Eske Bockelmann rechnet in seinem neuen Buch
mit den modernen Geldmärchen ab

„Das Geld. Was es ist, das uns beherrscht.“

„Ich weiß kein größeres Grauen“

12.5.2020

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Bockelmanns Buch hat durch die sogenannte Corona-Pandemie unerwartete Aktualität erlangt. Geld soll uns helfen, aus dem Corona-Schlamassel zu kommen, so allenthalben die Forderung von links bis rechts. Geld als Allheilmittel gegen jedwede Krise, ob medizinisch, ökologisch, ökonomisch, politisch oder sozial. Geld heilt alle Wunden. Bockelmann nimmt aber weder Stellung zur aktuellen Krise, noch äußert er sich zu modernen Geldtheorien oder gibt einen Kommentar zu den unüberschaubaren Geldinterventionen von Zentralbanken oder den Anweisungen aus den Finanzministerien. Bockelmann kommt in seinem Buch viel grundsätzlicher auf Geld zu sprechen. Und zwar auf die Rolle des Geldes in der modernen kapitalistischen Warengesellschaft. Und ob es Geld in vormodernen Zeiten schon gegeben haben kann. Das Buch ist auf jeden Fall lesenswert, auch wenn man am Ende mit den Ergebnissen nicht übereinstimmen sollte. Bockelmann will nicht das Geld oder seine Anwendung „verbessern“ oder modifizieren, er will keinen Hubschrauber losschicken, um unser Geldsystem zu retten oder sonst irgendwelche Notbremsen einbauen, die dem Geldsystem nochmals Aufschub verschaffen. Er will das Geld abschaffen. Aber nicht einfach das Geld, sondern das „Geldsystem“, das er für den Kernreaktor der kapitalistischen Entwicklung hält und das eine selbstzweckhafte Eigendynamik entwickelt habe. Mit der Abschaffung dieses Kerns müsste auch das dazugehörige System weichen, von dem er sagt: „Ich weiß kein größeres Grauen.“

Die ersten 199 600 Jahre der Menschheit

Bockelmann geht von etwa 200000 Jahren Menschheitsgeschichte aus. Er behauptet, davon hat die Menschheit nur 400 Jahre mit Geld verbracht. Die restlichen 199600 Jahre sind alle Gesellschaften ganz ohne Geld ausgekommen. Es gab kein Geld und zwar in keiner Form. Alle diejenigen, die das behaupten, liegen falsch. Und das ist vermutlich die Mehrzahl. Bockelmann geht davon aus, dass der Fehler in einer unzulässigen, gar fahrlässigen oder gefährlichen Projektion der modernen Geldvorstellung auf die vormoderne Zeit liegt.

„Zu ihrer Zeit hatten diese Wörter (z. B. Wörter wie nummus, res, opes, argentum, aurum, chremata, P. R.) jedoch Bedeutungen, die sich in keinem Fall mit unserem einheitlichen Begriff von Geld, decken. Sie heißen ›Münze‹ oder heißen ›Sachen‹, heißen ›Dinge‹ und ›Güter‹, ›Habe‹ und ›Mittel‹, ›Vermögen‹ und ›Macht‹, sie bezeichnen Kupfer, Silber, Gold, und pecunia meint etwa ›geschätztes Gut‹, ›Eigentum‹ oder ›Erlös‹. … Sind Münzen denn nicht immer Geld? Ist ein Erlös denn nicht notwendig in Geld berechnet? Und bestehen nicht auch Vermögen, Güter und Habe grundsätzlich in Geld, beziehungsweise sind sie dieses Geld nicht wert? Nein, (Hbg. PR) das sind sie nicht grundsätzlich, nicht notwendig und nicht schon immer – so verhält es sich vielmehr nur für uns: für alle, die bereits mit Geld und daher mit unserem Begriff von Geld umgehen.“


Eske Bockelmann: Das Geld. Was es ist, das uns beherrscht. Matthes & Seitz, Berlin, 2020

Und weiter:

„Folglich geben wir all solche Wörter grundsätzlich falsch wieder, wenn wir sie mit ›Geld‹ übersetzen, und verfälschen so jedes der antiken Wörter und jedes der mittelalterlichen – aber genauso auch entsprechende Wörter aus sämtlichen anderen Kulturen, in denen die Menschen noch kein Geld kannten. Denn überall sind wir sogleich mit der Unterstellung bei der Hand, wir dürften daraus, dass Leute mit Gütern und Vermögen, Metallen und Münzen umgingen, zwingend schließen, sie wären auch mit Geld umgegangen und hätten entsprechende Wörter im Sinne von ›Geld‹ verwendet. Dabei ist die Frage der Übersetzung nie bloß eine Frage der Übersetzung. Wir missdeuten in diesem Fall nicht nur Wörter, sondern missverstehen die Zeiten und Kulturen auch selbst, wo sie in Gebrauch waren. Und mehr noch: Wenn wir Geld so konsequent falsch in Kulturen hineindeuten, die kein Geld kannten, misskennen wir offenbar auch das Geld selbst.“ (S. 21)

Und, könnte man hinzufügen, wir misskennen oder missdeuten diese Kulturen in ihrem eigentlichen Wirken und Leben. Wir kennen also nicht denCharakter dieser archaischen, antiken oder mittelalterlichen Kulturen, weil wir sie durch die Brille des modernen Geldmenschen, eben in diese geldverfaßte Denkweise hineinpressen. Den Tausch oder Austausch mit Geld, der gerne als Urgrund der Erfindung von Geld genannt wird, gab es in vormodernen Zeiten nicht.

Abgesehen davon, dass diese Zeiten fast ausschließlich die Selbstversorgungswirtschaft kannten, also Geld oder ein anderer Tauschvermittler unnötig waren, hatte das „Tauschverhältnis“ der damaligen Epochen eher den Charakter einer Verpflichtung oder Gabe innerhalb einer bestehenden Gemeinschaft.

„Anders als Gesellschaften zeichnen sich archaische Gemeinwesen dadurch aus, dass in ihnen jeder seine Versorgung zusammen mit der Gemeinschaft erlangt. Die Einzelnen mögen darin unterschiedlich hoch gestellt sein, dennoch wirken sie alle mit an der Versorgung ihrer res publica, ihrer ›gemeinsamen Sache‹, und kommen sie dadurch zur eigenen Versorgung. So allgemein wie jeder – jeweils seiner Stellung angemessen – zur Versorgung seiner Gemeinschaft beiträgt, so allgemein ist jeder auch in ihre Versorgung eingeschlossen. Es geht dort also gerade nicht so zu, wie es ein modernes Märchen von den ersten Menschenhorden behauptet: jeder für sich und alle gegen alle. Im Gegenteil, der Versorgung in archaischen Gemeinschaften widerspräche es bereits aufs Entschiedenste, wenn jeder darin nur über den Tauschhandel bekäme, was er von anderen braucht.“ ( S. 39)

„Besitz in diesem archaischen Sinn hat seine Zeit: Was jemand zum Besitz erhält, bleibt nicht in seinem Besitz. Er muss es weitergeben, weil Besitz in solchen Gemeinschaften Besitz auf Zeit ist. Besitz unterliegt einer gemeinschaftlichen Zeit, einer Zeit, die von der Gemeinschaft abhängt, weil von ihr die Gemeinschaft abhängt. Was ein Einzelner besitzt, besitzt er dort in Gemeinschaft mit anderen. Auch als sein Besitz unterliegt es der notwendig gemeinsamen Sorge um alles, was die Gemeinschaft braucht und was ihre Mitglieder nur in der Gemeinschaft zu leisten vermögen. … Deshalb gilt grundsätzlich und nicht nur bei Gaben: dass der Gemeinschaft nicht entzogen sein darf, was einer besitzt. Ein Einzelner kann es sinnvollerweise nicht ausschließlich für sich und damit ein für alle Mal besitzen, weil er nur mit einem letztlich gemeinsamen Besitz in einer Weise umgehen wird, die ihm und folglich der Gemeinschaft zuträglich ist.“ (S. 41/42)

Griechen, Römer und Mesopotamien

Bockelmann ist klassischer Philologe. Er führt in seinem Werk in die Welt der Schuld, der gegenseitigen Verpflichtung und Gabe ein. Weder bei den Griechen, noch bei den Römern oder gar in Mesopotamien habe es Geld gegeben.

Die Funktionsweise des sozialen Gefüges und die gesellschaftlichen Beziehungsverhältnisse bei den antiken Griechen entwickelt er anhand von Homers Ilias. Und diese Verhältnisse deuten weder auf Geld und schon gar nicht auf die organisierende gesellschaftliche Funktion von Geld.

Der Groll des Achilles gegen Agamemnon, „der die Grundfesten der Gemeinschaft negiert“ geht soweit, dass Achilles die Griechen vor Troja im gemeinsamen Kampf verläßt und vor allem ihren Anführer Agamemnon vernichtend straft, weil dieser gegenüber dem Achilles sich nicht an die damals gesellschaftlich verpflichtenden Regeln von gegenseitiger Gabe und Zuteilung (die Aufteilung der erbeuteten Güter) halten wollte. Dieses soziale Verfahren sei die Grundlage der damaligen Lebenswelt gewesen und gesellschaftlich anerkannt und verpflichtend gewesen. Wenn sich also Agamemnon, obwohl oberster Heerführer, nicht an diese Tradition hielt war Achilles berechtigt, dem Agamemnon zu „grollen“ und ihm seine Kampfesunterstützung zu entziehen. Mit dem Ergebnis der athenischen Niederlage.

Bockelmann verwirft ebenso die Theorie von Christof Türke, das Geld in der Folge von religiösen Opfergaben entstanden sei, ebenso wie er die Theorie von David Gräber verwirft, der Geld im Zusammenhang mit der Entstehung von Schulden behauptet.

Schaut man nach Mesopotamien, dann haben wir es mit einer „Organisation ganzer hochkomplexer Gemeinschaften“ zu tun. „Es ist ihre Organisation über ein dichtes Geflecht von Zahlungen.“ … Was sich anhand von Mesopotamien belegen lässt, ist eine wirtschaftliche Organisation größten Umfangs – und ohne Geld.“ Es „gibt eine sehr grundlegende Tatsache, die als solche bereits ausschließt, dass es sich im alten Mesopotamien um eine Geldwirtschaft gehandelt hätte. Die Tontafeln nämlich belegen, dass sich das ›Wirtschaftsleben‹, wie man es heute nennt, so gut wie nicht verändert, sondern über einen unvorstellbar langen Zeitraum hinweg konstant blieb: …“ (S. 82)

Unter den oben erwähnten historischen Bedingungen des gemeinschaftlichen Lebens als Pflicht und Gabe, wäre es interessant einige Textpassagen von Mommsens Römischer Geschichte nachzulesen. Passagen in welchen er die Erzwingung des Römischen Volkstribunats samt der Vorgeschichte und Folgen beschreibt. Hier wurde offensichtlich die gesellschaftlich anerkannte Verpflichtung gegenüber den kriegführenden römischen Bürgern von Seiten der Konsulen in Nachkriegszeiten mehrfach nicht eingehalten. Sie wurden für ihren Aufwand während des Krieges nicht entsprechend bedacht, es wurde demnach eine gesellschaftliche Übereinkunft gebrochen, und führte zum Aufstand. Ebenfalls interessant in diesem Zusammenhang wäre eine erneute Lektüre von Thomas Manns „Josef und seine Brüder“. Hier die Textstellen die sich mit der Geschichte der sieben fetten und sieben mageren Jahre im alten Ägypten befaßt. Und wie Josef, gewissermaßen „Finanz- oder Wirtschaftsminister“ des ägyptischen Pharaos, in einer Art archaisch-planvollen Bevorratungswirtschaft eine Hungersnot verhinderte, ohne Dazwischenkunft von Geld. Das aber hier nur als Randbemerkung.

Alle Geldtheoretiker kommen früher oder später auf „ihren Kronzeugen“ für die Geldentstehung zu sprechen: Aristoteles. Er gilt als Garant für die Existenz von Geld in vormodernen Zeiten. Und weil er sozusagen eine Art Dreh- und Angelpunkt beim „Geldbeweis“ ist, soll dazu eine längere Passage aus Bockelmanns Buch zitiert werden:

„Nun aber rufe ich als Zeitzeugen auf: Aristoteles aus Stageira, Bürger von Athen um die Mitte des vierten vorchristlichen Jahrhunderts. Man hält ihn heute für den berühmten ersten Theoretiker des Geldes. Und da wir mit ihm das große Glück haben, einen der zuverlässig hellsten Köpfe seiner Zeit zu hören, einen Mann, der willens und fähig war, so recht jeden Bereich dessen, was seine Welt ausmachte, gründlich zu durchdenken, dürfen wir von ihm auch in diesem Punkt gültigen Aufschluss erwarten. Eines dürfen wir dabei nicht: uns auf eine moderne Deutung und Übersetzung seiner Schriften verlassen. Und das heißt, wir dürfen uns nicht einmal darauf verlassen, dass er überhaupt über Geld geschrieben hätte. Nach heutiger Lehre wäre Aristoteles in seinem umfangreichen Werk zweimal darauf zu sprechen gekommen: in den Politika, seiner Schrift über das Gemeinwesen, und in den Ethika … Diese hat es als Ethik mit der Gerechtigkeit zu tun, welche Aristoteles, wie jeden positiven Begriff, als Mitte zwischen einem falschen Zuwenig und einem falschen Zuviel definiert. … Gerechtigkeit umfasse die gesamte arete, das heißt alles richtige und gute Verhalten, teile sich aber in zwei Bereiche auf: einerseits in Formen der Verteilung dianomai, und andererseits in Vorgänge des Tauschs synallagmata. Zu den Letzteren zählt Aristoteles Kauf und Verkauf, aber auch Darlehen, Hinterlegung, Miete und Ähnliches, während es bei den dianomai – so geben es moderne Übersetzungen wieder – um ›Ehre, Geld oder andere Güter‹ gehe, die den Mitgliedern eines Gemeinwesens zugeteilt und unter ihnen verteilt werden können. Die dianomai stehen also für das große Gebiet der verpflichtenden Gaben und Zahlungen. Dass es neben der Ehre jedoch ›Geld oder andere Güter‹ wären, die dabei zugeteilt würden, behauptet Aristoteles nicht, er schreibt vielmehr ›chremata oder anderes‹. Nicht um Geld geht es daher, sondern einfach um ›Dinge‹ – denn nichts anderes heißen die chremata in der Antike und im Mittelalter. Sie bilden den Plural von… ›eine Sache die man braucht oder nutzt, deren man sich bedient, deren man bedarf, die man nötig hat‹.“ (S. 124/125)

Im Kapitel über Aristoteles belegt Bockelmann nicht nur wortkundlich und wortkundig, dass wir uns mit unserem „Geld-Blick“ auf die Antike oder die Vormoderne insgesamt ein falsches historisches Bild der sozialen Zusammenhänge jener Zeit machen. Wenn Aristoteles auf Geld zu sprechen kommt, und zwar auf Geld, das als Geld lediglich Selbstvermehrungszweck ist, dann im Falle der Kleinhändler. „Als Tauschmittel aber verwendet die Münzen nur eine Gruppe von Leuten: das Krämergewerbe, die Hökerei, die kapelike. Aristoteles erklärt: Der Höker kauft mit Münzen andere chremata ein, um sie für Münzen auch wieder zu verkaufen. Dabei richten sich Tausch oder Kauf also nicht mehr auf die nützlichen Dinge, die chremata, sondern auf die Mittel zu weiterem Tausch.“ Die Brauchbarkeit der nützlichen Dinge ist hier ersetzt durch die Vermehrung von Münzen zum Zwecke der Anhäufung. Der Geldcharakter, der hier von Aristoteles den Münzen zugewiesen wird, ist negativ belegt. Gilt aber lediglich für eine unbedeutende Kleinhändler-Minderheit und ist in seiner Auswirkung auf die Gesellschaft insgesamt bedeutungslos.

Das lange 16. Jahrhundert

Die Geldwerdung der Münze oder die Geldwerdung entstehend aus dem Tausch verlegt Bockelmann in das „lange 16. Jahrhundert“, das etwa von 1480 bis 1620 dauert. Dafür mußten die entsprechenden gesellschaftlichen Gegebenheiten entwickelt sein oder sich entwickeln. Bockelmann sieht sie vor allem in der großen Anzahl von Stadtgründungen im späten Mittelalter (vor allem im 13. Jhdt.), die von den Fürsten mit Nachdruck vorangetrieben worden sei. Er sieht sie in der vielfältigen Produktivitätssteigerung in der Landwirtschaft. In zunehmender Rodungstätigkeit, die sich über das ganze Land erstreckte, und eine Art Zuteilung von Land durch die Territorialherrschaft erforderte. Die gezielten Stadtgründungen verliefen nach demselben Muster. Das führte zu einem sich langsam entwickelnden vormodernen „Staatsgebilde“. Dazu gehörte vor allem die herausgehobene Stellung der Stadt und die schon weitgehend differenzierte Handwerksarbeit und ihre Versorgung durch die ländlichen Gebiete. Ohne Handel und Tausch schwer vorstellbar. Zur Folge hatte das Zusammentreffen dieser verschiedenen historischen, ökonomischen und politisch-sozialen sowie militärischen Entwicklungen die Entstehung des Geldes. Und zwar so Bockelmann mit Max Weber ausschließlich im westeuropäischen Raum und am Mittelmeer:

„Damit es zu Geld kommt, braucht es zwar auch viel von dem, was dann als Geld fungieren wird. Doch muss dieses viel vor allem auf die Möglichkeit und zugleich auf die Notwendigkeit treffen, nicht bloß irgendwelchen Verkäufen zu entstammen, sondern immer weiter auch in Käufe einzugehen. Und diese Notwendigkeit ergibt sich tatsächlich und zwar genau dort, wo die historische Entwicklung in Westeuropa von derjenigen im gesamten Rest der Welt spezifisch abweicht: In den Städten. Europas großer Abweg setzt damit ein, das sich europäische Städte aus dem Zusammenhang der feudalistischen Herrschaft und damit aus dem Zusammenhang ihrer gemeinschaftlichen Versorgung lösen.“ (S. 163)

Vom 12. Jahrhundert an kam es im Verlauf des starken Bevölkerungswachstums und ausgedehnter Neulandgewinnung durch Rodung zu einem rapiden Anstieg von Stadtgründungen.
Grafik aus: K. G. Zinn, Kanonen und Pest, 1989

Diese Versorgung hat allerdings eine wachsende Anzahl von Plätzen zur Voraussetzung, wo die Produkte, Güter, Waren getauscht werden können. Sie hat auch zur Voraussetzung eine wachsende und sich spezialisierende Gruppe von Menschen, die diesen Handel organisiert und betreibt. Sie hat zur Voraussetzung natürlich auch auf der Seite der Produzenten eine wachsende Zahl von Menschen, die zunächst zusätzlich zur Selbstversorgung eben auch zunehmend Waren produzieren und es müssen. Also Produkte, die ausschließlich für den Markt hergestellt werden und so die Voraussetzung für die „Geldwirtschaft“ bilden: „So tritt das Verhältnis von Kauf und Verkauf nicht nur vereinzelt, sondern in einem mehr und mehr systematischen Zusammenhang an die Stelle der persönlichen Abhängigkeit …“ (S. 171)

Kleiner Exkurs zur Geldwerdung
„die politische Ökonomie“

Das fundamental Neue, das die Entstehung des Geldes mit sich bringt, ist laut Bockelmann die Herausbildung der Umstände, die den Begriff der „politischen Ökonomie“ erfordern. Und das ist die Veränderung der Wirtschaft (oikos) von einer Bewirtschaftung des eigenen Haushaltes hin zur Bewirtschaftung gewissermaßen „eines gesellschaftsweit bestimmenden Zusammenhangs“. Und dieser gesellschaftsweite Zusammenhang besteht „unter den modernen Geldverhältnissen“ in einem eigenen gesellschaftlichen Bereich, der „als entscheidender gesellschaftlicher Bereich – notwendig auch die Angelegenheit des Staates ist, also der modernen Form eines Gemeinwesens.“ (S. 176) Und diese allgemeine Form von Kauf und Verkauf, also dem kleinen Geldgewinn, die den archaischen gesellschaftlich unbedeutenden Kleinhändler kennzeichnete, diese Form kam im „langen 16. Jahrhundert“ zur gesellschaftlichen Reife:

„Dann nämlich wird es allgemein zur Normalität, dass mit – nunmehr – Geld auch Geldgewinne zu erzielen sind. Und wenn es mit Geld also zur Selbstverständlichkeit wird, dass es Geld abwirft, wird zur Selbstverständlichkeit, dass es in diesem Sinn Zinsen trägt.“ „Und so gibt es mit Beginn des 17. Jahrhunderts auch ›die Vorstellung eines über die Münze hinausgehenden Geldbegriffs‹ eines Begriffs von Geld, der dem unseren entspricht.“ (S. 178/179)

Modernere Zeiten

Die Veränderung des Geldes hin zu einem reinen Tauschmittel oder Tauschwert, „einem reinen Sein“ (Bockelmann), zum rudimentären Kredit-, ja Bankenwesen vollzieht sich laut Bockelmann in diesem „langen 16. Jahrhundert“. Kurz ist diese Zeitspanne, so der Verfasser, im Vergleich zu den ungeheuren Umwälzungen, die dieses Jahrhundert mit sich brachte. Umwälzung vor allem der ökonomischen, der Lebens- und Herrschaftsverhältnisse, eben der gesamten gesellschaftlichen Verhältnisse. Und kurz im Vergleich zu den fast 200 000 Jahren, die der Mensch ohne Geld auskam.

In einem langen Textabschnitt befaßt sich Bockelmann dann mit der Marxschen und der subjektiven Wert-/Geldtheorie. Er lehnt sie beide ab. Marx habe weder das Geldrätsel gelöst, wie behauptet, und der Wert sei lediglich Schein. Für Bockelmann ist Geld nicht nur Tauschvermittler, sondern auch Preis, Wert, Kapital oder Wertaufbewahrungsmittel in einem. Sowie sich ein Tausch vollzieht, also gekauft und verkauft wird mit der Beteiligung eines „Quantum nichts“ (S. 225) ist für ihn das entscheidende passiert: Der Geldverwertung oder Geldvermehrung ist genüge getan. Die Anleihe an der Systemtheorie ist in diesem Zusammenhang unübersehbar. Aber lediglich in diesem Zusammenhang. Die entscheidenden Handlungen und Prozesse in ökonomischer Hinsicht spielen sich auf der Ebene des Marktes ab, der Konsumtion. Das alles wird historisch schlüssig beobachtet und geschlußfolgert. Die Sphäre der Produktion, die Frage, die bei Marx eine entscheidende Rolle spielt, nämlich die Frage nach der Substanz von Kapital, von Geld von Wert ist Bockelmann keiner intensiveren Analyse wert. Die Frage nach der Vergleichbarkeit von Waren, ob Schätzung oder Tausch, spielt bei Bockelmann ebenfalls keine große Rolle. Er macht seine Schlußfolgerungen aus der historischen Beobachtung und der Beobachtung der Entwicklung. Arbeit kommt bei ihm als ökonomisches Element oder als Lebenselement auch in der archaischen Gemeinschaft ebenfalls praktisch nicht vor. Darauf soll hier nicht weiter eingegangen werden. Weder ist hier der Ort für eine solche Auseinandersetzung, noch der Platz. Zwei kurze Bemerkungen trotz alledem. 1. Bevor Marx sich mit seiner Lehre vom Wert oder gar des Geldes befaßte, stand für ihn die Frage der Vergleichbarkeit von Gütern, Waren oder Dingen im Mittelpunkt. Er suchte nach einem Element, welches allen Gütern, die getauscht wurden, innewohnt. Und zwar zunächst völlig unabhängig von der Frage nach Wert oder Geld. Und das war für ihn die Arbeit. Das wird gerne übersehen. 2. sagte Marx: „Allerdings muß sich die Darstellungsweise formell von der Forschungsweise unterscheiden. Die Forschung hat den Stoff sich im Detail anzueignen, seine verschiedenen Entwicklungsformen zu analysieren und deren inneres Band aufzuspüren. Erst nachdem diese Arbeit vollbracht, kann die wirkliche Bewegung entsprechend dargestellt werden.“ (MEW 23, S. 27)

Schlußbemerkungen

Man kann den Bockelmannschen Text mit seiner radikalen Ablehnung des negativen Geldsystems und damit der ganzen negativen Zurichtungsweise der Menschen in ihrem davon abhängigen Leben, nicht hoch genug veranschlagen. Er macht hier keine Abstriche und Zugeständnisse, anders als all die letztlich neoliberalen Mainstream-Geldtheoretiker, die uns mit Helikoptergeld oder MMT beglücken wollen und uns das sozialdemokratische Märchen vom ewig reformierenbaren Geldsystem und damit ja laut Bockelmann Kapitalsystem erzählen. Und dies obwohl die letzten Dekaden des Spätkapitalismus mit einer gehörigen Portion von Krisenschüben gefüllt waren und uns jetzt den „permanenten Ausnahmezustand“ (R. Kurz) bescheren mit nicht absehbarer Zukunft.

Bockelmann soll deshalb hier das Schlußwort gebühren:

„Aber Geld, dieses Jenseits von Gut und Böse, ist auch nicht das neutrale Werkzeug, für das es gerne gehalten wird und bei dem alles nur darauf ankäme, wie jemand es nutzt, ob zu Gutem oder zu Schlechtem. Geld wird auch dann nicht ›gutes‹ Geld, wenn mit diesem Geld Gutes getan wird. Wenn man mit Geld den Wasserbüffel bezahlt, der philippinischen Bauern das Überleben ermöglicht, wenn man mit Geld Kinder vom Straßenstrich holt … dann ist damit ohne Zweifel Gutes getan. Aber es ist mit demselben Geld getan, das eben die bösen Verhältnisse schafft, die solch gute Tat erfordern. Das Geld ist nichts, aber es ist nicht neutral. … Was Geld tut, das tut es mit den Menschen. Sie leihen ihm ihre Hände, mit ihrem Kopf vermag es zu denken, mit allen ihren Mitteln greift es zu auf diese Welt. Bei Geld geht es nicht mehr um die Frage, ob jemand Geld sein oder nur Geld haben kann. Denn mit Geld ist alles das in sein wüstes Gegenteil verkehrt: Geld ist es seinerseits, das die Menschen hat und das in jedem Menschen ist. Die Menschen handeln selbst als Geld, behandeln die Welt und behandeln sich selbst in seinem Sinn, nach seiner Logik. Und wie sie diese Welt deshalb behandeln müssen, das ist nicht neutral. Es ist ihr Verderben.“ (S. 350)

„Doch auch sie wurden nicht geerntet (die Früchte des Zorns, PR). Wo der Zorn reift, sind auch seine Früchte nicht gefeit vor dem passenden Petroleum und gibt es hochgerüstete Wächter stärker als die, die solche Früchte ernten wollten. Das Leid, die Verbrechen, die Katastrophe, sie dauern an.

Diese Welt, diese schöne Welt – nur ohne Geld kann sie überleben.

Aber kann denn eine Welt ohne Geld überleben? Ist eine Welt ohne Geld denn möglich? Kämen Menschen ohne Geld jemals zurecht? Ich kenne alle Beweise, die dergleichen kategorisch ausschließen, und ich kenne sie sehr gut: Ich habe sie mir unzählige Male anhören müssen. Aber ich kenne auch den Beweis, dass diese Beweise nichts taugen. Und dieser Beweis ist: dass die Menschen in einer Welt ohne Geld gelebt haben. Von den geschätzt 200 000 Jahren, in denen Menschen diese Erde bevölkern, sind es kaum mehr als 400, in denen sie – und zunächst auch nur einige von ihnen – ihr Leben mit Geld verbrachten. Was diese 400 Jahre bis heute gezeitigt haben, ist eine Katastrophe. Aber das beweist nicht, dass es nur katastrophisch weitergehen kann. Deshalb ist es wichtig, nicht auf die Prediger vom ewig menschlichen Geld zu hören.“ (S. 354)

Peter Rapke, 12. Mai 2020

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