Bild: wikipedia, Artikel über Peter Handke

Heine, Handke, Serbien – und hoffentlich kein Ende

Textliche Fakten zur Debatte

„Die Öffentlichkeit dreht sich. In Deutschland hat sich viel verändert. Durch den Preis, der jetzt nicht zustande kommt, wird endlich einmal diskutiert, was mit Jugoslawien passiert ist.“ Peter Handke

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In diesem Sinne könnte ich vom Zeugentum [Peter Handke wurde im Prozess des Haager Jugoslawien-Tribunals gegen Slobodan Milosevic als Zeuge der Verteidigung genannt, Red.] auch abgehalten worden sein durch Pressekommentare zu der publikgemachten Zeugenliste. Fast zur selben Zeit war nämlich auch, durchaus mit meinem Willen, öffentlich geworden, daß ich die Hälfte eines Theaterhonorars an die südserbische Stadt Varvarin weitergegeben hatte, wo während des Kriegs gegen Jugoslawien Ende Mai 1999 auf einer Brücke über die Morawa von der NATO zehn Menschen zutode gebombt worden sind. Die Betroffenen von Varvarin hatten gegen die den Krieg mitführende Bundesrepublik in Deutschland einen Schadensersatz- und Schmerzensgeldsprozeß angestrengt, von einem deutschen Gericht in erster Instanz wegen Unzuständigkeit abgewiesen, und so sollte mein Weitergeben des aus staatlichen Quellen (?) fließenden (?) Stück-Gelds (Senat von Berlin) wenigstens ein kleines Zeichen setzen; fast verschwindend angesichts der Tatsache der Prozesskosten.
Ein Kulturfachmann der «Frankfurter Allgemeinen (Zeitung)» unternahm nun zu diesen zwei zufällig eher zeitgleichen Nachrichten eine Art Zusammenschau und erarbeitete folgende Analyse: Da ich bei der Weitergabe des deutschen Staatsgeldes «diktierte», solange die Leute von Varvarin nirgends auf der Welt eine Instanz hätten, die ihnen zu ihrem Recht verhelfe, verdiene das Völkerrecht nicht mehr seinen die Menschheit ehrenden Namen, sei es «klar», daß so darauf abgezielt worden sei, «dem internationalen Recht, und damit auch Den Haag, seine Legitimation abzusprechen». Mit meiner Frage: «Wo sind die heutigen Juristen?» frage, so der Sprachanalytiker, ich demnach nur «scheinbar im Namen der Menschen von Varvarin». Sollte ich nun «wirklich» – so das Fazit der Analyse – «zur Verteidigung eines Mörders wie Milosevic» antreten, hätte ich «das Recht zur Anklage endgültig verwirkt».

Zusammenschau oder Zeitungsdemagogie? Analyse oder Meinung? Fazit oder Drohung? Abgesehen davon, daß die Leute von Varvarin, ihnen voran der Bürgermeister der Stadt, der durch die Bombenangriffe – der Bomber kehrte nach dem ersten Abwurf zur Vollendung seines Sonntagswerks noch einmal zurück – seine fünfzehnjährige Tochter verloren hat, von Anfang an wissen ließen, daß sie gegen Slobodan Milosevic sind, und waren; abgesehen auch davon, daß es vielleicht noch immer nicht so ganz den internationalen Presse-Regeln entspricht, einem Angeklagten vor dem Urteil den «Mörder» zuzuschreiben: obwohl ich nun natürlich damit kommen könnte, daß jener Drohartikel, unter anderem, es war, der mich dann vor meinem Zeugenstand in Den Haag zurückschrecken machte, zum Beispiel «im Interesse meiner Bücher und vor allem meiner verstreuten Leser», trug das doch, «bitte, mir zu glauben», nicht im geringsten zu meinem Verzicht auf den öffentlichen Auftritt, meinem «Comeback» in die Öffentlichkeit, wie der Frankfurter Sprachspezialist das nannte, bei. Zu sehr bin ich über die Jahre daran gewöhnt, wie jeder meiner Sätze zu Jugoslawien, der, statt von «Massakern und Massengräbern», von «Ruhe und Frieden» handelt, als ein regelrechtes Delikt bewertet wird. Peter Handke, Die Tablas von Daimiel 2005                                                                          Bild: Gabriele Senft

Zur Zeit, da Slobodan Milosevic noch der Friedensschlußpartner von Dayton 1995 war, vertuschte ich noch die Untaten ganz Serbiens und «der Serben», indem ich die «himmelan weidenden Schafe» in den Weinberghügeln an der Morawa erzählenswert fand oder «den walddunklen Honig» – solche Wörter strömten, meinte man unabhängig von Jugoslawien, einen Geruch «von Blut und Boden» aus. Dann, mit der Einkerkerung des ehemaligen Präsidenten in Belgrad im neuen Jahrtausend und seiner Auslieferung an das Internationale Tribunal nach Holland – womit das bekriegte Jugoslawien, im Juni 1999, bei Kriegsende, unbesiegt, erst in der Tat den Krieg verlor – änderten sich solche öffentlichen Zuschreibungen: Jeder meiner Sätze, in denen nicht die Massaker usw. mitangetippt waren, zeigte inzwischen meine Komplizenschaft mit dem blutbefleckten Diktator und Schlächter des Balkans.

Aus dem medialen Umlauf gezogen überhaupt die langjährigen Pauschalisierungen Serbiens, etwa in der Haupteigenschaft des Volkes, des «Trotzes» (zu dem der damalige Jugoslawienkorrespondent der Frankfurter Zeitung, Büro in Budapest, während der stärksten antiserbischen Klimax dazusetzte: «böswillig» – «inat», das serbische Wort für «Trotz», sei noch weit Böseres als eben nur Trotz – während in Wahrheit «inat» aus dem fremden Türkischen stammt, den Serben gegeben in den fast fünf Jahrhunderten der Türkenherrschaft); dafür die Personifizierung des Bösen nun in der Gestalt des Slobodan Milosevic: nicht gar untypisch etwa, daß, als der französische Advokat Jacques Vergès sich als Rechtsberater für M. in Den Haag anbot, dem Namen Vergès öffentlich wie selbstredend Titel wie «Verteidiger Klaus Barbies und des Terroristen Carlos» folgten, ohne einen Gedanken, daß die große Leistung des Anwalts vor allem die Verteidigung der algerischen Unabhängigkeitskämpfer vor den französischen Gerichten war, und bleibt.

Was mich betrifft, so genügte, noch vor kurzem, die Aufführung, und nicht einmal die erste, meines «Untertagblues», daß der Reisekritiker der «Süddeutschen Zeitung» aus dem heiteren Untertaghimmel es auf das Stück und dessen Schreiber donnern ließ, mit der Benennung der «anders-gelben Nudeln» vom Belgrader Grünmarkt (Oktober 1995, Friede von Dayton) hätte ich den «Massenmörder Milosevic» verteidigt und als Autor meine «Integrität verloren». Peter Handke, Die Tablas von Daimiel 2005

Die FAZ schrieb zu Handkes Teilnahme an Milosevics Beerdigung unter der Überschrift „Opferbeschimpfung“:

„19. März 2006 Wäre nicht der Sarg gewesen, es hätte zum Schluß nichts mehr an eine Beerdigung erinnert. Wer sich am Samstag in der serbischen Kleinstadt Pozarevac aufhielt, konnte sich eher in einem jener Jüngerschen Albträume wähnen, in denen in Kellergewölben von Schlemmergeschäften Menschenfleisch als beste Zukost zu violetten Endivien empfohlen wird.

[…] kurz nach vier, erfaßte die Masse ein Raunen, das langsam stadteinwärts drang und sich dabei immer mehr zu einem gemeinschaftlichen Johlen wandelte. Sprechchöre waren zu hören: „Slobo!“, „Serbien!“, „Nato-Mörder!“. Slobodan Milosevic hielt Einzug - ein toter Triumphator auf einem letzten Weg durch seine Heimatstadt. Noch einmal schlug nun die Stunde seiner einstigen Vertrauten, die um ihr politisches Überleben kämpfen: all die feisten Großserben, die Nationalisten zu sein vorgeben, in Wirklichkeit aber nicht einmal das sind. Jene, die gut verdienten am Wahn ihres Volkes, das sie in materielle und geistige Armut stießen. Oder die russischen Generäle, die wie die meisten ihrer Landsleute keine Ahnung haben vom Balkan, ständig Namen, Daten und Hintergründe der Ereignisse verwechseln, wenn sie von den jugoslawischen Kriegen sprechen, aber ganz genau wissen, daß der Westen schuld an allem ist.“

Dazu ein Bild von Peter Handke mit einem Großbild von Milosevic im Hintergrund und der Bildunterschrift: „Sänger des Regimes: Peter Handke“ http://www.faz.net/

Rede Handkes beim Begräbnis von Slobodan Milosevic: „Die Welt, die vermeintliche Welt, weiß alles über Slobodan Milošević. Die vermeintliche Welt kennt die Wahrheit. Eben deshalb ist die vermeintliche Welt heute nicht anwesend, und nicht nur heute und hier. Ich kenne die Wahrheit auch nicht. Aber ich schaue. Ich begreife. Ich empfinde. Ich erinnere mich. Ich frage. Eben deshalb bin ich heute hier zugegen.“ Zitiert nach Wikipedia

Peter Handke hielt beim Begräbnis von Slobodan Milosevic im März 2006 eine Grabrede, in der er sich von der so genannten Welt, die angeblich alles weiß, distanziert: "Ich weiß, dass ich nichts weiß. Ich kenne die Wahrheit nicht, aber ich schaue zu, höre zu, fühle und weiß, warum ich hier bin: anwesend in der Nähe von Jugoslawien, in der Nähe von Serbien, in der Nähe von Slobodan Milosevic. Danke." Während Peter Handke seine Anwesenheit als Gegengewicht zur herrschenden Meinung und Sprache verstanden wissen wollte und nicht als Loyalitätserklärung an Milosevic, sahen viele darin eine Verhöhnung der Opfer. http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/kulturzeit/themen/92577/index.html

Hintergrundbild Herkunft: http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Handke

Am frühen Nachmittag, Himmel samt serbischen Ebenen klargeworden, links am Militärflughafen Batajnica, dann rechts am Zivilflughafen Surin vorbei: beide mehrmals bombardiert und raketiert, nach der Angriffslogik, die Faust in Faust mit der »Logistik« marschiert, beide gleichermaßen Militärobjekte – Logik, wonach auch ein Maisfeld und ein Hühnerstall bombardiert werden können, weil Mais, Hühnerfleisch und Eier als Proviant für die feindlichen Soldateska dienen (Tod demnach den Zugpassagieren auf der Brücke von Grdelicka Klisura, weil die Strecke da, Beograd–Thessaloniki, eine »Nachschub«-Linie ist; Tod den Arbeitern in der Zastava-Fabrik von Kragujevac, weil dort neben den Autos angeblich auch »Pistolen« fabriziert werden). Mein Vorsatz da und später, alle die Namen der von den »Europäern« und den amerikanischen Desperados in Flammen geschossenen Menschenorte auswendig zu lernen, Batajnica, Pancevo, Surcin, Pristina …‚ wie ein Gedicht – nur daß dieses Gedicht in zwischen schon viel zu lang ist zum Auswendiglernen. Nach A. keine Gedichte mehr? – Wenn das Gedicht »die Gliederung eines Aufschreis« ist, dann nach Auschwitz und zu Jugoslawien gerade Gedichte, nur noch Gedichte! […]

Eine Stunde südostwärts auf dem autoput (inzwischen zunichte), dann abgebogen nach Kragujevac, dessen Zastava-Werk (Autos) einst die größte Fabrik Jugoslawiens, wenn nicht des Balkans, war: jetzt noch und noch zerbombt. Bei der Ankunft vor den nach außenhin, zur Straße, wie unversehrten, meilenlangen, eher niedrigen und erstaunlich zierlichen Fassaden unversehens Blitzlichter, Videokameras: auf einmal sind wir, bis dahin nichtsahnend, eine delegacija. Aber warum nicht, Zasto da ne? (eine der häufigsten ewig jugoslawischen Floskeln mit dem »nema problema«): keine Miene verziehen, auch als »Delegation« möglichst genau hinschauen, behalten, bezeugen! Und wieder, in Kragujevac hier noch stärker als anderswo, das bestaunenswerte Phänomen, daß alle die zuvor gesehenen Photos, Filme usw. dem Maß der Zerstörung, des Vernichteten, der Gewalttätigkeit der Bomben und Raketen nicht annähernd gerecht geworden sind: käme dem Anschaulichmachen des Luftfaustrechtes nicht sogar eines der altmodischen Panoramagemälde, der 360-Grad-Bilder aus dem 19. Jahrhundert, näher? Eigentümlich auch, wie mir die Zertrümmerung gerade der Werkzeuge, der Werkbänke, der Hämmer, der Zangen, der Schraubstöcke, der Zentimeterstäbe, der Nägel und Schrauben (geplättet und zerrissen selbst die kleinsten Einheiten) noch näher ging als die der massiven Maschinen. Es war, als hätten mit diesen Werkzeugen – hieß »Werkzeug« nicht einmal: Zeichen der Menschwerdung? – die himmlischen Gewaltmächte für die ganze Region die Arbeit, d.h. jedes Zusammenwirken und Dasein (Existieren) auf unabsehbare Zeit vernichtet. Und merkwürdig wieder, wie der Anblick der an ihren Aufhängungen und Laufbändern zerrissenen und verbrannten halb- bis fastfertigen Autohunderte mir weh tat – mir, der bei Autos sonst eher wegblickt –‚ weh tat, als handle es sich bei ihnen um leibhaftige Wesen, denen ein übermächtiges Un-Wesen in einem einzigen Schlag (es waren in Wirklichkeit mehrere Schläge) das Innerste zertrümmert hat. Und inmitten des stolzen (ja) Werks (ja) das ebenso stolze, edle Heizkraftwerk (toplana), das ganz Kragujevac (etwa 200 000 Einwohner) versorgt hat und jetzt nur noch, statt aus blinkenden Kesseln und Röhren, aus Fetzen und Fransen besteht – längst ist das keine Militäraktion mehr, sondern ein Lahmlegen, ärger, ein Ins-Herz-Schlagen, ärger, ein Von-der-Erdoberfläche-Wegteufeln eines ganzen Landes, mehr, eines ganzen Erd-Teils. Selber schuld, diese zersplitterte toplana war als »Schutzschild« benutzt, ja schon gebaut worden für die böse Autoproduktion der bösen Jugo-Kommunisten! Und selber schuld auch jene »124 schwerverletzten Arbeiter« (Delegation! Zahlen!), von den Westbomben kollateral erwischt – auch die »mißbraucht als Schutzschilder«: Überreste – Marmeladenbecher, Fruchtsaftetiketten, Plastiklöffelchen – von der letzten Nachtmahlzeit dieser 124, knappst neben den verschmorten Autoschlachtviehserien unter dem meilenweit den Himmel durchlassenden Hallendach – wirklich bloß »verletzt«? Peter Handke, Unter Tränen fragend 1999

Kragujevac, Denkmal Gebrochene Flügel: Während der Besetzung durch die deutsche Wehrmacht kam es in der Stadt zu einem Massaker. Als Vergeltung für einen Partisanenangriff wurden am 21. Oktober 1941 über 7300 Bewohner erschossen, darunter 300 Schüler und 18 Lehrer des örtlichen Gymnasiums. Mehrere Denkmäler im Gedenkpark 21. Oktober erinnert an die damaligen Opfer (siehe Massaker von Kraljevo und Kragujevac). Diese Gewalttaten inspirierten die Dichterin Desanka Maksimović, eine sehr bekannte Persönlichkeit auf dem Balkan, zum Gedicht Krvava Bajka (Blutiges Märchen). Infolge des tragischen Schicksals wurde Kragujevac einer der aktivsten Vorkämpfer für Frieden und Zusammenarbeit in der Welt. Hierfür wurde die Stadt im Jahr 1986 von der UNO ausgezeichnet und bekam 1988 die Friedensmedaille der französischen Stadt Verdun. Bild und Text von wikipedia Artikel Kragujevac

Kontroverse um Preisverleihung an den österreichischen Schriftsteller Peter Handke:

„Fragen stellen, Dinge in die Schwebe bringen und vom Rand aus beobachten“

Artikel aus Politische Berichte 12/2006, GNN-Verlag

Vor allem zwei hochinteressante zusätzliche Aspekte werden in diesem Artikel verhandelt. Zum einen die Rolle Peter Handkes als Freund des slawischen Österreichs und Wahrer des Artikel / des österreichischen Staatsvertrages (Friedensvertrags), der die Rechte der slowenischen und kroatischen Minderheiten in Kärnten und der Steiermark garantiert. Peter Handke gilt als „personifizierter Artikel /“ und erhielt vor allem dafür – auch für hervorragende Übersetzungen slowenischer Literatur – die Ehrendoktorwürde der Universität Salzburg. Übrigens ist Jugoslawien völkerrechtliche Garantiemacht für den österreichischen Staatsvertrag – man ahnt langsam, was mit der Zerschlagung Jugoslawiens alles verloren geht. Es geht in dem Zusammenhang auch um die Entnationalisierungs- und Vertreibungspolitik der Nazis und um den historischen Zusammenhang zwischen einem slowenischen Kärnten und der Einheit Jugoslawiens.

Der zweite wichtige Aspekt dieses Artikels liegt in dem Hinweis auf eine deutsch-französische Kollaboration in der Kampagne gegen Handke, an der CDU-Rüttgers zusammen mit der französischen Elite beteiligt ist. Hier geht es um die Instrumentalisierung Heinrich Heines für ein außen- und militärpolitisches Kerneuropa unter deutsch-französischer Führung. Auch hierbei steht Handke im Wege.

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