Das Abkommen zwischen dem militärischen Flügel der Kurden in Syrien und der syrischen Regierung wird von den Medien verschwiegen

Ein unglaublicher Kurswechsel,
der endlich Frieden für Syrien bringen kann

 

24.10.2019




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Unglaublicher Kurswechsel

Unmittelbar nach Beginn der türkischen Militäroffensive in Nordsyrien am 9. Oktober 2019 muss es zu einem unglaublichen Kurswechsel bei der SDF (Syrian Democratic Forces) gekommen sein. Dieser führte nur drei Tage nach dem Einmarsch türkischer Truppen zu einer Vereinbarung mit der syrischen Regierung. Wir können die Hauptpunkte dieser Vereinbarung zwischen der SDF und der syrischen Regierung weiter unten dokumentieren.

Der Angriff der Türkei gilt vor allem den kurdischen Milizen der Volksverteidigungseinheiten (YPG) in Syrien. Diese sind beziehungsweise waren im Rahmen des Militärbündnisses der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) militärische Partner der USA. (1)

Zu dem Militärbündnis SDF (Syrien Demokratic Forces) – oder noch euphemistischer die deutsche Bezeichnung „Demokratische Kräfte Syriens“ – zählen neben den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) und den Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) auch turkmenische, sunnitisch- arabische und assyrisch-aramäische Einheiten. Allerdings wurde das Militärbündnis SDF von der YPG dominiert und bislang von den USA beherrscht.

Nachdem ein Programm der US-Regierung zum Aufbau einer arabischen Streitmacht gegen die syrische Regierung unter Präsident al Assad gescheitert war und Russland in den Krieg eingegriffen hat zum Schutz der syrischen Regierung, forcierten die USA mit der SDF die Gründung eines neuen Militärbündnisses. Die SDF wurden von den USA mit Waffen ausgerüstet und trainiert, vor allem für den Einsatz im Nordosten Syriens. (2)

Diese Syrien Democratic Forces operierten also nicht nur gegen den IS, sondern auch in vieler Hinsicht gegen die syrische Regierung und den syrischen Staat.

Am 13. Oktober nun veröffentlichte Al Arabiya, gestützt auf AFP, Reuters, dass die kurdisch geführte Administration in Nordsyrien mit der syrischen Regierung übereingekommen sei, die Syrische Armee an der syrisch-türkischen Grenze zu stationieren. (3) Zuvor hätten syrische Staatsmedien bekannt gegeben, dass die Syrische Armee begonnen habe ihre Truppen an den Fronten im nördlichen Syrien zu stationieren, um der türkischen Aggression gegen syrisches Territorium zu begegnen.

Der libanesische Rundfunk al-Mayadeen berichtete laut Agentur Reuters vom 13. Oktober, dass die syrische Armee innerhalb von 48 Stunden in Kobani einrückt, das von den kurdisch geführten Syrian Democratic Forces gehalten wird, und in das nahegelegene Manbij, das von SDF-gestützten Kräften kontrolliert wird, um einen möglichen türkischen Angriff auf die Städte zu verhindern.



oben: Verlauf der Frontlinie am 18. Oktober 2019 im Norden Syriens an der Grenze zur Türkei. gelb: kurdische Kräfte, grün: türkische Truppen, hellrot: syrische Truppen, dunkelrot: Irak. Karte: Nate Hooper CC BY-SA 4.0 Wikipedia Vergrößerte Ortsnamen vom Autor eingefügt

unten: Syrienkarte Tschubby CC BY-SA 3.0 Wikipedia

Al Arabiya berichtete weiter (4):

„Die syrische Regierung und die kurdisch geführten Syrian Democratic Forces haben Verhandlungen geführt auf einer russischen Air Base in Syrien, wie ein syrisch-kurdischer Politiker Reuters am Sonntag (13. Oktober, Red.) sagte. Er brachte die Hoffnung auf einen Deal zum Ausdruck, der einen türkischen Angriff stoppe.

Ahmed Suleiman, ein altes Mitglied der Kurdischen Demokratischen Progressiven Partei in Syrien, sagte, die Gespräche hätten auf der russischen Hmeimim Air Base in Latakia stattgefunden.

Er äußerte sich nicht dazu, ob er oder seine Partei, die unabhängig von der SDF sei, eine Rolle in den Verhandlungen gespielt haben.

Gefragt nach den Aussagen von Suleiman, sagte der Leiter der SDF-Medienstelle Mustafa Bali: ‚Kein Kommentar.‘ ‚Wir haben von Beginn der türkischen Invasion an versichert, dass wir alle Optionen prüfen, damit unsere Menschen vor ethnischen Säuberungen verschont bleiben‘, sagte er.

Syrische Regierungsfunktionäre konnten nicht sofort für ein Statement erreicht werden.

Suleiman sagte, er erwarte eine Vereinbarung zwischen den Seiten, die ‚den laufenden Krieg stoppen und vor allem seine katastrophalen und gefährlichen Konsequenzen aufhalten‘ werde.

Er sagte, die Gespräche könnten nach Damaskus verlegt werden, von wo er mit Reuters via WhatsApp Messenger sprach.

‚Wir sind jetzt in Damaskus, so viel kann ich aktuell sagen. Wir hoffen, eine Vereinbarung zu erreichen, die den Krieg zum Stillstand bringt und seine gefährlichen und katastrophalen Konsequenzen für die Einwohner östlich des Euphrat.‘

Seine Partei, eine der ältesten kurdischen Gruppen Syriens, ist nicht an der autonomen Verwaltung beteiligt, die von der SDF und anderen kurdischen Gruppen wie der PYD Partei im nördlichen Syrien errichtet wurde.

Russland ist Präsident Bashar al Assad‘s mächtigster Alliierter.“

Das Abkommen

Einen Tag später, am 14. Oktober, veröffentlichte das kritische US-Portal Information Clearing House die Hauptpunkte der Vereinbarung zwischen der SDF und der syrischen Regierung (5). Diese Information ist sehr wertvoll und findet sich unseres Wissens weltweit nur noch auf dem Europa Blog des Theologen und linken Europapolitikers aus dem Ruhrgebiet, Jürgen Klute (6). Die Quelle ist der in London lebende Journalist und Syrienspezialist Danny Makki. Er hat am 14. Oktober 2019 über seinen Twitter-Kanal von ihm als Kernbestandteile recherchierte Elemente des Abkommens zwischen den Syrischen Demokratischen Streitkräften (SDF) und der syrischen Regierung veröffentlicht (7).

Im Folgenden geben wir diese Teile des Abkommens in eigener Übersetzung wieder (zum Teil mischen sich in die Schilderung des Abkommens aktuelle militärische Situationsberichte Makkis vom 14. Oktober, teilweise auch vom Tag darauf):

„1/ Die Auflösung der SDF (Syrisch-Demokratische Streitkräfte). Alle gegenwärtigen kurdischen Streitkräfte und Militärgruppen schließen sich dem 5. Korps (Angriffslegion) unter russischer Kontrolle an

2/ Eine solide Garantie voller kurdischer Rechte in der neuen syrischen Verfassung einschließlich Autonomie, die zwischen der kurdischen Führung und dem syrischen Staat vereinbart wird

3/ Gemeinsame koordinierte Bemühungen der syrisch-kurdischen Streitkräfte zur Beseitigung der türkischen Präsenz in Nordsyrien, einschließlich Afrins (Idleb zählt nicht)

4 / Für Manbej & Kobani wurde vereinbart, dass die SAA (Syrian Arab Army, Syrisch-Arabische Armee; PF) dort schnell einmarschieren soll, während Hasakeh einen groß angelegten Einsatz syrischer Truppen verzeichnet, der in Qamishly und anderen gemeinsamen Gebieten fortgesetzt wird

5 / Mit syrischen Truppen im Grenzgebiet zur Türkei beginnt eine neue Phase des 8-jährigen Krieges, in der nun eine Art Endspiel Gestalt annimmt – alle Grenzgebiete und Verwaltungszentren werden von der Syrischen Regierung übernommen

6 / Innerhalb eines Monats übernimmt die kurdische Führung einige offizielle Funktionen innerhalb der derzeitigen Syrischen Regierung. Damit soll der Übergang von Nord-Syrien erleichtet werden bis eine neue Verfassung / Regierung gebildet ist

7 / Tabqa in Raqqa war ebenfalls Teil des Übereinkommens. Syrische Truppen marschierten in die Stadt ein und übernahmen heute früh die Kontrolle über den Militärflugplatz

8 / Russland hatte vor ein paar Tagen einen ähnlichen Deal vermittelt. Er wurde jedoch von Damaskus abgelehnt, weil es mehr Zugeständnisse von der SDF wollte

9 / Entsprechend der Vereinbarung sind Syrische Truppen heute in Ein Issa im Norden Raqqas eingetroffen

10 / Die Vereinbarung zwischen der SDF und der Syrischen Regierung muss noch vervollständigt werden. Die Details werden in den nächsten vier Tagen ausgearbeitet

11 / Im Moment bleiben alle ISIS-Gefangenen unter Kontrolle der Kurden

12 / Die Übereinkunft ist so weit eigentlich ein militärisches Abkommen, das auf Selbstverteidigung und beiderseitigem Interesse an einer Reihe von festgelegten Zielen beruht. Der Teil über die Regierung, Delegation von Gebiet und ISIS-Gefangene wird später folgen

13 / Syrische Truppen werden an der gesamten Grenze zur Türkei stationiert sein. Dies ist das erste Mal seit 6 Jahren, dass die syrische Armee eine ernsthafte Präsenz in Nordost-Syrien hat

14 / Obwohl Manbej eine der Städte ist, die die syrische Armee gemäß dem Abkommen einnimmt, ist die Situation dort immer noch angespannt und es ist unklar, wer die Stadt kontrolliert

15/ Unterbrechung: Berichte über den bevorstehenden türkischen Angriff auf Manbej

16 / Die syrische Armee hat die Kontrolle über den Euphrat-Staudamm in Raqqa übernommen

17 / Das Hauptquartier der Brigade 93 in Raqqa ist jetzt unter Kontrolle der Syrischen Streitkräfte

18 / Syrische Streitkräfte auf dem Flugplatz tabqa in Raqqa vor kurzer Zeit

19 / Die syrische Armee ist in Manbej eingetroffen

20 / Das Gebiet um Manbej ist nun unter Kontrolle der Syrischen Armee, überwacht von Russischen und Syrischen Kampfflugzeugen

21 / Die Syrische Armee patrouilliert nun mit Kurdischen Truppen in Raqqa City

22 / Russische Jets haben heute Abend um Manbej von der Türkei unterstützte Militante bekämpft

23 / Weitere Informationen zum Abkommen zwischen der Syrischen Regierung und der SDF wurden veröffentlicht. Die SDF verpflichten sich, die territoriale Integrität von Syrien unter Syrischer Flagge zu wahren und an der Seite von SAA zu kämpfen

24 / Die SDF werden es der Syrischen Armee ermöglichen, die Kontrolle über die Landstrecke zwischen Ayn Diwar (Ost) und Jarablus (West) von 3 parallelen Achsen in Tabqa, Manbej und Hasakeh zu übernehmen. Syrische Truppen sind bereits in diesen drei Gebieten stationiert

25 / Die syrische Armee wird östlich und nördlich des Euphrats stark vertreten sein, während das Gebiet zwischen Tall Abyad und Ras al Ayn als Schauplatz militärischer Operationen gilt

27 / Offiziell marschierte die syrische Armee in die Stadt Manbij ein, während die russische Militärpolizei die dortige ehemalige US-Basis übernommen hat

28 / Letztendlich ist die politische Situation um Manbij kompliziert, aber die Karte unten zeigt die Grenzen der Pufferzone (gelbe Linie), wie von Russland und Türkei vereinbart (… Karte von uns nicht abgebildet, PF)

29 / Diese Karte von @MaximMansour zeigt uns die Gebiete, die die syrische Armee voraussichtlich in Nordsyrien einnehmen wird oder bereits eingenommen hat


30 / Ein Zwischenfall ereignete sich in Manbej, als der Militärrat von Manbej und einige Anwohner auf ein Syrisches Fernsehteam schossen, das in der Gegend filmte. Die Russische Militärpolizei intervenierte und beruhigte die Lage

31 / Russland und seine Streitkräfte greifen in kleine Streitigkeiten ein und lösen sie so wie in Manbej. Dies markiert einen hegemonialen Supermacht-Status für Russland, für den es im Land keine Rivalen gibt

32 / US-Streitkräfte blockierten heute den Vormarsch der syrischen Armee in Richtung Kobani und hielten ihre Kolonnen am Manbij-Hasakeh Highway an

33 / In diesem CNN-Artikel zitiert: Überprüfung der Fakten, Trumps Behauptungen zu Kurden und Syrien ‚Die Invasion durch die Türkei hat die SDF gezwungen, einen Deal mit der syrischen Regierung abzuschließen.‘ (Der CNN-Artikel ist über einen angegebenen Link nicht mehr verfügbar; PF)

34 / Zitiert in diesem Beitrag von Richard Hall im Independent zum SAA & SDF-Vertrag. ‚Während die Grundzüge des Abkommens gegenseitige Selbstverteidigung und den gemeinsamen Kampf gegen die Türkei beinhalten, bedeutet dies langfristig das Ende der völligen Autonomie für die Kurden.‘ (8)

As Assad's forces return to northeast syria, many Kurds worry that t…
Seven Years ago, while it was failing to contain an insurgency that was sweeping the country, the Syrian Government withdrew from the Kurdish
independent.co.uk

35 / Erdogan behauptet, türkischer Soldat sei bei Beschuss durch syrische Armee um Manbej getötet worden

(…)“

Eine Bewertung

Das Verschweigen dieses Abkommens durch die westlichen Medien drückt viel aus. Es passt dem Westen nicht, es untergräbt seinen Einfluss und die Absicht, mithilfe der Kurden Syrien zu spalten und womöglich einen Bürgerkrieg auszulösen. Denn die Masse der Kurden lebt nicht in „Rojava“ – das es ab sofort nicht mehr gibt – sondern in Gegenden wie Aleppo und Damaskus.

Natürlich ahnte oder wusste der Westen, dass das Abkommen zwischen dem kurdischen Militär und der syrischen Regierung die Voraussetzung war für einen positiven Ausgang der Verhandlungen zwischen Erdogan und Putin am 22. Oktober. Tatsächlich ermöglichte die vereinbarte Auflösung der „Syrisch Demokratischen Kräfte“ und die Verpflichtung der SDF, die territoriale Integrität von Syrien unter Syrischer Flagge zu wahren und an der Seite der SAA zu kämpfen, erst das Ergebnis der Verhandlungen zwischen Russland und der Türkei. Nur auf Basis dieses Abkommens zwischen der SDF und der syrischen Regierung konnte Russland der Türkei glaubhaft versichern, dass sich die YPG aus der 30 km tiefen Pufferzone zwischen Euphrat und Irak gänzlich zurückzieht. Außer dem Landstrich zwischen Tal Abyad und Ras al-Ain, den die Türkei „bewacht“, nicht etwa besetzt, übernehmen russische und syrische Kräfte die Kontrolle in der gesamten Pufferzone. Türkische Truppen dürfen in unmittelbarer Grenznähe (10 km Tiefe) mit patrouillieren (9).

Das heißt aber auch, dass ehemalige kurdische Mitglieder der SDF, der YPG und YPJ – sofern sie sich nach deren Auflösung der syrischen Armee angeschlossen haben – durchaus an den Patrouillen in der Pufferzone beteiligt sein können. Und die Türkei muss nach den Gesprächen zwischen Erdogan und Putin die „politische Einheit und territoriale Integrität“ Syriens eindeutig anerkennen. „In anderen Worten: Erdogan, der in den ersten Kriegsjahren alles daran gesetzt hat, Assad zu stürzen“, muss diesen nun als rechtmäßigen Regierungschef von Syrien anerkennen, stellt der Spiegel fest (10).

Nach Darstellung Russlands bedeutet die Einigung in Sotschi das Ende der türkischen Offensive in Nordsyrien. Nach über 6-stündigen Beratungen über den Syrienkonflikt zwischen Putin und Erdogan sagte Putin , „… er habe die Türkei und Syrien zu einem Dialog aufgerufen. Stabilität sei in Syrien nur zu erreichen, wenn die territoriale Unversehrtheit des Landes gewährleistet sei. Ausländische Truppen, die sich ohne Billigung der syrischen Regierung dort aufhielten, müssten das Land verlassen.“ (11)

Die Welt fasste die Ergebnisse der Verhandlungen in Sotschi zwischen Erdogan und Putin noch einmal unverblümt zusammen (12):

„Sobald der Abzug der Kurden vollbracht ist, bricht ein neues Kapitel der türkisch-russischen Militärkooperation an: Gemeinsame Patrouillen auf der Zehn-Kilometer-Linie westlich und östlich des bereits von der Türkei kontrollierten Gebiets. Somit betreten die Türken Seite an Seite mit den Russen bislang kurdisch kontrolliertes Gebiet. Für Washington und die Nato-Partner der Türkei ist das ein herber Schlag. Schoigu hat bereits angekündigt, dass das bisherige Kontingent der russischen Militärpolizei dafür ausreicht, allerdings werden zusätzliche Fahrzeuge benötigt. Die unmittelbare syrisch-türkische Grenze wird von Assads Soldaten patrouilliert.

Langfristig ist das Ergebnis der Verhandlungen eine gute Nachricht für Putin. Dass Erdogan nun das Adana-Abkommen (13) gelten lässt, könnte ein erster Schritt zu direkten Kontakten zwischen Damaskus und Ankara sein. So will der Kreml die letzten Hürden für eine politische Lösung des Syrienkonflikts im Sinne Moskaus und Teherans aus dem Weg räumen. Putins Wunsch, Erdogan und Assad an einen zu Tisch bringen, könnte Realität werden.“

Der deutschen Kriegsministerin schwante bereits vorher, dass die Gespräche in Sotschi „ein herber Schlag“ für die NATO-Partner der Türkei würden. Also preschte Annegret Kramp-Karrenbauer einen Tag zuvor mit der Forderung nach einem „internationalen Stabilisierungseinsatz“ vor. Sie begründete einen solchen Einsatz unverblümt damit, dass man diese Region nicht Russland und der Türkei überlassen dürfe und stattdessen eine „international kontrollierte Sicherheitszone“ schaffen müsse. Dafür brachte sie auch den Einsatz deutscher Bodentruppen in Syrien ins Spiel. Die Süddeutsche (14) erläuterte die Brisanz dieses mit der Kanzlerin abgesprochenen Vorstoßes: Es wäre „das erste Mal in der Geschichte der Bundesrepublik, dass Deutschland eine Initiative zu einer internationalen Militärmission ergreift. Damit wäre auch eine Beteiligung der Bundeswehr faktisch unumgänglich.“

Der überrumpelte Außenminister Heiko Maas stellte fest, dass der Vorschlag Kramp-Karrenbauers „Irritationen“ bei den deutschen Partnern hervorgerufen habe. In einem Pressestatement betonte der deutsche Außenminister (15):„… angesichts der aktuell beschriebenen Lage gibt es derzeit unter den Partnern keine Diskussion um die Errichtung einer internationalen Schutzzone.“ Wir wollen in dieser Formulierung das „derzeit“ betonen.

Wir halten fest, dass die unseres Erachtens erfreuliche Entwicklung in Syrien und der russische Erfolg der Gespräche in Sotschi nur möglich waren auf Grundlage des verschwiegenen Abkommens zwischen der SDF und der syrischen Regierung. Dass auch die deutsche Linke, die Friedensbewegung und auch die Kurdistansolidarität dieses Abkommen verschweigen und auch verkennen, wenn sie dem Rojava-Phantom nachtrauern oder Rojava sogar noch huldigen, obwohl es inzwischen gegenstandslos ist, – wundert uns nicht.

Dass diese Woche auch die Entscheidung im Bundestag ansteht, den deutschen Militäreinsatz in Syrien und im Irak unter dem Titel Inherent Resolve zu beenden, – davon spricht beim Zustand dieser „Friedensbewegung“ sowieso niemand.

Dass sich jetzt aber die Solidaritätsbewegung aus lauter Verzweiflung und Trotz überschlägt und beginnt, sich offen an die Seite der NATO zu stellen, sollte schon vermieden werden. Wenn sich jetzt Abgeordnete der Linkspartei an den UN-Sicherheitsrat wenden wegen einer „Garantie der Sicherheit für ein autonomes Gebiet der syrischen Kurdinnen und Kurden als integralem Bestandteil des syrischen Staats“ (16), so läuft das klar auf eine Einmischung in innersyrische Angelegenheiten hinaus und unterläuft das Abkommen zwischen SDF und syrischer Regierung. Wenn die kurdischen Dachverbände in Europa die Forderung erheben: „UN-Truppen müssen im gesamten Grenzgebiet zwischen Syrien und der Türkei stationiert werden“ (17) , so läuft das in etwa auf das Gleiche hinaus und beweist, dass diese kurdischen Kräfte auch die Vereinbarung von Sotschi – die ihnen eigentlich das Leben gerettet hat – nicht akzeptieren.

Genauso verzweifelt und politisch katastrophal der Aufruf der Autonomieverwaltung von Nord- und Ostsyrien, wie er von der Firat Nachrichtenagentur ANF veröffentlicht ist (18): „Wir rufen die internationalen Kräfte auf, Druck auf die Türkei auszuüben, damit sie ihre Soldaten von den von ihr besetzten Gebieten zurückzieht. Außerdem rufen wir dazu auf, dass internationale Kräfte in die Region kommen und die Bevölkerung vor jeder Form unmenschlicher Behandlung schützen.“

Den Vogel aber schießt – im wörtlichen Sinne – das Netzwerk kurdischer AkademikerInnen Kurd-Akad ab mit einem Aufruf (19), in dem „die Einrichtung einer Flugverbotszone über Nordsyrien“ gefordert wird. Das würde sich direkt gegen die Lufthoheit der syrischen, unterstützt von der russischen Luftwaffe richten. Man erinnert sich: die Flugverbotszone über Libyen war der Anfang vom Ende dieses Staates. Dass dieser Aufruf prominent auch vom Völkerrechtler Norman Paech unterzeichnet ist, macht die Sache nicht besser, sondern nur schlimmer.

Wir wollen schließen mit einem Zitat aus einem Artikel des prominenten Investigativ Journalisten Pepe Escobar, veröffentlicht in dem wunderbaren, sehr zu empfehlenden politischen Blog Information Clearing House (20). Der sehr lesenswerte Artikel ist überschrieben: „Der Weg nach Damaskus: Wie der Syrienkrieg gewonnen wurde“:

„18. Oktober 2019 ‚Information Clearing House‘ - Was in Syrien nach einem weiteren von Russland vermittelten Deal passiert, ist ein gewaltiger geopolitischer Wandel. Ich habe versucht, es in einem einzigen Absatz zusammenzufassen:

‚Es ist ein vierfacher Gewinn. Die USA führen einen Rückzug durch, bei dem sie ihr Gesicht wahren, und den Trump verkaufen kann, weil er damit einen Konflikt mit dem NATO-Partner Türkei vermieden hat. Die Türkei hat – von den Russen – die Garantie, dass die syrische Armee die türkisch-syrische Grenze kontrolliert. Russland kommt einer Eskalation des Krieges zuvor und hält den Friedensprozess zwischen Russland, Iran und der Türkei am Leben. Und Syrien wird schließlich die Kontrolle über den gesamten Nordosten wiedererlangen.‘

Syrien könnte die größte Niederlage für die CIA seit Vietnam sein.

Doch das ist kaum der Beginn der ganzen Geschichte …“

Peter Feininger, 24. Oktober 2019

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1 Näheres hierzu im Abschnitt Der SDF – Ergebnis einer neuen Syrienstrategie der USA in unserem Artikel: Feininger, Peter. „Syrieneinsatz der Bundeswehr, Teil 1: Die Operation Inherent Resolve ist völkerrechtswidrig und bekämpft in Syrien nicht nur den Islamischen Staat. Inherent Resolve richtet sich auch gegen die syrische Armee und unterstützt die USA bei der militärischen Besetzung im Nordosten Syriens“. Forum solidarisches und friedliches Augsburg, 5. Juli 2019. http://www.forumaugsburg.de/s_3themen/Syrien/190705_syrienmandat-1/index.html.

2 Näheres siehe „Demokratische Kräfte Syriens“. In Wikipedia, 15. Oktober 2019. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Demokratische_Kr%C3%A4fte_Syriens.

3 Al Arabiya. „Syrian Army to Deploy along Turkish Border in Deal with Kurdish-Led Forces“, 13. Oktober 2019. http://english.alarabiya.net/en/News/middle-east/2019/10/13/Syrian-army-to-enter-SDF-held-Kobani-Manbij-Monitor.html.

Der Al Arabiya News Channel mit Sitz in Dubai, Vereinigte Arabische Emirate, bezeichnet sich als den größten 24-Stunden-Nachrichtensender der Arabischen Welt

4 Ebd., eigene Übersetzung

5 Makki, Danny. „Main points in the agreement between the SDF and the Syrian government“. Information Clearing House, 14. Oktober 2019. http://www.informationclearinghouse.info/52387.htm.

6 Klute, J. „Hauptpunkte Der Vereinbarung Zwischen Dem SDF Und Der Syrischen Regierung“. Europa Blog (blog), 14. Oktober 2019. https://europa.blog/hauptpunkte-der-vereinbarung-zwischen-dem-sdf-und-der-syrischen-regierung/.

7 „Danny Makki auf Twitter: ‚Thread/ These are the main points in the agreement between the #SDF and the Syrian government. #Syria‘“. Zugegriffen 22. Oktober 2019. https://twitter.com/Dannymakkisyria/status/1183685519764611072.

8 Hall, Richard. „Return of Assad’s Forces to Kurdish Areas Brings Relief for Now, but Fear for Future“. The Independent, 15. Oktober 2019. https://www.independent.co.uk/news/world/middle-east/turkey-syria-war-news-kurds-deal-bashar-al-assad-sdf-latest-a9156526.html.

9 Hebel, Christina, und Maximilian Popp. „Erdogan-Putin-Deal: Syriens Schicksal ist besiegelt“. Spiegel Online, 22. Oktober 2019, Abschn. Politik. https://www.spiegel.de/politik/ausland/wladimir-putin-und-recep-tayyip-erdogan-besiegeln-syriens-schicksal-a-1292822.html.

10 Ebd.

11 Süddeutsche.de. „Syrien: Erdo?an schließt weitere Offensive nicht aus“, 23. Oktober 2019. https://www.sueddeutsche.de/politik/tuerkei-nordsyrien-waffenruhe-1.4652277.

12 Lokshin, Pavel. „Syrien-Kompromiss mit Erdogan: Ein türkischer Abzug ist ein kaum durchsetzbarer Idealfall für Moskau“. DIE WELT, 22. Oktober 2019. https://www.welt.de/politik/ausland/article202339420/Syrien-Kompromiss-mit-Erdogan-Ein-Wunsch-Putins-koennte-Realitaet-werden.html.

13 Beide Seiten betonen die Bedeutung des Adana-Abkommens zwischen Syrien und Türkei von 1998, mit dem Damaskus die Unterstützung für die kurdische PKK aufgab – und das nach Geheimabsprachen von Damaskus und Ankara die Verfolgung von Terroristen auf syrischem Gebiet durch die Türkei ermöglichte. Es hat sich für den Kreml also gelohnt, beim Engagement für das Adana-Abkommen Teheran ins Boot zu holen, das vor mehr als 20 Jahren zu den Mediatoren des türkisch-syrischen Konflikts gehörte. Ebd.

14 Braun, Stefan, Paul-Anton Krüger, und Nico Fried. „Kramp-Karrenbauer fordert internationale Sicherheitszone in Syrien“. Süddeutsche.de, 21. Oktober 2019. https://www.sueddeutsche.de/politik/syrien-krieg-tuerkei-kurden-kramp-karrenbauer-1.4649462.

15 Lokshin, Syrien-Kompromiss mit Erdogan, a. a. O.

16 ANF News. „Linksparteiabgeordnete stellen Forderungen an Bundesregierung“, 14. Oktober 2019. https://anfdeutsch.com/aktuelles/linksparteiabgeordnete-stellen-forderungen-an-bundesregierung-14603.

17 ANF News. „Forderungen kurdischer Dachverbände in Europa“, 22. Oktober 2019. https://anfdeutsch.com/rojava-syrien/forderungen-kurdischer-dachverbaende-in-europa-14829.

18 ANF News. „Autonomieverwaltung: Trump ermöglicht eine ethnische Säuberung“, 21. Oktober 2019. https://anfdeutsch.com/rojava-syrien/autonomieverwaltung-trump-ermoeglicht-eine-ethnische-saeuberung-14798.

19 Kurd-Akad. „Aufruf-Rojava“, Oktober 2019. http://www.kurd-akad.com/de/2-news/200-aufruf-rojava.

20 Escobar, Pepe. „The Road to Damascus: How the Syria War was Won“. Information Clearing House, 18. Oktober 2019. http://www.informationclearinghouse.info/52416.htm.


   
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