Wir veröffentlichen hier nachträglich zwei Artikel über die Ukrainekindernothilfe Augsburg, die 2015 geschrieben wurden, aber leider liegen blieben. Das Makabre ist, dass die traumatisierten Kinder, die damals nach Augsburg gebracht wurden, ausgerechnet aus Mariupol stammten. Der heiße politische Anlass der beiden Artikel und wahrscheinlich auch des Antransports der Kinder war der angesagte Besuch Vitali Klitschkos in der Stadt. Eine Fortsetzung der medial begleiteten Kindertransporte aus der Ukraine in die Augsburger Region fand unseres Wissens nur noch einmal im Jahr 2016 statt. Verantwortlich dafür dürften auch ausbleibende Spenden gewesen sein für die Kosten von 1200 € pro Kind. Auch waren es sowohl die Betreuer als auch die Kinder wahrscheinlich leid, den Stress einer An- und Abreise über so große Distanz für nur eine Woche auf sich zu nehmen – und das vermutlich doch nur für Propagandazwecke. Ein Vergleich der politischen Situation von damals und heute könnte ganz spannend sein. Das wollen wir aber unseren Leser_innen überlassen. 26.4.2022 Red.


Benefizveranstaltung der UkraineKinderHilfe Augsburg, Teil 1

Wie ist die Lage im Donbass, welche Aussichten haben die Kinder?

„Messengers of Peace“ kooperiert oder muss kooperieren mit der berüchtigten USAID

4.6.2015

Eine Benefizveranstaltung zugunsten von Kindern, die durch den Krieg im Osten der Ukraine zu Schaden kamen
Wie ist die Lage im Donbass, welche Aussichten haben die Kinder?
Die Menschen im Donbass versuchen dennoch ihr Leben zu organisieren
„Messengers of Peace“ kooperiert oder muss kooperieren mit der berüchtigten USAID

zur Druckversion  

Die angekündigte Einladung Vitali Klitschkos zu einer Benefizveranstaltung der UkraineKinderHilfe Augsburg am 1. Juni hat uns etwas aufgeschreckt. Klitschko, der Bürgermeister von Kiew, ist dann nicht gekommen, aber der ukrainische Generalkonsul Vadym Kostiuk aus München war da. In einem 2-teiligen Artikel wollen wir uns mit diesem Vorgang und seinen Hintergründen befassen. Zentral ist natürlich das Schicksal der Kinder und die Hilfe und Unterstützung für sie. Es ist aber sonnenklar, dass es dabei nicht nur um medizinische Aspekte und Kinderpsychologie gehen kann. Wir wollen auch der Frage nachgehen: Wie ist die Lage im Donbass, welche Aussichten haben die kriegsbeschädigten Kinder, die von dort kommen? Und wir wollen uns auch mit der Partnerorganisation der UkraineKinderHilfe Augsburg in Kiew befassen, die sich Messengers of Peace nennt und u. a. mit der berüchtigten USAID kooperiert oder kooperieren muss.

Ausgehend von dem politischen Eklat, den ein Besuch Klitschkos in Osnabrück im Februar auslöste, wollen wir uns im zweiten Teil mit den Fragen befassen: Wer hat den Boxer in der Politik installiert, welche Rolle spielt(e) Klitschko in der ukrainischen Politik? Was hätte sich Kurt Gribl von einem gemeinsamen Auftritt mit Klitschko versprochen? Immerhin hat Klitschko auf dem Maidan zusammen mit dem Vorsitzenden der rechtsextremen Swoboda, Tjahnybok, gemeinsame Sache gemacht und arbeitet jetzt als Bürgermeister von Kiew mit dem Polizeichef von Kiew, Wadim Trojan, einem bekannten Rechtsradikalen, zusammen. Quasi stellvertretend für Klitschko missbrauchte dann der Generalkonsul der Ukraine in einem Interview mit a.tv die Benefizveranstaltung für Kriegspropaganda und der Forderung nach militärischer Unterstützung. Hier wäre eigentlich schon Stefan Kiefer als Bürgermeister gefragt, sich gegen ein solches Ansinnen des ukrainischen Konsuls zu verwahren. An diesem Artikel haben sieben Leute mitgewirkt, darunter auch sehr kooperativ die Vereinsvorsitzende UkraineKinderHilfe Augsburg. Allen sei an dieser Stelle gedankt.

Eine Benefizveranstaltung zugunsten von Kindern, die durch den Krieg im Osten der Ukraine zu Schaden kamen

Am 1. Juni wäre Augsburg beinahe von Vitali Klitschko heimgesucht worden. Jedenfalls war er eingeladen und zusammen mit Oberbürgermeister Kurt Gribl angekündigt für eine Benefizveranstaltung des Vereins UkraineKinderHilfe Augsburg (UKH). „Unter den Gästen und Rednern werden neben Vitali Klitschko und Dr. Kurt Gribl zudem auch Frau Kovreva (Leiterin der Partnerorganisation «Messengers of Peace» in Kiew) und Herr Vadym Kostiuk (Generalkonsul der Ukraine in München) herzlichst begrüßt“, hieß es auf der Homepage des Vereins UKH vor der Veranstaltung. ( 1 )

Laut Elena Larina, der Leiterin des Vereins UkraineKinderHilfe Augsburg (UKH), stamme die Idee, Klitschko einzuladen, von ihr, denn er habe ein Herz für Kinder. Die Einladung Klitschkos selbst sei aber über den Oberbürgermeister gelaufen. Nachdem Klitschko nun nicht kam, kam der OB offensichtlich auch nicht. Es kamen aber Stefan Kiefer, Sozialreferent und Dritter Bürgermeister, sowie der Generalkonsul der Ukraine, Vadym Kostiuk, aus München. Vitali Klitschko, der Bürgermeister von Kiew, schickte ein Grußwort ( 2 ) und ließ signierte Boxhandschuhe überreichen. Beides brachte Kateryna Kovreva direkt aus Kiew mit, wo sie die Partnerorganisation von UKH „Messengers of Peace“ leitet und ein Kinderheim betreibt.

Im August werden in Augsburg 20 kriegstraumatisierte und behinderte Kinder einschließlich ihrer Betreuer zur Therapie erwartet. Zehn von ihnen stammen aus dem Kiewer Heim, die anderen zehn kommen laut Elena Larina aus Mariupol. Mariupol ist eine Stadt mit rund 470.000 Einwohnern und liegt im Südosten der Ukraine am Rande der Volksrepublik Donezk auf von Kiew kontrolliertem Gebiet. Die Vorsitzende des Vereins UKH sagte uns ausdrücklich, es würden bewusst Kinder von beiden Seiten der Bürgerkriegsparteien behandelt und im Geiste der Versöhnung gearbeitet.

Die beschädigten Kinder brauchen jede erdenkliche Hilfe – das ist klar. Dazu ist es auch wichtig, zu klären, wie und wieso die Kinder in einen Krieg geraten sind. Vor allem aber ist es auch wichtig, die jetzige Situation und Entwicklung in den Regionen Donezk, Luhansk und Dnipropetrowsk im Osten der Ukraine zu kennen. Also, welche Aussichten haben die Kinder (und ihre Eltern) aus dem ukrainischen Teil des Donbass, welche Aussichten haben sie in ihrer Heimat?

Elena Larina, die Vorsitzende des Vereins UkraineKinderHilfe UHK Augsburg, sagte zu atv: „Wir möchten die [Kinder] hier einladen, dass sie diese Erinnerungen vergessen und wieder mal lachen können. Der Gedanke war, dass vielleicht die Augsburger damit dann auch sehen und darüber [nach]denken, dass so eine Situation nicht weit weg von Europa, von Deutschland ist.“ Das ist sicher richtig, die Kinder müssen ihre Erinnerungen vergessen, soweit man Erinnerungen eben vergessen kann. Und sie müssen und wollen diese Erinnerungen nach und nach verarbeiten, wie sie es zum Beispiel in ihren Zeichnungen tun. Und der Verein UHK soll, wie es die Vorsitzende formuliert, die Augsburger zum Sehen und Denken bringen, dass und warum der Krieg nicht weit weg von Deutschland stattfindet.

Deswegen stellen wir zunächst im folgenden einige aktuelle Berichte und Analysen aus dem Donbass zusammen und versuchen dabei, einen Schwerpunkt auf Mariupol zu legen, von wo wohl die meisten Kinder herkommen.

Benefizveranstaltung der UkraineKinderHilfe UKH Augsburg am 1.6.2015 im Innenhof des Maximilianmuseums. Von links: Elena Larina, Vorsitzende der UKH Augsburg, Stefan Kiefer, Sozialreferent und dritter Bürgermeister, Vadym Kostiuk, Generalkonsul der Ukraine (München)

 

Wie ist die Lage im Donbass, welche Aussichten haben die Kinder?

Die Aussicht, dass sich die Lage in Mariupol bessert, ist getrübt. Als es im April 2014 so aussah, als würde der Aufstand im Donbass auch auf Mariupol übergreifen, Demonstranten das Rathaus mit roten Fahnen besetzten und ein Referendum über die weitere Zugehörigkeit zur Ukraine forderten, antwortete Kiew mit Gewalt. Ukrainische Panzer drangen Anfang Mai in die Stadt ein, Truppen aus der soeben aus Maidan-Kräften gebildeten Nationalgarde stürmten die besetzten Gebäude, mindestens 30 Menschen wurden getötet, Innenminister Awakow rühmte sich der Liquidierung mehrerer Dutzend Menschen. ( 3 ) Diese Informationen stammen übrigens von Reinhard Lauterbach, einem Fachautor der jungen Welt, der bei den Osnabrücker Friedensgesprächen von Rot-Grün ausdrücklich aufs Podium geholt wurde, um ein Gegengewicht zu dem ebenfalls anwesenden Vitali Klitschko zu haben. Darauf kommen wir noch weiter unten.

Martin Dolzer, Abgeordneter der Linksfraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft, der im Mai mit einer Delegation in die Volksrepubliken Donezk und Lugansk reiste und auch Spenden in ein Kinderheim in Swerdlowsk brachte, berichtet ( 4 ):

Es ist absehbar, dass die Regierung in Kiew den Krieg erneut eskalieren will. Präsident Petro Poroschenko äußerte sich mehrfach in diese Richtung, Gefechte finden an mehreren Orten nahe Donezk und der offiziell demilitarisierten Zone statt. Und wieder wird um die Stadt Mariupol gekämpft. Der in Minsk vereinbarte Abzug schwerer Waffen wurde von der ukrainischen Armee und dem faschistischen Freikorpsbataillon »Asow« nicht umgesetzt. »Minsk II wird von Kiew genutzt, um sich auf eine große Offensive vorzubereiten«, ist immer wieder zu hören. In Mariupol und Umgebung, vor allem im Ort Schirokino, ist offenbar jetzt schon geplant, die militärische Überlegenheit über die Verbände der DNR zu erlangen. Ein solches Vorhaben war Anfang des Jahres bei Donezk und im Kessel von Debalzewo gescheitert.

Diese Einschätzung bestätigen auch die beiden Fachautoren Ralf Rudolph und Uwe Markus, die aktuell das Buch Kriegsherd Ukraine geschrieben haben. ( 5 ) Der Rake­ten­tech­niker und Oberst a. D. Rudolph und der Soziologe Markus berichten über Beschuss und Zerstörungen verschiedener Orte und Bezirke Ende April. Dabei operierten nicht nur reguläre ukrainischer Truppen, sondern vor allem auch rechtsextreme, nicht vom Kiewer Armeekommando kontrollierte Freikorpsbataillone. Die Autoren schreiben ( 6 ):

Nach Angaben ukrainischer Militärs waren und sind diese begrenzten Operationen insbesondere bei Mariupol vor allem für die Moral der eigenen Truppen wichtig. Man will durch Einzelerfolge aus dem durch die Niederlage bei Debalzewe verursachten Motivationstief herauskommen. So sollen offenbar die Soldaten mental für eine neue Großoffensive im Osten fit gemacht werden. Kiew braucht angesichts zunehmender wirtschaftlicher und politischer Schwierigkeiten dringend Siegesmeldungen von der Front. …

Für Experten ist jedoch längst klar, dass diese Region ein Gebiet ist, über das der ukrainische Staat und seine Streitkräfte immer weniger Kontrolle haben. Zugleich ist gerade deshalb die militärische Instabilität hier besonders hoch. Beide Konfliktparteien richten sich offenbar auf eine Intensivierung der Kampfhandlungen ein. Während US-Geheimdienste vor einem möglichen Angriff der Donezker Volksmilizen auf die Hafenstadt Mariupol warnen, verweisen letztere auf den ständigen Einsatz schwerer Waffen durch die ukrainischen Kräfte, der eindeutig den Festlegungen von Minsk II widerspricht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Volksmilizen dieser militärische Bedrohung der Zivilbevölkerung und der eigenen Truppen begegnen werden. In der Südostukraine stehen also die Zeichen weiter auf Destabilisierung. …

Dass die Ukraine sich für einen erneuten Waffengang in Stellung bringt und bemüht ist, möglichst kurzfristig die Armee und die Nationalgarde für eine solche Operation zu ertüchtigen, wird auch durch andere Indikatoren bestätigt. So wurden am 20. April 290 Soldaten der 173. US-Luftlandebrigade (173. Airborne Brigade Combat Team) aus Italien und des 91. Kavallerieregiments der US-Armee (Fallschirmjäger, die im oberpfälzischen Grafenwöhr stationiert sind) zu Ausbildungszwecken in die Ukraine verlegt. Poroschenko und der Vizepräsident der USA, Joseph Biden, hatten das Abkommen über die Ausbildung der ukrainischen Truppen durch die US-Armee beim letztem Besuch Bidens in Kiew ausgehandelt. …

Es sind zum Teil Spezialeinheiten, die von den westlichen Militärs für zukünftige Kampfeinsätze gedrillt werden sollen. So handelt es sich beispielsweise beim sogenannten Omega-Bataillon um eine Scharfschützentruppe, die zur 1994 gegründeten Sondereinheit »Bars« des Innenministeriums gehört. Die Einheit »Jaguar« ist ebenfalls eine Sondereinsatzkompanie der Truppen der inneren Sicherheit, die der Nationalgarde zugeordnet wurden.

Insbesondere die Teilnahme des »Asow«-Bataillons an den Ausbildungsmaßnahmen der NATO erhellt den politischen Zweck der Veranstaltung und verweist auf die Skrupellosigkeit westlicher Politiker und Militärs: Diese Truppe besteht aus mehr als 1.000 Mann. Sie wurde von dem bekennenden Nationalsozialisten Andreij Bilezkij gegründet und politisch konditioniert. Die Einheit wurde im Bürgerkrieg bislang vor allem durch eine besonders grausame Kampfführung und Übergriffe auf Zivilisten auffällig. Diese Leute werden nun durch westliche Militärs und mit westlichen Geldern dazu befähigt, ihre politischen Ziele mit militärischen Mitteln zu erreichen. Im Bataillon »Asow« kämpfen auch über einhundert Westeuropäer. Sie kommen unter anderem aus Deutschland, Schweden, Großbritannien, Kroatien oder der Schweiz. Die NATO sorgt mit der Ausbildung dieser Faschisten direkt für eine Stärkung des rechten Terrorpotentials in Westeuropa. …

Die Freikorpsbataillone werden immer mehr zum politischen Unsicherheitsfaktor, der trotz Integration in die Nationalgarde durch die ukrainische Regierung kaum noch zu kontrollieren ist. Diese zumeist offen faschistisch und antirussisch eingestellten Einheiten, die auf seiten Kiews in der Ostukraine an vorderster Front im Einsatz sind, begingen und begehen zahllose Kriegsverbrechen, Entführungen von Zivilisten, Folterexzesse und Exekutionen, während ihr Präsident die Öffentlichkeit glauben machen will, dass die Ukraine für die Durchsetzung westlicher Werte kämpfe. …

Dass der Westen auf ehemals sowjetischem Staatsgebiet nunmehr offen militärisches Training für Gruppierungen ermöglicht, die sich unter anderem in der Tradition der Waffen-SS sehen, ist insbesondere 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine an Zynismus kaum zu überbietende politische Provokation. Beobachter werten den Ukraine-Einsatz von NATO-Militärs als neue Stufe des Stellvertreterkrieges gegen Russland. …

Und angesichts einer solchen Rückendeckung aus dem Westen schlägt die ukrainische Führung wieder harschere Töne an: So erklärte Poroschenko am 30. April 2014 in einem Interview für den ukrainischen Sender STB: »Der Krieg endet dann, wenn sich die Ukraine den Donbass und die Krim zurückgeholt hat.« Die Aussage belegt, dass die Minsker Vereinbarung für Kiew offenbar nur eine militärische Atempause bringen soll.

Aktuell kann man der jungen Welt die folgende Notiz entnehmen: „Die regelmäßigen Berichte der OSZE-Beobachtungsmission verzeichnen allerdings in den letzten Tagen eine wachsende Zahl von Verletzungen des Minsker Waffenstillstandsabkommens durch Kiewer Truppen. So sei bei einem Beschuss der Ortschaft Telmanowe nordöstlich von Mariupol durch ukrainische Raketenwerfer ein vierjähriger Junge in seinem Elternhaus getötet worden. Die Berichte zitieren auch Ärzte in Donezk, die über viele Dutzend Patienten berichten, die mit Granatsplitterwunden in die Krankenhäuser eingeliefert würden. Dort würden einige Arzneimittel inzwischen knapp.

Präsident Petro Poroschenko hat unterdessen dem von ihm selbst einge­ setzten Gouverneur des von Kiew kon trollierten Teils der Region Donezk, General Alexander Kichtenko, die Entlassung angekündigt. Der Grund ist offenbar, dass Kichtenko zu nachgiebig gegenüber den »Volksrepubliken« auftritt.“ ( 7 )

Insgesamt also keine guten Aussichten für die Kinder im Osten der Ukraine, solange der Krieg anhält.

Die Menschen im Donbass versuchen dennoch ihr Leben zu organisieren

Nachdem die Menschen im Osten der Ukraine die Volksrepublik Donezk (DNR) und die Volksrepublik Lugansk (LNR) proklamiert haben, hat die prowestliche Führung in Kiew die Region mit Krieg überzogen. Dennoch versuchen die Menschen im Donbass ihr Leben zu organisieren, haben Schlüsselsektoren wie Banken, Energieunternehmen, Kohlebergbau und Metallindustrie unter die Verwaltung der Volksrepubliken gestellt und Teile der Landwirtschaft kollektiviert. Der Hamburger Abgeordnete Martin Dolzer berichtet ( 8 ):

Bildung, ein funktionierendes Sozialsystem und das respektvolle Zusammenleben aller Bevölkerungs- und Religionsgruppen seien zentrale Anliegen der angestrebten Gesellschaftsgestaltung, so Minister Sawenko. Ein antifaschistischer Grundkonsens sei die Grundlage. Sechs der 17 Ministerien der DNR sind von Frauen besetzt, darunter die Ressorts Wirtschaft, Finanzen, Justiz sowie Soziales und Arbeit. Auch in den bewaffneten Einheiten gibt es Kämpferinnen und Kommandantinnen.

Wegen der Blockadepolitik Kiews, der EU und des monatelangen Krieges sind normale wirtschaftliche Beziehungen, außer – eingeschränkt – denen zu Russland, für die eigentlich reiche Region nicht realisierbar. In der DNR mangelt es deshalb an wesentlichen Artikeln der Grundversorgung. Probleme bestehen auch bei der Zahlung von Pensionen und Gehältern im öffentlichen Dienst. Trotz alledem organisieren die Menschen Kultur- und Sportveranstaltungen und haben teil am politischen Leben.

Solche Dinge, von unschätzbarer Wichtigkeit für die Menschen im Donbass, tauchen hierzulande in den Medien nicht auf. Sie sind aber auch unglaublich wichtig, um die Perspektiven der Kinder zu beurteilen. Uns stellt sich nicht nur die Frage, warum die Kinder im Osten der Ukraine in diese Lage gekommen sind, sondern auch die Frage, warum man ihnen in der Ukraine nicht hilft oder nicht helfen kann?

Wie wir oben gehört haben, haben in der Regierung der Ukraine Kriegstreiber das Sagen. Poroschenko mobilisiert alles für den Krieg, also ist für die Kinder als Opfer des Krieges kein Geld da, oder zu wenig Geld da und wahrscheinlich auch gar kein Geld vorgesehen. Auf dem Onlineportal whatson-kiev.com erfährt man, dass in der 3 Millionen-Stadt Kiew nicht nur kriegsbeschädigte Kinder nichts zu lachen haben, sondern Behinderte generell. ( 9 ) Ein behinderter Mann kommt dort zu Wort: „Wir bekommen gar nichts. Die Regierung kümmert sich nicht um uns, wir sind ein Dreck für sie.“ In diesem Artikel kommt auch Kateryna Kovreva zu Wort, die die Lage in Kiew für ihr Rehabilitationszentrum als „trostlos“ bezeichnet, dennoch soll es möglich sein, alle erforderlichen Therapien für behinderte Kinder anzubieten. Ob das nur aus staatlichen Mitteln oder auch aus anderen Quellen erfolgt, bleibt in diesem Artikel offen.

„Messengers of Peace“ kooperiert oder muss kooperieren mit der berüchtigten USAID

Jedenfalls arbeitet „Messengers of Peace“ auch mit anderen NGOs zusammen und auch mit der gewaltigen US-Agentur USAID. ( 10 ) United States Agency for International Development USAID mit Sitz in Washington koordiniert die gesamten Aktivitäten der Außenpolitik der Vereinigten Staaten im Bereich der sogenannten Entwicklungszusammenarbeit. Zu diesem Bereich zählen Wirtschaftswachstum, Landwirtschaft und Handel, Gesundheitspolitik, Demokratie und Stärkung der Zivilgesellschaft, Privatisierung des öffentlichen Sektors[und auf globale Marktöffnung zielende Reformen, Katastrophenhilfe und – vor allem in Lateinamerika – durch die Verbrechens- und Drogenbekämpfung („combatting the drug trade“) und Schaffung „sicherer Zonen“. Eines der Hauptzielgebiete im Bereich der „Transformationsländer Europas und Eurasien“ ist die Ukraine.

USAID unterliegt direkt den Weisungen des US-Außenministeriums und ist berüchtigt dafür, mehr im R egime Change engagiert zu sein als in Hilfe und Entwicklungsarbeit . So wurde schon für die sechziger und siebziger Jahre bekannt, dass die CIA mithilfe der Office of Public Safty (OPS ), einer damaligen Abteilung von USAID, repressive Polizeikräfte in Südamerika und Asien ausbildete, wozu auch die Folterlehre und Folterforschung in Südvietnam zählte.

Das Budget von USAID beträgt jährlich über 20 Milliarden US-Dollar. Ein großer Teil davon steht gar nicht für Entwicklungsarbeit und Hilfe zur Verfügung, sondern fließt an den Mitarbeiterstab und große Repräsentanzen. Der Buy American Act schreibt vor, dass die amerikanische Auslandhilfe vorzugsweise zum Kauf von Gütern und Dienstleistungen führen soll, die in den USA her- bzw. bereitgestellt wurden. US-Transportfirmen sollen die Hilfe ausliefern, auch technische Hilfe habe durch US-Experten zu erfolgen.

Seit 1992 konzentriert sich USAID stark auf die Ukraine und pumpt e Milliardenbeträge in das Land, um die private Wirtschaft zu fördern. Dies lief über den Western NIS Enterprise Fund, der von USAID finanziert und dessen Einlagen von der privaten Horizon Capital verwaltet wurde n. Horizon Capital wurde von der Investmentbanker Natalija Jaresko 2006 gegründet und geleitet, „einer seit 1992 für das US-Außenministerium in der Ukraine tätigen Expat“. Expatriarte oder kurz Expat wird in der Wirtschaft eine Fachkraft genannt, die von dem international tätigen Unternehmen, bei dem sie beschäftigt ist, vorübergehend – meist für ein bis drei Jahre – an eine ausländische Zweigstelle entsandt wird. ( 11 ) E s ist schon vielsagend, wenn ein solcher Ausdruck wie „Expat“ für eine Managerin verwendet wird, die im Auftrag des US-Außenministeriums in der Ukraine tätig ist. Hier wird die Ukraine oder die ukrainisch e Privatwirtschaft zur „Zweigstelle“ des State Department.

Just diese Natalija Jaresko wurde am 2. Dezember 2014 zur Finanzministerin der Putschregierung der Ukraine ernannt und erhielt am gleichen Tag die ukrainische Staatsbürgerschaft. ( 12 )

Wikipedia schreibt ferner über das Wirken von USAID in der Ukraine ( 13 ):

Die Washington Post berichtete bereits 2004 über eine massive Einflussnahme von USAID und Eurasia Foundation auf die Wahlen in der Ukraine. 2006 stellte USAid die Wählerlisten für die Parlamentswahl zusammen, förderte Ableger der Pora!-Partei sowie die Jugendorganisationen der nationalistischen Parteien und mehrere regierungskritische Medien. Die Empfänger der Zuwendungen wurden jedoch verschleiert bzw. erst mit großer zeitlicher Verzögerung offen gelegt. Dazu gehörte auch die Stiftung Open Ukraine von Arsenij Jazenjuk.

Im Rahmen des bis 2016 laufenden FAIR-Programms soll die Professionalität der ukrainischen Justiz gestärkt werden; dabei unterstützt USAID auch die Vorbereitung von Gesetzesentwürfen und Regulierungen durch die private Chemonics International, Inc.

USAID war also 2004 an der sogenannten Orangen Revolution in der Ukraine beteiligt, um den westlich orientierten Präsidentschaftskandidaten Wiktor Juschtschenko durchzusetzen gegen Wiktor Janukowytsch. Als dieser dann in den Wahlen 2010 Juschtschenko als neuer Präsident ablöste, wurde mit verschiedene m Personal der Maidan putsch vorbereitet. Dass dann ausgerechnet Jazenjuk Präsident wurde, an dessen Stiftung schon seit Jahren im Geheimen Gelder von USAID flossen, muss nicht verwundern. ( 14 ) Inzwischen bereitet USAID sogar Gesetzentwürfe vor, regiert also quasi mit, und beeinflusst die Justiz.

Peter Feininger, 11.6.2015

wird fortgesetzt

zur Druckversion  

 

1 http://www.ukh-augsburg.de/aktionen/19-grosse-benefizveranstaltung-der-ukrainekinderhilfe-augsburg-ukha-zugunsten-der-kriegstraumatisierten-kinder-aus-der-ukraine.html

2 Das Grußwort von Vitali Klitschko findet sich in einem Brief vom 29. Mai und ist inzwischen auf der Homepage des Vereins UKH veröffentlicht http://www.ukh-augsburg.de/

3 Reinhard Lauterbach. „Ohne Rücksicht auf Verluste. Bei der Rückeroberung von Mariupol durch die Ukraine kamen vor einem Jahr Dutzende Menschen ums Leben“. junge Welt, 30. April 2015. http://www.jungewelt.de/2015/04-30/019.php .

4 Martin Dolzer. „Angst vor neuer Eskalation. Besuch in den Volksrepubliken Donezk und Lugansk: Im Osten der Ukraine versucht die Bevölkerung den zivilen Alltag nach monatelangem Krieg zu organisieren“. junge Welt, 27. Mai 2015. http://www.jungewelt.de/2015/05-27/025.php .

5 Rudolph, Ralf, und Uwe Markus. Kriegsherd Ukraine. Berlin: PHALANX, 2015.

6 Ralf Rudolph, und Uwe Markus. „Faschistentrainer. Das Minsker Abkommen über einen Waffenstillstand in der Ukraine ist brüchig, in der Gegend um Mariupol wird gekämpft. Derweil versorgen die USA Kiew mit militärischem Gerät und entsenden Ausbilder. Davon profitieren auch extrem rechte Freikorpsbataillone“. junge Welt, 8. Mai 2015. http://www.jungewelt.de/2015/05-08/010.php .

7 Junge Welt 8.6.2015, S. 1

8 Martin Dolzer, a. a. O.

9 Continuing my journey to uncover the truth about our city's attitude to the disabled, I found a man in one of the underpasses along Khreshchatyk who had lost a leg to frostbite in Germany during WWII. He stood with his crutches on the platform in the middle of the stairway, begging for money. When I asked him if he received any aid from the government he said, “We don't get anything. The government doesn't care about us, we are [spits] to them.” …

Through our mother, I was lucky enough to meet Kateryna Kovreva, head of charitable organisation and rehabilitation centre, Messenger of Peace. She took me around the centre and as we walked it became very clear how badly it was in need of renovations. “I know it's dreary,” she told me. “Unfortunately, we don't have the funds to decorate the place, add a bit of light and colour.” The organisation is, in fact, government-funded. But like any charity, there is never enough to do everything. Nevertheless, providing all manner of necessary therapies, such as massage, as well as an onsite psychologist, it is a beacon of light for families with disabled children.

Eigene Übersetzung: Auf der Suche nach der Wahrheit über die Einstellung unserer Stadt zu Behinderten fand ich in einer der Unterführungen am Chreschtschatyk einen Mann, der im Zweiten Weltkrieg in Deutschland ein Bein durch Erfrierungen verloren hatte. Er stand mit seinen Krücken auf dem Bahnsteig in der Mitte der Treppe und bettelte um Geld. Als ich ihn fragte, ob er Hilfe von der Regierung erhalte, sagte er: „Wir bekommen nichts. Die Regierung kümmert sich nicht um uns, für sie sind wir [Spucke].“ ... Durch unsere Mutter hatte ich das Glück, Kateryna Kovreva, die Leiterin der Wohltätigkeitsorganisation und des Rehabilitationszentrums Messenger of Peace, kennen zu lernen. Sie führte mich durch das Zentrum, und bei unserem Rundgang wurde deutlich, wie dringend renovierungsbedürftig es ist. „Ich weiß, es ist trostlos“, sagte sie mir. „Leider haben wir nicht die Mittel, um den Ort zu dekorieren und ein wenig Licht und Farbe hineinzubringen.“ Die Organisation wird in der Tat von der Regierung finanziert. Aber wie bei jeder Wohltätigkeitsorganisation reicht das Geld nie aus, um alles zu tun. Dennoch ist die Einrichtung, die alle notwendigen Therapien wie Massagen und einen Psychologen vor Ort anbietet, ein Leuchtturm für Familien mit behinderten Kindern.

Aus: „What's On Kiev | News | Legs, Canes and Wheelchairs“, 13. Juli 2012. http://www.whatson-kiev.com/?go=News&in=view&id=12592 .

10 PR und effiziente Pressearbeit („Kommunikation mit den Massenmedien“)

Zwei Tage, vom 28. bis 29. April, dauerte das Training in Lviv für die Mitgliedsorganisationen der Allukrainischen Vereinigung („Koalition“) für Reproduktive Gesundheit und Familienplanung, deren Mitglied auch die internationale Hilfsorganisation „Messenger of Peace“ ist. Dabei wurde eine gemeinsame Informations- und Werbekampagne für die Woche der Familienplanung entwickelt.

Die Veranstaltung wurde von Vertretern von fast drei Dutzend NGOs aus der ganzen Ukraine besucht, um Erfahrungen auszutauschen und die Professionalität in der Öffentlichkeitsarbeit und in effizienter Kommunikation zu erhöhen und ebenso, um in der Woche der Familienplanung Aktionen durchzuführen.

Das Training ist eine gemeinsame Initiative der Mitglieder der Vereinigung („Koalition“) und fand im Rahmen des Projektes „Reproduktive Gesundheit in der Ukraine“ statt, das die Stiftung „Frauengesundheit und Familienplanung“ durchführt und von der US-Agentur für Internationale Entwicklung, USAID, unterstützt wird.

Eigene Übersetzung aus dem Ukrainischen nach „Messenger of Peace“ http://poslanets-miru.org/ua/novosti-2/novosti-3/item/24-pr-ta-efektyvni-komunikatsii-zi-smi

11 http://de.wikipedia.org/wiki/Expatriate

12 s. „United States Agency for International Development USAID“. Wikipedia, 17. Mai 2015. http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=United_States_Agency_for_International_Development .

13 Ebd.

14 s. z.B. die Hinweise in „The murderous history of USAID, the US Government agency behind Cuba's fake Twitter clone“. PandoDaily, 8. April 2014. http://pando.com/2014/04/08/the-murderous-history-of-usaid-the-us-government-agency-behind-cubas-fake-twitter-clone/ . und speziell die massive Vorbereitung und Beeinflussung des Maidanputsches durch USAID im Verein mit dem Milliardär Pierre Omidyar 28, Mark Ames On February, und 2014. „Pierre Omidyar co-funded Ukraine revolution groups with US government, documents show“. PandoDaily, 28. Februar 2014. http://pando.com/2014/02/28/pierre-omidyar-co-funded-ukraine-revolution-groups-with-us-government-documents-show/ .



   
nach oben