Wichtige Stationen seit der Gründung des Regionalverbands Deutscher Sinti & Roma Schwaben e. V. im Jahr 2016, Teil 2

Marcella Reinhardt: „… dass auch die Mitbürger wissen, wie viele Sinti eigentlich hier gelebt haben, die diese ganze Schreckenszeit überlebt haben“

Tafel „Zum Gedenken an alle deutschen Augsburger Sinti und Roma, die Opfer des Nationalsozialismus geworden sind“ im Nordfriedhof, April 2018

19.8.2022

Ein historisches Ereignis, das viel zu spät stattfand
Der Widmungstext von Santino Spinelli wurde bewußt gewählt
Vertrag zwischen dem Freistaat Bayern und dem Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Bayern e. V.
Erschütternde Anmerkungen von Marcella Reinhardt an den Gräbern
Grußwort von Pfarrer Hoffmann-Richter aus Ulm
Anhang
Pressemitteilung: Einladung zum Gedenken an die Augsburger Sinti und Roma. Anbringung einer Gedenktafel auf dem Nordfriedhof

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Auf einer Feier des Regionalverbands Deutscher Sinti & Roma Schwaben e.V. wurde am 25. April 2018 auf dem Nordfriedhof der Augsburger Sinti und gedacht, die Opfer des Nationalsozialismus geworden waren. Dazu wurde erstmals feierlich eine Gedenktafel angebracht. Rund 80 Familiengräber der verfolgten Minderheit finden sich auf dem Nordfriedhof, da er dem Fischerholz am nächsten liegt, wo viele Sinti in der Nachkriegszeit wohnten. Im Namen der Stadt lud Referent Reiner Erben, zuständig auch für das Friedhofswesen, zur Gedenkfeier ein.

Ein historisches Ereignis, das viel zu spät stattfand

Es war ein historischer Moment, zu dem 50 Personen gekommen waren. Erstmals konnten die Augsburger Sinti und Roma, die den Völkermord überlebt hatten, und ihre Nachkommen in dieser Stadt ihrer Opfer und ihrer Verfolgung als Minderheit öffentlich gedenken. Es ist beschämend und skandalös, dass dies erst jetzt nach über 70 Jahren offiziell stattfinden konnte. Es ist auch beschämend, dass aus dem Stadtrat lediglich einige Mitglieder der Grünen-Fraktion und Peter Grab teilnahmen. Es hinterlässt auch keinen guten Eindruck, dass sich keine(r) der drei BürgermeisterInnen oder etwa der Kulturreferent sehen ließen. Noch beschämender, ja untragbar, ist, dass die Kirchen der Veranstaltung auswichen – mit Ausnahme eines evangelischen Pfarrers, der die Gedenktafel weihte.

Wichtig war die Teilnahme von Claudia Roth als Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags und bekanntermaßen engagiert in der Sinti und Roma-Solidarität. Sie stellte fest, dass vor 74 Jahren, im August 1944, die Ermordung der noch lebenden Sinti und Roma-Häftlinge in Auschwitz eingesetzt habe mit der sogenannten „Auflösung des Zigeunerlagers“. Dennoch sei es den Nazis nicht gelungen, die Sinti und Roma als Volksgruppe, ihre Sprache, ihre Kultur auszurotten. Die Gedenktafel bedeute für die einen, in Frieden zu ruhen, für die Lebenden aber ein Leben in Frieden. Die Tafel sei auch eine Mahnung, Gesicht zu zeigen gegen jede Form von Ausgrenzung, gegen jede Form von Diskriminierung, gegen jede Form von Hass und Gewalt – dies alles Symptome eines virulenten Antiziganismus in unserer Gesellschaft. Wir müssten dahin kommen, dass sie sagen können: Wir sind stolz, dass wir Sinti sind, wir sind stolz, dass wir Roma sind, in dieser Stadt, in diesem Land.

Granittafel, die die Stadt Augsburg auf Initiative des Regionalverbands Deutscher Sinti & Roma Schwaben e.V. anfertigen ließ. Sie wurde am 25. April 2018 an der Leichenhalle des Nordfriedhofs feierlich angebracht

Marcella Reinhardt, die Vorsitzende des 2016 gegründeten schwäbischen Regionalverbands der Sinti & Roma, betonte die eminent wichtige Bedeutung der Gedenktafel, „dass auch die Mitbürger wissen, wie viele Sinti eigentlich hier gelebt haben, die diese ganze Schreckenszeit überlebt haben, und natürlich dann auch hier beerdigt worden sind.“

Elias Prinz (Django-Jazzgitarre) und Nico Franz (Geige) gaben der Feier einen bezaubernden musikalischen Rahmen und machten damit nochmal klar, was die brutalen, verbrecherischen deutschen Dumpfbacken von Nazis vergeblich kulturell auszulöschen suchten. Siehe zum Beispiel Elias Prinz. Elias Prinz Swingtett & Nico Franz MINOR SWING, 2016. https://www.youtube.com/watch?v=RjxuVswhjlg oder Czardas https://www.youtube.com/watch?v=IxSXQ3YAV_8

 

Der Widmungstext von Santino Spinelli wurde bewußt gewählt

Das Gedicht von Santino Spinelli auf der Gedenktafel stammt vom Brunnenrand des Denkmal s für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas in Berlin, das 2012 fertiggestellt wurde ( 1 ). Es trägt im Original den Titel „Auschwitz“. Santino Spinelli ist ein italienischer Rom, Musiker und Hochschullehrer.

Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas
Widmungstext auf dem Berliner Brunnenrand im Wortlaut:

Gedicht von Santino Spinelli

(der Titel ‚Auschwitz‘ wird auf dem Rand nicht genannt)

 

Eingefallenes Gesicht

erloschene Augen

kalte Lippen

Stille

ein zerrissenes Herz

ohne Atem

ohne Worte

keine Tränen.


Pallid face

dead eyes

cold lips

Silence

a broken heart

without breath

without words

no tears.

Bei Wikipedia erfährt man: „Im Oktober 2018 wurde im Parco delle Memorie der italienischen Stadt Lanciano ebenfalls ein Denkmal zur Erinnerung an den Völkermard an den Roma und Sinti eingeweiht. Auch in dessen Fuß ist Spinellis Gedicht Auschwitz eingraviert. Lanciano war damit die erste Stadt Italiens und nach Berlin die zweite in Europa, die ein Denkmal zur Erinnerung an die Vernichtung der Roma und Sinti errichtet hat.“ ( 2 )

Santino Spinelli ist auch ein fantastischer Musiker ( 3 ), aber auch Autor, Kulturwissenschaftler und politisch engagiert in Verbänden der Roma. Wikipedia schreibt: „Santino Spinelli ist Akkordeonspieler, Sänger, Komponist und vermittelt mit seiner Gruppe Alexian die Kultur der Roma auf Konzertreisen im gesamten geschichtlichen Verbreitungsgebiet der Roma, vom Punjab bis in die französische Camargue.

2001 wurde er als einziger Vertreter Italiens ins Parlament der International Romani Union gewählt. Er ist Gründer und Präsident der Kulturorganisation Romano Them (Welt der Roma), die Festivals veranstaltet. Spinelli war auch Gründungsmitglied des internationalen Verbands der Roma-Schriftstellerinnen und -Schriftsteller 2002 in Helsinki. Seit 2002 ist Spinelli Inhaber eines Lehrstuhls für Sprache und Kultur der Roma an der Universität Triest. Er gilt als erster Roma Europas, der eine solche hohe Position an einer Universität erlangte.“

2013 erschien ein wichtiges Buch von ihm, dessen italienischer Titel ins Deutsche übersetzt lautet: „Roma, freie Menschen. Geschichte, Kunst und Kultur eines missverstandenen Volkes“ ( 4 ). Im Cover heißt es:

„Das Volk der Roma war schon immer Gegenstand von Misstrauen und Schikanen, Verfolgung und Völkermord (man denke nur an die 500 000 von den Nazis massakrierten Roma und Sinti) und ist eine der ältesten, dynamischsten und tief verwurzelten Minderheiten auf dem Alten Kontinent. Doch wir wissen nichts über sie, angefangen bei der Tatsache, dass wir Roma als Synonym für Zigeuner verwenden, obwohl sie in Wirklichkeit eine der fünf ethnischen Gruppen (neben Sinti, Kale, Manouches und Romanichals) sind, die die Roma-Bevölkerung ausmachen. Zum ersten Mal bietet uns ein italienischer Roma-Wissenschaftler eine umfassende Geschichte dieses Volkes, von den ursprünglichen Migrationen bis zur heutigen Situation, die ihre Kultur und sozialen Werte, künstlerischen Ausdrucksformen und politischen Organisationen umfasst.“

Heuer legte Spinelli ganz aktuell ein umfassendes Werk vor, dessen Titel ins Deutsche übersetzt lautet: „Die geleugneten Wahrheiten. Geschichte, Kultur und Traditionen der Roma-Bevölkerung.“ ( 5 ) Eine Beschreibung des Buches lautet etwas dunkel aber spannend ( 6 ):

„‚ Die geleugneten Wahrheiten‘ ist eine faszinierende und schmerzhafte Reise in die innerste Kultur eines Volkes – der Roma/Romnija, Sinti, Calé/Kale, Manouches und Romanichals –, das zu den am meisten gequälten gehört und in seinen Rechten als Minderheit am wenigsten unterstützt wurde. Es handelt sich nicht um eine einfache enzyklopädische Sammlung, sondern um ein Geschenk, das das die vergleichende Arbeit am letzten und schwierigsten Vorurteil über eine Bevölkerung mit einer sehr alten Geschichte ermöglicht. Spinellis Werk ist doppelt interessant, weil es auch einen großen Einblick in das Thema Wissen gewährt. Wir wissen nämlich, dass das ‚Andere von sich selbst‘ ohne Kenntnis leicht zu einer Gefahr wird: Der Autor lädt uns ein, die enorme Menge an Positivem, Bereicherung und Anreizen – kulturell, sozial, wirtschaftlich, musikalisch und politisch – zu schätzen, die die Welt der Roma in sich trägt.“

 

Vertrag zwischen dem Freistaat Bayern und dem Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Bayern e. V.

Das Medienecho war verhalten, aber von Seiten Andrea Baumanns (Augsburger Allgemeine) und des Bayerischen Rundfunks sehr engagiert. ( 7 )

Als wichtiger Repräsentant der jüdischen Gemeinde kam Josef Strzegowski. Der Hauptredner, Pfarrer Dr. Andreas Hoffmann-Richter aus Ulm, kam auf Einladung des Regionalverbands der Sinti und Roma. Er wurde nicht etwa von den Spitzen der Augsburger evangelischen oder katholischen Kirche beordert – Gott bewahre. Der bayerische Historiker, Osteuropaforscher und Autor Robert Schlickewitz schrieb unlängst in einem Artikel „Sinti und Roma – Die Schuld der Kirchen“ bei Hagalil ( 8 ):

„Während die beiden deutschen Kirchen sich bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Sinti und Roma gegenüber in erster Linie abweisend, gleichgültig oder passiv verhalten, bzw. ihren Beistand und ihre Barmherzigkeit von Bedingungen abhängig gemacht hatten, luden sie während der zwölf Jahre, die das ‚Dritte Reich‘ währte, passiv und aktiv Schuld auf sich. Diese Schuld ist in ihrer Schwere nicht wiedergutzumachen, sie ist unsühnbar und untilgbar, sie entzieht beiden christlichen Kirchen in Deutschland jedwede Glaubwürdigkeit…“

Diese Kirchen machen bis heute kaum Anstalten, ihre Position zu korrigieren, ja – ihre Verbrechen im Dritten Reich überhaupt zu thematisieren und zu reflektieren. Pfarrer Hoffmann-Richter k ritisierte dies in seiner Rede in aller Schonungslosigkeit . Er ist Beauftragter der Evangelischen Landeskirche in Württemberg für die Zusammenarbeit mit Sinti und Roma ( 9 ). Der Diskriminierung von Sinti und Roma wird in Baden-Württemberg auf politischer Ebene seit 2013 entgegengewirkt: Als erstes Bundesland unterzeichnete es einen Staatsvertrag ( 10 ). Wohl auf dieser Basis gelang es Andreas Hoffmann-Richter, zu erreichen, dass sein Buch Antiziganismus, Ideen für den Religionsunterricht Baden-Württemberg übernächstes Schuljahr Pflicht wird in der neunten Klasse aller Schularten in Baden-Württemberg. In Bayern scheint man davon noch weit entfernt, wie auch aus der Chronik von Robert Schlickewitz „Sinti, Roma und Bayern“, die 2008 endet, in empörenden Fakten hervorgeht ( 11 ).

Jetzt hat die bayerische Staatsregierung im Februar dieses Jahres, knapp drei Jahre nach einem einstimmigen Beschluss des bayerischen Landtags, einen Vertrag mit dem Landesverband Deutscher Sinti und Roma abgeschlossen. Allerdings ist dieser Vertrag aber nach Angaben der Staatskanzlei rein formell kein Staatsvertrag. Mit dem Vertrag sollten Geschichtsbewusstsein sowie Aufklärung und Förderung der Toleranz gegenüber Minderheiten in den Mittelpunkt gerückt werden, heißt es in den Medien ( 12 ). Auch die Augsburger Allgemeine hebt ausdrücklich, gestützt auf eine dpa-Meldung, hervor: „Für den Freistaat unterzeichnete am Dienstag in München Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) die Vereinbarung, die rein formell nach Angaben der Staatskanzlei kein Staatsvertrag ist.“ ( 13 )

Was die Medien leider nicht erwähnen, ist, dass es sich dabei scheinbar um eine reine Formalie handelt. Die bayerische Staatskanzlei vertritt den Standpunkt, Staatsverträge würden nur zwischen Staaten geschlossen. Der Vertrag mit dem Verband der Sinti und Roma sei inhaltlich ebenbürtig und werde rechtlich korrekt als „Vertrag in staatsvertraglicher Form“ bezeichnet – so teilte es uns die bayerische Staatskanzlei telefonisch mit.

Der Antrag der Bayerischen Staatsregierung auf Zustimmung zum Vertrag zwischen dem Freistaat Bayern und dem Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Bayern e. V. vom 23. Februar 2018 wurde am 6. Juni des gleichen Jahres vom Landtag angenommen ( 14 ). Hier einige wichtige Auszüge aus dem Vertrag:

  • Die bestehende enge Zusammenarbeit zwischen dem Freistaat und dem Landesverband soll im Sinne von Geschichtsbewusstsein, Aufklärung und Förderung der Toleranz gegenüber Minderheiten fortgesetzt und intensiviert werden. Bei der Regelung von Angelegenheiten, die die in Bayern lebenden Sinti und Roma besonders betreffen, wird der Landesverband angehört.

  • Der Freistaat und der Landesverband arbeiten weiterhin gemeinsam an dem Ziel, der Diskriminierung von Angehörigen der Minderheit auf allen Gebieten des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens effizient und effektiv entgegenzuwirken und das friedvolle Zusammenleben unter Achtung der ethnischen, kulturellen und sprachlichen Identität der nationalen Minderheit zu fördern. …

  • Der Freistaat fördert die Erinnerung an die Geschichte der deutschen Sinti und Roma, insbesondere an die Verfolgung der Minderheit und den systematischen Völkermord durch die Nationalsozialisten. Neben der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden ist der Völkermord an den Sinti und Roma das zweite große genozidale Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands.

  • Der Freistaat unterstützt schulische und außerschulische Initiativen und Projekte zur Erinnerung an die Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma. …

  • Der Freistaat erkennt ausdrücklich an, dass die in Bayern lebenden deutschen Sinti und Roma als eine seit jeher in Deutschland beheimatete nationale Minderheit unter dem besonderen Schutz des Rahmenübereinkommens des Europarats zum Schutz nationaler Minderheiten stehen. …

  • In dem Bewusstsein, dass das von deutschen Sinti und Roma verwendete Romanes als Minderheitensprache im Sinne von Teil II der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen anerkannt ist, bekräftigt der Freistaat auch die mit dieser Charta eingegangenen Verpflichtungen. Auf dieser Grundlage schützt und fördert der Freistaat den Erhalt von Romanes als Teil unseres kulturellen Reichtums. …

  • Der Freistaat unterstützt die Arbeit des Landesverbands mit 474.700 Euro im Jahr. Hierin eingeschlossen sind die bisherige institutionelle Förderung der Geschäftsstelle des Landesverbands und die zweckgebundenen Mittel für Gebühren für in Bayern befindliche Grabstätten holocaustüberlebender Sinti und Roma. Die bisherigen freiwilligen Leistungen des Freistaates erhalten mit diesem Vertrag eine rechtlich verbindliche Grundlage als Ausdruck der besonderen Wertschätzung der Arbeit des Landesverbands für die Belange der nationalen Minderheit. …

Der bayerische Vorsitzende des Verbandes der Sinti und Roma würdigt e die Vereinbarung uneingeschränkt ( 15 ):

„Erich Schneeberger, Vorsitzender des Verbands Deutscher Sinti und Roma – Landesverband Bayern: ‚Die nun auf staatsvertraglicher Ebene abgeschlossene Vereinbarung zwischen der Bayerischen Staatsregierung und unserem Landesverband ist für uns von zentraler Bedeutung und hat für die kommenden Jahre wesentlichen Einfluss auf die anzustrebende Gleichstellung sowie den Erhalt unserer Kultur und Tradition. Wir begrüßen es sehr, dass mit dem Abschluss des Vertrags die bisherigen freiwilligen Leistungen des Freistaats eine rechtlich verbindliche Grundlage erhalten und in ihrer Höhe nun den tatsächlichen Erfordernissen angepasst wurden. Ich danke der Bayerischen Staatsregierung und dem Bayerischen Landtag für die Unterstützung bei diesem wichtigen Anliegen.‘“

Erschütternde Anmerkungen von Marcella Reinhardt an den Gräbern

Marcella Reinhardt sprach an den Gräbern der Sinti auf dem Nordfriedhof: „Das ist das Grab meiner Eltern, Robert und Rosa Herzenberger, die beide die Schreckenszeit miterlebt haben. Der Vater meines Vaters, Josef Herzenberger, wurde in Auschwitz grausam ermordet. Wir haben ihn zum Gedenken mit eingravieren lassen, weil er für uns ja doch in unserem Herzen bleibt. Neben dran ist Leonhard Blach. Er war in Dachau und Auschwitz und Bergen-Belsen, hat die Schreckenszeit erlebt und durfte 90 Jahre alt werden. Hinten ist die Schwester meines Vaters, Frau Maria Gross mit ihrem Mann, die damals als Jugendliche zwangssterilisiert wurde, Zwangsarbeit leisten musste und bis 1945 auf Flucht war. Dort ist Herr Oskar Klimkeit, ein Onkel von mir, der in Auschwitz war, und wirklich „Glück gehabt hat“, dass er dem Ganzen nochmal entkommen ist. Er verlor seine Familie, Geschwister in Auschwitz. Meine Großmutter, die viele Jahre auf Flucht war, musste miterleben, dass ihre Geschwister in Auschwitz ermordet wurden. Hier haben wir die Familie Franz und Familie Weinrich. Frau Katharina Weinrich verlor zwei Kinder, ihren Mann und ihre Familie in Auschwitz. Herr Willi Franz, der Bruder meines Vaters, auch er war Verfolgter des Holocausts und musste miterleben, wie die Geschwister vergast und verbrannt worden sind. …“

Marcella Reinhardt resümierte, es gebe keine Familie, die nicht von der NS-Verfolgung betroffen war.

Grußwort von Pfarrer Hoffmann-Richter aus Ulm

Die bayerischen Kirchen scheinen überhaupt nicht aus ihrer Deckung herauszukommen. Die Rolle von Kirchen – insbesondere der evangelischen Kirchen und ihrer Vertreter und Vertreterinnen – stelle ein großes Desiderat (dringend nötig; Red.) in der Antiziganismusforschung und den Romani Studies dar, stellte der Zentralrat Deutscher Sinti & Roma unlängst fest. Ein von ihm in Auftrag gegebenes Gutachten zum Forschungsstand „Protestantismus und Antiziganismus“ liegt inzwischen vor ( 16 ).

Pfarrer Hoffmann-Richter aus Ulm, der die Hauptrede hielt, stellt da ein große Ausnahme dar. Wir dokumentieren im Folgenden die erschütternde Rede von Pfarrer Hoffmann-Richter, die er uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Er sprach auf Einladung des Regionalverbands der Sinti und Roma.

Grußwort bei der Enthüllung des Denkmals auf dem Nordfriedhof Augsburg für die hier bestatteten Überlebenden des Völkermords an den deutschen Sinti und Roma

Andreas Hoffmann-Richter, Augsburg, 24.05.2018

Als Mitglied der Sinti und Roma-Solidarität der Kirchen in Deutschland nehme ich an dieser Stelle Bezug auf die Rolle der Kirchen bei der Verfolgung der Sinti und Roma und ihrer Abweisung nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Kirchen prägen ja immer noch ein Stück weit die Einstellung der Menschen mit und sind Bildungsträger.

Lange vor der Zeit des Nationalsozialismus verbreitete sich eine rassistische Vorstellung von den Sinti als eines Volkes mit anderem Blut und erblicher Prägung. Solche völkischen Vorstellungen verbreiteten sich auch in den Kirchen bis hin zu Liedern im Gesangbuch.

Die Kirchen beteiligten sich schon seit Jahrhunderten bei der Verbreitung der Vorurteile, seit Martin Luther auch die Evangelische Kirche, und halfen sogar bei der Vorbereitung des Völkermordes mit, indem sie zum Beispiel mit ganz wenigen Ausnahmen den Rasseforschern für ihre vorbereitenden Gutachten die Kirchenbücher zur Verfügung stellten.

In den meisten Fällen schwiegen dann die Kirchen zur Deportation und Ermordung ihrer Kirchenmitglieder der Sinti und Roma.

In Fällen von einigen Heimen und Internaten mit Kindern der Sinti lieferten Mitarbeiter Kinder sogar direkt zum Abtransport nach Auschwitz aus oder begleiteten den Transport ein Stück weit zum reibungsloseren Ablauf.

Erst eine Minderheit der Kirchengemeinden hat in den letzten Jahren Gedenkstätten für die Ermordeten der eigenen Kirchengemeinde errichtet oder gedenkt jährlich der ermordeten Sinti der Gemeinde in einem Gedenkgottesdienst.

Daher ist es gut, dass an diesem Ort, an dem die Besucher von Trauerfeiern vorbeikommen, die Menschen aufmerksam gemacht werden auf diese Geschichte der Stigmatisierung, Ausgrenzung und Verfolgung.

Mit dem nationalsozialistischen „Blutschutz-Gesetz“ („Nürnberger Gesetze“) und dem „Ehe-Gesundheits-Gesetz“ (beide September 1935) wurden die Sinti und Roma dann als sogenannte „Artfremde“ gesellschaftlich ausgegrenzt. Die „Rassenhygienische und bevölkerungs-biologische Forschungsstelle“ erhielt den Auftrag, Sinti und Roma administrativ zu erfassen; dies bildete eine Voraussetzung für ihre systematische Vernichtung.

Der „Zigeuner-Runderlass“ (1938), der die „Zigeunerfrage aus dem Wesen der Rasse heraus“ in Angriff nehmen sollte, formalisierte die Verfolgungspolitik und wies in eine bereits auf Vernichtung zielende Richtung. Zur Vorbereitung des Völkermords erstellten dann u.a. das „Rassehygienische Forschungsinstitut“, das „Rasse- und Siedlungsamt der SS“ und das „Ahnenerbe e. V.“ auf der Grundlage bestimmter (pseudowissenschaftlicher) Klassifikationen Gutachten über Personen und Familiengruppen.

Auf diese Vorbereitung folgte Deportation und Ermordung von – nach Schätzungen – etwa 500 000 Sinti und Roma. Viele starben in Sammellagern an Hunger, Krankheit, oder Erschöpfung, andere wurden in den seit 1940 von deutschen Truppen besetzten und dem Zugriff der SS ausgesetzten Ländern Europas ermordet oder in die Konzentrations- und Vernichtungslager in Polen verschleppt und getötet; bei anderen wurden Sterilisationen vorgenommen.

Nach Schätzungen kehrten nur etwa 10 Prozent der Deportierten aus den KZs zurück. Viele von diesen litten nicht nur unter den körperlichen Folgen der Gewalt, sondern trugen eine Traumatisierung mit sich, zu deren Überwindung sie nicht nur keine Hilfe erhielten, sondern lange Jahre wurde ihnen auch jede Anerkennung und Entschädigung versagt.

Die Rückkehrer aus den Konzentrationslagern und andere überlebende Sinti und Roma wurden bei der Verteilung von Wohnraum nach dem Z weiten Weltkrieg zunächst in der Regel abgewiesen.

Als sie nach zehn Jahren immer noch lebten, wurden ihnen am Rand der Städte, oft neben Kiesgruben und Müllabfuhrplätzen, städtische ausrangierte Wagen und Container oder Baracken zugeteilt oder vermietet.

Die ungebremste allgemeine Vorurteilshaltung wirkte sich aus in Form von Mobbing in der Schule. Das ehemalige Schulverbot der Nazizeit wirkte nun darin nach, dass bildungsferne Eltern ihre gemobbten Kinder zu Hause behielten und die Schulen hier entweder Stillschweigen übten oder die Kinder in den ersten Nachkriegsjahrzehnten gleich in die Sonderschule einwiesen.

Wer es sich leisten konnte, zog aus den Wohngebieten der Sinti weg. Viele Sinti outeten sich nicht mehr. Zurück blieben oft die Sozialhilfeempfänger, was die Mehrheit wiederum nutzte, ihr Klischee zu erneuern.

Bis in die 1980er Jahre gab es eine ethnische Sondererfassung bei der Polizei. Die Klischees wirken sich bis heute aus bei Ämtern und in der öffentlichen Verwaltung. Wo sich Sinti und Roma outen, erleben sie oft Diskriminierung, besonders elementar in den Bereichen Bildung, Arbeit, auf dem Wohnungsmarkt und im Gesundheitswesen.

Dies Denkmal würdigt die Menschen, die darunter litten und leiden und mahnt uns damit heute. Es möge zum Anstoß für eine Veränderung in Richtung Menschenachtung und einer warmen Atmosphäre guten Zusammenlebens werden.

Peter Feininger, 9.11.2021

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Wird fortgesetzt

alle Teile finden sich auf

kommunales/Stadtgeschichte https://www.forumaugsburg.de/s_2kommunal/Stadtgeschichte/index.htm


Anhang



Marcella Reinhardt

Weiherweg 4

86368 Gersthofen

Tel. 0175 15 88306


Pressemitteilung: Einladung zum Gedenken an die Augsburger Sinti und Roma. Anbringung einer Gedenktafel auf dem Nordfriedhof

Es wird allen Augsburger Sinti und Roma gedacht, die Opfer des Nationalsozialismus geworden sind und auf dem Nordfriedhof ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Im Rahmen einer kleinen Gedenkfeier wird eine Gedenktafel angebracht, von der wir unten eine Entwurfsskizze wiedergeben.

Der Nordfriedhof ist dem Fischerholz am nächsten gelegen, es gibt dort an die 100 Gräber von Sinti, Roma und Reisenden. Darunter mindestens 45 Menschen, die im Faschismus verfolgt wurden, aber damals überlebt haben: Robert und Rosa Herzenberger, Katharina Weinrich, Willi Franz, Bertold und Leopoldine Brand, Wilhelm und Maria Gross, Leonhard Blach, Alfred und Brigitte Blum, Hildegard und Rolf Steinberger, Wilhelm, Jakob und Franziska Lehmann, Josef, Robert und Maria Reinhardt, Juzefa Roy, und viele mehr.

Dieser NS-Verfolgten der Gruppe der Sinti und Roma in ihrer Gesamtheit wird in dieser Stadt wohl erstmals gedacht. Der neu gegründete Regionalverband Deutscher Sinti und Roma Augsburg und Schwaben beabsichtigt neben einem würdigen Gedenken zwei wichtige Dinge, denen sich die Augsburger Stadtgesellschaft ebenfalls vorbehaltlos anschließen sollte: „In Augsburg darf es in Zukunft keinen Platz für Diskriminierungen geben. Unrecht muss benannt werden, damit es uns berührt.“

Insofern ist es wichtig und erfreulich, dass die Stadt Augsburg die Gedenkfeier organisiert und Umweltreferent Reiner Erben, der auch für das Friedhofswesen zuständig ist, einlädt.

Donnerstag, 24. Mai 2018

11.00 Uhr Leichenhalle auf dem Nordfriedhof, Talweg 2

Der städtische Umweltreferent Reiner Erben lädt alle interessierten Bürgerinnen und Bürger sowie die Vertreter der Medien ein

Musik: Nico Franz (Geige) und Elias Prinz (Jazzgitarre)

Zum Ablauf:

1. Musikalische Begrüßung

2. Begrüßung durch Umweltreferent Reiner Erben und Präsentation der Gedenktafel

3. Musikalisches Zwischenstück

4. Dankesworte durch Frau Marcella Reinhardt vom Regionalverband der Sinti und Roma. Meikel Weinrich (12 Jahre) wird die Namen der hier ruhenden Sinti und Roma verlesen

5. Musikalisches Zwischenstück

6. Grußworte durch Frau Claudia Roth, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages

7. Rede Pfarrer Andreas Hoffmann-Richter (Ulm)

8. Musikalischer Abschluss

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1 „Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas“. Bundesregierung, 2012. https://www.bundesregierung.de/Content/DE/StatischeSeiten/Breg/BKM/2012-10-11-denkmal-fuer-die-ermordeten-sinti-und-roma-gedicht.html .

2 „Santino Spinelli“. In Wikipedia, 27. November 2020. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Santino_Spinelli .

3 demiranis. Alexian Santino Spinelli and Alexian Group 13/16 Oci Ciornie Musica nelle Aie 2009 - Castel Raniero, 2009. https://www.youtube.com/watch?v=JDsr42jiOpw .

4 Spinelli, Santino (2013): Rom genti libere. Storia, arte e culotura di un popolo misconosciuto - Roma, freie Menschen. Geschichte, Kunst und Kultur eines missverstandenen Volkes. 289 S. Baldini+Castoldi.

5 Spinelli, Santino (2021): Le verità negate. Storia, cultura e tradizioni della popolazione romaní - Die geleugneten Wahrheiten. Geschichte, Kultur und Traditionen der Roma-Bevölkerung. Meltemi.

6 Eigenen Übersetzung. „Le verità negate. Storia, cultura e tradizioni della popolazione romaní - Santino Spinelli - Libro - Meltemi - Linee | IBS“, 2021. https://www.ibs.it/verita-negate-storia-cultura-tradizioni-libro-santino-spinelli/e/9788855194105 .

7 atv. „Denkmal auf dem Nordfriedhof, Einweihung, Video“. Regionalverband Deutscher Sinti & Roma Schwaben e.V., 24. Mai 2018. https://marcella-reinhardt.de/denkmal.html .

Baumann, Andrea. „Wo Sinti und Roma ihre letzte Ruhe finden“. Augsburger Allgemeine, 24. Mai 2018. https://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/Wo-Sinti-und-Roma-ihre-letzte-Ruhe-finden-id51211421.html .

Günther Rehm. „Gedenktafel auf dem Nordfriedhof: Augsburg erinnert an den NS-Völkermord an Sinti und Roma“. Bayerischer Rundfunk, 24. Mai 2018. https://www.br.de/nachrichten/schwaben/inhalt/augsburg-erinnert-an-ns-voelkermord-an-sinti-und-roma-100.html .

Torsten Thierbach. „Erinnerung und Mahnung: Gedenktafel für Sinti und Roma im Augsburger Nordfriedhof enthüllt“. Bayerischer Rundfunk, 24. Mai 2018. https://www.br.de/nachrichten/schwaben/inhalt/gedenktafel-fuer-sinti-und-roma-im-augsburger-nordfriedhof-enthuellt-100.html .

8 Robert Schlickewitz. „Sinti und Roma – Die Schuld der Kirchen“. haGalil (blog), 14. September 2017. http://www.hagalil.com/2017/09/schuld-der-kirchen/ .

9 „Beauftragter für die Zusammenarbeit mit Sinti und Roma | Dienst für Mission, Ökumene und Entwicklung“, 8. April 2016. https://www.dimoe.de/team/beauftragter-fuer-die-zusammenarbeit-mit-sinti-und-roma/ .

Andreas Hoffmann-Richter. „Vorgeschichte des AK Sinti/Roma und Kirchen in Baden-Württemberg. Nachschrift eines mündlichen Berichts von Andreas Hoffmann-Richter im WAW-AK Ostasien vom 17.06.2013 in Ulm-Wiblingen“, Juni 2013. http://www.sintiroma.org/index.php/arbeitskreis/arbeitskreis-in-baden-wuerttemberg/9-vorgeschichte-des-ak-sinti-roma-und-kirchen-in-baden-wuerttemberg .

10 Für politische Bildung Baden-Württemberg lpb. „Handeln gegen Antiziganismus! Staatsvertrag, Handlungsstrategien und Forschung“. Gedenkstätten in Baden-Württemberg, 2013. https://www.gedenkstaetten-bw.de/antiziganismus_handeln.html .

11 Robert Schlickewitz. Sinti, Roma und Bayern, 2008. http://www.sintiromabayern.de/die-chronik-online/ .

Wichtig auch: Robert Schlickewitz. „Für die Chronik Sinti, Roma und Bayern herangezogene Literatur“. Sinti, Roma und Bayern (blog), 2008. http://www.sintiromabayern.de/literatur/ .

12 „‚Historisches Zeichen‘: Seehofer (CSU) unterzeichnet Vertrag zwischen Bayern und Sinti und Roma“. https://www.merkur.de, 20. Februar 2018. https://www.merkur.de/politik/historisches-zeichen-seehofer-csu-unterzeichnet-vertrag-zwischen-bayern-und-sinti-und-roma-zr-9630400.html .

13 „Seehofer unterzeichnet Vertrag mit Sinti und Roma“. Augsburger Allgemeine, 20. Februar 2018. https://www.augsburger-allgemeine.de/bayern/Seehofer-unterzeichnet-Vertrag-mit-Sinti-und-Roma-id44275156.html .

14 Antrag der Bayerischen Staatsregierung auf Zustimmung zum Vertrag zwischen dem Freistaat Bayern und dem Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Bayern e. V., 23.2.2018, Bayerische Landtag Drucksache 17/20900 http://www1.bayern.landtag.de/www/ElanTextAblage_WP17/Drucksachen/Basisdrucksachen/
0000014000/0000014124.pdf

15 „Vertrag mit dem Landesverband Bayern der Deutschen Sinti und Roma unterzeichnet“. Kultusministerium Bayern, Februar 2018. https://www.km.bayern.de/ministerium/meldung/5760/vertrag-mit-dem-landesverband-bayern-der-deutschen-sinti-und-roma-unterzeichnet.html .

Siehe auch die Würdigung des Vertrages auf der Homepage des Landesverbandes: Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Bayern e. V. „Bayerischer Landtag stimmt Staatsvertrag zwischen dem Freistaat Bayern und dem Verband Deutscher Sinti und Roma – Landesverband Bayern zu, Pressemitteilung“, 6. Juni 2018. https://www.sinti-roma-bayern.de/download/Pressemitteilung_20180606.pdf .

16 Verena Meier. „Gutachten zum Forschungsstand ‚Protestantismus und Antiziganismus‘ im Auftrag des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma“. Zentralrat Deutscher Sinti & Roma, 25. September 2017. http://zentralrat.sintiundroma.de/gutachten-zum-forschungsstand-protestantismus-und-antiziganismus/ .


   
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