Wichtige Stationen seit der Gründung des Regionalverbands Deutscher Sinti & Roma Augsburg/Schwaben e. V. im Jahr 2016, Teil 1

Ein legendäres Ereignis

Eröffnungsveranstaltung im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses am 17. Februar 2017

17.11.2021

Anmerkungen
Anhang 1: Rede von Kurt Gribl, Oberbürgermeister der Stadt Augsburg
Der Oberbürgermeister spricht sich aus für „die Aufarbeitung des erlittenen Unrechts, das hier in Augsburg stattgefunden hat“ und „die Verbesserung der Teilhabe der Sinti und Roma in der heutigen Stadtgesellschaft“
Anhang 2: Rede von Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma
„Der vom NS-Staat organisierte Völkermord, die systematische Vernichtung unserer Menschen vom Säugling bis zum Greis, war in der bundesdeutschen Gesellschaft nach 1945 geleugnet und aus dem offiziellen Gedenken ausgegrenzt worden.“
Anhang 3: Rede von Marcella Reinhardt, Vorsitzende des Regionalverbands Deutscher Sinti & Roma Augsburg / Michael ScheufeleSchwaben
„… so steht im Zentrum unserer Arbeit noch immer die Beratung, Begleitung und Unterstützung der Augsburger Sinti und Roma. Dabei erfahren wir Ausgrenzung und Diskriminierung nicht nur auf einer strukturellen Ebene, sondern auch von behördlicher und amtlicher Seite.“
Anhang 4: Generationengespräch
Podiumsgespräch mit Frederika Brand, Überlebende des Holocaust, Romani Rose und Marcella Reinhardt sowie Uta Horstmann, Dipl.-Sozialpädagogin und einzige Nicht-Sinti-Teilnehmerin am Hungerstreik in Dachau, moderiert von Dorothea Schroeder, Regisseurin

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Am 2. August 2021 lud die Fachstelle für Erinnerungskultur im Referat der Oberbürgermeisterin der Stadt Augsburg erstmals anlässlich des europäischen Gedenktags zum Genozid an den Sinti und Roma zu einer Veranstaltung auf dem Nordfriedhof ein. Zusammen mit dem Regionalverband Deutscher Sinti & Roma Schwaben e. V. wurde auf der Veranstaltung des Porajmos gedacht, des Völkermords an den Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten.

Das Gedenken des Porajmos auf dem Nordfriedhof war eine wichtige Station seit der Neugründung des Regionalverbands der Sinti & Roma im Jahr 2016. Der Auftakt war die Aufnahme ins Kulturprogramm zum Friedensfest der Stadt 2016 mit der Spurensuche nach Sinti und Roma im Fischerholz, einem theatralischen Spaziergang „Schluchten – Neue Nachbarn“ ( 1 ).

Es folgte die große Eröffnungsveranstaltung im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses am 17. Februar 2017. Zu der beeindruckenden V eranstaltung kam Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Marcella Reinhardt, Vorsitzende des Regionalverbands Schwaben und Oberbürgermeister Kurt Gribl. Damit dieses legendäre Ereignis in der Stadtgeschichte nicht völlig untergeht – wie von reaktionären Kräften beabsichtigt –, wollen wir in diesem Artikel noch einmal darauf zurückkommen.

Weitere wichtige Stationen des Regionalverbands der Sinti & Roma Schwaben waren Veranstaltungen in der Halle 116 im Sheridan Park, einem ehemaligen Konzentrationslager, im Juli 2017: „Sinti brechen das Schweigen. Sinti gestern, heute und morgen“. Es gab eine begleitende Ausstellung mit dem Thema „Überlebende Sinti im Fischerholz“. ( 2 )

Der nächste Höhepunkt war die Gedenktafel „an alle deutschen Augsburger Sinti und Roma, die Opfer des Nationalsozialismus geworden sind“. Die Tafel ließ die Stadt Augsburg auf Initiative des Regionalverbands anfertigen. Sie wurde am 25. April 2018 an der Leichenhalle des Nordfriedhofs feierlich angebracht. Diese Gedenkfeier wollen wir in einem weiteren Artikel noch einmal dokumentieren. In einem dritten Artikel wollen wir über die aktuelle Gedenkfeier anlässlich des Porajmos im August 2021 berichten.

Anmerkungen

Die Eröffnungsveranstaltung des Regionalverbands Deutscher Sinti & Roma Augsburg am 17. Februar 2017 im Goldenen Saal des Rathauses war sicher einer der wichtigsten und schönsten Veranstaltungen, die im Augsburger Rathaus in den letzten Jahrzehnten stattfanden – politisch brisant, kulturell faszinierend und historisch bedeutsam. Sie ließ das Herz einer jeden Antifaschist_in und Antirassist_in höher schlagen.

Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, und Marcella Reinhardt, Vorsitzende des Regionalverbands Deutscher Sinti & Roma Augsburg/Schwaben, wiesen auf ihre Erfolge im Kampf um Anerkennung als verfolgte Minderheit und gegen ihre weitere Diskriminierung hin. Sie warnten aber beide auch nachdrücklich vor der Gefahr einer neuen Rechtsentwicklung, die alles, was sie in den letzten Jahrzehnten erkämpft hatten, zunichtemachen könnte.

Der Durchmarsch der AfD – die namentlich nicht erwähnt wurde – bei den Landtagswahlen ging schon seit 2016 und ihr Einzug in den Bundestag bei den Wahlen im Oktober 2017 stand drohend bevor. Mit 94 Abgeordneten wurde die AfD dann tatsächlich drittstärkste Kraft im Bundestag, was für Minderheiten wie die Sinti und Roma einen schweren Schock bedeutete.

Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, spricht im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses bei der Eröffnungsveranstaltung des Regionalverbands Deutscher Sinti und Roma Augsburg/Schwaben am 17. Februar 2017

Von links: Kurt Gribl, Oberbürgermeister der Stadt Augsburg, rechts halb verdeckt hinter Gribl Helmut Hartmann, Gründer des Forums interkulturelles Leben und Lernen (FILL) und Stifter des Augsburger Wissenschaftspreises für interkulturelle Studien, Marcella Reinhardt, Vorsitzende des neu gegründeten Regionalverbands Deutscher Sinti und Roma Augsburg/Schwaben, Rainer Erben, städtischer Referent für Umwelt, Nachhaltigkeit und Migration und rechts im Bild Alfred Friedrich, Rechtssprechers der Sinti und Roma aus Würzburg

Romani Rose

Als die Tagesschau unmittelbar nach der Bundestagswahl 2017 die Ansichten über die Parteien veröffentlichte und bei der AfD als wichtigsten Punkt hervorhob „Hat besser als andere verstanden, dass sich viele Menschen nicht mehr sicher fühlen“, – so galt das nicht für alle Menschen in Deutschland, im Gegenteil! Und diese Aussage haben bei der Umfrage von Infratest dimap immerhin die Hälfte aller Befragten bejaht. ( 3 )

In Bayern hatte die AfD mit 12,4 Prozent ihr bestes Ergebnis von allen westlichen Bundesländern. In Ostdeutschland (mit Berlin-Ost) erzielte die AfD 21,9 Prozent. Oberbürgermeister Kurt Gribl dürfte schon geahnt haben, dass dies auch zu einem Fiasko für die CSU werden würde – und zwar nicht nur bei den Bundestagswahlen ( 4 ), sondern auch bei den Landtagswahlen im Jahr 2018 ( 5 ).

Vor diesem Hintergrund sind auch die Äußerungen des Oberbürgermeisters Kurt Gribl in seiner Ansprache zu sehen ( siehe Anhang 1 am Ende dieses Artikels):

„Sie haben damals, lieber Herr Rose, folgendes gesagt: ‚Das Denkmal ist sichtbares Symbol für die Anerkennung des Leids, dass unsere Minderheit erdulden musste. Aber auch ein Zeichen der Verantwortung für Gegenwart und Zukunft seitens der Bundesregierung für unsere Minderheit, aber auch für unsere Demokratie und unser Wertesystem in ganz Europa einzustehen.‘

Auch wenn wir im Augenblick bestrittene oder Streit auslösende Äußerungen aus der Richtung einer ganz bestimmten politischen Gruppierung hören, die die Funktion, den Bedeutungsgehalt und die Geschichte im Hintergrund dieses Denkmals nicht nur infrage stellen, sondern ins Gegenteil verkehren, ist dieser Aufruf, diese Mahnung, die sie ausgesprochen haben, heute noch wichtiger als zu dem Zeitpunkt, an dem Sie sie 2012 ausgesprochen haben. Wir haben dafür einzustehen, dass diese Aussage … auch inhaltlich nicht verändert, manipuliert oder gar ins Gegenteil verkehrt wird.“

„Wir haben dafür einzustehen …“, betonte der Oberbürgermeister in seiner Rede. Dabei war der „Neujahrsempfang“ der AfD im Rathaus am nächsten Tag, dem 18. Februar 2017, schon längst geplant, von der Verwaltung akzeptiert und gegen Proteste von Antifaschisten mit einem großen Polizeiaufgebot abgesichert.

Davon ausgehend, sind auch ähnliche Bekenntnisse des Oberbürgermeisters in seiner Rede eher als Lippenbekenntnisse zu bewerten. Zum Beispiel: „Was heißt es für die Stadt Augsburg, Friedensstadt zu sein und dadurch auch für Gruppierungen wie die Sinti und Roma? Friedensstadt zu sein, heißt konsequent gegen Diskriminierung und Ausgrenzung vorzugehen und sich zu positionieren.“ – Hat sich der Oberbürgermeister gegen den „Neujahrsempfang“ der AfD etwa positioniert, so wie es im Jahr davor noch geschah? Nichts dergleichen hörte man.

Oder was soll man von dieser Aussage des Oberbürgermeisters halten?: „Es gilt, Minderheiten zu schützen, da sie in der Geschichte immer Angriffspunkte und Sündenböcke waren und auch heute von Populisten versucht wird, dass Minderheiten ausgemacht werden und die Schuld für irgendetwas aufzutragen oder zuzuordnen, was in einer Gesellschaft nicht ganz gut läuft. Es ist unsere Aufgabe, dass wir hier in Augsburg miteinander nein sagen.“ – Hat man ein „Nein“ des Oberbürgermeisters gegen den „Neujahrsempfang“ der AfD gehört?

Man hört aber aus der Formulierung des Oberbürgermeisters ganz deutlich eine Verharmlosung des Aufkommens einer rechtsextremen Partei, die dabei ist alle Landtage und den Bundestag zu erobern –, wenn er das als etwas bezeichnet „was in einer Gesellschaft nicht ganz gut läuft“.

Es sollte noch schlimmer kommen. Ein Jahr darauf konnte die AfD ihren Bundesparteitag in Augsburg, in den städtischen Messehallen abhalten. Auch hier drückte sich der Oberbürgermeister skandalös um ein „Nein“ und begann stattdessen bei der Gegenkundgebung auf dem Rathausplatz, die Teilnehmer zu beschimpfen ( 6 ).

Beim „Neujahrsempfang“ der AfD im Rathaus, der wie gesagt am Tag nach der Eröffnungsveranstaltung der Sinti und Roma stattfand, tauchte auch Bundesvorstandsmitglied Alice Weidel auf. Da die Polizei die Veranstaltung abschirmte und wir keinen Zugang hatten, ist man auf einen Bericht der Augsburger Allgemeinen angewiesen ( 7 ):

Massiver Polizeieinsatz zur Absicherung eines ungestörten Neujahrsempfangs der AfD im Rathaus, 18. Februar 2017

„Gastrednerin war Alice Weidel, Mitglied des Bundesvorstands der AfD. Die kommende Bundestagswahl sei aus Sicht der AfD ‚historisch‘, weil ein Einzug ins Parlament erstmals realistisch sei. In Augsburg hatte die AfD 2013 mit 5,4 Prozent ein bundesweit überdurchschnittliches Ergebnis erzielt.

Weidel griff die Euro-Rettungs-Politik an. Aber auch die zeitweise unkontrollierte Zuwanderung war ein Thema ihrer Rede. Im Hinblick auf das Agieren der deutschen Behörden beim Berlin-Attentäter Anis Amri sagte sie: ‚Zum Glück machen die Italiener noch ihren Job.‘ Italienische Polizisten hatten Amri auf seiner Flucht erschossen.

Die AfD-Veranstaltung wurde von Bereitschaftspolizisten abgeschirmt. Etwa 35 Aktivisten aus dem linken Spektrum demonstrierten auf dem Rathausplatz. … Heuer gab es strenge Einlasskontrollen durch einen Sicherheitsdienst.“

Die Äußerung „Zum Glück machen die Italiener noch ihren Job“ stößt in ihrer kühlen Brutalität auf. Wir wollen nicht auf die näheren Umstände eingehen, aber immerhin wurde ein Mensch erschossen und zwar von zwei Faschisten im italienischen Polizeidienst ( 8 ). Noch dazu war Anis Amri ein arabischer Flüchtling aus Tunesien und Asylbewerber und passt damit von Haus aus in das Feindbild der AfD, egal, ob er kriminell war und sich – übrigens erst in Deutschland – den radikalen Salafisten angeschlossen hat. Wenn das keine affirmative Anspielung Alice Weidels auf den Auftritt der AfD-Vorsitzenden Frauke Petri im Rathaus im Vorjahr war, der wegen ihrer Äußerungen zum möglichen Schusswaffengebrauch gegen Flüchtlinge an der Grenze auf massiven Protest stieß?

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) wandte sich wenige Tage nach der Eröffnungsveranstaltung im Rathaus am 20. Februar 2017 in einem offenen Brief an den Oberbürgermeister:

„Offener Brief an obreferat@augsburg.de

Nachrichtlich an augsburg.direkt@augsburg.de

Augsburg direkt – Ausgabe Nr. 58

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Kurt Gribl,

vor einem Jahr riefen Sie die Augsburger Bürgerinnen und Bürger auf, gegen den Neujahrsempfang der AfD auf dem Rathausplatz zu demonstrieren. Eine richtige und wichtige Positionierung der Stadt Augsburg.

Umso mehr verwundert es, dass in der letzten Ausgabe der Bürger(Innen)zeitung der Stadt Augsburg auf Seite 18 der Stadtrat Markus Bayerbach – Mitglied der AfD – als guter Familienvater dargestellt wird. Diese – in einer Auflage von 130.000 – verbreitete Werbebotschaft suggeriert eine Normalität des Menschen Bayerbach und seiner Partei der AfD.

Kein Wort über die menschenverachtenden Positionen der AfD, der Hetze mit Überfremdungsfantasien (siehe hierzu den Artikel in der AZ-online vom 18.2.). Nach dem Auftreten von Frau Petry im letzten Jahr zeigten Mitglieder der AFD-Stadtratsfraktion die Zivilcourage, aus der Partei auszutreten, nicht so Herr Bayerbach. Er formiert die AfD in Augsburg und tritt mit markigen Sprüchen auf Veranstaltungen der AfD in Augsburg auf.

Deshalb die Frage an Sie, wie kann es sein, dass der AfD in der offiziellen Berichterstattung der Stadt Augsburg ein derartiger wohlwollender Platz eingeräumt wird? Dies auch auf dem Hintergrund Ihrer am 17.2. gehaltenen Begrüßung zur Vorstellung des Regionalverbands der Sinti & Roma in Augsburg.“

Selbstverständlich bekam die VVN keine Antwort aus dem OB-Referat.

Aus der Wanderausstellung des Augsburger Regionalverbands über das Fischerholz, erstmals gezeigt im Juli 2017 in der Halle 116, dem ehemaligen KZ-Außenlager auf dem Sheridangelände

Auch die Medien mauerten weitgehend bei der Eröffnungsveranstaltung des Regionalverbands der Sinti und Roma. Die Augsburger Allgemeine kündigte die Veranstaltung nicht an – im Unterschied zum Neujahrsempfang der AfD. Die Augsburger Allgemeine brachte zwar einen Artikel ( 9 ). Aber ein Bild war ihr die Veranstaltung im Goldenen Saal nicht wert, der Neujahrsempfang der AfD allerdings schon. Die Stadtzeitung kündigte die Veranstaltung zwar an und widmete einen Leitartikel dem Thema Sinti und Roma in Augsburg ( 10 ), über die Veranstaltung selbst berichtete die Stadtzeitung aber nicht mehr.

Auch die Stadt Augsburg kündigte die Veranstaltung weder in einer Pressemitteilung noch im Newsletter von Robert Vogl, Büro für Migration, Interkultur und Vielfalt, Geschäftsstelle des Integrationsbeirats, an. Eine Band in der Ballonfabrik am gleichen Abend war Robert Vogl wichtiger als die Eröffnungsveranstaltung der Sinti und Roma. Auf der Homepage der Stadt Augsburg findet sich nichts über die Eröffnungsveranstaltung.

Film von Martin Pfeil über die Eröffnungsveranstaltung, zu finden hier https://www.channel-welcome.de/sendungen/beitraege/marcella-reinhardt-und-der-regionalverband-deutscher-sinti-undroma/ und hier https://marcella-reinhardt.de/ Im Bild Marcella Reinhardt mit ihrer Tante Frederika Brand.

 

Es kamen die Präsidenten von den Behörden, darunter der Regierungspräsident, aber nur ganze vier Stadträt_innen. Kurt Gribl entschuldigte den 2. Bürgermeister und die 3. Bürgermeisterin, dass sie überhaupt nicht kamen, und auch sich selbst dafür, dass er früher ging. Gribl hörte sich noch die Begrüßungsworte von Romani Rose an und Marcella Reinhardt an und ging dann. D. h. an der eigentlichen Feier mit dem politischen Zeitzeugengespräch, der Würdigung Augsburger KZ Opfer der Sinti und Roma in der Dia-Show und den Konzertteilen sowie dem Buffett und den vielen Gesprächen und der Möglichkeit zur Kontaktaufnahme nahm Kurt Gribl nicht mehr Teil.

Dass der Regierungspräsident des Bezirks Schwaben, Scheufele, bei der Feier anwesend war, kann als gutes Zeichen gewertet werden. Er ist auch nicht früher gegangen wie der Oberbürgermeister der Stadt. Scheufele meinte, für eine Unterstützung des Regionalverbandes sei der Bezirkstagspräsident Reichert zuständig. Der kam aber nicht zur Feier. Ein Direktor der Regierung von Schwaben äußerte gegenüber Marcella Reinhardt, der Bezirk habe schon eine Pflege- und Behindertenberatung!

Was bleibt von dieser großartigen Veranstaltung? Wie gesagt, auf der Homepage der Stadt Augsburg findet sich nichts, auch nicht beim Bayerischen Rundfunk und Augsburg TV. Es gibt einen sorgsam geschnittenen Film mit siebzehneinhalb Minuten von Martin Pfeil, der sich auf der Homepage des Regionalverbandes findet ( 11 ), auf YouTube ( 12 ) und bei Channel Welcome – Der Online-Kanal rund um die Themen Interkulturalität und Vielfalt mit aktuellen Filmbeiträgen aus Augsburg, Bayern, Deutschland und der Welt ( 13 ).

Ferner gibt es einen kurzen aber prägnanten Artikel von Susanne Thoma bei A3 Kultur, der noch verfügbar ist ( 14 ), sowie einen kurzen Bericht beim Zentralrat Deutscher Sinti und Roma ( 15 ).

Romani Rose sprach direkt im Anschluss an die Rede des Oberbürgermeisters. Er spricht bewundernswert und erhält lang anhaltenden Beifall. Sein Tonfall ist ruhig, aber seine Worte kommen in der gebotenen Härte und Schärfe, seine Ausdrucksweise ist glasklar und unmißverständlich ( siehe Anhang 2 ).

Marcella Reinhardt benannte in ihrer Rede ( siehe Anhang 3 ) das Ziel ihres Regionalverbandes Deutscher Sinti und Roma Augsburg: „Unser Ziel ist es, in der Halle 116 im Sheridan-Gelände ein Dokumentations- und Bildungszentrum einzurichten, um eine effektive Erinnerungs- und Aufarbeitungs-Arbeit zum Holocaust leisten zu können. Diese Halle war ein Außenlager des KZ Dachau und wäre deswegen für diesen Zweck ein sehr geeigneter Ort.“

Trotz des hochfliegenden Statements des Oberbürgermeisters bekam der Regionalverband für dieses Ziel von Seiten der Stadt bisher keine ausreichende Unterstützung.

Im Anschluss an die Grußworte gab es unter anderem ein Generationengespräch mit Frederika Brand, Überlebende des Holocaust, Romani Rose und Marcella Reinhardt sowie Uta Horstmann, Dipl.-Sozialpädagogin und einzige Nicht-Sinti-Teilnehmerin am Hungerstreik in Dachau. Die Äußerungen von Frederike Brand, einer Tante von Marcella Reinhardt, die im Rollstuhl saß, voller Empörung und Entsetzen in den Saal geschrien, gingen dem Publikum durch Mark und Bein. Stefanie Schoene berichtete in der Augsburger Allgemeinen:

„Erstmals berichtete im Augsburger Rathaus auch eine Zeitzeugin der Sinti von ihren Erlebnissen während der Nazizeit. Frederika Brand wurde 1937 in Österreich geboren und überlebte als Kind verschiedene KZs, zuletzt das Lager in Dachau. Ihre Eltern und fünf Geschwister wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Seit 1969 wohnt sie in Augsburg.

Auf dem Podium nach dieser Zeit befragt, reißen ihre Erinnerungen sie fort. Laut verdammt sie Adolf Hitler, Eva Braun, den KZ-Arzt Mengele. Im Publikum ist es still. ‚Zigeunerpack? Wir sind nicht faul. Das haben wir alles nicht verdient.‘ Anhaltender Applaus unter den Zuhörern.“

Soweit wir es verstanden haben, soll Eva Braun beteiligt gewesen sein, als KZ-Häftlingen die Haut abgezogen und sie skalpiert wurden. Susanne Thoma berichtete in A3 Kultur ( 16 ):

„Frederika Brand berichtete als eine der wenigen noch lebenden Augsburger Zeitzeug*innen von ihren Erlebnissen im Konzentrationslager Dachau. Als junges Mädchen konnte sie zusammen mit einer Schwester in den Wald flüchten und entkommen. Ihre Familie blieb aber zurück und wurde ermordet. Zunächst noch gefasst, später zunehmend verzweifelter, sprach sie sehr detailliert über ihr Schicksal und die Grausamkeiten, die sie und andere erleben mussten. Welch leidvolle Geschichte! 500 000 Sinti und Roma wurden während der NS-Zeit vernichtet. Das Programm war eindeutig: Auch der letzte »Zigeuner« musste nach Ansicht der Rassenideologen systematisch ausgerottet werden. Die Erschütterung der Gäste im Saal war zu spüren. 70 Jahre sind es her und noch immer sind die Wunden nicht verheilt. Frederika Brand sagt, sie hat vergeben, aber vergessen wird sie nicht. Damit das Vergessen nicht stattfindet, setzt sich Marcella Reinhardt für ein Augsburger Dokumentations- und Bildungshaus zum Thema Holocaust ein. Sie will vor allem die Jugend über die schrecklichen Gräueltaten informieren. Als Ort für ihr Vorhaben soll die »Halle 116« im Sheridan-Park dienen. Das Gebäude war unter dem NS-Regime als Zwangsarbeiterbaracke und Außenstelle des Konzentrationslagers Dachau genutzt worden.“

Wir wollen es bei diesen Anmerkungen belassen und die erschütternden Reden im Anhang für sich sprechen lassen. Gerade auch das Generationengespräch mit zwei Teilnehmer_innen am Hungerstreik in Dachau hatte es in sich ( siehe Anhang 4 ).

Peter Feininger, 17.11.2021


Wird fortgesetzt

alle Teile finden sich auf

kommunales/Stadtgeschichte https://www.forumaugsburg.de/s_2kommunal/Stadtgeschichte/index.htm

 

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Anhänge

Anhang 1: Rede von Kurt Gribl, Oberbürgermeister der Stadt Augsburg

Der Oberbürgermeister spricht sich aus für „die Aufarbeitung des erlittenen Unrechts, das hier in Augsburg stattgefunden hat“ und „die Verbesserung der Teilhabe der Sinti und Roma in der heutigen Stadtgesellschaft“

Der Oberbürgermeister begrüßte zunächst Marcella Reinhardt als Vorsitzende des Regionalverbandes Deutscher Sinti und Roma in Augsburg:

Mit Ihnen hat es angefangen, Sie haben den Mut gefasst, mit der Stadt Augsburg Kontakt aufzunehmen und die Gelegenheit auch genutzt, Ihr Anliegen vorzutragen zu einem Zeitpunkt als der Regionalverband gerade in Gründung war. Aus den Gesprächen haben wir sehr schnell die Notwendigkeit erkannt, dass wir auch die organisierten Sinti und Roma in unserer Stadtgesellschaft sichtbar machen sollen, erlebbar machen sollen. Wir haben das zaghaft … angefangen bereits im letzten Sommer beim Friedensfest, wo wir auch dieses Thema mit eingebracht haben. Und wir waren heute bei einem offiziellen Empfang, bei einer Veranstaltung, dort, wo die Mitte der Gesellschaft ist, nämlich im Augsburger Rathaus. Das ist ein Zeichen dafür, dass wir der Auffassung sind, Sie gehören genauso mit dazu wie jeder andere … [Beifall] …

Ich begrüße unseren Gastredner Markus End … TU Berlin, Herrn Regierungspräsidenten Karl Michael Scheufele, vom Amtsgericht den Präsidenten Dr. Bernt Münzenberg. Ich begrüße vom Zentrum Familie Bayern Frau Klebau und unseren Friedenspreisträger Helmut Hartmann ( 17 ). Ich freue mich, dass Rainer Erben, der Referent für Umwelt, Nachhaltigkeit und Migration, heute unter uns ist, und auch aus dem Stadtrat einige, die hergekommen sind … Frau Fink, Herrn Hutter, Herrn Lika und Herrn Grab. …

Die Zusammenkunft heute ist auch für mich etwas ganz Besonderes, ich habe es bei der Begrüßung schon zum Ausdruck gebracht: es ist die erste große öffentliche Veranstaltung des neu gegründeten Regionalverbands Deutscher Sinti und Roma in Augsburg in Zusammenarbeit mit einer städtischen Institution. Nämlich mit dem Büro für Migration, Interkultur und Vielfalt und hier im Augsburger Rathaus.

Diese Begegnung heute ist auch ein klares Bekenntnis zu unserer Grundhaltung als Stadt Augsburg als Friedensstadt. Das ist leicht und schnell gesagt, und ein Allmählichkeitsvorgang und eine ständige Aufgabe, diese hohe Anforderung auch zu erfüllen. … Was heißt es für die Stadt Augsburg, Friedensstadt zu sein und dadurch auch für Gruppierungen wie die Sinti und Roma? Friedensstadt zu sein, heißt konsequent gegen Diskriminierung und Ausgrenzung vorzugehen und sich zu positionieren. Es heißt, konsequent für ein Miteinander und für die Gestaltung der Vielfalt der Kulturen und der Regionen und der Volksgruppen in der Stadt einzutreten – die Lebenswirklichkeit, das alltägliche Leben zu gestalten. …

Friedenstadt bedeutet auch, dass wir eine Struktur haben [sinngemäß formuliert] durch vielfältige Gremien und Einrichtungen, überwiegend und mit Schwerpunkt im Referat von Rainer Erben. Zum Beispiel das Büro für Migration, der Integrationsbeirat, das Forum Interkultur, die Interkulturelle Akademie, der Runde Tisch der Religionen, der bei mir stattfindet, oder das Friedensbüro. Und ich habe nicht einmal alle Strukturen aufgezeigt. Das bedeutet, dass man niemals alles über einen Kamm scheren kann, sondern, dass man die Differenziertheit berücksichtigen muss, und Formate und Angebote formulieren muss, die dieser Vielfalt gerecht werden.

Die Geschichte, meine sehr verehrten Damen und Herren, der deutschen Sinti und Roma ist leidvoll. Sie ist gekennzeichnet von Diskriminierung, von Hass und von Verfolgung. Der Höhepunkt der Verfolgung deutscher Sinti und Roma fand während der NS-Zeit statt. Die Volksgruppenzugehörigen wurden misshandelt, gebrandmarkt, eingesperrt, ermordet. Sie waren Teil des europäischen Holocausts – oftmals nicht mit erwähnt, wenn man vom Holocaust spricht. Im 20. Jahrhundert wurden über 500.000 Roma im besetzten Europa verfolgt.

… Eine der Geschichten, in Anführungszeichen, Lebensbiographien, die mir am intensivsten nahe gegangen ist, ist die Geschichte von Ernst Lossa. Eine Geschichte, die hier in Augsburg spielt oder ihren Beginn nimmt, und das soziale Umfeld beschreibt … Das Buch heißt Nebel im August und entgegen jedem anderen Buch, das ich bisher gelesen habe, … hat mich das so berührt, weil der Lebensort von Ernst Lossa mit der Adresse angegeben war. Eine Augsburger Adresse, die uns allen bekannt ist, mit Orten, an denen er verfolgt, misshandelt und schlecht behandelt worden ist, die uns alle bekannt sind, weil es der gleiche Lebensraum ist, der auch noch heute da ist.

Und damit ist es auch ein starkes Zeichen, dass all diese Erscheinungsformen nicht nicht irgendwo und schon gleich gar nicht irgendwo anders nur ausschließlich stattfinden, sondern überall und damit auch hier. Wir müssen uns dessen bewusst sein.

Dieser Höhepunkt des Leidens in der NS-Zeit hat sicherlich Spuren hinterlassen. Und es ist auch nicht ohne Folgen geblieben. Aber es ist erschreckend, wie viele Jahre seitdem vergangen sind, bis die Befassung mit diesem Leid konzentriert und strukturiert angegangen worden ist. Es war in Deutschland das Jahr 1982, als die Anerkennung des Völkermordes erfolgte durch eine entsprechende Beschlusslage und Aussage der damaligen Bundesregierung. 30 bis 40 Jahre später – so lange hat es gedauert, bis dieser formal erlösende Akt oder diese formal erlösende Erklärung abgegeben worden ist.

Wir alle wissen, dass ein Bekenntnis oder eine Erklärung geschehenes Leid nicht ungeschehen macht, dass die Menschen nicht wieder lebendig werden dadurch. Aber es ist für eine betroffene Volksgruppe eine tiefgehende Erleichterung, eine klare Aussage dazuzubekommen, dass dasjenige, was geschehen war, Unrecht war.

Es ist im Übrigen nichts Spezielles im Bezug auf die Sinti und Roma. Es gilt auch in anderer Beziehung, dass solche Erklärungen wohltuend sind. Nur sie dauern zu lange.

Im Jahre 1982 erfolgte dann die Gründung des Zentralrats der deutschen Sinti und Roma. Eine aktive Bürgerbewegung hatte bereits seit den 1970er Jahren stattgefunden. Es wurden zahlreiche Regionalverbände gegründet. Es wurde die Einrichtung des deutschen Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma und 2012 erfolgte die Einweihung des Holocaust-Denkmals in Berlin.

Sie haben damals, lieber Herr Rose, folgendes gesagt: „Das Denkmal ist sichtbares Symbol für die Anerkennung des Leids, dass unsere Minderheit erdulden musste. Aber auch ein Zeichen der Verantwortung für Gegenwart und Zukunft seitens der Bundesregierung für unsere Minderheit, aber auch für unsere Demokratie und unser Wertesystem in ganz Europa einzustehen.“

Auch wenn wir im Augenblick bestrittene oder Streit auslösende Äußerungen aus der Richtung einer ganz bestimmten politischen Gruppierung hören, die die Funktion, den Bedeutungsgehalt und die Geschichte im Hintergrund dieses Denkmals nicht nur infrage stellen, sondern ins Gegenteil verkehren, ist dieser Aufruf, diese Mahnung, die sie ausgesprochen haben, heute noch wichtiger als zu dem Zeitpunkt, an dem Sie sie 2012 ausgesprochen haben. Wir haben dafür einzustehen, dass diese Aussage … auch inhaltlich nicht verändert, manipuliert oder gar ins Gegenteil verkehrt wird.

In all diese Aktivitäten fügt sich nun der vor Jahresfrist gegründete Regionalverband hier in Augsburg ein. Dennoch darf es nicht darüber hinwegtäuschen, dass Diskriminierung nicht aus der Welt geschaffen ist dadurch, dass sie Strukturen schaffen. Vorurteile gegen Sinti und Roma bei bestimmten gesellschaftlichen Gruppierungen nach wie vor vorhanden. Es gibt sprachliche Verunglimpfungen und vieles mehr.

Wie sieht die Situation in Augsburg aus, wo sie Ihren Regionalverband gegründet haben? Augsburg hat auch seine Sinti- und Romageschichten. Eine Geschichte habe ich schon selbst angesprochen. Sie ist erstmals dokumentiert und ans Licht der Öffentlichkeit gerückt worden beim Friedensfest 2016 nach unseren ersten Gesprächen. Ein Stück über das Fischerholz, ein dem Augsburger bekannter Begriff. … Heute werden wir im Anschluss dazu etwas hören. Es erfolgt die weitere Aufarbeitung und die wissenschaftliche Dokumentation, es wird wichtige Erinnerungsarbeit geleistet und das alles ist wichtig für den sozialen Frieden in unserer Stadtgesellschaft. Genauso, wie wir uns auch mit der Geschichte und dem Hintergrund anderer Gruppierungen befassen.

Die Aufarbeitung muss dabei in zwei Richtungen erfolgen. Zum einen, die Aufarbeitung des erlittenen Unrechts, das hier in Augsburg stattgefunden hat. Dass das Unrecht auch benannt und beschrieben wird, damit wir davon berührt werden. Nur wenn Unrecht andere berührt, können Sie damit auch umgehen.

Und zum zweiten die Verbesserung der Teilhabe der Sinti und Roma in der heutigen Stadtgesellschaft. Die Vergangenheit zu kennen, schafft die Basis, um die Gegenwart zu bewältigen. Deswegen glaube ich, dass wir auf einem guten Weg sind, auch mit der heutigen Veranstaltung. Sie muss dazu führen, dass Diskriminierung in Bezug auf Sinti und Roma die Türe zugemacht werden muss [sinngemäß]. Es gilt, Minderheiten zu schützen, da sie in der Geschichte immer Angriffspunkte und Sündenböcke waren und auch heute von Populisten versucht wird, dass Minderheiten ausgemacht werden und die Schuld für irgendetwas aufzutragen oder zuzuordnen, was in einer Gesellschaft nicht ganz gut läuft. Es ist unsere Aufgabe, dass wir hier in Augsburg miteinander nein sagen. … In Augsburg darf es keinen Raum geben für solche Vorurteile und deshalb demonstrieren wir das auch bei verschiedensten Gelegenheiten in unserer Friedensarbeit und heute ganz besonders – ich möchte noch mal hinzufügen – besonders gerne. Ich will damit auch ausdrücklich eine offizielle Geste der Stadt Augsburg verbinden für die Auftaktveranstaltung hier im Augsburger Rathaus.

 

Anhang 2: Rede von Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma

Der vom NS-Staat organisierte Völkermord, die systematische Vernichtung unserer Menschen vom Säugling bis zum Greis, war in der bundesdeutschen Gesellschaft nach 1945 geleugnet und aus dem offiziellen Gedenken ausgegrenzt worden.“

„Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Gribl, ich danke Ihnen für diese Einladung und dafür, dass sie diese Einladung in einem sehr, sehr wichtigen Rahmen heute ermöglicht haben. Dafür danke ich der Friedensstadt Augsburg. Ich danke allen Beteiligten, auch Herrn Erben. Ich danke auch für das Kommen des Regierungspräsidenten. Ich danke auch den Vertretern des Stadtrats. Liebe Marcella Reinhardt ... liebe Sinti im Allgemeinen, meine sehr geehrten Damen und Herren, ich freue mich sehr, dass unter den Gästen von unserem heutigen Abend auch Ilona Roché vom Kultur- und Arbeitskreis Sinti und Roma in Ingolstadt bei uns ist ( 18 )… Begrüßen möchte ich auch einen würdigen Vertreter unserer Minderheit, Alfred Friedrich, der uns hier die Ehre gibt … ( 19 )

Meine sehr verehrten Damen und Herren, als wir Ende der siebziger Jahre mit unserer Bürgerrechtsbewegung den Weg in die Öffentlichkeit gesucht haben, um die Diskriminierung unserer Mitarbeit anzuprangern, waren die gesellschaftlichen Voraussetzungen andere als heute. Der vom NS-Staat organisierte Völkermord, die systematische Vernichtung unserer Menschen vom Säugling bis zum Greis, war in der bundesdeutschen Gesellschaft nach 1945 geleugnet und aus dem offiziellen Gedenken ausgegrenzt worden.

Die wenigen Überlebenden hat man um ihre Entschädigung betrogen. Im Gegensatz zum Antisemitismus, der in der neu gegründeten Bundesrepublik geächtet war, ist die Wirkungsmacht antiziganistische Denkmuster bis in die achtziger Jahre hinein in allen gesellschaftlichen Bereichen nahezu ungebrochen, in Staat und Verwaltung, ebenso wie in den Medien und der Wissenschaft. Der … Bewegung ist es in langjährigen öffentlichen Auseinandersetzungen gelungen, diesem rassistischen Blick eine eigene Geschichte entgegenzustellen, die Deutungsmacht der ehemaligen Täter zu brechen und einen gesellschaftlichen Prozess des Umdenkens einzuleiten.

Zweifellos hat sich seit damals vieles zum Besseren gewandelt. Doch trotz aller unübersehbaren politischen Fortschritte erleben wir derzeit in Europa eine Wiederkehr von längst überwunden geglaubtem Nationalismus, Populismus und antidemokratischen Bewegungen. Diese Entwicklungen stellen vieles von dem infrage, was wir in den letzten Jahrzehnten erkämpft haben. Solche Bewegungen brauchen Feindbilder, um Ängste von Menschen auszubeuten, deshalb schüren sie gezielt Ressentiments gegen Sinti und Roma und andere Minderheiten. Wie Markus End später in seinem Vortrag zeigen wird, ist der Antiziganismus längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Während … die Risse in unserer Gesellschaft immer tiefer werden, bergen solche rassistischen Ideologien eine Dynamik, deren Gefahr kaum zu überschätzen ist.

Umso wichtiger ist es, dass sich die demokratischen Gegenkräfte – Herr Oberbürgermeister Gribl, sie haben das sehr deutlich gemacht für die Friedensstadt Augsburg – formieren. Rassismus und Populismus bedrohen nicht nur die Rechte von Minderheiten, sondern sie zielen auf das Herz der Demokratie. Sie spalten die Gesellschaft und zerstören das Fundament unseres Zusammenlebens. Es liegt in unser aller Verantwortung, dafür Sorge zu tragen, dass die gefährliche Saat des Populismus nicht aufgeht und dass wir eine Gesellschaft bleiben mit menschlichem Antlitz.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, die Gründung des Regionalverbands Deutscher Sinti und Roma Augsburg ist auch ein Bekenntnis der dort tätigen Angehörigen unserer Minderheit für ihre Heimatregion und für die Gesellschaft. Gewiss versteht sich der Regionalverband in erster Linie als Anwalt der hier lebenden Sinti und Roma und ihrer Interessen. Doch es geht uns immer auch um das demokratische Projekt als Ganzes. Um die Verteidigung jener Werte, die nach dem Zivilisationsbruch des Holocausts nach über 70 Jahren für Frieden in Europa gewirkt haben.

Angesichts der existenziellen Bedrohung unserer Demokratie müssen die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, die für Menschen- und Minderheitenrechte eintreten, noch stärker als bisher Solidarität demonstrieren. Gemeinsam müssen wir den demokratischen Rechtsstaat nutzen, um offensiv gegen Ausgrenzung und Rassismus vorzugehen. Meine Hoffnung ist, dass gerade junge Sinti und Roma … ihre Stimme erheben und sich politisch engagieren. Es geht um die gemeinsame Verantwortung als Bürger dieses Staates.

In diesem Sinne wünsche ich Marcella Reinhardt und ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern für ihre weitere Arbeit alles erdenkliche Gute. Zum Schluss möchte ich nicht versäumen, Ihnen, verehrter Herr Oberbürgermeister Gribl, Dank zu sagen. Mit der heutigen Veranstaltung machen sie deutlich, dass ihnen der Regionalverband Deutscher Sinti & Roma Augsburg ein persönliches Anliegen ist. Ich bin mir sicher, dass sie den Verband weiterhin mit Sympathie und Wohlwollen begleiten werden. Ihnen allen möchte ich nochmals danken für Ihr Kommen und für meine Einladung. Haben Sie vielen Dank.



Anhang 3: Rede von Marcella Reinhardt, Vorsitzende des Regionalverbands Deutscher Sinti & Roma Augsburg / Michael ScheufeleSchwaben

„… so steht im Zentrum unserer Arbeit noch immer die Beratung, Begleitung und Unterstützung der Augsburger Sinti und Roma. Dabei erfahren wir Ausgrenzung und Diskriminierung nicht nur auf einer strukturellen Ebene, sondern auch von behördlicher und amtlicher Seite.“

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr. Sie alle hier im Rathaus im Namen des Regionalverbands Deutscher Sinti und Roma Augsburg /Schwaben begrüßen zu können.

Ich möchte mich bei der Stadt Augsburg, vor allem bei Herrn Oberbürgermeister Dr. Kurt Gribl, dem Referenten für Interkultur, Herrn Rainer Erben bedanken.

Gleichzeitig gilt mein Dank dem Büro Migration, Interkultur und Vielfalt, an Frau Dr. Margret Spohn und Herrn Robert Vogl im Namen aller Mitglieder unseres Regionalverbandes Deutscher Sinti und Roma für Ihre Kooperation und Großzügigkeit bei der Durchführung dieser Veranstaltung.

Ein ganz besonderes Dankeschön geht an Herrn Michael Hegele. Er hat so viel Zeit und Arbeit und Liebe in diese Veranstaltung investiert und Geduld. Denn es war nicht manchmal leicht mit mir.

Danke schön!

Ich begrüße ebenso herzlich Herrn Regierungspräsident Karl Michael Scheufele, sowie Herrn Alexander Diepold vom Madhous, München.

Mit großem Respekt und Achtung begrüße ich unsere Zeitzeugin, meine Tante Frau Frederika Brand, die sich für uns mühsam auf den Weg gemacht hat, um hier ihre Schreckenserlebnisse von der NS-Zeit zu erzählen.

Liebe Sinti, liebe Roma, liebe Reisende,

sehr geehrte Damen und Herren,

Ich freue mich heute sehr, unseren Regionalverband Deutscher Sinti und Roma Schwaben zusammen mit der Stadt Augsburg vorstellen zu können

Bitte verzeihen Sie mir, wenn ich jetzt im Angesicht der Vielzahl von Gästen, denjenigen heraushebe und gleichzeitig mein Respekt und Dank aussprechen darf für sein jahrzehntelanges Engagement für die Belange der Sinti und Roma. Mein Dank im Namen unseres Regionalverbands Deutscher Sinti und Roma Augsburg/Schwaben gilt Ihnen, lieber Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Herr Romani Rose.

Vielen Dank, dass Sie heute bei uns sind.

1982 wurde der Zentralrat der Sinti und Roma gegründet. Das Jahr 1982 war für uns von großer Bedeutung.In diesem Jahr wurde eines unserer wichtigsten Ziele auf dem langen Weg der Aufarbeitung der Verbrechen Deutschlands während des Nationalsozialismus erreicht: Die Anerkennung des Völkermords an Sinti und Roma durch Bundeskanzler Helmut Schmidt.
Leider gehört es zu den traurigen Wahrheiten, dass erst ein Hungerstreik im Jahr 1980 an der Gedenkstätte im KZ Dachau ein Umdenken auslöste und zum Wendepunkt wurde.

Wendepunkt heißt allerdings auch, dass wir noch nicht alles geschafft haben. Nein – vielmehr fing unsere Arbeit erst richtig an.

So möchte ich auch Frau Uta Horstmann herzlich begrüßen und mich bei Ihr bedanken. Sie war als einzige Nicht-Sintezza am Hungerstreik beteiligt und setzt sich seitdem für die Belange der Sinti und Roma ein. Vielen Dank für Ihre Unterstützung und das Sie heute bei uns sind.

2003 habe ich angefangen, ehrenamtlich im Landesverband Deutscher Sinti und Roma Bayern mit seinem Vorsitzenden Erich Schneeberger, der leider heute nicht da sein kann, für Sinti und Roma in Augsburg zu arbeiten.

Mein Ehrenamt beim Landesverband beinhaltete nicht nur zahlreiche Verwaltungsaufgaben, sondern vor allem auch die Dokumentation und das Vorgehen gegen Diskriminierungen. Es stellte sich schnell heraus, dass Augsburg eine eigene Anlaufstelle benötigte, sowohl für Sinti und Roma, als auch für die Behörden.

Somit wurde der Regionalverband Deutscher Sinti und Roma Augsburg/Schwaben im Januar 2016 gegründet.

Der Bedarf in Augsburg ist von Seiten der Sinti und Roma, aber eben auch der Behörden, ungebrochen groß und so steht im Zentrum unserer Arbeit noch immer die Beratung, Begleitung und Unterstützung der Augsburger Sinti und Roma. Dabei erfahren wir Ausgrenzung und Diskriminierung nicht nur auf einer strukturellen Ebene, sondern auch von behördlicher und amtlicher Seite.

Unsere Arbeit wird erschwert durch hartnäckige Vorurteile, tiefsitzende Feindseligkeiten und eine Ignoranz und ein Desinteresse, die mich jedes mal schockieren.

Durch das Theaterprojekt „Schluchten“ am Fischerholz in Augsburg, wo früher die Sinti nach der Kriegszeit gelebt haben, wurden einige dieser Klischees widerlegt und Begegnungen mit uns ermöglicht ( 20 ). Das Interesse der Stadt Augsburg, der Schulen und Einzelpersonen war enorm und inspirierte die nächste Idee.

Unser Ziel ist es, in der Halle 116 im Sheridan-Gelände ein Dokumentations- und Bildungszentrum einzurichten, um eine effektive Erinnerungs- und Aufarbeitungs-Arbeit zum Holocaust leisten zu können. Diese Halle war ein Außenlager des KZ Dachau und wäre deswegen für diesen Zweck ein sehr geeigneter Ort. Denn auch die Augsburger Geschichten von Opfern und Überlebenden müssen erzählt werden, damit unsere Kinder aus der Geschichte lernen.

Alle zusammen müssen wir uns unablässig für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit einsetzen. Es gilt, gegen jegliche Form von Vorurteilen, Hass und Hetze zu kämpfen. Dazu gehört der Kampf gegen Antiziganismus, Antisemitismus und rechtsradikales Gedankengut. Hinter jedem diese Begriffe stehen menschenverachtende Gedanken, Worte und leider viel zu oft auch Taten.

Wir dürfen nicht wegschauen, wir dürfen nicht schweigen, wenn mahnende Worte gefragt sind. Wir müssen uns konsequent rechtsstaatlicher Mittel bedienen, wenn strafrechtlich Relevantes zu ahnden ist. Wir müssen aufklären, vorbeugen und verhindern, dass die Saat rassistischer und antiziganistischer Gedanken aufgeht.

Ich bin ein Kind von Eltern, die den Holocaust am eigenen Leib erfahren haben. Der Schrecken, der Schmerz und die Trauer, die meine beiden Eltern aufgrund der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft erlitten haben, haben wir Kinder in vollem Ausmaß spüren müssen. Wenn z. B. das Wort „Lager“ fällt, lässt das in unseren Köpfen sofort wieder die Schreckenserlebnisse unserer Eltern aufleben und zugleich Angst und Misstrauen im Raum stehen. Ich möchte hierbei niemandem zu nahe treten, aber doch klarstellen, was in einer Sintezza, deren Eltern im Lager waren, vorgeht.

Dennoch gab es bei meinen Eltern nie Gedanken von Hass oder Rache. Es gab zwar das Gefühl des Schmerzes, der Traurigkeit, aber nie der Vergeltung. Da gab es das Nicht-Verstehen-Können, der Abwehr, der Nicht-Anerkennung des Völkermords.

Unsere Familien, die das erleben mussten, wurden nie therapiert und die Traumata wurden nie aufgearbeitet und erst sehr spät öffentlich thematisiert. So wurden die seelischen und körperlichen Leiden bis in die heutigen Generationen mitgetragen. Wir haben den Regionalverband Deutscher Sinti und Roma hier in Augsburg gegründet, damit wir so etwas nie wieder miterleben müssen und rassistisches und menschenfeindliches Gedankengut nie mehr solch eine Stärke bekommt. Das geht nicht nur mich was an. Das geht uns alle was an! In diesem Sinne freue ich mich auf die künftige Kooperation mit unserer Stadt Augsburg.

Der folgende Programmpunkt sieht ein Generationengespräch vor und ich freue mich über jede einzelne der starken Persönlichkeiten, die uns Teil ihrer Lebensgeschichte werden lassen.

Ich freue mich auch, dass Herr Markus End für seinen Vortrag zu Antiziganismus als Problem in der Mitte der Gesellschaft aus Berlin angereist ist. Vielen, vielen Dank !!!!

Für die musikalische Umrahmung sorgt mein Neffe, der Geiger Nico Franz und die Pianistin Junko Peodbojewski. Vielen vielen Dank! Und ich bedanke mich sehr bei der Familie Prinz unserem „Prinz Ensemble“ aus Memmingen, Elias Prinz, Jonas Prinz und Chris Hertel.

Zuletzt gilt mein Dankwort unseren Sponsoren

Pianohaus-Janos

Blumen Fiedler Frau Alexandra Gerber

Goldhaus-Augsburg Herr Alfred Funk

Pizzeria-Pallazzo Herr Avni Selimi

Karibik-Solarium Herr Dozlar

Geigenbauer Herr Martin Mühlendyck

Schließen möchte ich mit einem Wort unserer ehemaligen Bundestagspräsidentin Frau Rita Süßmuth als wir in Berlin waren.

Ich zitiere:

„In dem Sinn spreche ich ungern von Minderheiten. Weil ‚Minderheiten‘ hat immer den Geruch schon im Wort selbst, es ist nicht die Mehrheit. Aber ich denke, es kommt darauf an, nicht zu zählen, sondern die Stärke von Kulturen, von Menschen deutlich zu machen. Wenn uns das mehr und mehr wieder gelingt, finden wir auch zusammen. Ich denke, Zukunft werden wir nur in dem Maße bekommen, wie wir Konfrontation zugunsten der Kooperation überwinden.“

Zitat Ende.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Anhang 4: Generationengespräch

Podiumsgespräch mit Frederika Brand, Überlebende des Holocaust, Romani Rose und Marcella Reinhardt sowie Uta Horstmann, Dipl.-Sozialpädagogin und einzige Nicht-Sinti-Teilnehmerin am Hungerstreik in Dachau, moderiert von Dorothea Schroeder, Regisseurin

Podiumsdiskussion, nach dem schrecklichen Statement von Fred e rika Brand. Die Moderator i n Dorothea Schroeder fragt: Warum hören wir diese Geschichten von Sinti so spät? Wie war das in der Nachkriegszeit …

Romani Rose: Zunächst möchte ich sagen, dass ich wirklich großes Verständnis habe, dass jemand wirklich mit den Emotionen spricht wie die Frau Brand, weil sie ist Betroffene, sie hat das Ganze als Kind erlebt, sie hat viele Angehörige verloren. Ich kenne viele, viele Biografien, von denen, die bei mir im Büro waren, die in Auschwitz, in Majdanek, in Treblinka, in Buchenwald, in Ravensbrück waren. Das sind alles für uns große Friedhöfe.

Um ihre Frage zu beantworten: Warum so spät? Die historische Aufarbeitung in Deutschland war keine ehrliche. Deutschland hat „kapituliert“, das hat man über viele Jahre aufrechterhalten bis zu der bekannten Rede von Richard von Weizsäcker. Aber ich will das noch mal sagen, nach diesem Zivilisationsbruch, den die Nazis begangen haben mit der Ermordung von 6 Millionen Juden, 500.000 Sinti und Roma im NS-besetzten Europa, musste Adenauer vor allem eines leisten: um wieder in die zivilisierte Staatengemeinschaft aufgenommen zu werden, musste er die Shoah als ein Verbrechen des Völkermords anerkennen. Sonst wäre er niemals mehr nach Amerika, nach England und Frankreich gekommen. …

Es war keine ehrliche Aufarbeitung der deutschen Geschichte und lassen Sie mich noch einen Satz hinzufügen. 1985 hat Richard von Weizsäcker die bekannte Rede gehalten – für die jüngere Generation: Richard von Weizsäcker war damals der Bundespräsident – … Und er hat damals in dieser historischen Rede gesagt: „Wir haben nicht kapituliert, sondern wir sind befreit worden“. Und damit hat er Deutschland vor jenem Verbrechen befreit, denn jeder hatte die Chance, sich von der Nazi-Barbarei zu distanzieren.

Und lassen Sie mich an diesem Punkt sagen – und das ist mir sehr, sehr wichtig –, gerade weil Frau Brand das gesagt hat: Die Nazis haben nicht nur 6 Millionen Juden umgebracht, sie haben nicht nur 500.000 Sinti und Roma umgebracht, sie haben die Teilung Deutschlands zu verantworten. Sie haben zu verantworten, dass viele Städte in Europa, auch die deutschen Städte, zerstört worden sind. Das war die Antwort der Alliierten auf die Verbrechen der Nazis mit ihrem Angriffskrieg. Sie haben Millionen von Menschen, auch deutsche, umgebracht. (längerer Beifall)

Podiumsgespräch, von links: Uta Horstmann, Romani Rose, Dorothea Schroeder, Marcella Reinhardt, Frederika Brand

 

Und wenn heute jemand kommt – ich möchte ihn nicht namentlich erwähnen –, der die 180°-Wende vornehmen will, das heißt alles was gewesen ist, soll verändert werden, eine Geschichtsklitterung vornehmen will, dann muss ich Ihnen sagen ich habe, ich habe sehr die Rede von Herrn Lammert bei der Wahl des Bundespräsidenten bewundert. … Er hat viele Dinge gesagt, die wichtig sind, aber vor allem: Sich zur Vergangenheit zu bekennen, ist keine Schwäche, sondern eine Stärke. Sie gibt uns die Kraft für den Neuanfang und sie verpflichtet uns, bei dem neuen Nationalismus, wie wir ihn heute wieder in Europa haben, auch in Deutschland, einen gewaltbereiten Nationalismus. (Leute, Red.) die heute in der Diskussion wieder Wörter in den Mund nehmen, die uns in den Ohren immer noch klingeln, wenn von völkisch die Rede ist, von Umvolken, dann sind das alles Begriffe die wir von der Zeit von 1933 – 45 kennen. Und diese Leute unterscheiden heute wieder, wollen unterscheiden zwischen Deutschen und den Deutschen, die vom Blute und vom Boden sind.

… Das, was unsere Verpflichtung heute ist, die besteht darin, dass wir – Frau Brand hat das gesagt – die Schuld der Vergangenheit, den Holocaust … an die jüngere Generation von heute – nicht wie die Erbsünde – weitergeben. Sie tragen dafür keine Schuld, aber sie tragen die Verantwortung, dass sich dies nicht wiederholt. (längerer Beifall) Die Nazis haben Minderheiten verfolgt, Juden, Zigeuner, Politische, Zeugen Jehova usw., sie haben auch andere Gruppen mit hereingezogen. Vor allen Dingen war ihr Ziel, die Beseitigung der Demokratie. Und heute müssen wir unseren Rechtsstaat verteidigen, das ist unsere Aufgabe. (Beifall)

Die Moderatorin fragt, wie es zu Entschädigungen kam, wie man sich das vorstellen darf.

Romani Rose: Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Ich war vor kurzem beim BGH, dem Bundesgerichtshof. Das höchste deutsche Gericht hat sich jüngst … mit der Vertretung der Justiz im Nationalsozialismus befasst. Ich habe mich damals zu Wort gemeldet und habe darauf hingewiesen, dass die nationalsozialistische Richterschaft viele Urteile gemacht haben. Aber viel schlimmer ist es gewesen, dass der BGH 1956, das heißt über zehn Jahre nach der Nazi-Justiz, ein Urteil gefällt hat, wo es darum ging, dass Angehörige unserer Minderheit Entschädigungsansprüche gestellt haben, weil sie in der Zeit von 1940 in die Konzentrationslager des Ostens deportiert worden sind.

Der Bundesgerichtshof hat das damals abgelehnt mit der skandalösen Begründung, dass die Zigeuner nicht aus rassischen Gründen deportiert worden sind, sondern weil sie – und jetzt müssen Sie mal genau zuhören, ich zitiere das jetzt frei – wie primitive Urmenschen einen ungehemmten Okkupationstrieb hätten. ( 21 ) … Das heißt ganz einfach auf Deutsch: Sie haben kein Verhältnis zum Eigentum, was sie sehen, nehmen Sie mit. Den größten „Okkupationstrieb“ hatten allerdings die Nazis selbst. Sie hatten ganze Länder okkupiert und ausgeraubt. Aber der BGH hat dies gegenüber unserer Minderheit ausgesprochen und das hatte zwei Gründe.

Der eine Grund: die Täter würden sich damit selbst freisprechen. Denn wenn es keine Schuld gewesen ist, dann waren sie auch keine Täter. Also, die Deportation war keine Unrechtsmaßnahme, sondern eine Rechtsmaßnahme. Und darüber hinaus sollten auch Entschädigungsansprüche verhindert werden.

Lassen Sie mich zu dieser Nachkriegsgeschichte noch einen Satz hinzufügen. Die Präsidentin des Bundesgerichtshofs ist zu mir gekommen und hat sich für dieses Urteil ihrer Kollegen 1956 entschuldigt. Und ich möchte Ihnen sagen: das ist demokratische Größe, das ist Rechtsstaat, was die Präsidentin gemacht hat. Es kostet mehr Mut, sich von den Kollegen zu distanzieren, als als es schon das Grundgesetz gegeben hat, als sich von den Urteilen der Nationalsozialisten, die ja in der damaligen Zeit und in der heutigen Zeit als Unrechtsstaat gelten. (Beifall) …

Uta Horstmann : Frage (noch einmal) an Romani Rose: warum hat man eigentlich erst so spät was davon erfahren, was Sinti und Roma während des Dritten Reiches erleiden mussten bis hin zum Mord? Ich stelle die Gegenfrage: Wer hätte Ihnen denn zuhören sollen? Wer hätte denn Fragen stellen sollen? Zur Mehrheitsgesellschaft war kein Kontakt. Sinti und Roma lebten am Rande unserer Städte, völlig isoliert. Romani Rose hat gesagt, wenn Wiedergutmachungsanträge gestellt worden sind, dann sind die abgelehnt worden oder es gab einen Brosamen, der nur … peinlich war. Also – wer hätte fragen sollen? (Beifall)

Und das ist eigentlich meine Motivation gewesen. Ich bin nur in der Grundschule – oder damals sagte man ja Volksschule – mit Sinti -Kindern zusammen in die Klasse gegangen. Danach … hat sich der Kontakt verloren. Erst durch ein Praktikum in München habe ich wieder Kontakt zu Sinti bekommen (beim Jugendamt, Red.). Und die Sinti sind diejenigen gewesen, die mir ganz viel erzählt haben. Und das hat meine Arbeit bestimmt und geprägt. Und das war auch der Grund, warum ich am Hungerstreik teilgenommen habe.

Auf die Frage nach Literatur über die Sinti in der damaligen Zeit, den siebziger und achtziger Jahren: also das ist eigentlich eine Katastrophe gewesen. Es gab überhaupt keine Literatur und die Literatur, die vorhanden war, war eben geprägt durch die Nazi-Ideologie. Und ich bezeichne es bis heute eigentlich immer noch als Glücksfall, dass ich eigentlich so früh den Kontakt zu Romani Rose, zur Gesellschaft für bedrohte Völker bekommen habe. Denn ich weiß nicht, wie meine Kritikfähigkeit am Anfang gewesen wäre, um dem etwas entgegenzusetzen.

Wie gesagt, es gab keine andere Literatur. In der Schule ist das Thema Drittes Reich sehr, sehr stiefmütterlich behandelt worden. Und ich kann mich noch an Lehrer erinnern, die mit der Nationalzeitung unterm Arm in die Klassenzimmer kamen. Und wie gesagt, ich bin auch heute noch allen Sinti, mit denen ich zusammengearbeitet habe, unermesslich dankbar, dass sie eigentlich meine Lehrmeister und Lehrmeisterrinnen gewesen sind und ich danke Ihnen für die vielen, vielen Gespräche …

Die Moderatorin kam dann auf das Thema die Gesellschaft für bedrohte Völker und der Hungerstreik in Dachau 1980. Dazu Romani Rose:

Das müssen Sie wissen, ich gehöre der Generation an, die im Schatten von Auschwitz aufgewachsen ist. Meine Eltern waren Betroffene, mein Vater war in keinem Konzentrationslager, aber mein Onkel und 13 Personen … meiner Familie sind in den verschiedenen Konzentrationslagern ermordet worden. Die Situation war die: auf der jüdischen Seite gab es eine Aufarbeitung, bei vielen Gelegenheiten wurde über diese Verfolgung gesprochen, Fernsehdokumentationen, Filme gab es darüber.

Im Falle unserer Minderheit gab es dies alles nicht. Unsere Menschen mussten in sich hineinweinen über den Verlust. Als ich mit alten Menschen nach Auschwitz gefahren bin, mit Überlebenden, die in Auschwitz waren –, da hatten sie Angst, diesem Ort wiederzubegegnen. Aber sie sind mit mir da hingegangen und eines ist mir dabei in Erinnerung geblieben. Es hat Leute gegeben, die haben mir hinterher gesagt: Romani, ich bin froh, dass ich hierhergefahren bin. Meine Eltern sind hiergeblieben, meine Geschwister sind hiergeblieben. Sie sind hier ermordet worden, ich bin rausgekommen. Ich hab das nie überwunden. Ich habe immer das Gefühl gehabt, ich habe zu wenig für meine Eltern, für meine Geschwister getan, die an diesem Ort heute beerdigt sind.

Das heißt, die Überlebenden hatten eine Schuldfrage: Warum habe ich überlebt und warum haben meine Eltern nicht, haben meine Kinder nicht überlebt? Und diese Qualen habe ich bei meinen Eltern gesehen. Die deutsche Gesellschaft hat sich um das Schicksal unserer Minderheit nicht gekümmert. Der Holocaust und 500.000 Sinti und Roma war kein Anhängsel der Shoah. Es war ein eigenständiges Verbrechen, das in Berlin bürokratisch organisiert worden ist, systematisch durchgeführt worden ist nicht nur in Deutschland, sondern im NS-besetzten Europa … Vom Kleinkind bis zum Greis. Die Nazis wollten den letzten „Zigeuner“ … ihrem Vernichtungsprogramm zuführen. Für uns als Kinder waren das von unseren Eltern immer spannende Geschichten. Ich habe erst hinterher, als ich Erwachsener wurde, gemerkt die Demütigung und die Erniedrigung, die die Nazis meinen Eltern und all den anderen Sinti zugefügt haben. Demütigung, Erniedrigung und die Verweigerung von Recht, nämlich die Anerkennung der Verbrechen an 500.000 Sinti und Roma. Das durfte nicht in Vergessenheit geraten.

Und deswegen haben wir beschlossen, in Dachau einen Hungerstreik zu machen, an dem zwölf Sinti beteiligt waren. Da waren fünf Überlebende dabei, einer war in Dachau als Häftling, mit ihm wurden in Dachau medizinische Versuche durchgeführt, er musste über mehrere Wochen Meerwasser trinken.

Der Grund, warum wir das gemacht haben war erstens: Wir wollten die Anerkennung des Völkermords, weil ohne Anerkennung gibt es keine Aufarbeitung, und wir wollten eine Beendigung rassistischer Sonderbehandlung, Sondererfassung und Kriminalisierung.

… In der damaligen Zeit gab es eine systematische Kriminalisierung, Sinti und Roma waren das Feindbild in der damaligen Gesellschaft. Es wurden willkürliche Kontrollen durchgeführt, die Polizei war schwer bewaffnet mit Maschinengewehren und sie wollten nur eines: Sie haben uns als Minderheit weiterhin unterstellt, dass wir eine abstammungsgemäße Kriminalität hätten. Also die Kriminalität vom Blute her. Das war eine Fortsetzung der Ideologie der Nazis, die auch zum Teil die Juden betraf, dass die Juden negative Erbanteile haben, eine negative Genetik haben, wie ein Mediziner sagen würde, und schon von ihrer Abstammung her zur Kriminalität neigen. Und deswegen sei es wichtig gewesen, Sinti und Roma kriminalpräventiv – präventiv heißt vorbeugend, es musste keiner eine Straftat begehen – zu behandeln. Diese Praxis haben die Polizeibehörden durchgeführt, sie haben Sonderermittlungsdezernate gebildet. Das waren die alten Zigeuner-Spezialisten aus dem Reichssicherheitshauptamt, die nur die Uniform gewechselt haben. Also die Uniform SS in die grüne Uniform der Polizei Deutschlands.

Und die Schamlosigkeit dieser Beamten und ihrer Auftraggeber ging so weit, dass sie selbst die KZ-Nummer, die die Leute auf den Arm bekommen haben – man hat ja, wenn man nach Auschwitz gekommen ist, hat man ja an der Rampe eine Selektion durchgeführt. Die einen kamen ins Gas, die anderen gingen ins Lager. Und sie bekamen im Lager eine Nummer. Und es gibt Leute, die diese Nummer noch tragen, wie der Herr Friedrich, der ja als Kind im Lager war. Aber auch Hugo Höllenreiner, den ich hier irgendwo sitzen gesehen habe. Und diese Nummer, die konnte man bei Säuglingen, die neugeboren sind, nicht auf den Oberarm tätowieren, weil der Oberarm viel zu schwach war. Dann hat man die Nummer auf den Schenkel tätowiert, weil der etwas größer ist. Und die Polizeibehörden haben als Erfassungsmerkmal sich nicht gescheut und nicht mal die Scham gehabt in dieser Zeit, dass sie diese Nummer als Erfassungsmerkmal in ihre Akten aufgenommen haben.

Und ich möchte Ihnen sagen, und das ist mir wichtig: wir, die Nachkriegsgeneration ... und unser Hungerstreik und die politischen Auseinandersetzungen haben dazu geführt, dass die Bundesregierung, damals Bundeskanzler Helmut Schmidt, 1982 den Völkermord anerkannt haben. Wir sind in die Universität nach Tübingen gegangen, dort waren tausende NS-Unterlagen, Bilder von verstorbenen Menschen, die in den verschiedenen Konzentrationslagern umgebracht worden sind. … Bei den Juden war der Zugriff die Religionszugehörigkeit, aufgrund der Lage der Religionslisten konnte man die Juden sehr schnell ergreifen. Das war bei den Sinti nicht möglich, deswegen hat man die Genealogien angelegt, bis zurück in das 16. Jahrhundert. Und da hat man dann Zuteilungen gemacht, also dass jetzt ein „Achtel-Zigeuner“ … Einer in den Wurzeln der Familie hat genügt, um die Familie, um die Menschen in die Vernichtungslager zur Ermordung zu bringen.

Und all das liegt 70 Jahre zurück. Wenn ich durch meine Heimatstadt laufe, laufe ich nicht mit dem Gedanken an den Holocaust herum. Ich bin Heidelberger, das ist mein Land und auf dieses Land erhebe ich Anspruch, weil wir seit 600 Jahren … Deutsche sind. Und diesen Anspruch gebe ich nicht auf. (langer Beifall) Wenn hier jemand zu gehen hat, dann sind es die Nazis (erneuter Beifall)

… Für mich ist in meinen Vorstellungen von Zeit die Nazi-Zeit so weit zurück wie Napoleon. Aber, die Erfahrung dieser Zeit, die dürfen wir nicht vergessen. Wir müssen sie bewahren, damit wir das, was wir wissen, heute in den Anfängen verhindern. Und wir sind heute wieder in einer Zeit, wo wir uns gegen die Anfänge wehren müssen. Und das ist nicht eine Aufgabe von Sinti, das ist eine Aufgabe von Demokratie und Rechtsstaat. Und da ist diese Gesellschaft, diese 82 Millionen von Deutschen aufgefordert. (Starker Beifall)

Wir müssen uns nur mal die Bilder des Zweiten Weltkriegs vor Augen halten, wir müssen Stalingrad sehen. Wir wollen keinen Krieg mehr, wir wollen Europa, wir wollen eine friedliche Gesellschaft. Und wir wollen für alle unsere Kinder eine Zukunft! (Starker Beifall)

Die Moderatorin zu Uta Horstmann: Du hast auf dem städtischen Wohnwagenplatz im Jugendamt gearbeitet in München. Was für ein Veränderungen gab es (sinngemäß:) nach dem Hungerstreik?

Uta Horstmann: Die erste Veränderung war eigentlich die nach dem Hungerstreik: Die Sinti, die vorher sich überhaupt nicht zugetraut haben, irgendetwas in der Öffentlichkeit großartig zu fordern oder so, die haben auf einmal Mut bekommen. Ihr Selbstbewusstsein ist geweckt worden und und sie haben für sich auch Forderungen gestellt. Das muss man wissen, auf dem städtischen Wohnwagenplatz waren am Anfang Blechwagen, Bau-Blechwagen. Das heißt, die Kinder hatten ja alle meist lange Haare, die froren im Winter an den Wänden fest. Und nach dem Hungerstreik hat sich das dann durch gemeinsame Aktivitäten, gemeinsame Forderungen verändert.

Es sind Holzhäuser gebaut worden, es ist ein Campingplatz gebaut worden, weil ja die privaten Campingplätze und zum Teil auch die städtischen Sinti und Roma abgelehnt haben, dass sie sich dorthin stellen. Also, der Hungerstreik ist nicht nur etwas gewesen, dass irgendwas vorbei war, sondern er hat ausgestrahlt auch in das tägliche Leben der Sinti und Roma.

Aus dem Programmheft zum Friedensfest 2016 der Stadt Augsburg: Schluchten – neue Nachbarn. Theatralischer Stadtspaziergang durch das ehemalige „Fischerholz“ in Augsburg-Oberhausen

 

Die Moderatorin richtet eine Frage an Marcella Reinhardt: Wie war das Leben in Augsburg? Du kennst die Geschichten aus München … von der Fürsorge der Stadt München für die Sinti und Roma, die dort gelebt haben. Wie war es in Augsburg, wie war‘s im Fischerholz? Es wurde gerade erwähnt: schwer bewaffnete Kontrollen. Was hast du noch erlebt, wie war deine Kindheit, wie war deine Jugend im Fischerholz?

Marcella Reinhardt: Ich war ja noch klein, also wie gesagt, ich habe bis zum sechsten Lebensjahr am Fischerholz gelebt. Dann ist man nach Oberhausen reingezogen. Und – ja gut –, diskriminiert wurde man ja eigentlich immer bis heute noch.

Die Moderatorin: Wir haben von Kontrollen gehört, Polizeikontrollen, hast du das noch erlebt?

Marcella Reinhardt: Natürlich, also das Fischerholz war ja für die Kriminaler sowas wie: Jetzt haben wir die Sintis im Netz … Sie haben natürlich ständig kontrolliert … Die Lage im Fischerholz war eigentlich menschenunwürdig, aber trotzdem war es für den Zusammenhalt der Sinti wichtig, dass sie ein Stammgebiet haben. Und nachdem sich das langsam aufgelöst hat, ging auch die Kultur verloren …

 

Veranstaltungsteilnehmer, darunter auch Rechtssprecher Alfred Friedrich, hören der Musik zu. Es spielt das Prinz Ensemble aus Memmingen teilweise zusammen mit dem Geiger Nico Franz, einem Neffen von Marcella Reinhardt













 









 

 

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1 David Libossek. „Das Augsburger Fischerholz: Leben in der Kloake der Stadt“. Stadtzeitung Augsburg online, 27. Juli 2016. http://www.stadtzeitung.de/augsburg-nordwest/lokales/das-augsburger-fischerholz-leben-in-der-kloake-der-stadt-d13158.html .

Bachmair, Angela. „Spurensuche im Fischerholz Sinti und Roma. Der theatrale Spaziergang ‚Schluchten – Neue Nachbarn‘ erschließt einen umstrittenen Stadtteil und erzählt Geschichten von praller Lebenslust und bitterer Armut“. Augsburger Allgemeine, 16. Juli 2016.

2 Feininger, Peter. „Sinti brechen das Schweigen. Gesprächsrunde mit dem Regionalverband Deutscher Sinti & Roma Augsburg/Schwaben in der Halle 116, einem ehemaligen KZ-Außenlager auf dem Sheridan-Gelände. Ausstellung: Überlebende sinti im Fischerholz“. Forum solidarisches und friedliches Augsburg, 3. August 2017. https://www.forumaugsburg.de/s_2kommunal/Stadtgeschichte/170803_sinti-brechen-das-schweigen/index.html .

3 tagesschau.de. „Bundestagswahl 2017: Umfragen Aussagen zu den Parteien. Infratest dimap“. tagesschau.de, 24. September 2017. https://www.tagesschau.de/wahl/archiv/2017-09-24-BT-DE/umfrage-aussagen.shtml .

4 Feininger, Peter. „Zu den Bundestagswahlen 2017 – Teil 1: Ein Fiasko für die Union, insbesondere auch für die CSU. Das Ergebnis für die CSU kommt nicht von ungefähr. Seit über 20 Jahren befindet sich die Partei in der Krise. Immer wieder ‚… haben die Bürger der CSU gezeigt, dass sie eben nicht identisch ist mit Bayern‘.“ Forum solidarisches und friedliches Augsburg, 25. Januar 2018. https://www.forumaugsburg.de/s_5region/Landespolitik/180125_bundestagswahl/index.html .

5 Die CSU verlor bei der Landtagswahl 2018 mit -10,5 Prozent der Zweitstimmenanteile ebenso viel wie bei der Bundestagswahl 2017. Sie landete aber bei der Landtagswahl mit 37,2 Prozent noch unter ihrem Bundestagswahl Ergebnis (38,8 Prozent). Das lag nicht nur an der AfD, die mit 10,2 Prozent der Landtag eroberte sondern auch an den Freien Wählern, die auf einen Schlag 11,6 Prozent holten.

Der Bundeswahlleiter. „Bundestagswahl 2017: Ergebnisse Bayern“, 2017. https://www.bundeswahlleiter.de/bundestagswahlen/2017/ergebnisse/bund-99/land-9.html .

„Landtagswahl in Bayern 2018“. In Wikipedia, 9. September 2021. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Landtagswahl_in_Bayern_2018 .

6 Feininger, Peter. „Kampagne gegen den AfD-Bundesparteitag in Augsburg, Teil 3: Das politische Dilemma Kurt Gribls: jede inhaltliche Kritik der AfD trifft auch die CSU. Beeindruckende Rede des Bündnisses für Menschenwürde auf der Hauptkundgebung“. Forum solidarisches und friedliches Augsburg, 19. Juli 2018. http://www.forumaugsburg.de/s_3themen/Antifa/180719_afd-bundesparteitag-3/index.htm#__RefHeading___Toc3891_3361237584 .

7 Stefan Krog. „AfD: Stadt versagt bei bezahlbarem Wohnraum. Politik Beim Neujahrsempfang kritisiert die Partei auch die Bundespolitik. 35 Demonstranten aus dem linken Spektrum protestieren. Anders als im Vorjahr kommt es aber zu keinen Störungen“. Augsburger Allgemeine, 20. Februar 2017.

8 Müller-Meiningen, Julius. „Sie töteten Amri: Warum die Polizisten keine Orden erhalten“. Augsburger Allgemeine, 14. Februar 2017. https://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Italien-Sie-toeteten-Amri-Warum-die-Polizisten-keine-Orden-erhalten-id40548846.html .

9 Stefanie Schoene. „Augsburger Sinti und Roma wollen das Schweigen brechen“. Augsburger Allgemeine, 19. Februar 2017.

10 Kristin Deibl. „Eine Stimme für Sinti und Roma: Augsburger Regionalverband hat große Pläne“. stadtzeitung.de, 15. Februar 2017. http://www.stadtzeitung.de/augsburg-city/politik/eine-stimme-fuer-sinti-und-roma-augsburger-regionalverband-hat-grosse-plaene-d21806.html .

11 „Regionalverband Deutscher Sinti und Roma Schwaben e.V.“ Zugegriffen 8. November 2021. https://marcella-reinhardt.de/ .

12 Pfeil, Martin. Marcella Reinhardt, Romani Rose und der Regionalverband Deutscher Sinti & Roma. Eröffnungsfeier zur Neugründung des Verbandes im Augsburger Rathaus am 17. Februar 2017, 2017. https://www.youtube.com/watch?time_continue=245&v=xVyJvbM3LrA .

13 Channel Welcome – Der Online-Kanal rund um die Themen Interkulturalität und Vielfalt mit aktuellen Filmbeiträgen  aus Augsburg, Bayern, Deutschland und der Welt. „Marcella Reinhardt, Romani Rose und der Regionalverband Deutscher Sinti & Roma“, 17. Februar 2017. https://www.channel-welcome.de/sendungen/beitraege/marcella-reinhardt-und-der-regionalverband-deutscher-sinti-undroma/ .

14 Thoma, Susanne. „Das ist mein Land, den Anspruch gebe ich nicht auf!“ a3kultur, 18. Februar 2017. http://a3kultur.de/positionen/mein-land-den-anspruch-gebe-ich-nicht .

15 Zentralrat Deutscher Sinti und Roma. „Regionalverband der Sinti und Roma in Augsburg feierlich eröffnet“, 22. Februar 2017. http://zentralrat.sintiundroma.de/regionalverband-in-augsburg-feierlich-eroeffnet/ .

16 Susanne Thoma, Das ist mein Land, a. a. O.

17 Helmut Hartmann wurde in Augsburg geboren und besuchte bis zur 6. Klasse ein Augsburger Gymnasium. Er musste dieses dann verlassen, weil seine Mutter aufgrund ihrer Abstammung als Jüdin galt. Eine Freundin, die bei der Gestapo arbeitete, strich ihren Namen von einer Liste zum Abtransport in ein Konzentrationslager. In der Nachkriegszeit begann Hartmann die Mitarbeit im väterlichen Papiergroßhandel. Er war Präsident des Landesverbandes des Bayerischen Groß- und Außenhandels. Hartmann wurde 1990 als Vertreter des Großhandels in den bayerischen Senat gewählt und war dort Mitglied bis 1995.

Im Jahr 1993 verkaufte er den Papiergroßhandel und widmete sich fortan gemeinsam mit seiner Frau Marianne breit gefächerten sozialen Aufgaben. Er setzte sich insbesondere für Toleranz und Verständigung zwischen unterschiedlichen Kulturen und Religionen ein und gründete u. a. das Forum Interkulturelles Leben und Lernen (kurz FILL). Aufgrund seines Engagements wurde Hartmann 2003 der Augsburger Friedenspreis verliehen. Im Jahr 1998 stiftete das Ehepaar Marianne und Helmut Hartmann den Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien. Dieser Preis wird jährlich von der Universität Augsburg gemeinsam mit der Stadt Augsburg und dem Augsburger „Forum Interkulturelles Leben und Lernen (FILL) e. V.“ verliehen.

Nach: https://dewiki.de/Lexikon/Helmut_Hartmann_(Unternehmer )

18 Ihre Mutter musste als Kind im KZ Leichen wegtragen, höre das erschütternde Interview : Bistum Eichstätt. „Ilona Roché - zum Völkermord an Sinti und Roma“, 22. November 2017. https://www.bistum-eichstaett.de/radiok1/sendungen-zum-nachhoeren/das-thema/detail/news/ilona-roche-zum-voelkermord-an-sinti-und-roma/ .

Siehe auch: donaukurier.de. „Ingolstadt: Die Verantwortung bleibt. Gedenken an ermordete Sinti und Roma im Luitpoldpark. Ingolstadt - Am internationalen Gedenktag für die von den Nationalsozialisten ermordeten Sinti und Roma ist am Sonntag auch in Ingolstadt an die Gräueltaten erinnert worden.“, 2. August 2020. https://www.donaukurier.de/lokales/ingolstadt/Die-Verantwortung-bleibt;art599,4648467 .

19 Alfred Friedrich aus Würzburg hatte die Funktion eines Rechtssprechers der Sinti und Roma. „Sein Wort war Gesetz!“ heißt es auf der Facebook-Seite des Regionalverbands Deutscher Sinti und Roma Schwaben e.V. zu seinem Tode am 14. November 2020. Näheres zu seiner Funktion bei: Mittler, Dietrich. „Sinti in Bayern: ‚Wer sich outet, hat Nachteile‘“. Süddeutsche.de, 10. August 2018. https://www.sueddeutsche.de/bayern/minderheit-unbekannte-nachbarn-1.4088880 .

20 Siehe Abbildung aus dem Kulturprogramm des Augsburger Friedensfestes 2016 in diesem Artikel

21 Siehe den Eintrag bei Wikipedia „Guido Schmidt (Richter)“. In Wikipedia, 28. Juni 2021. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Guido_Schmidt_(Richter ).

Über den Vorsitzenden Richter des IV. Senats des Bundesgerichtshofs, Guido Schmidt, und die Urteilsbegründung schreibt Wikipedia:

Schmidt war als Vorsitzender Richter des IV. Senats an den Urteilen vom 7. Januar 1956 (IV ZR 211/55 und IV ZR 273/55)[2] beteiligt, in denen NS-Unrecht gegen Sinti und Roma im Zeitraum von 1940 bis 1943 gerechtfertigt wurde und das als Beispiel für fortgesetzte nationalsozialistische bzw. rassistische Denkweise in der bundesdeutschen Justiz angeführt wird.

„Da die Zigeuner sich in weitem Maße einer Seßhaftmachung und damit der Anpassung an die seßhafte Bevölkerung widersetzt haben, gelten sie als asozial. Sie neigen, wie die Erfahrung zeigt, zur Kriminalität, besonders zu Diebstählen und Betrügereien, es fehlen ihnen vielfach die sittlichen Antriebe der Achtung vor fremdem Eigentum, weil ihnen wie primitiven Urmenschen ein ungehemmter Okkupationstrieb eigen ist […]. Sie wurden deshalb allgemein von der Bevölkerung als Landplage empfunden. Das hat die Staatsgewalt, wie schon erwähnt, veranlasst, gegen sie vorbeugende Sondermaßnahmen zu ergreifen und sie auch in ihrer Freiheit besonderen Beschränkungen zu unterwerfen. ... zur Bekämpfung der Zigeunerplage ...“

– Bundesgerichtshof, BGH, 4. Zivilsenat, Urteil vom 7. Januar 1956

Die BGH-Präsidentin Bettina Limperg sprach 2015 in Bezug auf diese Urteile von „unvertretbarer Rechtsprechung (...) für die man sich nur schämen könne“.


   
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