderen Worten: Natürlich können wir den russischen Angriff bedauern und verurteilen. Aber WIR (d.h. die Vereinigten Staaten, Frankreich und die Europäische Union an der Spitze) haben die Bedingungen für den Ausbruch eines Konflikts geschaffen. Wir zeigen Mitgefühl für das ukrainische Volk und die zwei Millionen Flüchtlinge. Das ist gut so. Hätten wir aber auch nur ein Minimum an Mitgefühl für die gleiche Anzahl von Flüchtlingen aus der ukrainischen Bevölkerung des Donbass gehabt , die von ihrer eigenen Regierung massakriert wurden und sich seit acht Jahren in Russland ansammeln, wäre das alles wahrscheinlich nicht passiert. …

Offensichtlich hat uns dieser Konflikt in eine Hysterie geführt. Sanktionen scheinen das bevorzugte Instrument unserer Außenpolitik geworden zu sein. Hätten wir darauf bestanden, dass die Ukraine die Minsker Vereinbarungen einhält, die wir ausgehandelt und gebilligt haben, wäre das alles nicht passiert. …

Die Europäische Union war nicht in der Lage, die Umsetzung der Minsker Vereinbarungen zu fördern, im Gegenteil, sie hat nicht reagiert, als die Ukraine ihre eigene Bevölkerung im Donbass bombardierte. Hätte sie dies getan, hätte Wladimir Putin nicht reagieren müssen. Durch ihre Abwesenheit in der diplomatischen Phase zeichnete sich die EU dadurch aus, dass sie den Konflikt anheizte. Am 27. Februar erklärte die ukrainische Regierung, Verhandlungen mit Russland aufzunehmen. Doch nur wenige Stunden später beschließt die Europäische Union ein Budget von 450 Millionen Euro für Waffenlieferungen an die Ukraine und gießt damit Öl ins Feuer. Die Ukrainer sind nun der Meinung, dass sie keine Einigung mehr erzielen müssen. Der Widerstand der Asowschen Milizen in Mariupol führte sogar zu einer Erhöhung der Waffenlieferungen um 500 Millionen Euro.

In der Ukraine werden mit dem Segen der westlichen Länder diejenigen ausgeschaltet, die sich für Verhandlungen einsetzen.

Letztendlich wird der Preis hoch sein, aber Wladimir Putin wird wahrscheinlich die Ziele erreichen, die er sich selbst gesetzt hat. Seine Beziehungen zu Peking haben sich gefestigt. China tritt als Vermittler in dem Konflikt auf, während die Schweiz in die Liste der Feinde Russlands aufgenommen wurde. Die Amerikaner müssen Venezuela und den Iran um Öl bitten, um aus der Energie-Sackgasse herauszukommen, in die sie sich selbst gebracht haben: Juan Guaido verlässt endgültig die Szene und die Vereinigten Staaten müssen die gegen ihre Feinde verhängten Sanktionen kläglich zurücknehmen. …

Die Integrität der Medien wird daran gemessen, ob sie bereit sind, sich an die Bedingungen der Münchner Charta ( 4 ) zu halten. Während der Covid-Krise ist es ihnen gelungen, den Hass auf die Chinesen zu schüren, und ihre polarisierende Botschaft führt zu den gleichen Folgen gegenüber den Russen. Der Journalismus verliert mehr und mehr an Professionalität und wird militant …“ (Hervorhebung en durch uns)

 

„Le point sur la situation militaire en Ukraine au 25 mars 2022“, Bulletin Nr. 28

Am 25. März nahm Jacques Baud eine Aktualisierung seiner Studie über die militärische Lage in der Ukraine vor, die ursprünglich in französischer Sprache beim Centre Français de Recherche sur le Renseignement erschien, dann von dem Schweizer Webportal Schweizer Standpunkt übersetzt wurde. ( 5 ).

Der Schweizer Standpunkt - Point de vue Suisse - Swiss Standpoint ist eine hochinteressante dreisprachige Online-Publikation, weltanschaulich, politisch und finanziell unabhängig. Der Schweizer Standpunkt setzt sich für „eigenständiges Denken, freie Meinungsbildung, Recht, Ethik, Verantwortung und konsequentes Handeln“ ein sowie „für Bekräftigung und Einhaltung des Völkerrechts, der Menschenrechte und des humanitären Völkerrechts“. „G erne vermitteln wir Kenntnisse über die Errungenschaften des Schweizer Modells, das sich vor allem durch direkte Demokratie, nationale Souveränität, bewaffnete Neutralität und humanitäres Wirken auszeichnet. Alle Beteiligten arbeiten ehrenamtlich. Um unabhängig zu bleiben, verzichtet der ‚Schweizer Standpunkt‘ bewusst auf kommerzielle Inserate.

… sind wir der Meinung, dass ein “Schweizer Standpunkt„nicht nur in Konflikten den Blick für Lösungswege öffnen, sondern auch zu einer konsensorientierten Vorgehensweise führen kann.

Als Chefredakteur für den “Schweizer Standpunkt„hat sich Jean-Paul Vuilleumier zur Verfügung gestellt. Er kann auf seine 20-jährigen Erfahrungen als Chefredakteur von ‚Horizons et débats‘, der französischen Ausgabe der Schweizer Zeitung ‚Zeit-Fragen ‘, zurückblicken.“

In der Rubrik über uns beruft sich der Schweizer Standpunkt auf eine Rede von Karl Spitteler vo m Dezember 1914 in Zürich: „Carl Spitteler gelang es in seiner Rede, einen Schweizer Standpunkt herauszuarbeiten: „Neutral im Krieg zu sein, heisst nicht, gefühllos zu sein oder ohne Anteilnahme für den Nachbarn zu bleiben. Das Elend der anderen – ob Franzosen, Deutsche, Engländer usw. – berührt uns. Der Zufall, in einem neutralen Staat zu leben und nicht in die Kriegswirrnisse verwickelt zu werden, darf jedoch nicht hochmütig machen, sondern fordert zur Bescheidenheit auf. …

Ein Schweizer Standpunkt, eine kluge, menschliche und von Bescheidenheit geprägte Position zur Wahrung von Gerechtigkeit und Neutralität – nicht nur in Zeiten roher Gewalt – fand und findet weltweit Aufmerksamkeit.“

Die folgenden Auszüge aus der aktualisierten Lageanalyse von Jacques Baud vom 25. März beruhen auf einer eigenen Übersetzung des französischen Originals, unterstützt durch Deepl.

Die operative Situation

„Am 25. März 2022 bestätigt unsere Analyse der Lage die Mitte März gemachten Beobachtungen und Schlussfolgerungen.

Die am 24. Februar ausgelöste Offensive gliedert sich gemäß der russischen Operationsdoktrin in zwei Stossrichtungen:

• Ein Hauptvorstoß, der auf den Süden des Landes in der Region Donbass und entlang der Küste des Asowschen Meeres gerichtet ist. Wie in der Doktrin vorgesehen, liegen die Hauptziele auf dieser Linie: die Neutralisierung der ukrainischen Streitkräfte (Ziel der ‚Entmilitarisierung‘) und die Neutralisierung der ultra-nationalistischen paramilitärischen Milizen in den Städten Charkow und Mariupol (Ziel der ‚Entnazifizierung‘). Dieser Hauptstoß wird von einer Koalition von Kräften geführt: russische Kräfte aus dem südlichen Militärbezirk über Charkow und von der Krim, mit – in der Mitte – Milizkräften aus den Republiken Donezk und Lugansk sowie einem Beitrag der tschetschenischen Nationalgarde für die Kämpfe im Stadtgebiet von Mariupol ;

• ein Nebenvorstoß auf Kiew, der darauf abzielt, die ukrainischen Streitkräfte (und den Westen) zu ‚fixieren‘, um sie daran zu hindern, Operationen gegen den Hauptvorstoß durchzuführen oder gar die russischen Koalitionskräfte zu überrumpeln.

Diese Offensive folgt genau den Zielen, die Wladimir Putin am 24. Februar definiert hatte. Doch westliche ‚Experten‘ und Politiker, die nur auf ihre Vorurteile hören, haben sich in den Kopf gesetzt, dass Russlands Ziel darin besteht, die Ukraine einzunehmen und ihre Regierung zu stürzen. In Anwendung einer sehr westlichen Logik sahen sie Kiew als den ‚Schwerpunkt‘ der ukrainischen Kräfte. …

Aus diesem Grund hat der Westen in den von ihm geführten Kriegen systematisch versucht, die Kontrolle über die Hauptstädte zu erlangen. Der ukrainische Generalstab, der von NATO-Experten geschult und beraten wurde, wandte erwartungsgemäß die gleiche Logik an und konzentrierte sich darauf, die Verteidigung von Kiew und Umgebung zu verstärken, während seine Truppen im Donbass entlang der russischen Hauptstoßrichtung hilflos zurückgelassen wurden.

Hätte man Wladimir Putin richtig zugehört, wäre einem klar geworden, dass das strategische Ziel der russischen Koalition nicht die Eroberung der Ukraine ist, sondern die Beseitigung jeglicher Bedrohung für die russischsprachige Bevölkerung im Donbass. Entsprechend diesem allgemeinen Ziel ist der ‚eigentliche‘ Schwerpunkt, den die russische Koalition anzustreben versucht, das Gros der ukrainischen Streitkräfte, die seit Ende 2021 im Süd-Südosten des Landes massiert sind, und nicht Kiew.“

Russisches Scheitern oder Erfolg?

„Da die westlichen Experten davon überzeugt waren, dass die russische Offensive auf Kiew abzielt, kamen sie ziemlich logisch zu dem Schluss, dass 1. die Russen auf der Stelle treten und 2. ihre Offensive zum Scheitern verurteilt ist, da sie das Land nicht langfristig halten können. …“

Zu den manipulierten Karten, die die Medien veröffentlichen, käme noch folgendes hinzu:

„Darüber hinaus ist zu beachten, dass die ukrainischen Streitkräfte auf keiner der in unseren Medien präsentierten Lagekarten erscheinen. So vermittelt die Karte des Armeeministeriums zwar ein etwas ehrlicheres Bild der Realität, vermeidet es aber sorgfältig, die im Kessel von Kramatorsk eingekesselten ukrainischen Streitkräfte zu erwähnen.

bessere Karte hier

 

Tatsächlich sollte die Karte mit der Lage am 25. März eher wie folgt aussehen: Lage am 25. März 2022. Die rote Linie stellt den maximalen Vormarsch der russischen Koalitionskräfte dar, und die blaue Tasche zeigt den Standort des Hauptteils der ukrainischen Armee an. In Wirklichkeit ist diese Tasche in mehrere kleinere Kessel aufgesplittet, die die russische Armee zu verkleinern versucht.

Tatsächlich werden die ukrainischen Streitkräfte auf unseren Karten nie dargestellt, da dies zeigen würde, dass sie im Februar 2022 nicht an der russischen Grenze stationiert waren, sondern im Süden des Landes für die Offensive zusammengezogen wurden, deren Vorbereitungsphase am 16. Februar begann. Dies bestätigt, dass Russland lediglich auf eine Situation reagierte, die vom Westen über die Ukraine initiiert worden war, wie wir noch sehen werden. Heute sind es diese Kräfte, die im Kessel von Kramatorsk eingekesselt sind und von der russischen Koalition methodisch zersplittert und schrittweise neutralisiert werden.

Die Unklarheit über die Lage der ukrainischen Streitkräfte im Westen hat noch weitere Auswirkungen. Zunächst einmal wird die Illusion eines möglichen ukrainischen Sieges aufrechterhalten. Anstatt also einen Verhandlungsprozess zu fördern, versucht der Westen, den Krieg zu verlängern. Aus diesem Grund haben die Europäische Union und einige ihrer Mitgliedsländer Waffen geschickt und ermutigen so die Zivilbevölkerung und Freiwillige aller Art, in den Kampf zu ziehen – oft ohne Ausbildung und ohne wirkliche Kommandostruktur, mit tödlichen Folgen.

Wir wissen, dass in einem Konflikt jede Partei dazu neigt, so zu informieren, dass ein positives Bild von ihrer Aktion entsteht. Das Bild, das wir von der Situation und den ukrainischen Streitkräften haben, beruht jedoch ausschließlich auf Daten, die von Kiew geliefert wurden. Es verschleiert die tiefgreifenden Mängel der ukrainischen Führung, obwohl diese von NATO-Militärs ausgebildet und beraten wurde.

So hätte es die militärische Logik erfordert, dass sich die im Kessel von Kramatorsk eingeschlossenen Kräfte beispielsweise auf eine Linie am Dnepr zurückgezogen hätten, um sich neu zu formieren und eine Gegenoffensive zu führen; ein Rückzug wurde ihnen jedoch von Präsident Zelenskij untersagt. Bereits 2014 und 2015 zeigte sich bei genauer Betrachtung der Operationen, dass die Ukrainer ‚westliche‘ Schemata anwandten, die den Umständen völlig unangemessen waren, wenn sie auf einen Gegner trafen, der fantasievoller, flexibler und mit schlankeren Führungsstrukturen ausgestattet war. Das ist heute das gleiche Phänomen.

Letztendlich hat uns die partielle Sicht auf das Schlachtfeld, die uns unsere Medien vermitteln, unfähig gemacht, dem ukrainischen Generalstab dabei zu helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Sie hat uns zu der Annahme verleitet, dass das offensichtliche strategische Ziel Kiew war, dass die ‚Entmilitarisierung‘ auf den NATO-Beitritt der Ukraine abzielte und dass die ‚Entnazifizierung‘ den Sturz Zelenskys bezweckte. Diese Legende wurde durch Wladimir Putins Aufruf zum Ungehorsam an das ukrainische Militär genährt, der (mit viel Fantasie und Vorurteilen) als Aufruf zum Sturz der Regierung interpretiert wurde. Dieser Aufruf richtete sich jedoch an die im Donbass stationierten ukrainischen Streitkräfte, damit sie sich kampflos ergeben. Die westliche Interpretation veranlasste die ukrainische Regierung, die russischen Ziele falsch einzuschätzen und ihr Potenzial falsch einzusetzen, um zu gewinnen.

Mit Vorurteilen gewinnt man keinen Krieg: Man verliert ihn, und genau das passiert gerade. So war die russische Koalition nie ‚in Bedrängnis‘ oder wurde durch heldenhaften Widerstand ‚gestoppt‘: Sie griff einfach nicht dort an, wo man sie erwartete! Wir wollten nicht auf das hören, was Wladimir Putin uns so deutlich erklärt hat. Deshalb sind wir so – volens nolens – zu den Hauptverantwortlichen für die sich abzeichnende ukrainische Niederlage geworden. Paradoxerweise ist es wahrscheinlich unseren selbsternannten ‚Experten‘ und gelegentlichen Strategen in unseren Fernsehstudios zu verdanken, dass sich die Ukraine heute in dieser Lage befindet!“

Die Kampfführung – keine Neuausrichtung oder Redimensionierung, sondern eine methodische Umsetzung der zu Beginn angekündigten Ziele

„Was den Verlauf der Operationen betrifft, so stammen die in unseren Medien präsentierten Analysen meist von Politikern oder sogenannten Militärexperten, die die ukrainische Propaganda weitergeben.

Lassen Sie uns klarstellen, dass ein Krieg, egal welcher Art, ein Drama ist. Das Problem hierbei ist, dass unsere Krawattenstrategen eindeutig versuchen, die Situation zu überdramatisieren, um eine Verhandlungslösung auszuschließen. Diese Entwicklung bringt jedoch einige westliche Militärs dazu, sich zu Wort zu melden und ein differenzierteres Urteil abzugeben. So stellte ein Analyst der Defense Intelligence Agency (DIA), dem amerikanischen Pendant zur französischen Direction du Renseignement Militaire (DRM), in Newsweek fest, dass ‚Russland in den 24 Tagen des Konflikts etwa 1400 Angriffe durchgeführt und fast 1000 Raketen abgeschossen hat (zum Vergleich: die USA haben am ersten Tag des Irakkriegs 2003 mehr Angriffe durchgeführt und mehr Raketen abgeschossen)‘.

Während der Westen das Schlachtfeld mit intensiven und langwierigen Schlägen ‚vorbereitet‘, bevor er seine Truppen ins Feld schickt, bevorzugen die Russen einen weniger zerstörerischen, dafür aber truppenintensiveren Ansatz. Auf France 5 stellt die Journalistin Mélanie Tarvant den Tod von Generälen auf dem Schlachtfeld als Beweis für eine Destabilisierung der russischen Armee dar. Dies zeugt jedoch von einer tiefen Unkenntnis der Traditionen und Funktionsweisen dieser. Während Kommandeure im Westen dazu neigen, von hinten zu führen, neigen ihre russischen Kollegen dazu, von der Spitze ihrer Männer aus zu führen: Im Westen sagt man ‚Vorwärts!‘, in Russland ‚Folgt mir!‘. Dies erklärt die hohen Verluste in den oberen Führungsebenen, die bereits in Afghanistan zu beobachten waren, aber auch eine viel strengere Auswahl der Führungskräfte als im Westen.

Darüber hinaus stellt der DIA-Analyst fest, dass ‚die überwiegende Mehrheit der Luftschläge über dem Schlachtfeld stattfindet, wobei russische Flugzeuge ‚Luftnahunterstützung‘ für die Bodentruppen leisten. Der Rest – laut US-Experten weniger als 20 Prozent – zielt auf Militärflugplätze, Kasernen und Unterstützungsdepots‘. Die von den westlichen Medien im Chor vorgetragene Formulierung ‚wahllose Bombardements [die] die Stadt verwüsten und alle töten‘ scheint also dem US-Geheimdienstexperten zu widersprechen, der sagt: ‚Wenn wir uns damit zufriedengeben, dass Russland wahllos bombardiert oder dass es nicht in der Lage ist, mehr Schaden anzurichten, weil sein Personal nicht mithalten kann oder weil es technisch unfähig ist, dann sehen wir den Konflikt nicht so, wie er ist.‘

In der Tat unterscheiden sich die russischen Operationen grundlegend vom westlichen Konzept. Die Besessenheit des Westens, keine Toten in den eigenen Reihen zu haben, führt zu Operationen, die hauptsächlich aus sehr tödlichen Luftangriffen bestehen. Bodentruppen kommen erst zum Einsatz, wenn alles zerstört ist. Aus diesem Grund töten die westlichen Staaten in Afghanistan oder in der Sahelzone mehr Zivilisten als die Terroristen. Aus diesem Grund veröffentlichen die in Afghanistan, im Nahen Osten und in Nordafrika engagierten westlichen Länder nicht mehr die Bilanz der zivilen Opfer, die durch ihre Luftschläge verursacht wurden. Denn in Wirklichkeit gehen die Europäer, die sich in Regionen engagieren, die ihre nationale Sicherheit nur sehr marginal betreffen, wie die Esten in der Sahelzone, dorthin, um sich ‚durchzuschlagen‘.

In der Ukraine ist die Situation ganz anders. Ein Blick auf eine Karte der Sprachgebiete genügt, um festzustellen, dass die russische Koalition fast ausschließlich im russischsprachigen Gebiet operiert, also inmitten von Bevölkerungsgruppen, die ihr im Großen und Ganzen wohlgesonnen sind. Dies erklärt auch die Aussage eines Offiziers der US-Luftwaffe: ‚Ich weiß, dass die Medien ständig wiederholen, dass Putin Zivilisten ins Visier nimmt, aber es gibt keinen Beweis dafür, dass Russland dies absichtlich tut‘.

Umgekehrt hat die Ukraine ihre paramilitärischen, ultra-nationalistischen Kämpfer aus demselben Grund in Großstädten wie Mariupol oder Charkow stationiert: Ohne emotionale oder kulturelle Bindungen an die lokale Bevölkerung können diese Milizen selbst unter hohen Verlusten der Zivilbevölkerung kämpfen. Die Gräueltaten, die derzeit aufgedeckt werden, werden von den französischsprachigen Medien noch immer verschwiegen, aus Angst, die Unterstützung für die Ukraine zu verlieren, wie Medien, die den Republikanern in den USA nahestehen, feststellten.

Nach den ‚Enthauptungsschlägen‘ in den ersten Minuten der Offensive bestand die russische Operationsstrategie darin, die städtischen Zentren zu umgehen, um die ukrainische Armee, die von den Kräften der Donbass-Republiken ‚fixiert‘ wurde, zu umschließen. Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass die ‚Enthauptung‘ nicht darauf abzielt, den Generalstab oder die Regierung zu vernichten (wie unsere ‚Experten‘ tendenziell verstehen), sondern die Führungsstrukturen so abzuschneiden, dass ein koordiniertes Manövrieren der Kräfte verhindert wird. Stattdessen wird versucht, die Führungsorgane zu erhalten, um über einen Ausweg aus der Krise verhandeln zu können.

Nachdem Russland am 25. März 2022 den Kessel von Kramatorsk abgeriegelt, den Ukrainern jede Rückzugsmöglichkeit genommen und den größten Teil der Städte Charkow und Mariupol eingenommen hatte, hatte es seine Ziele praktisch erfüllt: Es musste sich nur noch darauf konzentrieren, die Widerstandsnester zu verringern. Entgegen den Behauptungen der westlichen Presse handelt es sich also nicht um eine Neuausrichtung oder Redimensionierung seiner Offensive, sondern um die methodische Umsetzung der am 24. Februar angekündigten Ziele.“

Die Rolle der Freiwilligen

„Ein besonders beunruhigender Aspekt dieses Konflikts ist die Haltung europäischer Regierungen, die es ihren Bürgern erlauben oder sie dazu ermutigen, sich zum Kampf in die Ukraine zu begeben. Volodymyr Zelenskys Aufruf, sich der von ihm gerade gegründeten Internationalen Legion für die territoriale Verteidigung der Ukraine anzuschließen, wurde von den europäischen Ländern begeistert begrüßt.

Ermutigt von den Medien, die eine zerschlagene russische Armee darstellen, brechen viele dieser jungen Leute auf und stellen sich vor, dass sie – im wahrsten Sinne des Wortes – auf eine Jagd gehen. Vor Ort angekommen ist die Ernüchterung jedoch groß. Die Zeugenaussagen zeigen, dass diese ‚Amateure‘ oft als ‚Kanonenfutter‘ enden, ohne einen wirklichen Einfluss auf den Ausgang des Konflikts zu haben. Die Erfahrung aus den jüngsten Konflikten zeigt, dass die Ankunft ausländischer Kämpfer nichts zu einem Konflikt beiträgt, außer dass sie dessen Dauer und Letalität erhöht.

Andererseits sollte die Ankunft von mehreren hundert islamistischen Kämpfern aus der Region Idlib, einer Region, die von der westlichen Koalition in Syrien kontrolliert und geschützt wird (und in der zwei Anführer des Islamischen Staates von den Amerikanern getötet wurden), unsere Besorgnis wecken. Denn die Waffen, die wir sehr freizügig an die Ukraine liefern, befinden sich zum Teil bereits in den Händen krimineller Personen und Organisationen und beginnen bereits, ein Sicherheitsproblem für die Behörden in Kiew selbst darzustellen. Ganz zu schweigen davon, dass die Waffen, deren Wirksamkeit gegen russische Flugzeuge angepriesen wird, langfristig auch unsere militärischen und zivilen Flugzeuge bedrohen könnten. …

Die wahllose Verteilung von Waffen könnte sehr wohl – volens nolens – dazu führen, dass die EU Extremismus oder sogar den internationalen Terrorismus unterstützt. Das Ergebnis: Wir fügen dem Unglück noch mehr Unglück hinzu, um die europäischen Eliten mehr zu befriedigen als die Ukraine selbst.“

Drei abschließende Punkte

Westliche Geheimdienste werden von politischen Entscheidungsträgern ignoriert

„Militärische Dokumente, die bei ukrainischen Generalstäben im Süden des Landes gefunden wurden, bestätigen, dass sich die Ukraine auf einen Angriff auf den Donbass vorbereitete und dass die von OSZE-Beobachtern bereits am 16. Februar beobachteten Schüsse einen bevorstehenden Ausbruch in den nächsten Tagen oder Wochen ankündigten.

Hier ist für den Westen eine Überlegung angebracht: Entweder haben ihre Geheimdienste nicht gesehen, was vor sich ging, und sie sind sehr schlecht, oder die politischen Entscheidungsträger haben sich entschieden, nicht auf sie zu hören. Wir wissen, dass die russischen Geheimdienste über analytische Fähigkeiten verfügen, die den westlichen Diensten weit überlegen sind. Wir wissen auch, dass die US-amerikanischen und deutschen Geheimdienste die Situation seit Ende 2021 sehr gut verstanden hatten und wussten, dass die Ukraine einen Angriff auf den Donbass vorbereitete.

Daraus können wir schließen, dass die politischen Führer der USA und Europas die Ukraine absichtlich in einen Konflikt hineingetrieben haben, von dem sie wussten, dass er verloren war, nur um Russland einen politischen Schlag zu versetzen.“

Eine gescheiterte Diplomatie

„Offensichtlich hat der Westen seit Ende 2021 keine Anstrengungen unternommen, um die Minsker Vereinbarungen zu reaktivieren, wie aus den Protokollen von Besuchen und Telefongesprächen, insbesondere zwischen Emmanuel Macron und Wladimir Putin, hervorgeht. Frankreich als Garant des Minsker Abkommens und als ständiges Mitglied des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen hat seine Verpflichtungen nicht eingehalten, was zu der Situation geführt hat, die die Ukraine heute erlebt. Man hat sogar das Gefühl, dass der Westen seit 2014 versucht hat, Öl ins Feuer zu gießen.

So wurde die Versetzung der Atomstreitkräfte in Alarmbereitschaft durch Wladimir Putin am 27. Februar von unseren Medien und Politikern als irrationaler oder erpresserischer Akt dargestellt. Was dabei übersehen wird, ist, dass sie auf die kaum verhüllte Drohung folgte, die Jean-Yves Le Drian drei Tage zuvor ausgesprochen hatte, als er andeutete, dass die NATO Atomwaffen einsetzen könnte. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Putin diese ‚Drohung‘ nicht ernst nahm, sondern die westlichen Länder – und insbesondere Frankreich – dazu bringen wollte, ihre übertriebene Sprache aufzugeben.“

Die Anfälligkeit der Europäer für Manipulationen steigt

„Heute ist die von unseren Medien propagierte Wahrnehmung, dass die russische Offensive ins Stocken geraten ist, dass Wladimir Putin verrückt, irrational und daher zu allem bereit ist, um aus der Sackgasse, in der er sich befinden würde, herauszukommen. In diesem völlig emotionalen Kontext ist die zumindest merkwürdige Frage, die der republikanische Senator Marco Rubio bei der Anhörung von Victoria Nuland vor dem Kongress stellte, zu verstehen: ‚Wenn es in der Ukraine einen Vorfall oder einen Angriff mit biologischen oder chemischen Waffen gibt, gibt es dann irgendeinen Zweifel, dass die Russen mit 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit dafür verantwortlich sind?‘ Natürlich antwortet sie, dass es keinen Zweifel gibt. Es gibt jedoch keinerlei Hinweise darauf, dass die Russen solche Waffen einsetzen. Außerdem haben die Russen ihre Bestände 2017 vollständig vernichtet, während die Amerikaner sie noch nicht vernichtet haben...

Vielleicht hat das nichts zu bedeuten. Aber in der aktuellen Stimmung sind alle Voraussetzungen für einen Vorfall gegeben, der den Westen dazu bringen könnte, sich in irgendeiner Form stärker im Ukraine-Konflikt zu engagieren (‚False-Flag‘-Vorfall).“


Aktuelles Interview mit Jacques Baud in der Schweizer Zeitung Zeitgeschehen im Fokus

Die Schweizer Zeitung Zeitgeschehen im Fokus führte am 6. April ein aktuelles Interview mit Jacques Baud. ( 6 ) Zeitgeschehen im Fokus. Forschen – Nachdenken – Schlüsse ziehen. Schweizer Zeitung für mehr soziale Verbundenheit, Frieden und direkte Demokratie schreibt in der Rubrik „Über uns“ :

Wer wir sind und was wir wollen

Die Schweizer Medienlandschaft schrumpft seit Jahrzehnten. Gab es in der Mitte des 20. Jahrhunderts noch unzählige unabhängige Tageszeitungen, exi­stieren heute noch fünf grosse Medienhäuser, die die Inhalte unserer Zeitungen bestimmen, und nur selten sind deutlich unterschiedliche Positionen feststellbar. Eine unabhängige und umfassende Meinungsbildung – für die direkte Demokratie unerlässlich – ist so nicht mehr gegeben. Man serviert uns einen medialen Einheitsbrei, auch wenn die Pressefreiheit zu unseren unbestreitbaren Grundrechten gehört. Es fehlt die ­nötige Meinungsvielfalt.

Wir, Historiker, Pädagogen, Finanz- und Wirtschaftsexperten, Ärzte und Vertreter anderer Berufe, haben uns daher entschlossen, mit ‚Zeitgeschehen im Fokus‘ einen bescheidenen Beitrag zur Meinungsdiversität zu leisten. Wir wollen keinen Sensationsjournalismus, sondern sorgfältige und seriöse Recherchen. Dabei fühlen wir uns der Wahrheit und unserem Gewissen verpflichtet.

In einer Welt, die seit über 10 Jahren eine extreme Aufrüstung erlebt, in welcher Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung immer stärker propagiert wird und in der Verhandlungen häufig nur pro forma geführt werden, gilt unser ganzes Bestreben, ein friedliches Zusammenleben zu fördern. Dabei sind uns die Rechtsstaatlichkeit und die direkte Demokratie der Schweiz, die Gleichwertigkeit der Menschen und die Unbedingtheit einer friedlichen Konfliktlösung, wie sie in der Charta der Vereinten Nationen und in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte definiert werden, unverrückbare Grundlagen unserer journalistischen Arbeit.“

„Die europäischen Länder – und allen voran die Schweiz – sollten versuchen, die Wogen zu glätten, anstatt Öl ins Feuer zu giessen“

Jacques Baud betonte in diesem Interview:

„… ich glaube, es ist wichtig zu sagen, dass es nicht darum gehen kann, die eine Seite zu belohnen und die andere zu bestrafen. Es geht darum, Informationen – wie zum Beispiel von den OSZE-Berichten ( 7 ) –, die von den öffentlichen Medien vernachlässigt werden, in unsere Beurteilung der Lage zu integrieren. Man kann einen Konflikt nicht nur von einer Seite aus betrachten. Man muss immer beide Seiten anschauen. Wir sind im aktuellen Konflikt so gerichtet, dass wir ihn nur aus der Sicht der Ukraine wahrnehmen. Das ganze Zahlenmaterial in unseren Medien kommt nur von der ukrainischen Regierung. Die Berichterstattung betrifft nur die Seite der Ukrainer. Wir haben die Bilder und Emotionen nur von dieser Seite. Aber es gibt eine andere Seite, und es gibt auch eine Logik auf der anderen Seite. Da der Westen den Krieg nur aus einer Seite beurteilt, hat er die Ukraine nur schlecht beraten können. Paradoxerweise ist das vermutlich der Hauptgrund der ukrainischen Katastrophe. Selenskij hat bei CNN selbst gesagt, dass er von den westlichen Staaten betrogen wurde. Im Grunde genommen ist das Hauptziel des Westens, Putin zu bekämpfen und nicht der Ukraine zu helfen. Das sind zwei verschiedene Sachen. …

Seit einigen Wochen sind viele Dokumente erschienen, die die Grausamkeiten der freiwilligen ukrainischen Milizen zeigen. Gleichzeitig will die Schweizer Bundesanwaltschaft eine Task-Force einsetzen, um russische Kriegsverbrechen zu verfolgen. Warum soll eine geplante Task-Force nicht alle Kriegsverbrechen untersuchen, sondern nur die russischen? Das ist fast eine Einladung für die ukrainischen Milizen zu mehr Grausamkeiten. Auf einer eher strategischen Ebene fürchte ich, dass derzeit jeder Vorfall direkt Russland angelastet wird. Die Bedingungen für einen Vorfall unter falscher Flagge sind heute gegeben ( 8 ).“

„Der Grossteil der ukrainischen Streitkräfte ist im Kessel von Kramatorsk umkreist“

Ist denn die russische Armee nicht auch in Mariupol?

Nicht wirklich. Die Einnahme von Mariupol erfolgte durch Truppen aus den Republiken Donezk und Lugansk sowie einer Abteilung der tschetschenischen Nationalgarde. Die russischen Truppen werden nicht direkt in den Städten eingesetzt, sondern dienen vielmehr der mobilen Kampfführung und der Einkesselung der ukrainischen Streitkräfte. …

Wer führt die Freiwilligenmilizen?

Die Freiwilligeneinheiten sind in die ukrainische Nationalgarde integriert und sind nicht für den Kampf im offenen Gelände ausgerüstet. Sie verfügen weder über schwere Panzer noch über Artillerie. Es handelt sich dabei lediglich um Infanterie, die mit leicht gepanzerten Fahrzeugen ausgerüstet und eher für den Ortskampf geeignet ist. Deshalb kämpft sie nur innerhalb der Städte. Im Grunde genommen ist es auf beiden Seiten ähnlich. Die Armeen führen den beweglichen Kampf, die Freiwilligenmilizen führen den Ortskampf. …

Was bedeutet das für das Gesamtbild?

… Die russische Koalition, bestehend aus den beiden Republiken zusammen mit Russland, kämpft und kontrolliert fast den ganzen russischsprachigen Teil der Ukraine. Wenn man einen Sprachatlas nimmt, dann ist die Ukraine entlang der Sprachgrenzen von Russland kontrolliert. …

Der Grossteil der ukrainischen Armee befindet sich im Kramatorsk-Kessel, der sich von Slowiansk bis Donezk erstreckt. Wir sind weit entfernt von den Informationen, die wir im Fernsehen sehen. …

… haben die Russen praktisch alle ihre Ziele erreicht. Daher haben sie erklärt, dass sie den Druck auf Kiew nicht erhöhen und sich auf den Südosten des Landes konzentrieren werden.

Eine aktuelle Pressemeldung von AFP vom 16. April scheint dies zu bestätigen:

Flixbus fährt ab Montag wieder nach Kiew . Die deutsche Fernbusplattform Flixbus bietet wieder Reisen in die ukrainische Hauptstadt Kiew an. ‚Die Sicherheit unserer Fahrgäste und Fahrer hat für uns oberste Priorität‘, erklärte der Regionalleiter Michael Lehmann am Freitag der Nachrichtenagentur AFP. Die Verbindungen von Warschau nach Kiew und von Prag nach Kiew werden demnach am Montag wieder aufgenommen. Eine neue Strecke von Budapest nach Kiew soll am 28. April in Betrieb gehen. Das Unternehmen erklärte zudem, ‚sein Netzwerk weiter auszubauen, sobald sich die Lage stabilisiert‘. Flixbus hatte die Verbindungen nach Kiew zu Beginn der russischen Invasion in der Ukraine unterbrochen. Die Verbindung nach Lwiw im Westen des Landes war jedoch weiter in Betrieb. Nach Angaben des Unternehmens nimmt die Zahl der Menschen, die in die Ukraine einreisen, inzwischen wieder zu. Die Zahl der Ausreisenden sei aber weiterhin doppelt so hoch.“

„Die Vision Russlands wäre, dass die Länder Estland, Lettland, Litauen, Polen, Belarus und die Ukraine neutrale Länder seien“

Mit einer neutralen Ukraine werde Putin die Stationierung von NATO-Truppen auf ukrainischen Gebiet verhindern wollen. Die verfügbaren Informationen lassen darauf schließen, dass die eroberten Gebiete zu einer Verhandlungsmasse werden:

Das widerspricht der in unseren Medien dargestellten Version. Das Narrativ des Westens, dass Putin eine imperiale Politik betreibe, die alte Sowjetunion wiederherstellen oder ein neues Zarenreich aufbauen wolle, ist objektiv nicht erkennbar. Sehen Sie das auch so?

Ja, diese westliche Interpretation entspricht keineswegs der russischen Sichtweise. Die Vision Russlands wäre, dass die Länder Estland, Lettland, Litauen, Polen, Belarus und die Ukraine neutrale Länder seien. Das bedeutet, frei von jeglichem Einfluss und militärischer Präsenz, weder von der Nato noch von Russland. Ich weiss nicht, ob Russland dies als realistisches Ziel ansieht, aber es ist seine Sicht. Russland hat weder die Absicht, diese Länder zu besetzen, noch hat es etwas dagegen, dass sie über Streitkräfte verfügen. …

Ich möchte noch auf einen älteren Konflikt zu sprechen kommen, der häufig im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt genannt wird und ebenfalls als imperiales Gebaren Russlands gedeutet wurde: die Auseinandersetzung um Abchasien und Südossetien. Lässt sich das mit der Ukraine vergleichen?

Die Konflikte in Abchasien und Südossetien weisen Ähnlichkeiten mit dem Konflikt in der Ukraine auf. Das Problem ist, dass es in allen ehemaligen Republiken der UdSSR russische Minderheiten gibt, die nun mit dem Nationalismus der neuen Staaten konfrontiert sind. Diese Staaten sind zu Recht stolz auf ihre Unabhängigkeit, haben aber oft Schwierigkeiten, die Russen zu integrieren, obwohl sie seit Generationen in diesen Ländern ansässig sind. Diese russischen Minderheiten sehen sich oft mit einer Form von Revanchismus konfrontiert.

Wie äussert sich dieser?

Mit der Unabhängigkeit der neuen Staaten der ehemaligen UdSSR wurden die Russen dort zu einer Minderheit. Anders als in anderen neuen Ländern wie z. B. dem Südsudan haben diese Minderheiten jedoch nicht immer die gleichen Rechte wie die ‚herrschende Ethnie‘. So haben in Lettland und Estland die Bedingungen, die für den Erwerb der Staatsbürgerschaft auferlegt wurden, dazu geführt, dass viele Russischsprachige zu ‚Nicht-Staatsbürgern‘ geworden sind. So verloren diese Menschen, die oft schon seit mehreren Generationen in diesen Ländern lebten, plötzlich ihre sowjetische Staatsbürgerschaft und hatten kein Anrecht auf die Staatsbürgerschaft der neuen Länder. So haben diese ‚Nicht-Bürger‘ natürlich nicht die gleichen Rechte wie die Bürger, und es war die EU, die ihnen einen Pass geben musste.

War das auch in Georgien das Problem?

Ja, in Südossetien und Abchasien hat sich diese Situation zu einem Ultra-Nationalismus auf beiden Seiten entwickelt und verhindert heute eine politische Lösung. Es ist eine explosive Situation.

Das ist nochmals eine ganz andere Dimension, von der natürlich in unseren Medien niemand spricht. Nicht einmal dann, wenn es offensichtlich ist.

Wie bei der Situation in der Ukraine im Jahr 2014 werden diese Tatsachen von unseren Medien nicht berichtet. Dabei haben diese Situationen in Russland eine sehr starke Solidarität für die russischen Minderheiten hervorgerufen. Daraus resultiert ein starker Druck der Bevölkerung auf die russische Regierung, in diesen Ländern zu intervenieren und den Minderheiten zu Hilfe zu kommen. Deshalb haben diese Länder Angst vor einer russischen Intervention. All dies könnte leicht behoben werden, wenn diese Länder eine echte demokratische Kultur hätten und die Minderheiten vollständig in ihre Nation integrieren würden. …

Noch einmal zurück zu Georgien. Wollte Georgien nicht ebenfalls in die Nato und provozierte deshalb den Krieg gegen Russland in der Hoffnung, die Nato greife dann ein?

Das Ganze spielte sich im Jahre 2008 ab. Georgien war nominiert für den Nato-Beitritt. Die USA stachelten Georgien an, etwas zu tun, damit man sie mit dem Nato-Beitritt belohnen könne. Ich habe nicht den Eindruck, dass die USA ernsthaft einen Beitritt der Ukraine oder Georgiens in die Nato in Erwägung ziehen. Sie haben diese Länder einfach instrumentalisiert. Und das ist das Perverse. Selbst Selenskij hat gesagt, er fühle sich von den USA betrogen, da die USA ihm gesagt hätten – und das war aber nur für die Öffentlichkeit bestimmt – ein Nato-Beitritt für die Ukraine sei möglich. …

Also alles nur ein zynisches Spiel?

Ja, man hat das tatsächlich benutzt, um Russland zu provozieren. Man spielte sozusagen damit. Das ist wirklich zynisch. In Georgien hat man es genauso gemacht. Man weiss in der Nato, dass es viel zu kompliziert ist und zu Problemen führen würde, wenn diese Länder in der Nato wären. Man hat es aber bewusst so geführt, dass die Russen meinen bzw. glauben, dass ein Nato-Beitritt auf dem Tisch liege. Vor etwa zwei Wochen sagte der Generalsekretär der Nato, Jens Stoltenberg, die Ukraine als Mitglied der Nato sei nie ein Thema gewesen. Man hat also tatsächlich gespielt, um die Lage zu verschärfen, um einen Zwischenfall zu provozieren und opfert dabei die ukrainische Bevölkerung.“

„Die USA trieb hier ein ganz perverses Spiel, um einen Krieg zu schaffen“

Ist Russland tatsächlich in so eine plumpe Falle getappt?

Ja, es war eine Falle, aber weil die Amerikaner die Situation falsch eingeschätzt haben, hat Wladimir Putin sie meiner Meinung nach zu seinem Vorteil genutzt. Russland ist ein Risiko eingegangen und muss sein Ziel erreichen, das mit dem gezahlten Preis zusammenhängt: Je höher der Preis, den der Westen ihm abverlangt, desto höher sind seine Forderungen. Allerdings war auch Wladimir Putin klar, dass die Situation ohnehin auf eine Eskalation hinauslief. Mit seiner Offensive hat er den Zeitpunkt und die Bedingungen für diese Eskalation selbst bestimmt. …

Wenn man die Hintergründe und Zusammenhänge alle zusammenzieht, bekommt man den Eindruck, alles laufe nach einem Drehbuch ab. Das Ziel des Westens hatten Sie bereits im letzten Interview erwähnt. Sehen Sie das immer noch so?

Es gibt zwei Ebenen der Antwort. Die erste ist eine klar artikulierte Strategie, die bereits 2018 und 2019 von der RAND Corporation, einem Thinktank des US-Verteidigungsministeriums, dargelegt wurde ( 9 ). Sie beschreibt genau, wie man Russland auf der internationalen Bühne isolieren kann. Das Szenario, das wir heute sehen, ist dort fast wortwörtlich niedergeschrieben. Die zweite Ebene ist operativer und wird in die erste Ebene integriert. Ich denke immer noch, das Hauptziel war tatsächlich, North Stream II zu stoppen und zu verhindern. Ab diesem Zeitpunkt kam ‚der Appetit beim Essen‘. Die Europäer gingen noch einen Schritt weiter und opferten ihre nationalen Interessen. Dies gilt für Deutschland mit Nord Stream II, aber auch für die Schweiz, die ihre Neutralitätspolitik buchstäblich ‚verkauft‘ hat. Es gibt eine regelrechte Orgie an Sanktionen. Man hat den Eindruck, es ist nie genug. Es ist so absurd, jetzt wollen sie auch noch China sanktionieren. Es ist eine unglaubliche Dynamik entstanden.

Was hat das für Folgen?

Diese Dynamik führt zu Absurditäten und trägt dazu bei, alle Türen für einen Dialog zu schliessen. …

„In Wirklichkeit versucht man, Putin zu bekämpfen …“

Wenn man all die Informationen, die Sie wieder zusammengetragen haben, nebeneinanderlegt und dann hört, wie das Ausland die Ukrainer ermutigt, Widerstand zu leisten, weil sie nicht wissen, was gespielt wird, dann ist das wirklich zynisch, und mit den gelieferten Waffen wird noch viel Geld verdient.

Das kommt noch dazu. Es ist klar, dass es wie in jedem Konflikt einigen gelingen wird, mit dem Blut anderer Menschen Geld zu verdienen. Aber auch hier gilt es, die Sache aus der Distanz zu betrachten. Die Waffen, die der Westen an die Ukraine geliefert hat, stammen aus alten Beständen. Sogar einige der von Grossbritannien gelieferten Waffen hatten ihr Haltbarkeitsdatum überschritten. Die von den USA gelieferten Luftabwehrraketen sind veraltete Modelle, für die die Russen sicherlich Gegenmassnahmen haben. Die Javelin-Raketen, über die in der Presse ausführlich berichtet wurde, wurden von den Russen in grossen Mengen gefunden, aber nicht eingesetzt: Sie sind unpraktisch, schwer im Feld einzusetzen und scheinen wenig effektiv zu sein. Ein weiteres Indiz dafür ist, dass die US-Armee ihre Bestellung für zukünftige Javelin-Raketen sogar reduziert zu haben scheint.“

„… und nicht, der Ukraine zu helfen“

Das nützt der Ukraine also nichts? Der Westen treibt die Menschen an, gegen die Russen zu kämpfen mit Waffen, die sie gar nicht gebrauchen können?

Ja, dazu kommt noch, dass die Ukrainer diese Systeme auch nicht richtig bedienen können, weil sie dafür nicht ausgebildet sind. …

… Man stellt fest, dass keines der Länder, die Selenskij um Mediation gebeten hat, in der Europäischen Union ist: China, die Türkei und Israel...“

„Putin könnte die Ukraine zerstören, aber er hält sich zurück“

„… Einem US-Geheimdienstexperten zufolge entspricht die Behauptung, die Russen würden versuchen, durch wahllose Bombenangriffe alles in der Ukraine zu zerstören, nicht den Tatsachen. Die Russen seien ganz gezielt vorgegangen und hätten die Anzahl toter Zivilisten stark minimiert. ( 10 ) Dafür müssen die Soldaten im Feld kämpfen, mehr als die amerikanischen. Das erklärt die höheren Verluste.

Das steht diametral entgegen der Berichterstattung unserer Medien.

Das Verhalten der Russen ist auch verständlich. Sie kämpfen inmitten einer russischsprachigen Bevölkerung, die ihnen nicht feindlich gesinnt ist, auch wenn sie vielleicht gegen die militärische Intervention ist. Die russische Armee versucht daher, die Verluste unter der Zivilbevölkerung so gering wie möglich zu halten. Anders verhält es sich mit den paramilitärischen Milizen in Mariupol. Sie haben keinerlei Verbindung zu der Bevölkerung, die sie eigentlich verteidigen sollten. …

War es nicht so, dass sehr viele ukrainische Soldaten beim Krieg der USA 2003 gegen den Irak im Einsatz waren?

Die osteuropäischen Länder waren die ersten, die sich der US-Koalition im Irak anschlossen. Dies hatte Donald Rumsfeld als ‚neues Europa‘ bezeichnet, im Gegensatz zum ‚alten Europa‘, zu dem auch Frankreich und Deutschland gehörten, die sich gegen den Irakkrieg ausgesprochen hatten. Die ehemaligen Ostblockländer schickten ihre Soldaten und bekamen dafür finanzielle Unterstützung von den USA für ihr Militär, sogar Flugzeuge erwarben sie. Das war der Grund, warum diese Länder in der Koalition der Willigen mitmachten, denn anfänglich wollte sich niemand an dem Krieg beteiligen. So konnten die Oststaaten ihre Armeen verbessern, ohne das Militärbudget zu erhöhen.“

Peter Feininger, 1 7 . April 2022

wird fortgesetzt

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Alle Artikel zum aktuellen Ukrainekonflikt unter https://www.forumaugsburg.de/s_3themen/Osteuropa/index.htm

 

1 Baud, Jaques. „Die militärische Lage in der Ukraine, Übersetzung de; Originalartikel: La situation militaire en Ukraine. Nr. 27, Bulletins de Documentation Cf2R Centre Francais de Recherche sur le Renseignement https://cf2r.org/documentation/la-situation-militaire-en-ukraine/“. Krass & Konkret, 10. April 2022. https://krass-und-konkret.de/politik-wirtschaft/die-militaerische-lage-in-der-ukraine/ .

2 Ebenda

3 Anti-Terrorist Operation Zone oder ATO-Zone ist ein Begriff, der von den Medien, der Öffentlichkeit und der Regierung der Ukraine sowie der OSZE und anderen ausländischen Institutionen verwendet wird, um das ukrainische Gebiet der Regionen (Oblaste) Donezk und Luhansk[4] zu bezeichnen https://en.wikipedia.org/wiki/Anti-Terrorist_Operation_Zone_(Ukraine )

4 Was Jacques Baud hier mit der Münchner Charta meint, ist nicht ganz klar. Grundsätzlich gilt der Pressekodex mit den ethischen Standards für den Journalismus, den der Deutsche Presserat 1973 vorgelegt hat. Siehe https://www.presserat.de/pressekodex.html https://de.wikipedia.org/wiki/Pressekodex . Vom deutschen Journalisten-Verband gibt es von seiner Tagung 2002 in Chemnitz eine Charta – Qualität im Journalismus http://www.initiative-qualitaet.de/fileadmin/IQ/Qualitaet/Sicherung/charta.pdf . Ferner gibt es von der Bundeskonferenz der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in Halle im März 2003 eine Charta zur Sicherung von Qualität im Journalismus https://docplayer.org/83593961-Charta-zur-sicherung-von-qualitaet-im-journalismus.html

Mit Münchner Bezug gibt es eine Charta der Journalistenschulen, die sich im Mai 2016 erstmals in der Mediengeschichte der Bundesrepublik in einer Qualität-Charta auf gemeinsame unverbindliche Ausbildungstandards geeinigt haben. Das ging wohl von der Deutschen Journalistenschule in München aus https://journalistenschule-ifp.de/charta beziehungsweise vom Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses e.V. (ifp) München https://journalistenschule-ifp.de/sites/default/files/pdf/presseerklaerung_mit_logo.pdf

5 Baud, Jacques. „Lage in der Ukraine am 25. März 2022 de; Originalartikel Le point sur la situation militaire en Ukraine au 25 mars 2022 Nr. 28, Bulletins de Documentation Cf2R Centre Francais de Recherche sur le Renseignement https://cf2r.org/documentation/le-point-sur-la-situation-militaire-en-ukraine-au-25-mars-2022/ “ . Schweizer Standpunkt - Point de vue Suisse - Swiss Standpoint, 4. April 2022. https://www.schweizer-standpunkt.ch/news-detailansicht-de-international/lage-in-der-ukraine-am-25-maerz-2022.html .

6 Baud, Jacques. „“Die europäischen Länder – und allen voran die Schweiz – sollten versuchen, die Wogen zu glätten, anstatt Öl ins Feuer zu giessen„. Interview Thomas Kaiser 6.4.2020, Nr. 6“. Zeitgeschehen im Fokus, April 2020. https://zeitgeschehen-im-fokus.ch/de/newspaper-ausgabe/nr-6-vom-5-april-2022.html#article_1332 .

7 Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE; englisch Organisation for Security and Co-operation in Europe, OSCE) ist eine verstetigte Staatenkonferenz zur Friedenssicherung. Am 1. Januar 1995 ging sie aus der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) hervor, welche am 1. August 1975 mit der Schlussakte von Helsinki gegründet worden war. Die OSZE besteht aus folgenden 57 Teilnehmerstaaten:

allen Staaten Europas (und Republik Zypern),

der Mongolei,

den Nachfolgestaaten der Sowjetunion

sowie den Vereinigten Staaten und Kanada.

https://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_f%C3%BCr_Sicherheit_und_Zusammenarbeit_in_Europa

8 Eine Operation unter falscher Flagge ist eine Handlung, die mit der Absicht begangen wird, die eigentliche Quelle der Verantwortung zu verschleiern und einer anderen Partei die Schuld zu geben. … Der heutige Begriff erstreckt sich auf Länder, die Angriffe auf sich selbst organisieren und die Angriffe von feindlichen Nationen oder Terroristen erscheinen lassen, wodurch die angeblich angegriffene Nation einen Vorwand für inländische Repressionen und ausländische militärische Aggressionen erhält. https://de.wikibrief.org/wiki/False_flag

9 Siehe hierzu: Dobbins, James, Raphael S. Cohen, Nathan Chandler, Bryan Frederick, Edward Geist, Paul DeLuca, Forrest E. Morgan, Howard J. Shatz, und Brent Williams. Extending Russia: Competing from Advantageous Ground . RAND Corporation, 2019. https://www.rand.org/pubs/research_reports/RR3063.html .

Dobbins, James, Raphael S. Cohen, Nathan Chandler, Bryan Frederick, Edward Geist, Paul DeLuca, Forrest E. Morgan, Howard J. Shatz, und Brent Williams. „Overextending and Unbalancing Russia: Assessing the Impact of Cost-Imposing Options“. RAND Corporation, 24. April 2019. https://www.rand.org/pubs/research_briefs/RB10014.html .

RAND Corporation. „Russia's War in Ukraine: Insights from RAND, Übersicht Über Alle Texte Dazu Seit 2016“. Zugegriffen 17. April 2022. https://www.rand.org/latest/russia-ukraine.html .

10 www.nzz.ch/schweiz/bundesrat-cassis-zu-besuch-beim-ukrainischen-praesidenten-selenski-ld.1652739


   
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