Insolvenz der Gersthofer Backbetriebe und von Lechbäck, Teil 2

Serafin – der feurige Engel

Die Münchner Mittelstands-Holding Serafin im Besitz von Philipp Haindl

23.2.2019


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In Teil 1 dieser Artikelfolge behandelten wir die Auseinandersetzung der Belegschaften der Gersthofer Backbetriebe und der Lechbäck-Verkaufsstellen mit der Münchner Unternehmensgruppe Serafin, der die Großbäckerei bis zu ihrer abrupten Stilllegung am 6. Dezember gehörte (1). Im folgenden Artikel geht es um die neue unternehmerische Rolle von Philipp Haindl aus der Milliardärsfamilie und seine Firmengruppe Serafin als Mittelstandsholding. Diese kauft Betriebe angeblich nur auf, um sie zu halten und zu entwickeln, nicht aber, um sie zu zerschlagen. Serafin, der schützende Engel des deutschen Mittelstandes? Die Fotos in diesem Artikel stammen von der Besetzung des Firmengeländes in Gersthofen durch die Belegschaft und ihrem zornigen Protest während der Sozialplan-Verhandlungen (im Container). Die angekündigte Befassung mit der Rolle der Haindls im Dritten Reich wollen wir uns in einem eigenen Projekt vornehmen.

Serafin will Disruption vermeiden

Im Jahr 2001 hat die Gesellschafterfamilie Haindl die Firma Haindl Papier verkauft. Im Jahr 2010 gründete die Gesellschafterfamilie die Münchner Unternehmensgruppe Serafin. Serafin wirbt auf seiner Webseite (2) mit der 150-jährigen Unternehmertradition der Familie Haindl, mit mittelständischer Erfahrung und einer Philosophie des partnerschaftlichen Umgangs mit Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten.

Die Bezeichnung Serafin kommt vom hebräischen Wort seraph, der Feurige, der Funkelnde und bedeutet der Engel oder der Brennende. Das Feuer, das die Gesellschafterfamilie Haindl antreibt, und der engelsgleiche Höhenflug, der ihr vorschwebt, besteht darin, einen mächtigeren und moderneren Konzern zu schaffen, als es die Haindl-Gruppe jemals war und jemals geworden wäre.

Die Firma Haindl Papier machte am Schluss 1,6 Milliarden Euro Umsatz und hatte 4000 Beschäftigte. Nach dem sehr erfolgreichen Verkauf der Papierfabriken hat sich Haindl neun Jahre Zeit gelassen, um in der Familie entsprechende Strukturen und Voraussetzungen zu schaffen und eine Strategie zu entwickeln für eine erfolgreiche „diversifiziert aufgestellte Unternehmensgruppe aus München“. Schon jetzt beschäftigt Serafin 4000 Leute, also so viel wie Haindl Papier auf seinem Höhepunkt hatte. Die Umsätze der Serafin-Gruppe werden kontinuierlich nach oben geschraubt und liegen zur Zeit bei 600 Millionen Euro. Ein Umsatz von 1 Milliarde Euro wird in absehbarer Zeit erwartet.

Von Anfang an holte sich Philipp Haindl Expertise und Unterstützung durch hochrangige Beiräte (3). Dazu zähl(t)en zum Beispiel Heinrich von Pierer, vormals Vorstandsvorsitzender und später Aufsichtsratsvorsitzender der Siemens AG; Bernd Gottschalk, früher Vorstandsmitglied der Mercedes-Benz AG, später Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA); Wolfgang Ley, Begründer des Modekonzerns Escada, den er zum weltweit größten Damenmodekonzern ausbaute …

Im Januar 2018 vermeldete Serafin die Bildung einer neuen Geschäftsführung, die Serafin-Gründer und bisherigen Geschäftsführer würden als „aktive Gesellschafter“ die strategische Ausrichtung weiterhin in vollem Umfang begleiten.(4):

„‚Wir freuen uns sehr auf die Zusammenarbeit mit der neuen Geschäftsführung. Mit dieser Struktur sind wir hervorragend aufgestellt, um das nächste Etappenziel von drei Zukäufen im Jahr 2018 sowie eines gruppenweiten Umsatzes von mittelfristig einer Milliarde Euro zu erreichen‘, so Philipp Haindl.

Serafin wurde 2010 gegründet und hat sich auf den Erwerb und die aktive Weiterentwicklung von mittelständisch geprägten Unternehmen und Konzernausgliederungen mit einem Jahresumsatz zwischen 20 Mio. € und 200 Mio. € fokussiert.“

Die Geschäftsführer von Serafin gehen behutsam vor, prüfen die für eine Übernahme infrage kommenden Firmen genau, treffen eine strenge Auswahl unter den Bewerbern und kontrollierten die Firmen auch nach der Übernahme eng von der Münchner Zentrale aus. Im März 2018 vermeldete das Handelsblatt, dass Haindls Serafin-Gruppe seit 2010 mit der Eisengießerei Weso-Aurorahütte die neunte Firma in das Sortiment aufgenommen habe (5):

Der Umsatz der Portfoliounternehmen zusammen lag bislang bei einer halben Milliarde Euro, das nächste Ziel ist eine ganze Milliarde, dann soll es noch weitergehen.

Auf Holdingebene arbeiten bei der Serafin-Gruppe 30 Mitarbeiter, die Hälfte von ihnen geht für zwölf Monate oder länger direkt in die Portfolio-Unternehmen. Mit dem Inhouse Consulting werden in einem ersten Schritt die Kostenstrukturen optimiert, im zweiten Schritt sollen die Firmen organisch wachsen. Das läuft natürlich nicht immer harmonisch ab: ‚Die Geschäftsführer freuen sich anfangs auch nicht, wenn wir einen Manager Unternehmensentwicklung für zwölf Monate ins Unternehmen setzen und dafür auch noch eine Rechnung stellen‘, erklärt Haindl. Einmal pro Quartal besucht er die Firmen, und jeder Gabelstapler würde über seinen oder die Tische seiner Kollegen in München gehen. ‚Operativ sind wir wahrscheinlich tiefer drin, als die Werhahns oder Haniels.‘

Kaufen und Halten

Haindl will aber wie diese beiden Firmendynastien auch seine Portfoliofirmen langfristig halten, Verkauf sei nicht Teil seiner Strategie …

Ins Serafin-Portfolio passen Hersteller von Produkten, die es auch in zehn oder 20 Jahren noch gibt und die nicht so einfach durch Disruption vom Markt verschwinden. ‚Wir wollen vermeiden, dass es uns wie Nokia geht‘, sagt Haindl. Alle Unternehmen verdienten Geld, versichert Haindl, die Holding sei schuldenfrei, die Portfoliofirmen natürlich nicht.“

In der Ökonomie wird Disruption etwa so umschrieben (6): „Der Begriff ‚Disruption‘ leitet sich von dem englischen Wort ‚disrupt‘ (‚zerstören‘, ‚unterbrechen‘) ab und beschreibt einen Vorgang, der vor allem mit dem Umbruch der Digitalwirtschaft in Zusammenhang gebracht wird: Bestehende, traditionelle Geschäftsmodelle, Produkte, Technologien oder Dienstleistungen werden immer wieder von innovativen Erneuerungen abgelöst und teilweise vollständig verdrängt.“

Die Frankfurter Allgemeine drückte es im Jahr 2015 so aus (7): „Eine gute Idee zerlegt ganze Branchen. Das Wort dafür heißt Disruption. Daran können sich Manager besoffen reden.“ Und das Zukunftsinstitut, das sich selbst als einen der einflussreichsten Think-Tanks der europäischen Trend- und Zukunftsforschung bezeichnet, spricht in einem aktuellen Artikel vom „Mythos Disruption“ (8). Wir wollen nicht behaupten, dass sich Philipp Haindl besoffen redete, als er dem Handelsblatt erläuterte, dass er mit seinem Serafin-Portfolio Disruption und ein Schicksal wie Nokia vermeiden wolle.

Allerdings hat auch ihn die Disruption mit den Gersthofer Backbetrieben ereilt und er wusste von der Krise dieses Betriebes bereits zum Zeitpunkt des Gesprächs mit dem Handelsblatt im März 2018. Sechs Wochen später thematisierte der bayerische DGB-Vorsitzende auf der Kundgebung zum 1. Mai auf dem Augsburger Rathausplatz die Verluste der Gersthofer Backbetriebe öffentlich und verurteilte die Tarifflucht Philipp Haindls. Die Augsburger Allgemeine berichtet (9):

Als aktuelles Beispiel für Tarifflucht nennt Matthias Jena die Gersthofer Backbetriebe, die auch die Lechbäck-Filialen in der Region betreiben. Das Unternehmen macht Verluste und will Weihnachts- und Urlaubsgeld streichen. Das sei Sparen ‚auf dem Rücken der Beschäftigten‘. Die Backbetriebe gehören zur Serafin-Unternehmensgruppe. Dahinter steht unter anderem Philipp Haindl, ein Sohn des früheren Chefs der Augsburger Papierfabrik Haindl. Der DBG-Chef sieht die Unternehmerfamilie in der Pflicht. ‚Die Familie Haindl war doch mal stolz auf ihre soziale Tradition‘, sagt er. ‚Wo ist die geblieben?‘“

Diese Angelegenheiten verschwieg Philipp Haindl im Gespräch mit dem Handelsblatt wohlweislich. Wir kennen die genauen Ergebnisse des Insolvenzverfahrens nicht, aber die Wirtschaftspresse spricht vom „Aus“ für die Gersthofer Backbetriebe. Es scheint sich also genau das zu vollziehen, was Philipp Haindl gegenüber dem Handelsblatt noch in Abrede stellte. Er lässt eine Firma aus seinem Portfolio „vom Markt verschwinden“.

Den Zusammenhang, den er mit der Bemerkung „wir wollen vermeiden, dass es uns wie Nokia geht“ herstellt, ist falsch. Denn Nokia hat zwar seine globale Spitzenposition als Hersteller traditioneller Handys mit dem Aufkommen des Smartphones eingebüßt und eine sehr komplexe und wechselhafte Firmengeschichte hinter sich, aber Nokia gibt es noch. Und zwar in ziemlicher Stärke, wenn man die Mitarbeiterzahl von über 100.000 und den Umsatz von über 23 Milliarden Euro betrachtet. Nokia hat seine frühere Handysparte auch nicht stillgelegt, sondern verkauft und ist inzwischen über einen Lizenzvertrag mit der finnischen HMD und der Produktion bei Foxconn mit modernsten Smartphones auf dem Markt vertreten. Außerdem ist Nokia inzwischen der größte und modernste Netzwerkausrüster weltweit. Von Disruption kann man im Zusammenhang mit Nokia also nur sehr bedingt sprechen. Während Philipp Haindl den Einsatz von vorhandenem Kapital der Serafin Gruppe für eine Umstellung und Modernisierung der Gersthofer Backbetriebe offensichtlich strikt verweigert.

Philipp Haindl vergleicht sich mit noch Reicheren

Philipp Haindl geht sparsam mit seinem Pulver um und beschränkt den Kapitaleinsatz pro Transaktion angeblich auf bis zu 20 Millionen Euro. Bedenkt man, dass bei Philipp Haindl ein Milliardenvermögen im Hintergrund steht, ahnt man, was mit Serafin bei einer klugen – und wie wir gesehen haben, auch rigorosen – Geschäftspolitik noch alles möglich ist.

Im schon erwähnten Handelsblatt Artikel vom März 2018 (10) wird dem feurigen Engel Serafin große Macht und eine gewaltige Aufgabe zugeschrieben, nämlich die systematische Erneuerung des deutschen Mittelstands und die Erhaltung der Konkurrenzfähigkeit traditioneller Unternehmen:

Investmentexperte Fuchs jedenfalls ist überzeugt, dass Familienunternehmer wie Haindl ‚die Garantie dafür sind, dass sich der deutsche Mittelstand auch systematisch erneuert und auch traditionelle Unternehmen fit für den Wettbewerb gemacht werden‘.“

Und diese notwendige Sanierung und Neuausrichtung des „deutschen Mittelstands“ wird im Handelsblatt nicht nur als eine Aufgabe oder Tätigkeit von Serafin dargestellt. Sondern die führende Wirtschaftszeitung Deutschlands versteigt sich gar zu der Behauptung, „dass Familienunternehmer wie Haindl ‚die Garantie dafür sind‘“. (Hervorhebung durch die Redaktion)

Philipp Haindl vergleicht sich in dieser Hinsicht mit anderen schwerreichen Familienunternehmen wie Werhahn und Haniel. Gegenüber dem Handelsblatt äußert er (11): „Operativ sind wir wahrscheinlich tiefer drin, als die Werhahns oder Haniels.“

Bei Wikipedia wird die Familie Haindl auf der Liste der 500 reichsten Deutschen auf Platz 60 geführt mit 1,95 Milliarden Euro Vermögen im Jahr 2010 und 2,2 Milliarden Euro im Jahr 2016 (12). Demnach ist das hier ausgewiesene Vermögen der Familie Haindl in den letzten Jahren um 300 Millionen Euro gestiegen. Ob das mit Serafin zusammenhängt, wissen wir nicht. In einer anderen Chronologie der reichsten Deutschen, die aber zwölf Jahre älter ist, führt Wikipedia die Haindl-Gruppe auf Platz 44 (13).

Solche Statistiken sind schwankend und unvollständig und oft nicht vergleichbar. Wer wollte auch annehmen, dass die Reichen ihren Reichtum detailliert angeben. So wurde der Erlös aus dem Verkauf der Papierfabriken auf 32 Familienmitglieder verteilt. Für einen Teil der Familie wird das Vermögen in einem Family Office verwaltet, andere investieren unabhängig davon zum Beispiel noch in Immobilien. Die Serafin Holding operiert unabhängig vom Family Office. Der Erlös von 3,7 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Papierfabriken taucht in den diversen Vermögensstatistiken der Wirtschaftspresse in dieser Höhe nicht mehr auf, obwohl er wahrscheinlich nicht auf 1,9 oder 2,3 Milliarden geschrumpft ist, sondern sich eher vermehrt hat.

Es fällt auf, dass die von Philipp Haindl genannten Familienunternehmer wie die Haniels und Werhahns in den beiden genannten Aufstellungen von Wikipedia gar nicht auftauchen, obwohl sie wesentlich reicher sind als die Haindls. In einer Aufstellung des Managermagazins aus dem Jahr 2009 taucht die Familie Haniel mit 10,5 Milliarden Euro auf der Rangliste der 300 reichsten Deutschen unter den vermögendsten Großfamilien auf Platz zwei auf (14). Es sei angemerkt, dass der Familie Haniel einmal die MAN gehörte einschließlich des Mutterkonzerns Gutehoffnungshütte GHH, des damals größten Maschinenbaukonzerns Europas. Heute gehört Haniel unter anderem die Metro-Gruppe und verschiedene Textilkonzerne.

Insgesamt besitzt die Erbengemeinschaft der Haniels Anteile an die 800 bis 900 Unternehmen. Der Gesamtumsatz wurde 2014 mit 3944 Millionen Euro angegeben, das Ergebnis (nach Steuern) mit 686 Mio und die Mitarbeiterzahl mit 11.544. Das Vermögen der Dynastie beläuft sich geschätzt auf 6,5 Milliarden Euro (Stand 2015) (15). Auch hier fällt auf, dass das Ranking der Wirtschaftswoche, auf das sich Wikipedia stützt, das Vermögen der Haniels, das laut Manager Magazin im Jahr 2009 noch 10,5 Milliarden Euro betragen hat, um ganze 4 Milliarden Euro heruntersetzt. Da kann natürlich irgendetwas nicht stimmen, zumal das Unternehmen Haniel sich auf seiner Homepage rühmt „Wir sind Wertentwickler!“ (16) und allein im Geschäftsjahr 2017 ein operatives Ergebnis nach Steuern von einer Viertelmilliarde Euro ausweist (17).

Die Wilh. Werhahn KG ist ein in Familienbesitz gehaltener Mischkonzern mit einem Umsatz im Geschäftsjahr 2016 von 3,3 Milliarden Euro mit 9800 Beschäftigten in den Bereichen Baustoffe, Konsumgüter und Finanzdienstleistungen. Laut Manager Magazin 2009 ist die Familie Wehrhahn die siebtreichste Großfamilie Deutschlands mit einem geschätzten Gesamtvermögen von 2,6 Milliarden Euro (18). 2003 bestand der Mischkonzern aus ca. 130 Unternehmen, eine Expansion nach Osteuropa und Asien ist angekündigt.

Eine berückende Aufgabe für Serafin

Mit der Sanierung und Neuausrichtung des „deutschen Mittelstands“ stellt sich Serafin und ähnlichen, zum Teil noch größeren Mittelstandsholdings unter Mischkonzernen eine berückende Aufgabe. Im Auftrag Gottes – also des deutschen Gesamtkapitalisten – greift der Engel nach mittelständischen Betrieben oder ausgegliederten Konzernteilen, nimmt sie unter seine Fittiche und schützt sie vor feindlichen (ausländischen) Übernahmen. In einem strategischen Artikel platzierte das Handelsblatt 2006 die Überschrift: „Schutz vor Überfremdung – Firmen suchen Milliardäre. Unter deutschen Unternehmen grassiert die Angst vor feindlichen Übernahmen. Reiche Familien sollen feindliche Übernahmen durch Finanzinvestoren verhindern. Das hat in der Vergangenheit auch schon geklappt.“ (19). Das Handelsblatt zählte damals auch die Familie Haindl auf in einer Reihe von Familien, „die sich ein Milliardenengagement leisten können“:

Das Beispiel des Energiedienstleisters Techem habe gezeigt, dass Bieterwettstreite aggressiver werden, sagt Dieter Pfundt, Mitinhaber der Privatbank Sal. Oppenheim. Zuletzt hatte die australische Investmentbank Macquarie nachgelegt, um die vom Unternehmen bevorzugte Offerte des Finanzinvestors BC Partners aus dem Feld zu schlagen. Er sieht deshalb den Drang vieler börsennotierter Gesellschaften, Familien mit einem milliardenschweren Vermögen in die Gesellschaft zu nehmen: ‚Die Platzierung von Aktienblöcken an einzelne Großinvestoren dient dazu, sicherere Aktionärsstrukturen aufzubauen‘, urteilt Pfundt.

Jüngstes Beispiel ist der Industrielle Günter Herz, der ehemalige Miteigner des Kaffeerösters Tchibo. Herz hat am Freitag den Germanischen Lloyd für 575 Mill. Euro sogar komplett übernommen und damit eine feindliche Übernahme des Unternehmens durch den französischen Konkurrenten Bureau Veritas verhindert. (…) Als weitere Namen, die sich ein Milliardenengagement leisten können, werden unter anderem die Familien Haindl, Happel, Hopp, Oetker, Werhahn, Claus Jacob, Haniel, Heraeus, Bauer oder Burda von Insidern genannt.“

Dieses „Geschäftsmodell“ birgt „Chancen und Risiken“, aber auch eine „überdurchschnittliche Entwicklung des Unternehmenswertes“ – wie Serafin im letzten Konzernabschluss feststellt (20):

Die Serafin Unternehmensgruppe ist auf die Übernahme von Gesellschaften mit unternehmerischen Handlungsbedarf spezialisiert. Dazu zählen insbesondere Konzernausgliederungen und mittelständische Unternehmen mit ungelöster Nachfolge. Ziel von Serafin ist es, diese Gesellschaften durch operative Unterstützung zu nachhaltig profitablen Gesellschaften zu entwickeln und den jeweiligen Unternehmenswert zu steigern. Das Risikomanagement spielt dabei eine zentrale Rolle. Nur mit einem funktionierenden Risikomanagementsystem ist es möglich, etwaige Abweichungen von vorgegebenen Zielwerten frühzeitig aufzudecken und darauf entsprechend zu reagieren.

Chancen und Risiken des Geschäftsmodells

Der besondere Beteiligungsansatz der Serafin Unternehmensgruppe beinhaltet ein erhebliches Wertsteigerungspotenzial. Eine erfolgreiche Restrukturierung bzw. Optimierung sowie kontinuierliche Weiterentwicklung ermöglicht eine überdurchschnittliche Entwicklung des Unternehmenswertes. Vor diesem Hintergrund werden bei den einzelnen Unternehmen der Serafin Unternehmensgruppe gezielt Potenziale analysiert und so die individuellen Stärken und Schwächen ermittelt. Dabei werden die verfügbaren Mittel zur strategischen Ergänzung des Portfolios sowie zur Unterstützung des organischen Wachstums eingesetzt.“

Beim Ausbau der Aktivitäten in China und Großbritannien geht es wohl weniger um den „deutschen Mittelstand“

In besagtem Konzernlagebericht für das Geschäftsjahr 2016 teilt Serafin auch mit, dass die Perlon Gruppe sich inzwischen nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA, Korea und China engagiert (21):

Die Perlon Gruppe hat in 2016 mit der Perlon (Zhejiang) Co., Ltd. einen neuen Standort in Haining begründet und im Rahmen eines Asset-Deals den Geschäftsbetrieb von Fuyi Industrial Fiber Co., Ltd. übernommen. Die Produktion soll weiter ausgebaut werden. Durch den Standort in Haining, ca. 100 km südwestlich von Shanghai, wird künftig die Nähe zu westlichen Kunden mit Werken in China gewährleistet und damit ein wichtiger Baustein für weiteres Wachstum gelegt. Die Filament Gruppe verfügt nun über Standorte in Deutschland, USA, Korea und China. Die gesamten Aktivitäten in diesem Bereich firmieren unter dem Namen Perlon. Der Integrationsprozess der Perlon Gruppe wird durch Serafin Mitarbeiter vor Ort unterstützt.“

Der viel gerühmte „deutsche“ Mittelstand, den man nicht „US-Heuschrecken“ oder „Chinesen“ ausliefern dürfe, sondern in deutschen Händen und Familien wie Haindl halten müsse, – scheint angesichts neuer Strategien von Serafin dann doch nicht mehr diesen beschworenen Stellenwert zu haben. So gibt die Serafin-Gruppe auf ihrer Homepage bekannt (22):

Im April 2018 eröffnete Serafin ein neues Büro im Herzen Londons bei Berkeley Square. Mit dem strategischen Ziel der Internationalisierung der Gruppe wird der Fokus des Londoner Investment Büros insbesondere auf Transaktionen in Großbritannien, Skandinavien und den Benelux-Staaten liegen.

Nach der erfolgreichen Integration von zwei ergänzenden Zukäufen in England, den Firmen Playtop Licensing Ltd. und John Artis Ltd., möchte Serafin das Wachstum außerhalb der DACH-Region (Deutschland, Österreich und Schweiz, Redaktion) fortsetzen.“

Peter Feininger, 1. Januar 2019


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1 Insolvenz der Gersthofer Backbetriebe und von Lechbäck – Teil 1: Belegschaftsproteste: „Wir wollen unser Geld zurück!“ Historischer Rückblick auf die angeblich soziale Tradition von Haindl. Die Münchner Mittelstands-Holding Serafin im Besitz von Philipp Haindl, Peter Feininger, 4.1.2019, Forum solidarisches und friedliches Augsburg http://www.forumaugsburg.de/s_5region/Arbeit/190104_insolvenz_d_gersthofer_backbetriebe/index.html

2 „serafin - Unternehmensgruppe“. Zugegriffen 19. August 2018. https://www.serafin-gruppe.de/.

5 Handelsblatt, 14.3.2018

6 „Disruption Definition“. Gründerszene Magazin. Zugegriffen 1. Januar 2019. https://www.gruenderszene.de/lexikon/begriffe/disruption.

7 Meck, Georg, und Bettina Weiguny. „Manager-Jargon: Disruption, Baby, Disruption!“ Frankfurter Allgemeine, 27. Dezember 2015, Abschn. Wirtschaft. https://www.faz.net/1.3985491.

8 Matthias Horx. „Der Mythos Disruption“. Zukunftsinstitut, 30. Oktober 2018. https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/innovation-und-neugier/der-mythos-disruption/.

9 Augsburger Allgemeine 2.5.2018

10 Handelsblatt, 14.3.2018

11 Ebd.

12 „Liste der 500 reichsten Deutschen“. Wikipedia, 18. Dezember 2018. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Liste_der_500_reichsten_Deutschen.

13 „Chronologie der reichsten Deutschen, Quelle: Manager Magazin, Sonderheft: die 300 reichsten Deutschen, Oktober 2004“. Wikipedia, 18. September 2018. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Chronologie_der_reichsten_Deutschen.

14 „Reichste Deutsche: Die vermögendsten Großfamilien, Platz 2: Familie Haniel (Metro), im Bild Franz Haniel, 10,50 Milliarden Euro, Quelle: Rangliste ‚Die 300 reichsten Deutschen‘, manager magazin Spezial, Oktober 2009 (Foto: DDP)“. manager magazin, Oktober 2009. http://www.manager-magazin.de/fotostrecke/fotostrecke-47423-2.html.

15 „Haniel (Unternehmerfamilie)“. Wikipedia, 27. November 2018. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Haniel_(Unternehmerfamilie).

16 „Haniel – Family Equity seit 1756“. Haniel. Zugegriffen 10. Januar 2019. https://www.haniel.de/unternehmen/profil/.

17 „Haniel Kennzahlen Geschäftsjahr 2017“. Haniel. Zugegriffen 10. Januar 2019. https://www.haniel.de/unternehmen/profil/kennzahlen/.

18 „Wilh. Werhahn KG“. Wikipedia, 3. Dezember 2018. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Wilh._Werhahn_KG.

19 Robert Landgraf, und Christian Potthoff. „Schutz vor Überfremdung: Firmen suchen Milliardäre“. Handelsblatt, 23. Dezember 2006.

20 „Serafin GmbH, München, Konzernabschluss zum Geschäftsjahr vom 01.01.2016 bis zum 31.12.2016, Konzernlagebericht für das Geschäftsjahr 2016“. Bundesanzeiger, 2018. https://www.bundesanzeiger.de/ebanzwww/wexsservlet.

21 Ebd.


   
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