Als in Augsburg die Sünde zur Tugend wurde

Von der steilen Karriere der Habgier aus der Hölle der Kirche in den Tugendhimmel des Kapitalismus

Von Klaus-Peter Lehmann

17.10.2018

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Vorbemerkung der Redaktion

Der Autor dieses Artikels, Klaus-Peter Lehmann, ist Theologe und Mitglied von Attac Augsburg. Eine Kernthese im Artikel lautet: „der Tauschhandel um des Gewinns willen (G-W-G'), die Todsünde der Habgier (avaritia).“ Wir wandten dem Autor gegenüber ein: „Die Formulierung: der Tauschhandel um des Gewinns willen (G-W-G') ist problematisch, da der Gewinn nicht beim Tausch entsteht. In der Formel G-W-G' ist nicht einfach Geld – Ware – mehr Geld gemeint, sondern das prozessierende Kapital. Der Gewinn (Profit) entsteht bei Marx nur in der Produktion.“ Der Autor antwortete uns: „Das sehe ich anders. Die Marxsche Formel G-W-G' bezieht sich nicht erst auf die industriell-kapitalistische Produktionsweise, sondern auf alle ökonomischen Verhaltensweisen, die anstatt ‚verkaufen um zu kaufen‘ ‚kaufen um zu verkaufen‘, d.h. um zu einem höheren Preis weiterzuverkaufen. Sonst könnte man kaum vom Handelskapitalismus (Fugger) sprechen.“

Es geht uns nicht darum, einem Theologen zu widersprechen. Im Gegenteil, es ist ja interessant, was linke Theologen, die zum Beispiel auch bei Attac organisiert sind, zu Ökonomie und Augsburger Stadtgeschichte zu sagen haben. Deswegen veröffentlichen wir ja den Artikel von Klaus-Peter Lehmann gerne. Unser Problem ist, dass sich der Autor auf Marx beruft, und in diesem Fall unserer Ansicht nach falsch liegt. Deshalb eine längere Vorbemerkung, bei der wir hauptsächlich Karl Marx selber zu Wort kommen lassen.

So heißt es in Marx-Engels-Werke (MEW, Dietz Verlag Berlin: 1964) Bd. 23 auf den Seiten 176ff:

„Werden Waren oder Waren und Geld von gleichem Tauschwert, also Äquivalente ausgetauscht, so zieht offenbar keiner mehr Wert aus der Zirkulation heraus, als er in sie hineinwirft. Es findet dann keine Bildung von Mehrwert statt. In seiner reinen Form aber bedingt der Zirkulationsprozeß der Waren Austausch von Äquivalenten. Jedoch gehn die Dinge in der Wirklichkeit nicht rein zu. Unterstellen wir daher Austausch von Nicht-Äquivalenten. (…)

Gesetzt nun, es sei durch irgendein unerklärliches Privilegium dem Verkäufer gegeben, die Ware über ihrem Werte zu verkaufen, zu 110, wenn sie 100 wert ist, also mit einem nominellen Preisaufschlage von 10%. Der Verkäufer kassiert also einen Mehrwert von 10 ein. Aber nachdem er Verkäufer war, wird er Käufer. Ein dritter Warenbesitzer begegnet ihm jetzt als Verkäufer und genießt seinerseits das Privilegium, die Ware 10% zu teuer zu verkaufen. Unser Mann hat als Verkäufer 10 gewonnen, um als Käufer 10 zu verlieren. Das Ganze kommt in der Tat darauf hinaus, daß alle Warenbesitzer ihre Waren einander 10% über dem Wert verkaufen, was durchaus dasselbe ist, als ob sie die Waren zu ihren Werten verkauften. (…)

Im eigentlichen Handelskapital erscheint die Form G - W- G', kaufen, um teurer zu verkaufen, am reinsten. Andrerseits geht seine ganze Bewegung innerhalb der Zirkulationssphäre vor. Da es aber unmöglich ist, aus der Zirkulation selbst die Verwandlung von Geld in Kapital, die Bildung von Mehrwert zu erklären, erscheint das Handelskapital unmöglich, sobald Äquivalente ausgetauscht werden, daher nur ableitbar aus der doppelseitigen Übervorteilung der kaufenden und verkaufenden Warenproduzenten durch den sich parasitisch zwischen sie schiebenden Kaufmann. In diesem Sinn sagt Franklin: ‚Krieg ist Raub, Handel ist Prellerei.‘

Soll die Verwertung des Handelskapitals nicht aus bloßer Prellerei der Warenproduzenten erklärt werden, so gehört dazu eine lange Reihe von Mittelgliedern, die hier, wo die Warenzirkulation und ihre einfachen Momente unsre einzige Voraussetzung bilden, noch gänzlich fehlt. Was vom Handelskapital, gilt noch mehr vom Wucherkapital. Im Handelskapital sind die Extreme, das Geld, das auf den Markt geworfen, und das vermehrte Geld, das dem Markt entzogen wird, wenigstens ver­mittelt durch Kauf und Verkauf, durch die Bewegung der Zirkulation. Im Wucherkapital ist die Form G-W-G' abgekürzt auf die unvermittelten Extreme G – G', Geld, das sich gegen mehr Geld austauscht, eine der Natur des Geldes widersprechende und daher vom Standpunkt des Waren­austausches unerklärliche Form. (…)

Die Wertveränderung des Geldes, das sich in Kapital verwandeln soll, kann nicht an diesem Geld selbst vorgehn, denn als Kaufmittel und als Zahlungsmittel realisiert es nur den Preis der Ware, die es kauft oder zahlt, während es, in seiner eignen Form verharrend, zum Petrefakt von gleich­ bleibender Wertgröße erstarrt. 38) Ebensowenig kann die Veränderung aus dem zweiten Zirkulationsakt, dem Wiederverkauf der Ware, entspringen, denn dieser Akt verwandelt die Ware bloß aus der Naturalform zurück in die Geldform. Die Veränderung muß sich also zutragen mit der Ware, die im ersten Akt G-W gekauft wird, aber nicht mit ihrem Wert, denn es werden Äquivalente ausgetauscht, die Ware wird zu ihrem Werte bezahlt. Die Veränderung kann also nur entspringen aus ihrem Gebrauchswert als solchem, d. h. aus ihrem Verbrauch. Um aus dem Verbrauch einer Ware Wert herauszuziehn, müßte unser Geldbesitzer so glücklich sein, innerhalb der Zirkulationssphäre, auf dem Markt, eine Ware zu entdecken, deren Gebrauchswert selbst die eigentümliche Beschaffenheit besäße, Quelle von Wert zu sein, deren wirklicher Verbrauch also selbst Vergegenständlichung von Arbeit wäre, daher Wertschöpfung. Und der Geldbesitzer findet auf dem Markt eine solche spezifische Ware vor – das Arbeitsvermögen oder die Arbeitskraft.

38) ‚In der Form von Geld … erzeugt das Kapital keinen Profit.‘ (Ricardo, ‚Princ. of Pol. Econ.‘, p.267.)“

Im letzten Satz dieses Zitats kommt Marx auf den entscheidenden Punkt zu sprechen, auf die „spezifische Ware“, „das Arbeitsvermögen oder die Arbeitskraft“. Der ganze Band 23 der MEW handelt vom Produktionsprozess des Kapitals, das durch die Ausbeutung des Arbeitsvermögens oder der Arbeitskraft entsteht. Nach Karl Marx entsteht der Mehrwert, Gewinn oder Profit nur im Produktionsprozess des Kapitals. Die Formel G-W-G' kommt in der ganzen 43-bändigen MEW nur im ersten Band des Kapitals (MEW 23), Der Produktionsprozess des Kapitals, und im dritten Band des Kapital (MEW 25), Der Gesamtprozess der kapitalistischen Produktion, vor. Dies ein deutlicher Hinweis, dass der Mehrwert oder das G' in der Produktion, durch Ausbeutung der Arbeiter und entsprechende Mehrwertproduktion entsteht, und nicht im Handel oder sonst wo. An keiner Stelle des Gesamtwerks von Marx und Engels ist davon die Rede, dass aus dem Tausch Geld-Ware-Geld Profit entstehen kann, Im Gegenteil, im dritten Band des Kapitals tritt Marx dieser Theorie noch einmal ausdrücklich entgegen und erläutert, wie dieser mysteriöse und falsche Schein entstehen kann.

In MEW Bd. 25 geht Karl Marx noch einmal auf das Warenhandlungskapital ein. Dies nehme zwar die Gestalt einer selbstständigen Sorte von Kapital an, seine wahre Funktion sei aber, den Zirkulationsprozess des industriellen Kapitals zu vermitteln.

„Das Warenkapital nimmt also im Warenhandlungskapital dadurch die Gestalt einer selbständigen Sorte von Kapital an, daß der Kaufmann Geldkapital vorschießt, das sich nur als Kapital verwertet, nur als Kapital fungiert, indem es ausschließlich damit beschäftigt ist, die Metamorphose des Warenkapitals, seine Funktion als Warenkapital, d .h . seine Verwandlung in Geld zu vermitteln, und es tut dies durch beständigen Kauf und Verkauf von Waren. Dies ist seine ausschließliche Operation; diese den Zirkulationsprozeß des industriellen Kapitals vermittelnde Tätigkeit ist die ausschließliche Funktion des Geldkapitals, womit der Kaufmann operiert. Durch diese Funktion verwandelt er sein Geld in Geldkapital, stellt sein G dar als G - W- G ', und durch denselben Prozeß verwandelt er das Warenkapital in Warenhandlungskapital.“ Seite 285

An anderer Stelle in MEW Bd. 25 bezeichnet Karl Marx G – G' als „das fertige Kapital, Einheit von Produktionsprozeß und Zirkulationsprozeß, und daher in bestimmter Zeitperiode bestimmten Mehrwert abwerfend“. Marx erklärt auch, warum in dieser Formel das Geld/Kapital mysteriös erscheint als „sich selbst verwertender Wert, Geld heckendes Geld“. Weil es „keine Narben seiner Entstehung mehr“ trägt – also unvermittelt durch Produktionsprozess und Zirkulationsprozess erscheint:

„G - G ': Wir haben hier den ursprünglichen Ausgangspunkt des Kapitals, das Geld in der Formel G - W- G ' reduziert auf die beiden Extreme G - G ', wo G '= G + ∆ G, Geld, das mehr Geld schafft. Es ist die ursprüngliche und allgemeine Formel des Kapitals, auf ein sinnloses Resume zusammengezogen. Es ist das fertige Kapital, Einheit von Produktionsprozeß und Zirkulationsprozeß, und daher in bestimmter Zeitperiode bestimmten Mehrwert abwerfend. In der Form des zinstragenden Kapitals erscheint dies unmittelbar, unvermittelt durch Produktionsprozeß und Zirkulationsprozeß. Das Kapital erscheint als mysteriöse und selbstschöpferische Quelle des Zinses, seiner eignen Vermehrung. Das Ding (Geld, Ware, Wert) ist nun als bloßes Ding schon Kapital, und das Kapital erscheint als bloßes Ding; das Resultat des gesamten Reproduktionsprozesses erscheint als eine, einem Ding von selbst zukommende Eigenschaft; es hängt ab von dem Besitzer des Geldes, d .h . der Ware in ihrer stets austauschbaren Form, ob er es als Geld verausgaben oder als Kapital vermieten will. Im zinstragenden Kapital ist daher dieser automatische Fetisch rein herausgearbeitet, der sich selbst verwertende Wert, Geld heckendes Geld, und trägt es in dieser Form keine Narben seiner Entstehung mehr.“ Seite 404

Wenn nun nach Klaus-Peter Lehmann der Profit schon im Tauschhandel lauert und und das treibende Motiv die Habgier ist, so wird im entwickelten Kapitalismus „die Habgier zum entpersonifizierten Systemzwang“, zum „Produktionssystem“: „Die avaritia ist zur Institution aufgestiegen. Wenn der Markt die institutionalisierte Feindseligkeit ist, ist er gleichzeitig die Hölle …“ Die Reduktion des Produktionssystems und damit der Gesellschaft – oder doch wenigstens eines wesentlichen Teils unserer Gesellschaft – auf Habgier ist eine fürchterliche Perspektive, an der man eigentlich nur verzweifeln kann oder eben das Angebot der Theologen annehmen muss, sich durch Gott und Glauben von der Sünde und der Hölle auf Erden zu befreien oder befreien zu lassen.

Wir wollen das nicht weiter vertiefen, geben aber zu überlegen: ● Die Trennung der Moral von der Ökonomie, oder auch der Religion und Kultur von der Ökonomie, kann auch als ein Fortschritt betrachtet werden in der Ausdifferenzierung der Gesellschaft, ohne den die Moderne nicht möglich wäre. „Weder kosmologische noch spezifisch religiöse, noch moralische Gesichtspunkte reichen aus, um die Bewegung der modernen Ökonomie zu begreifen; und vor allem wird es zunehmend unfruchtbar, sie lediglich als Abweichung von natürlichen oder moralischen Sollwerten aufzufassen. (1)“ ● Es können auch unglückliche Umstände in der Theorieentwicklung gewesen sein, die zunächst zu einer moralischen Diskreditierung des Kredits geführt haben (2). ● Man könnte auch zur Auffassung kommen, dass die Entstehung von Banken das Ausleihen von Geld normalisieren. Damit werden größere Risiken absorbiert, Geldgeschäfte reglementiert und dem leichten Verdienen von Geld mit Geld der üble Geruch genommen ● Der Auffassung, der Markt sei die institutionalisierte Feindseligkeit und die Hölle, könnte man die unendlichen Kommunikationsprozesse entgegenhalten, die der Markt ermöglicht beziehungsweise aus denen er besteht. Dabei wäre das verteufelte Geld genau das Kommunikationsmedium, dass nach und nach die Kontrolle der Wirtschaft übernimmt und damit in einem bis dahin nicht bekannten Ausmaße Wirtschaft gegen andere Bereiche der Gesellschaft differenziert und entwickelt. (3)

1) Luhmann, Niklas. Die Wirtschaft der Gesellschaft. 7. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1994., Seite 186

2) Die Kapitaltheorie war bereits am Anfang des 18. Jahrhunderts unter dem Unglücksgestirn von „public credit“ und Spekulation auf Abwege geraten. Es war nicht gelungen, ihr Eigenrecht gegen den moralischen Sentimentalismus der Zeitgenossen eines Shaftesbury durchzusetzen. Kredit hatte sich, wenn man so sagen darf, selbst moralisch diskreditiert. Dies muss gesehen werden vor dem Hintergrund der komplizierten, nicht zureichend geklärten Begriffsgeschichte von „Kredit“, verstanden im 18. Jahrhundert im Einklang mit einer noch hierarchischen Gesellschaftsvorstellung als Gebrauch (oder Missbrauch) der Macht oder der Mittel eines anderen … ebd. Seite 155f.

3) Nach: ebd. Seite 194

Peter Feininger, Redaktion, Oktober 2018

Worum es geht

Seit 450 Jahren ziert ein florentinischer Kunst nachgebildeter Prachtbrunnen des Gottes Merkur, des Beschützers der Händler und Kaufleute, das 1590-1630 im Renaissancestil erneuerte und bis heute prägende Stadtbild von Augsburg. Kaum einer der vielen Touristen, aber auch nur wenige Augsburger ahnen, welch revolutionärer Paradigmenwechsel sich dahinter verbirgt. Nach kirchlicher Moral galten Kreditgeschäfte und besonders Tauschgeschäfte um des reinen Geldgewinnes willen als Wucher. Dem Wucherer drohten Höllenstrafen. Wie konnte es da zu solcher Huldigung des heidnischen Handelsgottes kommen?

Anfang des 16. Jahrhunderts hatten mit der Zunahme des Handelskapitalismus kontroverse Debatten über die Untugend der Habgier an gesellschaftlicher Breite zugenommen. Eine Antimonopolbewegung beschäftigte die Reichstage. Doch die kaiserliche Politik favorisierte den Einfluss der bürgerlichen Kaufleute. Mit der Verdrängung der Zünfte bestimmten immer mehr die großen Handelsfamilien das politische Geschehen. Ein neues Menschenbild kam auf, in dem die antiken Götter der Stärke und des Glücks, des Kriegs und des Handels das Sagen hatten. Die öffentliche Moral emanzipierte sich allmählich vom ethisch geprägten Weltbild der Kirche hin zu einer Weltsicht, in er die Freiheit des Einzelnen eine größere Rolle spielte. Die Renaissance und der Humanismus brachten neue Gedanken über das Wesen des Geldes, zum Wucherverbot sowie zu Tauschgeschäften, zum Handel, zu Monopolgesellschaften und zur sozialen Bedeutung des Reichtums.

Für die Moral des Reichtumserwerbs war das eine große Befreiung oder Enthemmung. Hier geschah der weltanschauliche Durchbruch zu einer Gesellschaft, die vom Reichtum oder genauer von akkumuliertem Kapital und seinem Produktionsdiktat, die vom Markt und seinen Zwängen immer mehr durchdrungen wird. Die Neuzeit erzählt die Geschichte vom Aufstieg der Habgier aus der kirchlichen Hölle in den heidnischen Himmel zur Rechten des Gottes Merkur und von ihrer säkularen Inkarnation als kapitalistisches Wirtschaftssystem.

Eine prachtvolle Stadterneuerung zum Lob des Kaisers und des Handels

Die architektonische Neugestaltung Augsburgs im Renaissancestil spiegelt eine gesellschaftspolitische Umwälzung in der Zusammensetzung der herrschenden Schichten wieder. Karl V. hatte nach der Niederlage des Schmalkaldischen Bundes auf dem geharnischten Reichstag in Augsburg 1548 in Absprache mit den mächtigen Geschlechtern der Stadt eine neue Verfassung oktroyiert. (1) Die für die „große“ Politik oft unberechenbare Zunftverfassung ersetzte er durch ein rein patrizisches Regiment, das sich aus den ständisch-sozialen Spitzengruppen rekrutierte, die gleichzeitig die wirtschaftliche Elite der Stadt ausmachten. Damit wurde es auch dem Hause Fugger möglich, sich in der städtischen Politik Geltung zu verschaffen. Mehrere große Geschlechter teilten sich nun in fest umrissenen Konfessionsblöcken die Führung. (2) Der patrizische Charakter des Rates und die festgeschriebene Bikonfessionalität der Ämterbesetzung machten eine konfessionell geprägte Stadterneuerung von vornherein undenkbar. (3) Hinzu kommt der humanistische Einfluss seit Conrad Peutinger (4) und die lebhaften Verbindungen nach Venedig besonders durch die Fugger, die schon in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts Renaissance-Architektur nach Augsburg brachten. (5)

Abbildung 1: Merkurbrunnen in der Maximilianstraße in Augsburg Bild: 2007-08-02 © JD (de.wikipedia.org) frei benutzbar mit Namensnennung Wikipedia

Das Kernstück der 1591 begonnenen Stadterneuerung waren drei Prachtbrunnen und das in der Innengestaltung an den Dogenpalast angelehnte Rathaus in herrschaftlichem Renaissancestil. Seine Bestimmung war, als Tagungsstätte möglichst vieler Reichstage zu dienen, wozu es nie kam. Die Motive der Brunnen waren prägnant gewählt. Sie thematisierten die politische Größe der Stadt Augsburg und erhoben sie ins Mythische. Den Augustus-Brunnen gab der Kleine Rat für die 1600Jahrfeier der Gründung Augsburgs durch ihren Namensgeber 1585 in Auftrag. Der Brunnen, der Herkules mit der Hydra kämpfend zeigt, erinnert an die für die Handwerksbetriebe der Stadt notwendige Zähmung der Wasser des Lechs. Den durch internationalen Handel erworbenen Reichtum der Stadt feiert der Brunnen des Merkur. Ein Amorknabe zu Füßen des beflügelt schreitenden Gottes nimmt ihm die Flügelschuhe ab, damit er in der Stadt verbleibe und ihren Wohlstand sichere. Adler- und Hundeköpfe, Medusenhäupter und Löwenmasken symbolisieren die Gefahren, die Handel und Verkehr bedrohen, als eine eindrückliche Apologie des Unternehmerrisikos. So wird hier mit öffentlicher Pracht als Göttergeschenk angepriesen, was nach kirchlicher Moral nur in Höllenqualen enden konnte: der Tauschhandel um des Gewinns willen (G-W-G'), die Todsünde der Habgier (avaritia).

Eine ganz neue Idee: Geld arbeitet

Mit der Ausweitung des internationalen Handels und der allgemeinen Zunahme der Kreditgeschäfte (6) bemühten sich Theologen, die Geldtheorie den neuen Entwicklungen anzupassen. Bislang galt allein die Arbeit als die causa activa der Erzeugung von Reichtum. Zwar galt der Boden als Produktionsfaktor, aber es bedurfte der menschlichen Arbeit, um ihm seinen Reichtum abzugewinnen. Jeder Zins auf ein Darlehen war folglich unsittlicher Wucher, weil er die Arbeit des Schuldners ausbeutete. Darin war man sich im Grundsatz seit alters her einig, d.h. antike Philosophie (Aristoteles), scholastische Theologie (Thomas von Aquin) und die Reformationstheologie (Luther).

Nun bemühten sich sich Theologen wie Johann Eck und Humanisten wie Conrad Peutinger, eine oeconomia moderna zu entwickeln, die den Bedürfnissen des Handelskapitals entgegenkam. Der Ingolstädter Theologe Eck wies darauf hin, dass Kapital und Arbeit die zwei unzertrennlichen Faktoren des Gesellschaftsgewinns seien... Wie der Ackerboden durch die Arbeit fruchtbar werde, so werde das Kapital erst durch die Arbeit des Kaufmanns fruchtbar. (7) Der Gewinn sei also virtuell im Geld enthalten. Das galt als Beweisargument für das Recht auf Zinsnahme. Luther hielt dagegen an der Unfruchtbarkeit des Geldes fest: Es will nicht wudelln (Gewinn abwerfen). (8) Geld ist von Natur aus unfruchtbar und vermehrt sich nicht. (9)

Ein Humanist für Monopol und Habgier

Conrad Peutinger vertrat Augsburg auf den Reichstagen und schrieb Gutachten zu den Monopolfragen, um die Klagen gegen die Handelsgesellschaften, wie die Fugger, von deren Engagement und Steuergeld die Stadt enorm profitierte, abzuwehren. Manche Ökonomen feierten ihn als den Anfang der modernen Wirtschaftswissenschaften, andere erkannten hier ihre Geburt aus dem Geist des Unternehmerlobbyismus. Stimmen wird beides. Vier entscheidende Grundpfeiler des neuzeitlichen Wirtschaftsdenkens lassen sich bei Peutinger aufzeigen.

• Der Rechtsgelehrte Peutinger betont das private Besitzrecht des Händlers auf seine Ware, der als einziger und alleiniger Verkäufer… nach seinem Willen für diese den Preis festlegt, weil ein jeder gleichsam Herr, Besitzer, Lenker und Richter seiner Ware ist. (10) Damit hat er das private Besitzrecht, das, von jeder Sozialpflichtigkeit gereinigt, die Grundlage kapitalistischen Wirtschaftens bildet, formuliert.

• Der Stadtpolitiker Peutinger rechtfertigt den Eigennutz. Der Reichtum der Händler, die Habgier der wenigen würde schließlich der ganzen Gesellschaft, dem Gemeinwohl nützen. Nicht nur der Händler hat ein Interesse am Reichtum, der infolge des Handels in die deutschen Lande importiert wird und dort verbleibt, sondern auch den Heiligen Kaisern, und Königen, allen Fürsten und Obrigkeiten wächst der Reichtum bei ihren Einkünften zu, die auch solche Einschränkungen keineswegs dulden könnten, und auch Privatleute würden in ihren Vorteilen gemindert. (11) Damit formuliert Peutinger den ideologischen Grundgedanken des wirtschaftlichen Liberalismus, dass der ungezügelte Egoismus aller einzelnen Wirtschaftssubjekte schließlich zum Nutzen der ganzen Gesellschaft gereiche.

• Der Fugger-Freund Peutinger spricht vom Unternehmerrisiko, dass honoriert werden müsse: Wer wollte denn noch Handelsgeschäfte abschließen … sich und sein Vermögen Gefahren aussetzen, wenn er seine Waren und Güter nicht zu seinem Nutzen verkaufen kann? (12) Damit entspricht Peutinger der nach ihm immer wieder laut werdenden Klage, Kritiker des Kapitalismus würden das unternehmerische Risiko nicht genügend würdigen.

Abbildung 2: Porträt Konrad Peutingers von Christoph Amberger 1543 Bild: gemeinfrei Wikipedia

• Der Humanist Peutinger argumentiert in einem von kirchlicher und ständischer Ethik gereinigten Kosmos. Die Kaufleute setzen sich bei ihm nicht mit Geboten, ethischen Anforderungen auseinander, sondern mit ihrem Erfolg, Fortuna und Glück. Damit wird schon früh die Neigung ausgedrückt, wirtschaftliche Fragen als Expertenfragen in einem vor Ethik abgeschirmten Kosmos für sich zu behandeln, auf die auch nur Wirtschaftswissenschaftler eine Antwort geben könnten. Die hier entstehenden voneinander isolierten Welten mit verschiedenen Werten (= Göttern) zeigen in der frühneuzeitlichen Gegenüberstellung von christlicher Moral und antiken Göttern noch ihre ursprüngliche Ausschließlichkeit bzw. die darin liegende gesellschaftliche Sprengkraft. Denn hier beginnt die Revolution des Kapitalismus. (13)

Bei Peutinger scheint die Ideologie, die dem Programm der Augsburger Stadterneuerung zugrunde liegt, schon fertig. Sie nimmt zugleich auch schon die ideologischen Grundlagen der Ökonomie der Neuzeit vorweg.

Wege der Habgier im Humanismus

Mit der Wiederbelebung antiker Kulturgüter, wurden nicht nur alte Ideen wachgerufen und adaptiert (Schönheitsideal), sondern auch ethische Maßstäbe in Frage gestellt. Selbst das Nachdenken über die menschliche Natur zeitigte ambivalente Ergebnisse und vereinigte sich leicht mit der Umwertung der Habgier aus dem Geist des selbstbewussten Handelsbürgertums. Der Humanist und Handschriftensammler Gianfrancesco Poggio Bracciolini, der sein Geld an der römischen Kurie verdiente, schrieb einen Dialog de avaritia. Er argumentierte nicht theologisch und ethisch, sondern anthropologisch, im Blick auf das allgemeine menschliche Verhalten wie er es sah. Die Habgier sei so allgemein, deswegen sei sie auch natürlich, eine zwar beklagenswerte, aber unausrottbare Eigenschaft des Menschen. Trotzdem sei sie nützlich für das Wohl der Allgemeinheit. Die Argumentationsfigur von der geheimnisvollen Verwandlung des privaten Egoismus in den gesellschaftlichen Nutzen, die wir mit dem Namen Adam Smith verbinden, finden wir also schon bei den Humanisten im 15. und 16. Jahrhundert verbreitet. Für Poggio war die private Freigebigkeit der Habgierigen Fundament des Staates. Nicht anders sahen es Peutinger und nach ihm das Augsburger Handelsbürgertum, als es durch den patrizischen Stadtrat mit dem Merkurbrunnen das Glück (Fortuna) der habgierigen Handelsbourgeoisie zum Fundament der Stadt erklärte.

Das war, wenn auch ganz anders als die Confessio Augustana (1555), gleichermaßen ein Bekenntnis, aber kein christliches, sondern ein heidnisch-ideologisches, keine Rechtfertigung des Sünders, sondern seine Selbstrechtfertigung, die Rechtfertigung der Sünde der Habgier.

Die Habgier auf dem Weg zur Industriegesellschaft

Schon Poggio Bracciolini hatte mit seiner Anthropologisierung der Habgier zu einer natürlichen Eigenschaft des Menschen die Tür für ein schamfreies Reden über die Habgier weit aufgestoßen. Vor einem absoluten Verdikt brauchte man sich nicht mehr zu fürchten. Denn mit der Naturalisierung der avaritia wurden die Schädigung des Nächsten und die Benachteiligung der Armen zu bedauerlichen, aber unvermeidlichen Kollateralschäden. Man redete nicht mehr über eine Sünde, sondern über einen unvermeidlichen, aber gerechtfertigten Makel. So war es besser, man schwieg über die Art des Zustandekommens des akkumulierten Kapitals, z.B. über die Arbeitsbedingungen in den Fuggerschen Bergwerken in Tirol. Über das grausame Ausrotten der Indios durch ihre Versklavung in den Silberminen von Potosi machten sich nur wenige ein Gewissen. Auch die Welser rotteten Teile der Urbevölkerung aus, als sie durch Verfügung Karl V. Venezuela für Jahrzehnte in Besitz hatten.

Ein Netz von ideologischen Fäden führte dazu, die Unmenschlichkeit der Habsucht zu verdrängen und sich mit ihr als angeblicher Quelle des gesellschaftlichen Wohlstandes einzurichten:

• das Verlassen einer primär ethisch geprägten geistigen Welt;

• die Anschauung von der Fruchtbarkeit des Geldes;

• die Naturalisierung der Habgier;

• die Entstehung von absolutem, d.h. sozial verpflichtungsfreiem Privateigentum;

• das politische Gewicht der Handelsbourgeoisie;

• die geniale Idee vom privaten Egoismus, der das Gemeinwohl begründet.

Auf diesen Grundlagen (14) begab sich die Kultur des sog. christlichen Abendlandes auf eine schiefe Ebene, auf der es vor dem Abrutschen in eine gewissenlose Profanisierung und Merkantilisierung gesellschaftlicher Verhältnisse kein Halten mehr gab – wie Marx es im Manifest der Kommunistischen Partei eindringlich und konzis auf den Punkt zu bringen wusste:

„Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen, als das nackte Interesse, als die gefühllose ‚bare Zahlung‘. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt. Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheines entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt.“

Die schiefe Ebene dort hinab wurde historisch in dem Augenblick betreten, als Geld nicht mehr nur als Tauschmittel angesehen wurde, sondern um der Bereicherung, also um des Geldes willen gehandelt wurde. Solches Handeln und Wirtschaften degradierte das Arbeitsprodukt, das eigentlich für die Bedürfnisse des Mitmenschen hergestellt wird, automatisch zu einer Ware um des Tausches, der Bereicherung, des Geldes willen. Die Produktion für den Menschen (W-G-W) verkommt immer mehr zu einer Produktion um des Gewinnes willen (G-W-G'). Aus der bedürfnisorientierten Produktion wird eine Produktion der Habgier.

Die Habgier als Produktionssystem

Mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktion während der Manufakturperiode hatte die öffentliche Meinung von Europa den letzten Rest von Schamgefühl und Gewissen eingebüßt. Die Nationen renommierten zynisch mit jeder Infamie, die Mittel zur Kapitalakkumulation. (15) So schreibt Marx nach einem Abschnitt, in dem er anschaulich und minutiös die grausamen und herzzerreißenden Ausbeutungs-Quälereien an den geraubten Kindern während der Manufakturperiode schildert. Die Manufaktur nimmt als Vorform der rein maschinellen Produktion eine Schlüsselstellung ein. Sie ist das Ende der unabhängigen und selbstfertigenden Warenproduzenten, die die feudale Wirtschaft und das Zunftwesen prägten. Sie sind zu reinen Arbeitern geworden, die nur noch ihre Arbeitskraft zum Laufen und Funktionieren eines dem Kapitalisten gehörenden Gesamtmechanismus, als deren bloße Glieder sie sich verdingen, zur Verfügung stellen. Solche Produktionsbedingungen machten systematische Versklavung von Kindern überhaupt erst möglich und ungemein profitabel.

Es sind aber nicht allein die Arbeitsstrukturen, die in menschenunwürdige Arbeitsbedingungen drücken. Die Wirtschaft insgesamt muss in der Neuzeit immer mehr den Gesetzen der Warenproduktion für einen Markt gehorchen, auf dem die Einzelkapitalisten gegeneinander um Leben oder Tod ihres Einzelunternehmens konkurrieren. Durch die Marktkonkurrenz ums wirtschaftliche Überleben ist die Habgier nicht notwendigerweise ein persönliches Charaktermerkmal von bürgerlichen Kapitaleignern, sondern der Markt als solcher zwingt jeden Einzelbetrieb zu einem habgierigen Verhalten, wenn möglich zur Ausschaltung der Konkurrenten, zur Monopolisierung, wenn er seine Rentabilität sichern will, um zu überleben.

Durch die Konkurrenz als Systemstruktur wird die Habgier zum entpersonifizierten Systemzwang. Sie ist vollständig in die Mechanismen des kapitalistischen Systems eingegangen, zu seiner Struktur geworden. Die avaritia ist zur Institution aufgestiegen. Wenn der Markt die institutionalisierte Feindseligkeit ist, ist er gleichzeitig die Hölle. Die Habgier wäre dort angekommen, wo sie nach kirchlicher Moral und biblischem Gebot hingehört. Nur dass sie als System das Leben auf dem Planeten Erde zur Hölle macht.

Klaus-Peter Lehmann

Klaus-Peter Lehmann ist evangelischer Pfarrer i.R., Schüler von Helmut Gollwitzer, aktiv im jüdisch-christlichen Dialog und attac, Publikationen zu entsprechenden Dialog-Themen sowie Theologie und Politökonomie.


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(1) Mit diesem Reichstag wollte Karl V. die Rekatholisierung des Reiches einleiten. Seine konfessionspolitischen Absichten kreuzten sich mit dem stadtpolitischen Machtbegehren der katholischen Fuggerfamilie.

(2) Katholiken: Fugger, Imhof u.a.; CA: Ehem, Hopfer, Lauginger u.a.; wechselnde Konfession: Langenmantel, Rehlinger, Welser

(3) Die Bikonfessionalität galt seit dem Augsburger Religionsfrieden 1555. Anders als die katholische Konfession kannten die Protestanten keine religiöse Gestaltung des Stadtbildes, sondern überließen das der bürgerlichen Gesellschaft. Das kam den Interessen des Patriziats nach einem in ihrem Sinne repräsentativen Stadtbild entgegen.

(4) Conrad Peutinger (1465-1547), ein europäisch vernetzter Humanist und Freund Kaiser Maximilians, war 1497-1534 Stadtschreiber von Augsburg.

(5) Grablege in St. Anna und Damenhof

(6) Damals sprach man, den wahren Sachverhalt geschickt verschleiernd, vom Zinskauf.

(7) Hans-Jürgen Prien, Luthers Wirtschaftsethik, 2012, S. 66f
Digital: Hans-Jürgen Prien. Luthers Wirtschaftsethik / Prien, Hans-Jürgen. Digi20 | Band |. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1992. http://digi20.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb00040769_00001.html.

(8) Ebd., S. 55

(9) Martin Luther, An die Pfarrherrn wider den Wucher zu predigen. Vermahnung, 1540, Günter Fabiunke, Luther als Nationalökonom, Berlin 1963, S. 204

(10) Christoph Fleischmann, Gewinn in alle Ewigkeit. Kapitalismus als Religion, Rotpunktverlag Zürich. 2010, S. 112; Luthers Kommentar dazu: Erstlich haben die Kaufleut unter sich eine Gemeine Regel, das ist ihr Hauptspruch und Grund aller Finanzen, dass sie sagen: Ich mag meine War so teuer geben, als ich kann. Das halten sie für ein Recht, da ist dem Geiz der Raum gemacht, und der Hölle Tür und Fenster alle aufgetan. Was ist das anders denn so viel: Ich frage nichts nach meinen Nächsten? (Von Kaufhandlung und Wucher, WA 15, 294f )

(11) Fleischmann, a.a.O., S. 117

(12) Fleischmann, a.a.O., S. 116

(13) Marx spricht von der höchst revolutionären Rolle, die die Bourgeoisie in der Geschichte gespielt hat. Sie hat unzählige gesellschaftliche Verhältnisse zerstört, damit nichts übrigbleibe „als das nackte Interesse, als die gefühllose ‚bare Zahlung‘… Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt“ (Das Kommunistische Manifest).

(14) Unser Aufsatz behandelt die geistige Seite einer Entwicklung, deren materielle Seite Marx im 24. Kapitel von Das Kapital beschreibt, den über 300 Jahre währenden Raubzug gegen die produzierende Bevölkerung Europas und deren schließliche Proletarisierung. Zu dieser gänzlichen Beraubung der Bevölkerung von ihrem Eigentum an Produktionsmitteln passt die weltanschauliche Verwandlung der Habsucht zu einer natürlichen Eigenschaft des Menschen als Apologie wie die Faust aufs Auge.

(15) Karl Marx, Das Kapital I, S. 787


   
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