Die Sozialdemokratisierung der Emanzipation

Teil 2 einer Besprechung des Buches von Ulrich Duchrow mit luther, marx & papst den kapitalismus überwinden

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„Ein alter Bauer sitzt nach Feierabend auf der Bank vor seinem Haus und schaut sinnend vor sich hin. Er sinnt und sinnt, und die anderen neben ihm denken auch stumm. Auf einmal schnauft der alte Bauer kräftig und sagt aus einer tiefen Betrachtung heraus: ,Hm, lacha tät i, wenn mir an falschen Glauben hättn!‘“ (1) Diese kurze Betrachtung Oskar Maria Grafs über das Verhältnis der Altbayern zu ihrem „Herrgott“ setzt die Fähigkeit der Selbstironie, Selbstbetrachtung, Betrachtung der Welt und Selbstkritik voraus. Glaubensdogma, Sakramente, Liturgien als verinnerlichte Lebensregel, also alle Glaubensäußerlichkeiten seien dem Altbayern fremd, so der bekennende Katholik Graf. Dieser Menschenschlag habe zu seinem Herrgott ein eher persönliches, privates, fast möchte man sagen freundschaftlich-anarchisches Verhältnis.

Ulrich Duchrow schreibt natürlich keine Betrachtungen über den Humor, wenn es bei ihm um die Überwindung des kapitalistischen Systems mit Luther, Marx und dem Papst geht. Von Kritik oder Selbstkritik, Kritik an jahrhundertelang praktizierter falscher Glaubensauslegung, begründet mit der Bibel, aber leider keine Spur. Dabei wäre Kritik an Glaubenssätzen, an theoretischen Betrachtungen Luthers, der Bibel aber Voraussetzung für die Formulierung von Gemeinsamkeiten. Das gilt für die Dogmatisierung Marxscher Aussagen genauso. Die verbissene Ausdauer mit der Duchrow seine These von der Übereinstimmung Lutherscher, Marxscher und biblischer Texte und Gedanken verfolgt überrascht. Der „Götze Mammon“ und seine Kritik stehen im Mittelpunkt der Duchrowschen Geld-Gier Argumentation.

Beide, Luther wie Marx, hätten die Handarbeit als Herkunft des Reichtums ermittelt, beide würden den Wucher kritisieren, den Zins und das Handelskapital kritisch sehen. Beide würden die Kritik an der Kirche üben, das Christentum sei entstanden als Kritik am falschen „Mammon-Glauben“, also als Religionskritik. Das gehe bei Marx in eine ähnliche Richtung.

Jetzt ist man als Leser, gleichgültig ob Marxist, Protestant oder Katholik, erstmal sprachlos über all diese Übereinstimmungen, auch wenn sie von Duchrow geschliffen und schlüssig vorgetragen werden.

Im Detail soll hier nicht auf die Argumente eingegangen werden. Aber einige wesentliche Fragen bleiben unbeantwortet, weil nicht gestellt oder kurz angebunden wegerklärt.

1. Warum ist in Duchrows Buch das Verhalten der christlichen Kirchen in Theorie und Praxis kein Thema? Die katholische Kirche ebenso wie die protestantische Kirche sind bisher nicht durch „Systemveränderung“ aufgefallen. Woran mangelt es also speziell der protestantischen „Systemkritik“, die sich ursächlich wieder auf die Bibel bezieht? Ein kurzes Kapitel wäre hilfreich gewesen.

2. Warum tauchen die ganz offensichtlichen, nicht auflösbaren Widersprüche, die sich aus Luthers Haltung, Charakter und seinen theoretischen wie praktischen Interventionen im Bauernkrieg ergeben, nicht auf? Nicht einmal in der Duchrowschen Interpretation im Jahr 2017. Müntzer taucht hier nur als negativer Gegenspieler Luthers auf. Und Luther ist grundsätzlich positiv besetzt. Auch wenn er die „unsägliche“ Schrift über das Bauernmorden geschrieben hat.

Marx und Engels zu Luther

Marx und Engels haben die Haltung Luthers zu den gesellschaftlichen Widersprüchen im Spätmittelalter folgendermaßen charakterisiert:

„Während sich in dem ersten der drei großen Lager, im konservativ-katholischen, alle Elemente zusammenfanden, die an der Erhaltung des Bestehenden interessiert waren, … sammeln sich um das Banner der bürgerlich-gemäßigten lutherischen Reform die besitzenden Elemente der Opposition, die Masse des niederen Adels, die Bürgerschaft und selbst ein Teil der weltlichen Fürsten, … Die Bauern und Plebejer endlich schlossen sich zur revolutionären Partei zusammen, deren Forderungen und Doktrinen am schärfsten durch Münzer ausgesprochen wurden. Luther und Münzer repräsentieren nach ihrer Doktrin wie nach ihrem Charakter und ihrem Auftreten jeder seine Partei vollständig. Luther hat in den Jahren 1517 bis 1525 ganz dieselben Wandlungen durchgemacht, die die modernen deutschen Konstitutionellen von 1846 bis 1849 durchmachten und die jede bürgerliche Partei durchmacht, welche, einen Moment an die Spitze der Bewegung gestellt, in dieser Bewegung selbst von der hinter ihr stehenden plebejischen oder proletarischen Partei überflügelt wird. Als Luther 1517 zuerst gegen die Dogmen und die Verfassung der katholischen Kirche auftrat, hatte seine Opposition durchaus noch keinen bestimmten Charakter. Ohne über die Forderungen der früheren bürgerlichen Ketzerei hinauszugehn, schloß sie keine einzige weitergehende Richtung aus und konnte es nicht. … Geradeso waren unsere liberalen Bourgeois noch 1847 revolutionär, nannten sich Sozialisten und Kommunisten und schwärmten für die Emanzipation der Arbeiterklasse. … Die Parteien sonderten sich und fanden ihre

Lukas Cranach der Ältere: Der Kurfürst und Mitarbeiter an der Reformation: von links: Martin Luther, Georg Spalatin (?), Johann Friedrich von Sachsen, ganz rechts: Phillip Melanchthon. Altarfragment (?), um 1532 – 39, Museum of Art in Toledo, Ohio, USA

Repräsentanten. Luther mußte zwischen ihnen wählen. Er, der Schützling des Kurfürsten von Sachsen, der angesehene Professor von Wittenberg, der über Nacht mächtig und berühmt gewordene, mit einem Zirkel von abhängigen Kreaturen und Schmeichlern umgebene große Mann zauderte keinen Augenblick. Er ließ die populären Elemente der Bewegung fallen und schloß sich der bürgerlichen, adligen und fürstlichen Seite an. Die Aufrufe zum Vertilgungskampfe gegen Rom verstummten … Auf Huttens Einladung, zu ihm und Sickingen auf die Ebernburg, den Mittelpunkt der Adelsverschwörung gegen Pfaffen und Fürsten, zu kommen, antwortete Luther: ,Ich möchte nicht, daß man das Evangelium mit Gewalt und Blutvergießen verfechte. Durch das Wort ist die Welt überwunden worden, durch das Wort ist die Kirche erhalten, durch das Wort wird sie auch wieder in den Stand kommen, und der Antichrist, wie er Seines ohne Gewalt bekommen, wird ohne Gewalt fallen.’ Von dieser Wendung, oder vielmehr von dieser bestimmteren Feststellung der Richtung Luthers, begann jenes Markten und Feilschen um die beizubehaltenden oder zu reformierenden Institutionen und Dogmen, jenes widerwärtige Diplomatisieren, Konzedieren, Intrigieren und Vereinbaren, dessen Resultat die Augsburgische Konfession war, die schließlich erhandelte Verfassung der reformierten Bürgerkirche.“ (2)

Das ist deutlich und das ist, auch wenn es Duchrow anders sieht, die Meinung von Marx und Engels. Dass Marx Luther als vielleicht ersten deutschen Nationalökonomen sieht, es eine ganze Reihe diesbezüglicher Zitate im Marxschen Werk gibt, hat dabei wenig zu sagen über seine ablehnende Haltung zu Luther als historische Figur, ganz abgesehen von seiner Haltung zu Luther als Kirchenmann kann es keinen Zweifel geben.

Luthers Leistung: die theoretische Legitimation bestehender Verhältnisse

Warum genügen die von Duchrow bei Luther und Marx gefundenen und beanspruchten ökonomisch übereinstimmenden Analysen nicht?

Marx hat mit seinem Werk „Das Kapital“ eine „Kritik der politischen Ökonomie“ geschrieben. Luther hat mit einem Teil seiner Werke, wenn auch nicht ausdrücklich, ebenfalls eine Kritik der politischen und ökonomischen Verhältnisse verfaßt. Diese Kritik kann gelten als der geglückte Versuch den Widersprüchen der Frühmoderne eine theologisch begründete „dezisionistisch-autoritäre“ Vorläuferordnung einer Staats- und Kirchenverfassung zu geben. Einer Ordnung, die schon zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zeitgemäß war. Auf diese Art und Weise hat Luther dem „gemeinen Mann“ die Möglichkeit genommen, durch Emanzipation und Selbstemanzipation zu versuchen ein neues, gerechtes Gesellschaftsformat zu begründen, jenseits aller bisherigen Herrschafts- und Verwertungslogik. Dass für Luther das Gewalt-Argument, dass er gegen Hutten und dann natürlich gegen Müntzer vorbrachte nur schäbige Ausrede war, zeigt seine eigene Haltung zur Gewalt. Wenn das Evangelium sich nur durch das „Wort“ verwirklicht, kann Luther nicht im gleichen Atemzug den Fürstenwillen legitimieren und mit unbarmherzigen Furor die gnadenloseste Vernichtung der Bauernhaufen fordern. Was ist das für eine christliche Haltung, die in der eigenen Person die gesellschaftlichen Widersprüche dermaßen irrational verarbeitet? Es ist die Haltung, die wir heute als staatskonstitutionellen Grundsatz in fast allen sog. demokratischen Verfassungen wiederfinden. Es ist das, was Luthers eigentliche Großtat war: Luther hat uns die „Demokratie“ gebracht. Er hat ein ideologisches Gefäß präpariert, in welches verschiedene Herrschaftsformate passten und passen. Dieses Gefäß diente den Fürsten und ihren Ansprüchen, es diente dem Kapital in all seinen Ausformungen mit seinen Ansprüchen bis heute. Es nannte sich Feudalismus und nennt sich heute parlamentarische Demokratie, soziale Marktwirtschaft oder neoliberal globalisierter Kapitalismus. In der Schweiz übrigens wahlweise halbdirekte oder direkte Demokratie. Ich erwähne die Schweiz, weil wir im allgemeinen in der Schweiz von einer gelungenen Bauernrevolution ausgehen. Aber auch in der Schweiz obsiegte die Reformation in Gestalt der Reformierten. Sehr viel gründlicher noch als im Deutschen Reich. Hier hat frühzeitig das bürgerliche Postulat vom Eigentum und von der Arbeit, das unmittelbar mit den Rechten des besitzenden Individuums verknüpft war, seine weiteste Ausprägung und Zuschreibung gefunden. Also auch dem Recht auf Eigentum des Eigentumslosen, nämlich dem Recht auf Arbeitskraft als Eigentum. Diese hanebüchene heute staatsverfasste Logik, die uns gegenwärtig bei jeder gesellschaftlichen Regung ganz praktisch entgegentritt, einschränkt, demokratisch wie materiell enteignet und entmündigt, traf schon zu Zeiten Luthers auf den schärfsten Widerstand des Revolutionärs Thomas Müntzer und die ausgeprägteste Notwehr des gemeinen Mannes.

Müntzers Leistung

Man würde Ulrich Duchrow gerne einen Theologen an die Seite stellen, der von theoretischer und praktischer Einsicht in die radikale Umwälzung bestehender Gesellschaftsverhältnisse im ausgehenden Mittelalter geprägt war. Einen Mann, wie ihn sich Duchrow ja eigentlich wünscht, der an der Seite des gemeinen Mannes, als deren Vor- und Mitkämpfer auftrat, der die bestehenden ungerechten Verhältnisse anprangerte, seine und des gemeinen Mannes Notwehr theoretisch begründete und an dessen Seite kämpfte: Müntzer.

Thomas Muenzer, Prediger zu Allstedt, Thueringen, Christoph van Sichem, 1608

Thomas Müntzer ist nicht das Thema von Duchrow. In Müntzer kristallisierte sich allerdings wie in keinem anderen die Frage der radikalen Emanzipation, der Selbstemanzipation, der Überwindung eines überholten Systems. Duchrow erwähnt Müntzer nicht als den eigentlichen Brennpunkt der Auseinandersetzung zwischen niederem Volk und „oberkait“, er erwähnt ihn auch nicht als Antipoden Luthers als das vollkommene Gegenmodell zu den Lutherschen/Kurfürstlichen Staats- und Gesellschaftsvorstellungen. Duchrow setzt leider die Legenden-, Mythenbildung und reformatorische Geschichtsschreibung der letzten 500 Jahre fort und unterläßt die notwendige Aufklärung und Kritik. Deshalb darf es nicht verwundern, wenn hier das zum Thema gemacht wird was Duchrow unterläßt: Die eigenständige Müntzersche Entwicklung der „Volksreformation“. Vor allem weil bis heute die Niederlage in der „Revolution des gemeinen Mannes“ den emanzipatorischen Bewegungen im Wege steht. Die Müntzersche Vision einer neuen Gesellschaft steht im Grunde genommen in all ihren Hauptelementen und der von Marx weiterentwickelten Form gerade heute auf der Tagesordnung.

Marx und Engels haben in ihren Texten immer wieder Luther und Müntzer gegenübergestellt:

„Die lutherische Reformation brachte es allerdings zu einer neuen Religion – und zwar zu einer solchen, wie die absolute Monarchie sie grade brauchte. Kaum hatten die nordostdeutschen Bauern das Luthertum angenommen, so wurden sie auch von freien Männern zu Leibeignen degradiert.“ (3)

„Luther hat allerdings die Knechtschaft aus Devotion besiegt weil er die Knechtschaft aus Überzeugung an ihre Stelle gesetzt hat. Er hat den Glauben an die Autorität gebrochen, weil er die Autorität des Glaubens restauriert hat. Er hat die Pfaffen in Laien verwandelt, weil er die Laien in Pfaffen verwandelt hat. Er hat den Menschen von der äußeren Religiosität befreit, weil er die Religiosität zum inneren Menschen gemacht hat. Er hat den Leib von der Kette emanzipiert, weil er das Herz in Ketten gelegt.“ (4)

„Einerseits erweckte der in Prag auftauchende Thomas Müntzer die erloschene Lehre der Taboriten und Choriwiten wieder zum Leben und brachte die Bauern wieder in Bewegung, andererseits verbreiteten hier die Tschechen, die in Wittenberg studiert hatten, das unselige Luthertum und gründeten die idiotischen ,lutherischen Gemeinden‘, so daß es im Lande sechs sich befeindende und sich gegenseitig verfolgende Sekten gab.“ (5)

Schwerpunkte der Müntzerschen Befreiungslehre oder Volksreformation sind:

  1. die theologische Begründung der sozialen Gleichheit aus der Bibel

  2. die Befreiung, das Erlangen des Reiches Gottes ist nur durch unmittelbare gesellschaftliche Handlung möglich. Zur gesellschaftlichen Handlung hat der gemeine Mann das Recht und den Auftrag Gottes

  3. wesentlicher Bestandteil: Unterordnung des privaten, egoistischen unter das allgemeine Wohl. Vor allem Verzicht auf Privateigentum und einem Staatsrecht, das nicht über der gesellschaftlichen Gemeinschaft steht

  4. die gesellschaftliche Umwandlung (die Erlangung des Reiches Gottes) soll in täglicher, demokratischer Praxis im unmittelbaren Lebensprozeß erfolgen, also in einer kontinuierlich verlaufenden direkten Veränderung gesellschaftlicher Realität

  5. Unterstützung und Anleitung soll eine Vereinigung leisten. Gewalt, das Schwert, in diesem Fall ebenfalls aus der Bibel begründet, soll lediglich angewendet werden, wenn sich die Herrenpartei widersetzt.

Hier soll ein Hinweis auf das lesenswerte Werk von M. M. Smirin gegeben werden: Die Volksreformation des Thomas Münzer und der große Bauernkrieg, Dietz-Verlag, 1952. Smirin hat die oben genannten 5 Punkte ausführlich dargelegt und analysiert, was zu hochaktuellen Schlußfolgerungen führt. Er bemerkt allerdings auch, „die Klärung der Frage nach der Rolle Münzers, wie auch nach der Bedeutung seiner Tätigkeit und Lehre im Bauernkrieg wird erschwert durch den tendenziösen Charakter fast aller Quellen.“ Das hat sich bis heute etwas verbessert aber nicht grundsätzlich geändert.

Hier ein Auszug aus Smirins Buch: „>Wehe denen, die Böses gut und Gutes böse heißen, die aus Finsternis Licht und Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen!< Münzer deutete dies, wie wir gesehen haben, als Sentenz gegen die >Herren und Fürsten<, die sich den Fisch im Wasser, den Vogel in der Luft, alles Gewächs auf Erden angeeignet haben. Das III. Kapitel des Propheten Micha enthält einen klarer ausgesprochenen sozialen Protest; hier wird gesprochen von den >Häuptern im Hause Jakobs und den Fürsten im Hause Israel<, die dem Volk die Haut abschinden und ihm die Knochen brechen, aber Münzer ersetzt den abstrakten Ausdruck des Propheten >Volk< durch die konkreten Kategorien >armer Ackersmann< und >Handwerksmann<. Schon diese Korrekturen an den Propheten zeigen, wie konkret Münzers Vorstellung vom Volke gewesen ist; die Hauptsache aber: Er geißelt hier nur das feudale Eigentum der >Herren und Fürsten< und die Ausbeutung der Bauern und Plebejer, die die Grundlage allen Reichtums in der damaligen Gesellschaft war. Er schützt das bäuerliche Eigentum vor der feudalen Ausbeutung und verteidigt das Gemeindeeigentum in der Form, wie es die Bauern forderten. … In diesem Zusammenhang sind einige erhalten gebliebene Briefe der Bauern an Münzer sehr aufschlußreich. Der Brief der Gemeinde Ehrich aus der Grafschaft Schwarzburg-Sondershausen vom 11. Mai 1525 ist die Antwort auf einen Brief Münzers vom 10. Mai. Der Brief Münzers ist nicht erhalten geblieben, auf seinen Inhalt aber kann man aus der Antwort der Bauern schließen. Sie schreiben ihrem >christlichen Beschirmer nach dem heiligen, wahren Wort Gottes<, daß sie seinen Brief erhalten und >verstanden< haben und teilen mit, daß der Kirchenbesitz, der in ihre Hände gefallen ist, zu gleichen Teilen unter den Bedürftigen der Gemeinde, unter den >rechten, lebendigen, armen Heiligen< aufgeteilt wurde. Weiter geben sie Münzer >christlich zu verstehen<, daß sie mit ihren benachbarten Adeligen, den Hugen und Totlebens, Verhandlungen über die Weide geführt haben und ihnen vorgeschlagen haben, binnen acht Tagen ihre Schafe von der Gemeindeweide zu entfernen und die arme Gemeinde in Zukunft damit zu verschonen.“ (6)

Was aus diesem Brief hervorgeht ist im übrigen ein vollkommen anderes Demokratieverständnis als etwa das bei Luther. Aber auch ein vollkommen anderes Demokratieverständnis wie wir es heute haben. Es ist ein praktischer Vollzug der Selbstemanzipation des gemeinen Mannes. Demokratie als Anleitung zur Aneignung gesellschaftlicher Resourcen und Formen gesellschaftlicher Prozesse. Es gibt in diesem Konzept keine Institution, weder staatlich/herrschaftlich oder juristisch noch sonstwie legitimiert, die über diesem Emanzipationsverfahren steht. Müntzer begründet all dies theologisch/glaubensmäßig. Seine ganz große Leistung besteht gerade darin, dass theologisch/glaubensmäßig Abstrakte und Mystische auf gesellschaftliche Realität zu reduzieren und nicht an angeblich höhere Institutionen und Mächte zu delegieren. Von einem solchen Demokratieverständnis muss auch heute eine jede Emanzipationsbewegung, auch Reformbewegung im Kern ausgehen.

Fazit

Was hat es nun mit der Sozialdemokratisierung der Emanzipation auf sich? Luther war natürlich im formalen Sinne nie Sozialdemokrat, eher schon war es umgekehrt. Die politischen Parallelen sind aber auffällig: wankelmütige Argumentation und im Zweifelsfall die Parteinahme für die herrschenden Verhältnisse. Dabei nahm und nimmt man auch in kauf, dass all das zigtausende von Menschenleben kostet. Das, was Luther in seinem theoretischen und praktischen Verhalten vormachte, hat die SPD zum Programm erhoben. Duchrows Bemühen Protestanten, Marxisten und Katholiken unter einen Hut zu bringen, scheitert an seiner Weigerung, den Protestantismus in seinem Kern zu kritisieren. Ihn nämlich letztendlich als eine Ideologie zu bezeichnen, die Herrschafts- und Verwertungsverhältnisse legitimiert, in einem ganz neuen, kritisch sich zeigenden Kleid. Die „Staatsgläubigkeit“ bei Luther und der SPD ist ein wesentlicher Ausdruck davon. Müntzer hat in seiner Schrift „Hoch verursachte Schutzrede“ diese Haltung exakt beschrieben: „Er (Luther, P. R.) saget aber im Buch von Kaufshandelung, daß die Fürsten sollen getrost unter die Diebe und Räuber streichen. Im selbigen verschweigt er aber den Ursprung aller Dieberei. Er ist ein Herold, er will dank verdienen mit der Leute Blutvergießen um zeitlichen Guts willen, welches doch Gott nit durch seine Meinung befohlen. Sieh zu, die Grundsuppe des Wuchers, der Dieberei und Räuberei sind unsere Herren und Fürsten, nehmen alle Kreaturen zum Eigentum. …“ (7)

Peter Rapke, 13. Februar 2018

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(1) O. M. Graf, Etwas über den bayrischen Humor, in ders.: An manchen Tagen, List-Verlag, 1994.

(2) F. Engels, Der deutsche Bauernkrieg, in: MEW Bd. 7, 1968, S. 347.

(3) MEW Band 19, 1968, S. 534

(4) MEW Band 1, 1968, S. 386

(5) K. Marx, zitiert nach Smirin: Die Volksreformation des Thomas Münzer und der große Bauernkrieg, Dietz-Verlag, 1952, S. 70.

(6) M. M. Smirin: Die Volksreformation des Thomas Münzer und der große Bauernkrieg, Dietz-Verlag, 1952, S. 304.

(7) Thomas Müntzer, Die Fürstenpredigt, Union Verlag (VOB) Berlin, 1975


   
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