Insolvenz der Gersthofer Backbetriebe und von Lechbäck, Teil 1

Belegschaftsproteste:
„Wir wollen unser Geld zurück!“

Historischer Rückblick auf die angeblich soziale Tradition von Haindl.
Die Münchner Mittelstands-Holding Serafin im Besitz von Philipp Haindl

Letzte Änderung 10.1.2019


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Als Anfang Dezember knapp 500 Beschäftigte der Gersthofer Backbetriebe und der Lechbäck-Verkaufsstellen ihre Arbeitsplätze verloren, gab es massive Protestaktionen aus der Belegschaft. Die Empörung konzentrierte sich auf Philipp Haindl, den Chef der Unternehmensgruppe Serafin in München, zu der auch die Backbetriebe gehörten. In einem mehrteiligen Projekt wollen wir uns mit der fast ausweglosen Lage der Belegschaft und ihrem Widerstand befassen und dazu auch eine Reihe von Fotos veröffentlichen, die eigentlich für sich sprechen. Philipp Haindl gehört zu der Milliardärsfamilie Haindl, die mit den Papierfabriken reich geworden ist. Von Seiten der Gewerkschaft wurde immer wieder an die soziale Tradition der Haindls appelliert. Deshalb wollen wir auch ein paar Schlaglichter auf die Firmengeschichte der Haindls werfen. Dabei soll auch die Rolle Haindls im Dritten Reich beleuchtet werden – so gut das anhand der spärlichen Quellenlage geht. Außerdem wird es um die Funktion der Firmengruppe Serafin als Mittelstands-Holding im deutschen Unternehmerlager gehen, die ja angeblich Betriebe nur aufkauft, um sie zu halten und zu entwickeln, nicht aber, um sie zu zerschlagen.

Knapp 500 Beschäftigte der Gersthofer Backbetriebe und der Lechbäck-Verkaufsstellen verloren auf einen Schlag ihre Arbeitsplätze, als die Großbäckerei am 6. Dezember stillgelegt wurde. Die Beschäftigten waren empört, etwa die Hälfte der Belegschaft demonstrierte am 13. Dezember durch die Augsburger Innenstadt. Auf dem Haupttransparent stand: „Philipp Haindl! Was wird aus uns und unseren Familien? – Wir wollen Zukunft“. Die Zukunft wurde mit einem Laib Brot symbolisiert. Die Hauptparole lautete: „Wir wollen unser Geld zurück!“

Unsere Fotos zeigen den Demonstrationszug, als er auf dem Rückweg vom Königsplatz am Rathaus vorbeikam. Ferner ließ uns ein Gewerkschafter Fotos zukommen von den Protestaktionen auf dem Werksgelände in Gersthofen am 14. Dezember, mit denen die Verhandlungen im Container um einen Sozialplan begleitet wurden (diese Bilder zeigen wir in in den folgenden Teilen).

Die Beschäftigten, die zum Teil schon in zweiter Generation bei den Gersthofer Backbetrieben arbeiten, fragen Philipp Haindl nach ihrer Zukunft. Nun – Philipp Haindl hat auf jeden Fall Zukunft mit seiner 2010 gegründeten Mittelstandsholding Serafin-Gruppe. Inzwischen setzt Haindls Unternehmensgruppe 600 Millionen Euro um und beschäftigt mehr als 4000 Mitarbeiter. Mittelfristig peilt er neue Firmenaufkäufe und eine Milliarde Euro Umsatz an. Er will aber noch weitergehen. Offensichtlich hat Philipp Haindl noch gewaltige Reserven aus dem Milliardenvermögen, das der Familienclan aus dem Verkauf der Papierfabriken machte.

Die eine Million zahlt Haindl nicht „freiwillig“, sie ist erkämpft

Die älteren unter denen, die jetzt schlagartig ihre Arbeitsplätze verloren, haben wohl keine Zukunft mehr auf dem Arbeitsmarkt. Geld von der Bundesagentur für Arbeit oder auch aus dem Treuhandvermögen, in das die Serafin-Gruppe auf Druck der Belegschaft eine Million Euro einbrachte, gab es aber nur unter der Bedingung, dass die Verhandlungen um den Sozialplan abgeschlossen waren. Auch die Möglichkeit für jüngere Beschäftigte, die vorerst nur freigestellt und nicht entlassen waren, sich bei anderen Firmen zu bewerben, war an den Abschluss der Sozialplanverhandlungen gekoppelt.

Damit war die Belegschaft gespalten und die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) erpressbar. Der kämpfende Teil der Belegschaft und die NGG wollten von dem schwerreichen Unternehmer Philipp Haindl mehr herausholen. An der Fahrt nach München zur Unternehmenszentrale von Serafin, die von der NGG organisiert und finanziert wurde, beteiligten sich aber einschließlich solidarischer Gewerkschafter aus anderen Branchen, nur noch knapp 100 Leute. Mit jedem Tag, mit dem die NGG den Abschluss der Verhandlungen um den Sozialplan zu den Bedingungen der Serafin-Gruppe blockierte beziehungsweise verzögerte, verloren die Beschäftigten mögliches Arbeitslosengeld.

In diese Kerbe hieb Philipp Haindl und griff seinerseits die Gewerkschaft NGG an. B4B Wirtschaftsleben Schwaben berichtete am 17. Dezember unter der Überschrift „Gersthofer Backbetriebe: Serafin kritisiert Gewerkschaft“:

„Die Gewerkschaft NGG hat am Freitag die Sozialplanverhandlungen mit dem Insolvenzverwalter abgebrochen. … Die Blockadehaltung der Gewerkschaft NGG führe also lediglich dazu, dass die Mitarbeiter erst später Zahlungen erhalten, heißt es in der Pressemitteilung von Serafin. …

Die Serafin Unternehmensgruppe stand erst am Montag wieder im persönlichen Austausch mit der Agentur für Arbeit in Augsburg, und laut Serafin bestätigen die Gespräche bestätigen: Die Beschäftigten erhalten erst Geld von der Agentur für Arbeit, sobald sich diese arbeitslos melden, ansonsten bekommen die Mitarbeiter erst später Arbeitslosengeld. Auch die Vermittlung von neuen Jobs ist erst dann möglich, wenn die Sozialverhandlungen abgeschlossen sind. Aus Sicht des Gesellschafters sei es daher unerklärlich, warum die NGG die Verhandlungen abgebrochen hat und hierfür nicht nachvollziehbare Gründe nennt.

NGG sei nicht an Lösung für Mitarbeiter interessiert

Dieses Verhalten der NGG zeige Serafin zufolge einmal mehr, dass die dortigen Verantwortlichen nicht im Interesse der Beschäftigten handeln. Die Gewerkschaft NGG wusste seit einem Jahr von der schwierigen finanziellen Lage der Gersthofer Backbetriebe. Sie habe sogar ein eigenes Gutachten erstellen lassen, welches genau zu diesem Schluss kommt. Dennoch waren zu keinem Zeitpunkt konstruktive Verhandlungen möglich, da die NGG nie an Lösungen für die Mitarbeiter interessiert war, so der Gesellschafter. Im Vordergrund sei immer die Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit gewesen.“

Am Schluss blieb es dabei, dass die Serafin-Unternehmensgruppe mit einer halben Million die ausstehenden Löhne für Dezember und das Weihnachtsgeld zahlten, das in der Insolvenzmasse nicht mehr vorhanden war – wahrscheinlich, weil Gläubiger Bank zuerst bedient wurden. Hinzu kommen die eine Million, die den Beschäftigten im Durchschnitt vielleicht einen Monatslohn bringt. Diese Zusage machte Philipp Haindl bereits unmittelbar vor der angekündigten Protestaktion am 13. Dezember, um da Luft rauszunehmen. Philipp Haindl betont immer wieder, diese Leistung sei „freiwillig“, tatsächlich aber musste ihn die Belegschaft erst dazu zwingen – die Leistung ist also erkämpft. Gemessen an der Schwere der Arbeit – immerhin haben die Beschäftigten dort täglich 400.000 Backstücke produziert und überregional verteilt vor allem an Aldi und Norma – und gemessen an einer vielfach jahrzehntelangen Beschäftigung und gemessen am kaum vorstellbaren Reichtum der Haindls ist diese Abfindung natürlich ein Skandal.

Dies waren aber die Bedingungen von Philipp Haindl schon vor Beginn der Verhandlungen um einen Sozialplan und davon rückte er auch nicht mehr ab. Das einzige Zugeständnis das Tim Lubecki als Geschäftsführer der NGG bei den Verhand-lungen noch herausholen konnte, war eine äußerst vage und im Volumen nicht näher bezifferte Zusage Haindls, noch etwas Geld zu geben für eventuell nötige Weiterbil-dungs- oder Sprachkurse für Beschäftigte, bei denen die Bundesagentur für Arbeit Vermittlungsschwierigkeiten hat. Das Wirtschaftsportal B4B Schwaben berichtete über den Abschluss der Sozialplanverhandlungen bei den Gersthofer Backbetrie-ben am 20. Dezember (1):

„Die Beschäftigten erhalten mit dem Abschluss des Sozialplans aber auch Geld von der Agentur für Arbeit, sobald sie sich arbeitslos melden. Auch eine Vermittlung durch die Arbeitsagentur kann nun erfolgen. Zudem steht ein Betrag von rund einer Million Euro, den Serafin freiwillig zahlt, für weitere Zahlungen an die Arbeitnehmer bereit. Das Geld kann vom Treuhänder ausgezahlt werden, sobald der Sozialplan unterzeichnet ist. Wie das Geld verteilt wird, stimmen Agentur für Arbeit und Betriebsrat in den nächsten Schritten noch final ab. Danach kann die Auszahlung erfolgen. … Der Gesellschafter ist sich seiner Verantwortung bewusst und unterstützt die Beschäftigten mit weiteren Maßnahmen.

So plant Serafin mit der Agentur für Arbeit ein Weiterbildungs- und Qualifizierungsprogramm aufzusetzen, um insbesondere für Härtefälle die Weitervermittlung in neue Jobs zu erleichtern. Die Details werden noch erarbeitet, da zunächst der genaue Umfang und die Art des Qualifizierungsbedarfs definiert werden muss.

Soziale Verantwortung

Serafin-Gründer Philipp Haindl sagt: ‚Hier zählen wir auf die Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat, um schnellstmöglich den konkreten Bedarf zu ermitteln und das Programm aufsetzen zu können. Zudem muss auch noch die Abstimmung mit der Agentur für Arbeit erfolgen.‘ Philipp Haindl bedankt sich bei Tim Lubecki von der NGG und dem Betriebsrat für den Austausch und die nun gemeinsame gefundene Lösung. Tim Lubecki von der NGG Schwaben sagt: ‚Wir bedanken uns bei Philipp Haindl. Mit der Zusage, die Qualifikation von Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen, die Schwierigkeiten haben, einen neuen Job zu finden, wird Herr Haindl seiner sozialen Verantwortung gerecht.‘“

Der Geschäftsführer der NGG bescheinigt also Herrn Haindl uneingeschränkt, „seiner sozialen Verantwortung gerecht“ zu werden. Auch im Falle der Lechbäck- Filialen, für die eigens verhandelt wird, bedanken sich Philipp Haindl und Tim Lubecki gegenseitig für die gute Zusammenarbeit. Auch hier bescheinigt die NGG Herrn Haindl, „zu seiner Verantwortung für die Beschäftigten“ zu stehen (2). Im Falle Lechbäck werden öffentlich gar keine Zahlen und keinerlei Konditionen genannt.

Herrn Haindl soziale Verantwortung zu bescheinigen im Zusammenhang mit den Gersthofer Backbetrieben, ist schon etwas merkwürdig. Zehn Tage vorher hat Tim Lubecki das Versprechen der Serafin-Unternehmensgruppe, zur Abmilderung der Folgen auf die Mitarbeiter einen siebenstelligen Betrag beizusteuern, wenn die Sozialplan-Verhandlung abgeschlossen und die Auswirkungen bekannt seien, noch als „völlig inakzeptabel“ bezeichnet (3). Kurz darauf klopfen sich der Geschäftsführer der NGG, gleichzeitig Vorstandsmitglied der Augsburger Linken, und der Vertreter einer der reichsten Familien Deutschlands gegenseitig auf die Schulter.

Tarifflucht und Schutzschirmverfahren– alles sozial oder was?

Tatsächlich zahlt jetzt die Serafin-Unternehmensgruppe weniger, als die Abfindungen betragen hätten. Und diese wären schon mager genug und auf zweieinhalb Monatsgehälter gedeckelt gewesen – auch bei langen Betriebszugehörigkeiten. Die Abfindungen hätten aus der Insolvenzmasse bezahlt werden müssen. Die Augsburger Allgemeine schreibt dazu: „Doch aus der wollen auch andere Gläubiger bedient werden: bereits im Geschäftsjahr 2015 ließ Serafin … die Backbetriebe hohe Bankdarlehen aufnehmen. Die Verbindlichkeiten gegenüber den Banken seien auf 2,9 Millionen Euro gestiegen.“ (4)



Hinzu kommt, dass Serafin bei den Gersthofer Backbetrieben bereits im Sommer Tarifflucht beging. Die für 2018 vorgesehene Tariflohnerhöhung wurde nicht ausgezahlt, das Unternehmen sparte sich damit 700.000 Euro. Die Allgemeine Bäckerzeitung schrieb im September: „Schon Anfang des Jahres war die Großbäckerei in den Schlagzeilen, weil sie den Arbeitgeberverband verlassen hat, um Lohnerhöhungen auszusetzen und die Arbeitszeit zu erhöhen.“ (5)

Ferner gab es einen heftigen Konflikt zwischen dem Lechbäck-Betriebsrat und der Firmenleitung wegen einer Personalleiterin, von der sich – wie es hieß – vor allem ältere Verkäuferinnen in den Filialen schlecht behandelt fühlten. Die NGG äußerte in dem Zusammenhang den Verdacht, Lechbäck wolle langjährige und besser bezahlte Verkäuferinnen loswerden. (6) Laut Augsburger Allgemeine stellte Tim Lubecki auch in diesem Zusammenhang die Frage, wo die „soziale Tradition“ der Familie Haindl geblieben sei.

Warum war die Hauptparole der Beschäftigten bei der Demonstration in Augsburg „Wir wollen unser Geld zurück“? Der definitiven Insolvenz am 20. Dezember war eine dreimonatige Schutzschirm-Phase vorausgegangen. Das Schutzschirmverfahren ist Teil des Insolvenzrechts. Dabei verliert die Geschäftsführung ihre Rechte nicht wie in der normalen Insolvenz, sondern führt das Unternehmen mit allen Befugnissen fort. Rechtsanwaltskanzleien, die auf Insolvenzverwaltung spezialisiert sind, raten zum „Schutzschirmverfahren mit Eigenverantwortung“. Erfahrungsgemäß würden Unternehmen mit Bekanntwerden einer Regelinsolvenz blitzschnell „austrocknen“. Gute Mitarbeiter seien dann kaum mehr im Unternehmen zu halten. Das Schutzschirmverfahren verringert die Wahrscheinlichkeit, dass sich Kunden, Lieferanten, Arbeitnehmer usw. vom Unternehmen abwenden.

Auch die Beschäftigten der Gersthofer Backbetriebe vertrauten in der Schutzschirm-Phase darauf, dass es irgendwie weitergeht. Allerdings gibt das Insolvenzrecht dem Unternehmer im Schutzschirmverfahren weitgehende Rechte gegenüber dem Personal. So schreibt zum Beispiel ein spezialisierter Rechtsanwalt (7):

„Sie befreien das Unternehmen von allen Pensionszusagen.

Mit dem Schutzschirmverfahren lösen Sie verkrustete Personalstrukturen auf und können diese neu ordnen.

Staatliche Subventionen: Mit Hilfe insbesondere des Insolvenzgeldes wird das Unternehmen schnell neue Liquidität aufbauen. …

Das Schutzschirmverfahren kostet Geld. Einerseits muss Ihr Unternehmen eine Ausschüttung für die Gläubiger leisten, andererseits den Sachwalter, das Gericht und den Sanierungsberater bezahlen. Hinzu kommen Sonderkosten wie die Gebühren für Insolvenzgeld, Jahresabschlüsse und Inventur. …

All diese Kosten werden Sie aber ohne Weiteres stemmen können, weil Sie aufgrund des Insolvenzgeldes für drei Monate die Lohnzahlungen aussetzen und darüber hinaus weitere Kosten einsparen können. Letztendlich ist das Insolvenzgeld auch dazu gedacht, die Verfahrenskosten zu bezahlen. In vielen Fällen macht es das Schutzschirmverfahren überhaupt erst möglich.“

Das Gesetz sieht für Unternehmen im Schutzschirm staatliche Subventionen vor. Das ist zunächst das Insolvenzgeld. Insolvenzgeld bedeutet: Für drei Monate übernimmt die Arbeitsagentur alle Lohnkosten des Unternehmens. Die Umsatzsteuer entfällt in dieser Phase ebenfalls. Der schon zitierte Anwalt preist die Vorteile des Verfahrens: „Wichtigster Posten ist das Insolvenzgeld der Arbeitsagentur: Die Arbeitsagentur übernimmt für drei Monate die Lohnkosten; Ihr Unternehmen spart also drei volle Lohnrunden.“

Nachdem Aldi Süd einen Großauftrag gekündigt hatte, ging das Unternehmen am 10. Dezember sofort in die Regelinsolvenz. Damit waren die Dezemberlöhne für die Belegschaft und das Weihnachtsgeld hinfällig. Deshalb skandierten die Beschäftigten voller Empörung, dass sie ihr Geld wieder sehen wollen. Mit drei vollen Lohnrunden hat Philipp Haindl offensichtlich die Gläubiger bedient und die Insolvenzmasse ausgeschöpft. Erst die Ankündigung der Protestdemonstration in der Augsburger Innenstadt veranlasste ihn zur Zusage, die Dezemberlöhne überhaupt noch zu zahlen. Auch die Million, die Haindl jetzt noch drauflegen will, haben die Proleten erkämpft, aber ein Teil von ihnen wollte sich damit nicht zufrieden geben. Die Spaltung der Belegschaft war aber fast unüberwindbar: LeiharbeiterInnen, ungelernte ArbeiterInnen, Bäckerei-Facharbeiter und Meister, Junge und Ältere, welche, die schon Angebote von anderen Firmen hatten, und andere…

Von der Aktion in Gersthofen wurde uns berichtet: Bei den stundenlangen Protestaktionen in der Kälte auf dem Werksgelände am 14. Dezember, die die Verhandlungen um einen Sozialplan im Container begleiteten, seien die Betroffenen nach ihren Aussagen auch aktiv von Firmen und Leiharbeitsfirmen auf dem Werksgelände besucht und angesprochen worden. Die Stimmung der KollegInnen sei durchaus kämpferisch gewesen, aber, wie auf den Bildern auch zu sehen sei, auch sehr gedrückt. Einer habe sich trotz Alternative während der Schutzschirmphase für‘s Bleiben entschieden und ärgere sich jetzt mächtig. In einem anderen Fall seien gleich drei Familienmitglieder gemeinsam Opfer der Insolvenz geworden. Aus Sicht vieler habe es während der verbliebenen Zeit zur Sanierung keine wirklich hilfreichen Maßnahmen gegeben. Und ALDI in dieser Situation noch die Pistole auf die Brust setzen zu wollen, hätten viele bereits für das unausweichliche Aus gehalten. Zumal die Gersthofer Backbetriebe zu diesem Zeitpunkt nicht mehr der verlässliche Handelspartner gewesen sei, der sich das vielleicht hätte erlauben können.

Viel Wut habe es aber auch für all die KollegInnen gegeben, die nicht zum Protest am Vortag und zu dem jetzigen gekommen waren. Manche hätten sogar gefunden, das sollte sich auch im Falle eines Sozialplans auswirken. Dann habe sich noch herausgestellt, dass das Weihnachtsgeld, nicht wie angenommen, voll bezahlt werden soll, sondern nur zu 9/12. Das habe erneut lautstarken Protest gegeben.“

Jetzt gibt es praktisch keinerlei Insolvenzgeld mehr. Im Grunde zahlt Haindl mit der einen Million nur die Tariflohnerhöhung zurück, die er 2018 einbehalten hat. Fast hat es den Anschein, als ob beide Seiten, NGG und Haindl, aus unterschiedlichen Gründen an einem blitzartigen Abschluss der Insolvenzverhandlungen interessiert waren und an einem „Kompromiss“, der für beide vorzeigbar ist.

Eine weitere Radikalisierung von Teilen der Belegschaft war vielleicht von vornherein ohne Chancen, hätte aber sowohl Serafin als auch der Gewerkschaft schaden können. Für die NGG drohte eine unlösbare Spaltung der Belegschaft und eine Niederlage, die sich nicht mehr vertuschen ließ. Als Verhandlungspartner in späteren Konflikten und in der nächsten Tarifbewegung beim Arbeitgeberverband wäre die Augsburger Geschäftsführung von NGG wahrscheinlich unten durch gewesen.



Und Philipp Haindl konnte weitere öffentliche Proteste in der Augsburger Innenstadt, auf dem Betriebsgelände in Gersthofen, vor den Haindl‘schen Stiftungshäusern in der Bleich oder vor der Firmenzentrale von Serafin in München absolut nicht brauchen. Wegen solcher Vorkommnisse können durchaus Kunden und Interessenten von Serafin abspringen und eine positive Medienberichterstattung auch in den Fachorganen der Wirtschaftspresse ist elementar für Haindl.

Das berüchtigte „soziale Engagement“ der Haindl-Familie – ein kurzer historischer Rückblick

Über das soziale Engagement der Haindl-Familie kann man beim Augsburgwiki einiges nachlesen.

So habe Clemens Haindl beim Verkauf der Papierfabriken ein Prozent des Erlöses, also 73 Millionen Mark, gestiftet. Auf die damals 3800 Beschäftigten verteilt, hat sich eine Summe von über 19.000 Mark pro Mitarbeiter ergeben. Zu bemerken wäre hierbei allerdings, dass die Haindl‘schen Papierfabriken als größten Hersteller von Zeitungspapier in ganz Europa sehr gute Kennzahlenhatten.So hatte Haindl im Jahr 2000 einem Betriebsgewinn von 261 Millionen Euro bei einem Umsatz von 1,67 Milliarden Euro. Dies stellt immerhin eine Umsatzrendite von fast 16 Prozent dar und trieb sicher den Preis für den Verkauf der Firma, der ein Jahr später erfolgte, ordentlich hoch. So waren die 73 Millionen Mark (37 Millionen Euro) wahrscheinlich schon lange vor ihrer Ausschüttung an die Belegschaft um ein Vielfaches erwirtschaftet.

Für den fairen Umgang der Firma mit ihren Beschäftigten spreche laut Augsburgwiki auch, dass es in der ganzen Zeit ihres Bestehens in der Firma angeblich nur einmal einen Streik gegeben habe, 1921 in Schongau. Bezeichnenderweise „gegen den Willen des Betriebsrats“. Dies ist eher ein Hinweis, dass die Belegschaften mit sozialpartnerschaftlichen Methoden und unternehmertreuen Betriebsräten in der Regel niedergehalten werden konnten.

Als im Jahr 1905 in München ein großer Streik ausbrach, der auch auf die Augsburger Industrie überzugreifen drohte, sahen sich Augsburger Großunternehmen zu Gegenmaßnahmen veranlasst. Im Juni und Juli 1905 wurden 5600 ArbeiterInnen in sechs Augsburger Betrieben für zwei Wochen ausgesperrt, während über 1600 arbeitswillige Weiterbeschäftigung und Lohn erhielten. Wir wissen nicht, ob auch bei Haindl gestreikt und ausgesperrt wurde. Was wir aber wissen, ist, dass aus einer Sammlung Arbeitswilliger und Nichtorganisierter der „Arbeiterverein vom Werk Augsburg“ der MAN (AVA) entstand, der sich in der Folge zu einer Art branchenübergreifender gelber Gewerkschaft und einem erklärten Feind der Freien Gewerkschaften entwickelte und auch in der Haindl‘schen Papierfabrik massiven Einfluss hatte.

Gerhard Hetzer schreibt in einer sozialgeschichtlichen Studie über die Arbeit der Opposition in der Industriestadt Augsburg, dass der AVA in Augsburg Vorbild für die Gründung einer Reihe weiterer Werksvereine in der Metall-, Textil-, Schuh- und Papierindustrie wurde (11). Dabei waren die Mitgliederzahlen der verschiedenen Belegschaften in den gelben Werksvereinen Ende 1908 bei Haindl mit 89,5 Prozent am höchsten, sogar noch höher als bei MAN selbst (77,2 Prozent). Zum Vergleich: bei Betrieben wie Renk oder der Maschinenfabrik Riedinger erreichten die Gelben nur etwa 15 Prozent. Was also im Augsburgwiki als historisch fairer Umgang von Haindl mit seinen Beschäftigten dargestellt wird, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eine massive Einflussnahme auf die Belegschaft durch die Unternehmensleitung schon vor über 100 Jahren. Die Mitgliedschaft von fast 90 Prozent der Belegschaft von Haindl bei einer gelben, unternehmensnahen Vereinigung bedeutet Druck auf die Gewerkschaftsmitglieder. Dies ist sicher einer der Gründe, dass es bei Haindl in der Regel ruhig blieb, zumindest keine offiziellen, organisierten Streiks gab, höchstens wilde Streiks oder Unruhen, wenn überhaupt.

Auch auf die Haindl‘schen Stiftungshäuser fällt ein gewisser Schatten. Es handelt sich um fünf Gebäude mit vielleicht 30 Wohnungen in der Bleichstraße. „Diese wurden nach dem Vorbild der Fuggerei ‚verdienten‘ und armen Arbeitern und Angestellten der Haindl‘schen Papierfabriken günstig zur Verfügung gestellt.“ (12) Zu den verdienten Angestellten zählte vor allem der Vater von Bertolt Brecht, der 46 Jahre lang bei den Haindl‘schen Papierfabriken beschäftigt war, zuletzt sogar als Direktor. Augsburgwiki weiß: „Er hatte die Verwaltung der Stiftungshäuser inne und durfte deshalb – seinem Stand angemessen – gleich mehrere Wohnungen für seine Familie nutzen. 1905, so wissen wir, verdiente der Vater von Bertolt Brecht im Jahr 7.080 Reichsmark, der Durchschnitt war damals 584 Reichsmark.“

Nach dem Kriege gehörten zu den drei Haindl-Werken über 370 alte und neue Werkswohnungen, „mit denen die Arbeiterschaft an die Firma gebunden wurde“ – und wie es das Augsburgwiki unverblümt formuliert: „Damit möglichst wenig Arbeiter in besser bezahlte Branchen abwanderten, wurden sie auch mit regelmäßiger warmer Verpflegung versorgt.“ (13) Es bestand also für das Unternehmen die Gefahr der Abwanderung von Arbeitskräften. Haindl begegnete dem mit betrieblicher „Sozial“politik.

Peter Feininger, 3. Januar 2019


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Die ganze Artikelreihe findet sich unter region/Arbeit und Wirtschaft http://www.forumaugsburg.de/s_5region/Arbeit/index.htm



1 Iris Zeilnhofer. „Durchbruch: Sozialplanverhandlungen bei den Gersthofer Backbetrieben beendet“. B4B Schwaben, 20. Dezember 2018. https://www.b4bschwaben.de/b4b-nachrichten/augsburg_artikel,-sozialplanverhandlungen-bei-den-gersthofer-backbetrieben-beendet-_arid,256292.html.

2 Iris Zeilnhofer. „Serafin und Gewerkschaft finden Lösung für Lechbäck-Mitarbeiter“. B4B Schwaben, 20. Dezember 2018. https://www.b4bschwaben.de/b4b-nachrichten/augsburg_artikel,-serafin-und-gewerkschaft-finden-loesung-fuer-lechbaeckmitarbeiter-_arid,256288.html.

3 Augsburger Allgemeine, 12.12.2018

4 Ebd.

5 Allgemeine Bäckerzeitung, 17.9.2018

6 Augsburger Allgemeine, 31.7.2018

7 Jörg Franzke. „Schutzschirmverfahren Ablauf nach § 270b InsO - Schutzschirm Eigenverwaltung, Rechtsanwalt Jörg Franzke“. Insolvenzberatung und Sanierung (blog). Zugegriffen 29. Dezember 2018. https://www.ra-franzke.de/schutzschirmverfahren/.

8 „Haindl´sche Papierfabriken in Augsburg“. Augsburgwiki. Zugegriffen 25. Dezember 2018. https://www.augsburgwiki.de/index.php/AugsburgWiki/HaindlschePapierfabriken.

11 Gerhard Hetzer, Die Industriestadt Augsburg. Eine Sozialgeschichte der Arbeiteropposition, in: Martin Broszat, Elke Fröhlich, und Anton Grossmann. Bayern in der NS-Zeit: III. Herrschaft und Gesellschaft im Konflikt Teil B,. 700 S. München Wien: R. Oldenbourg, 1981. https://books.google.de/books?id=TApTDwAAQBAJ. Seite 40f.

12 „Haindl´sche Stiftung Georg und Elise“. Augsburgwiki. Zugegriffen 25. Dezember 2018. https://www.augsburgwiki.de/index.php/AugsburgWiki/HaindlscheStiftungGeorgUndElise.

13 „Haindl´sche Papierfabriken in Augsburg“. Augsburgwiki. Zugegriffen 25. Dezember 2018. https://www.augsburgwiki.de/index.php/AugsburgWiki/HaindlschePapierfabriken.


   
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