Martin Luther und der Frühkapitalismus

von Klaus-Peter Lehmann

25.2.2018

Die Verdrängung von Luther als Ökonom
Luthers theologische Position
Luthers Schriften
Luthers ökonomische Einsichten
Kapitalismus als Götzendienst
Fazit und Folgerungen
Ausblick

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Der Diskussionsbeitrag von Klaus-Peter Lehmann hebt den Beitrag Martin Luthers zur Kapitalismuskritik hervor und zeigt auf, dass Texte Martin Luthers eine wichtige Waffe in der Auseinandersetzung mit den verheerenden Auswirkungen neoliberaler Wirtschaftspolitik werden können. Dabei sollten uns die antijüdischen Ausfälle Martin Luthers nicht von einer offenen Diskussion seiner Aufassungen zum Wirtschaftsgeschehen abhalten. Für Karl Marx war er „der älteste deutsche Nationalökonom“ und er hat ihn immer wieder ausführlich im Kapital zitiert. Wer mit Verweis auf Luthers Judenfeindschaft in seiner Kritik am Wucher implizit antijüdische Tendenzen wahrnehmen will, geht den Denkschemata der Antisemiten auf den Leim; denn in seinen Texten zur Ökonomie greift er die Kirche, die christlichen Kaufleute und den herrschenden Adel an, aber er verweist nicht auf jüdische Einflüsse. Ganz im Gegenteil hebt er sogar an einer Stelle das jüdische Gesetz als Vorbild hervor.

Der Beitrag von Klaus-Peter Lehmann kann also die Diskussion auch nach dem Lutherjahr wesentlich bereichern.

Die Verdrängung von Luther als Ökonom

Nur wenigen ist bekannt, was für ein leidenschaftlicher, scharfsichtiger, unnachgiebiger und von Mitmenschlichkeit bewegter Kritiker des aufkommenden Kapitalismus Martin Luther war. Eine prominente Ausnahme ist Karl Marx, der ihn als Zeugen für die Erkenntnis anführt: „Die ‚Gesellschaften Monopolia‘ (Luther) waren gewaltige Hebel der Kapitalkonzentration.“ (1) Dagegen haben die evangelischen Kirchen Luthers ökonomisches Erbe erfolgreich verdrängt. Im 20. Jahrhundert erschienen ganze drei Bücher über Luther als Ökononom, eins davon von einem Wirtschaftswissenschaftler der DDR. (2) Auch im zurückliegenden Luther-Jahr war davon nichts zu hören. Die September-Veranstaltung im Augsburger Annahof zu Luthers Kapitalismuskritik „Den Fuckern ein Zaum ins Maul legen“ war ein absoluter Solitär. Ebenso wie das Buch des Referenten Hans-Jürgen Prien „Luthers Wirtschaftsethik“. Ziel der Veranstaltung war, mit Hilfe von Luthers Einsichten im evangelischen Publikum eine grundsätzliche Kritik am Dogma des Neo-Liberalismus anzuregen. Dazu sind Luthers theologische Positionen und ökonomischen Erkenntnisse durchaus geeignet.

Luthers theologische Position

In seiner Schrift „An die Pfarrherrn, wider den Wucher zu predigen“ (1540) hämmert Luther den Predigern – Wiederholung um Wiederholung – ein: „Wo man Geld leiht und dafür mehr oder besseres fordert oder nimmt, das ist Wucher – in allen Rechten verdammt.“ Aufgabe des Predigers sei es, unter keinen Umständen davon zu weichen. Für Luther verbietet das Gebot der Nächstenliebe jede Übervorteilung des Mitmenschen und legt dem Menschen alleine das Wohlergehen des anderen ans Herz. Aus dieser Ethik, deren Imperativ sagt, jeden Schaden vom anderen fernzuhalten, ergibt sich das weitere.

In Konsequenz verurteilt Luther jeden Darlehensvertrag (damals: Zinskauf), wo nur ein Vertragspartner, der Darlehensnehmer, ein Risiko trägt. Trifft ihn ein unverschuldetes Unglück, das ihn zahlungsunfähig macht, ist er ruiniert, während dem anderen sein Gewinn und Vorteil sicher bleiben. Luther akzeptiert deshalb nur Realkredite mit einem konkreten fest umschriebenen Unterpfand, auf dessen Nutzung der Ertrag der Zinsen als Kaufobjekt gegründet ist. Ein „blinder Zinskauf“, wo dem Darlehensgeber das gesamte Eigentum des Darlehensnehmers als Sicherheit zugesagt ist, sei verwerflich. Nicht der Zinsmann (Schuldner), sondern der Zinsjunker (Gläubiger) habe das Risiko zu tragen, wenn z.B. durch ein Unwetter das als Unterpfand festgelegte Grundstück nicht mehr zu bewirtschaften und der Schuldner zahlungsunfähig geworden sei.

Luther durchschaute und kritisierte die Verschleierung des wirklichen Risikos in der Rede vom „Zinskauf“. Denn sie stellt den wahren Sachverhalt auf den Kopf, als ob der Kreditgeber als Käufer der Zinsen gegenüber dem Kreditnehmer als ihrem Verkäufer, der aber in Wirklichkeit verschuldet ist, der schwächere sei. Aber auch unsere heutige Rede vom Kredtigeber und Kreditnehmer verschleiert. Sie spiegelt vor und ideologisiert, als ginge es nur um die Sicherheit des ausgeliehenen Geldes. Faire, partnerschaftliche Verträge auf Augenhöhe mit beidseitigem Risiko sind so kein Thema mehr. Luther aber gelten alle, die durch unangemessene Garantien bei ihren Geldgeschäften alles im Trockenen haben und sichere Gewinne einstreichen als „Stuhlräuber“. Nebenbei: dieses plastische Sprachschöpfertum Luthers ist bewunderungswürdig. Lutherisch müssten wir sagen: Banken sind Stuhlräuber.

Lutherdenkmal in Görlitz Foto: GörlitzPhotography CC BY-SA 2.0 Flickr

Luthers Schriften

Die größeren ökonomischen Schriften Luthers erschienen 1524 und 1540. Jeweils gab es besondere Anlässe. In den 1520er Jahren erhob eine alle Stände erfassende Antimonopolbewegung, die auch die Reichstage beschäftigte und den Kaiser sowie die Fugger unter Druck setzte, ihre Stimme. Der damals veröffentlichten Schrift „Wider Kaufshandlung und Wucher“ entstammt der Satz „Den Fuckern ein Taum ins Maul legen“. In der 1530er Jahren verebbte die Opposition gegen die Finanz- und Vermögens-Akkumulation, aber die Zinsentwicklung und die Teuerung hatten z. T. horrende Ausmaße. Das war der Anlass für Luthers zweite wichtige Schrift „An die Pfarrherrn, wider den Wucher zu predigen“. Ihr Titel ist programmatisch zu verstehen. Unverkennbar besteht ihr Anliegen darin, gegen die Durchsetzung des Mammonismus und des Wuchers als Normalität, die Unmoralität von Wucher, Übervorteilung und unfairen Kreditgeschäften theologisch und für das Predigtamt verbindlich festzuklopfen. Auch wenn die Mehrheit den Wucher für normal hält und die Obrigkeit mit den Wucherern gemeinsame Sache macht, der Pfarrer, der die Heilige Schrift predigt, hat den Wucher zu verurteilen. Das sei der bedingungslos gültige Auftrag der Prediger: „Die Fürsten und Herren werden sich schwer verantworten müssen, dass sie solche Mörder und Räuber, Wucherer und Geizhälse in ihren Ländern mit Wucher und mutwilliger Teuerung ungehindert morden und rauben lassen.“ Beachtenswert bleibt, dass Luther im Zusammenhang mit der Wucherthematik nie vom Gehorsam gegenüber der Obrigkeit spricht, sondern nur davon, die Wahrheit zu sagen und u. U. Nachteile und Leiden in Kauf zu nehmen. Aber warum gelten Luther die Wucherer als „Menschenmörder“?

Luthers ökonomische Einsichten

Eine entscheidende ökonomische Einsicht Luthers lag darin, mit der mittelalterlichen Lehre und Aristoteles daran festzuhalten, dass es keinen natürlichen, dem Geld als Kredit quasi eingewachsenen Zins gibt. Luther folgte nicht der mit dem Frühkapitalismus an Boden gewinnenden „oecomonia moderna“, einer Denkschule, die im Interesse des sich entwickelnden Fernhandels und seinen Geschäftspraktiken von der Fruchtbarkeit des Geldes sprach: „Wie der Ackerboden durch die Arbeit des Bauern“ fruchtbar werde, so werde „das Kapital erst durch die Arbeit des Kaufmanns fruchtbar.“ (4) Deswegen sei der Gewinn dem Gelde virtuell eingewachsen. Johann Eck und Konrad Peutinger hingen dieser Schule an und lieferten der Fugger- und Kaiserpartei die Argumente für die Reichstagsdebatten über die Monopole.

Der regelmäßige Zins auf Darlehen unterstellt einen „natürlich eingewachsenen Schadewacht“, d.h. einen unbedingt nötigen Schutz vor Schaden, egal ob er eingetreten ist oder nicht. Damit aber wird die Erstattung von Schäden beansprucht, die niemals entstanden sind und niemand erlitten hat. Luther sagte dazu: „Du lässt dir einen erdichteten Schaden durch das Geld deines Nächsten ersetzen, obwohl dir doch niemand diesen getan hat und du ihn auch weder beweisen noch vorrechnen kannst. Solchen Schaden nennen die Juristen 'non verum sed phantasticum interesse'.“ Luther hatte die damals entstandene und bis heute herrschende Ansicht, die blindlings zu unserer Lebensanschauung geworden ist, der Zins gehöre zu einem Kredit unbedingt dazu und sei unabhängig von allen Kalamitäten vorrangig zu bedienen, als phantastisch und erdichtet, als Märchen, als Ideologie entlarvt. Für Luther blieb jeder Zins unnatürlich und Wucher. Er erkannte in der Ideologie vom eingewachsenen Zins und vom fruchtbaren Geld den entscheidenden Hebel für eine dauerhafte Umverteilung der gesellschaftlichen Güter von unten nach oben, für einen nicht endlosen Raubzug der Wucherer und ein ewiges Unrecht: „summum ius summum iniuria.“

Im Blick auf die Monopolgesellschaften schrieb er von den „eyttel Monopolia“:

„Von den Gesellschaften... ist alles grundlos und bodelos, mit eyttel geytz und unrecht... sie haben alle wahr unter ihren henden, und machens damit wie sie wollen... verderben alle geringe kauffleute, gleych wie der hecht die kleyne fisch ym wasser, gerade als weren sie Herrn ober Gottes Creaturen, und frey von allen gesetzen des glaubens und der liebe. Aber weyl sie es dahynn bracht haben, das alle welt ynn fahr und verlust mus handeln... Aber sie ymer und ewiglich gewynnen... ists nicht wunder, das sie bald aller welt gut zu sich reyssen... das sie zu Konige und wyr zu Bettler werden. Konige und Fürsten sollten hie dreyn sehen, und nach gestrengem recht solchs weren. Aber ich höre, sie haben kopff und teyll dran. Und geht nach spruch Esaie 1: Deyne Fürsten sind der diebe gesellen worden... Sollen die Gesellschaften bleyben, so mus recht und redlichkeyt unter gehen. Soll recht und redlichkeyt beiben, so mussen die gesellschaften unter gehen.“

Das lässt sich nur als prophetische Vision und Warnung lesen, im Blick auf das, was sich heute immer noch auf der Welt und vor unseren Augen abspielt.

Kapitalismus als Götzendienst

Der sittliche Ernst, mit dem Luther die frühkapitalistischen Wirtschaftsparaktiken als Wucher und Mammonismus verurteilte, kommt darin zum Ausdruck, dass er in seinem Großen Katechismus die Ablehnung des Wuchers unter der Auslegung des Ersten Gebotes abhandelte: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Was macht diese Praktiken zum Götzendienst? Sie sind von der Gier nach Reichtum gesteuert und reißen je mehr sie um sich greifen, umso mehr Menschen in einen Strudel, der sie in den Abgrund des Egoismus zieht, weil immer mehr Menschen unter dem Angst-Regime des Mammon um ihre Existenz bangen und nur noch an ihr Überleben denken können. Sie verändern den Menschen und machen aus ihm einen Unmenschen, der monoman nach Reichtum strebt (= Gier = Geiz = Todsünde), an seinen Nächsten nicht denkt und u.U. über Leichen geht. Wie kann der Arme mit Hunger im Bauch und Angst in der Seele an die Barmherzigkeit glauben?, fragt Luther. Er wird nicht an einen Barmherzigen glauben, sondern am nächsten Morgen zusehen, wie er an Geld kommt, um sich und seine Familie durchzubringen, dabei aber immer tiefer in den Strudel hinabrutschen wird. Götzenkritik unter dem Gebot der Nächstenliebe bedeutet für Luther, die gesellschaftlichen Folgen der Unbarmherzigkeit des Kapitalismus aufzeigen.

Fazit und Folgerungen

  • Der Kapitalismus zerstört auf Dauer den Zusammenhalt der Gesellschaft, weil er durch seine Wirtschaftspraktiken immer mehr Menschen in einen asozialen Egoismus treibt und sie damit zerklüftet.

  • Luthers Kritik an den aufkommenden Wirtschaftspraktiken seiner Zeit zeigt eine ethische Position und ökonomische Einsichten, die das Tabu des Neo-Liberalismus von heute allseitig in Frage stellen. Die evangelische Kirche wäre gut beraten, sich bezüglich der Entwicklung unseres zerstörerischen Wirtschaftssystems an Luthers Einsichten und Mahnungen zu halten: radikale, ethisch begründete Kritik und Vermahnung an die Prediger, öffentlich gegen den Wucher der Banken und die neoliberale Raubpolitik zu predigen. (3)

  • Entsprechend Luthers stringent ethischer Argumentation gibt es für das wirtschaftliche Handeln keinen Raum der Eigengesetzlichkeit, demzufolge hier nach eigenen Gesetzen bzw. eigenem Gutdünken entschieden werden könne. Für Luther gibt es auf der Welt keinen Freiraum für sogen. Sachzwänge, in dem man dem vorrangigen Gebot der Mitmenschlichkeit entzogen wäre.

  • Alle diese Einsichten des Ökonomen Martin Luther erklären leider bestens, weshalb die evangelischen Kirchen in ihrer Geschichte als obrigkeitsstaatliche und obrigkeitsorientierte Institutionen - und insofern immer an der herrschenden Ideologie ausgerichtet – Luthers antikapitalistisches Erbe konsequent totgeschwiegen haben.

Ausblick

Ähnlich wie Luther kritisierte auch Karl Marx den Kapitalismus als Götzendienst. Er nannte die allgemeine Anerkennung des Marktgeschehens, als ob es ein Naturgesetz sei, einen Warenfetischismus, der über die strukturelle Ungerechtigkeit des Produktionsgeschehens hinwegtäusche. Diesen Fetisch zu lüften, wird in Zeiten des weltweiten neoliberalen Totalitarismus immer dringlicher. Alle Kirchen, Papst Franziskus, die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (348 Mitgliedskirchen), der Lutherische Weltbund und der Reformierte Weltbund haben nach der Jahrtausendwende den herrschenden Neo-Liberalismus als destruktiven und menschenfeindlichen Götzendienst charakterisiert und dazu aufgefordert, sich ihm zu widersetzen. Leider ist davon nichts zu spüren.

Klaus-Peter Lehmann, Januar 2018

 

Zur Person: Der Hamburger Klaus-Peter Lehmann ist evangelischer Pfarrer i.R. und publizistisch aktiv, besonders zu den Themen christlich-jüdischer Dialog sowie Theologie und Politökonomie. Buchveröffentlichungen: Das Phänomen Drewermann, Politik und Religion einer Kultfigur, 1994; Der Philosoph als Priester des Todes. Heideggers ‚ein und Zeit‘ als Vorbereitung zum Heldentod und Auslöschung von Ethik, 2000; Es ströme das Recht wie Wasser. Predigten und Ansprachen, 2005. Der Schüler von Helmut Gollwitzer lebt jetzt im Ruhestand mit seiner Frau in Augsburg.


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Anmerkungen und Quellen:

(1) Karl Marx, Das Kapital, 1. Bd., S. 781. In Band 1 zitiert Marx Luther insgesamt 5mal, in Bd. 3 dann noch 8mal.

(2) Günter Fabiunke, Martin Luther als Nationalökonom, Berlin 1963; Hermann Barge, Luther und der Frühkapitalismus, Gütersloh 1951; Hans-Jürgen Prien, Luthers Wirtschaftsethik, Göttingen1992

(3) Ich meine die weltweiten Privatisierungen, denn das lateinische privare bedeutet rauben

(4) Johann Eck, s. H. J. Prien, Luthers Wirtschaftsethik, Erlangen 2012, S. 66f.


   
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