Sudetendeutscher Tag 2014, Teil 1

Eine Aktion von Mitgliedern der Linken und der Forumsredaktion gegen eine Buchpräsentation des Witikobundes hat Wirkung

OB Gribl: »Und deswegen besteht kein Zweifel daran, dass die Friedensstadt Augsburg, dass ich persönlich und der Augsburger Stadtrat keinerlei Sympathien hegen für Akif Pirincci und das Buch „Deutschland von Sinnen“.«

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Vorbemerkung

Angefangen hatte es mit einer Unterredung in der Webredaktion des Forums solidarisches und friedliches Augsburg über den anstehenden Sudetendeutschen Tag 2014 in Augsburg. Besonderes Augenmerk hatten wir auf die traditionelle Veranstaltung des Witikobundes am Nachmittag des Pfingstsamstags. Ursprünglich angekündigt war eine Veranstaltung mit dem Historiker und Publizisten Prof. Dr. Arnulf Baring zum heißen Thema „Die neue Rolle Deutschlands im Zeichen der Ukraine-Krise“.

Arnulf Baring erhielt 2002 Karlspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL). Der Arme muss sich ständig wehren, in eine rechtskonservative Ecke gestellt zu werden. Dabei unterstützt er nur die Friedrich-Naumann-Stiftung, die Konrad-Adenauer-Stiftung, die Initiative Neue soziale Marktwirtschaft und das Zentrum gegen Vertreibungen. 2003 verteidigte Baring öffentlich den CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann, der mit dem Vorwurf, eine antisemitische Rede gehalten zu haben, aus der CDU ausgeschlossen werden sollte. 2006 wurde eine angebliche Äußerung Barings über den Holocaust kritisiert. Bei einem Auftritt während einer CDU-Veranstaltung soll er laut einem Bericht der Frankfurter Rundschau die Auffassung geäußert haben, die Darstellung der Judenvernichtung als „einzigartiges und unvergleichbares Verbrechen“ sei übertrieben. SPD und Grüne warfen ihm daraufhin Relativierung der Verbrechen des Nationalsozialismus vor.[1] Baring verteidigte Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab und scheint mit seinem eigenem Buch Scheitert Deutschland? von 1997 die AfD geradezu vorweggenommen zu haben.



Man hätte also gespannt sein können, was Prof. Baring im Rahmen der Witikobund-Veranstaltung über die neue Rolle Deutschlands im Zeichen der Ukraine-Krise zu sagen hat. Die Veranstaltung mit Baring wurde allerdings ohne Angabe von Gründen aus dem Programm des Sudetendeutschen Tags in Augsburg gestrichen. Stattdessen nahm sich Horst Seehofer mit großem Medienecho des Themas Ukraine auf der Hauptkundgebung an (was noch zu würdigen sein wird). Für die Veranstaltung des Witikobundes war nur noch eine „Buchpräsentation“ angekündigt, ohne Angabe eines Autors oder eines Titels.

Unsere Recherchen ergaben, dass der unflätige Autor Akif Pirincci lesen wird. Dies veröffentlichten wir in einem Artikel Anfang der Woche vor Beginn des Sudetendeutschen Tages.[2] Daraufhin ergriff die Ortsgruppe der Linken in Gersthofen mit Jennifer Rath, die auf Platz 17 der Europaliste der Linken kandidierte, die Initiative. Sie meldete eine Protestkundgebung vor der Messehalle an, fand aber keine Unterstützung im Vorstand des Augsburger Kreisverbands der Linken. Stattdessen erstellte das Forum mit ihr zusammen und in Absprache mit Stadtrat Otto Hutter von der Linken ein Flugblatt. Noch am Freitagnachmittag verfasste Stadtrat Otto Hutter, gestützt auf unseren Artikel[3] , eine Presseerklärung. Otto Hutter schrieb darin: „Wenn der Augsburger OB schon ein Grußwort beisteuert, dann muss er dieses nutzen, um sich klar von Faschismus und Intoleranz aller Art zu distanzieren und jeglicher Form von Geschichtsrevisionismus eine Absage zu erteilen.“

Was wir zum Zeitpunkt der Aktion vor dem Messegelände, wo der Sudetendeutsche Tag stattfand, am Samstagnachmittag des 7. Juni noch nicht wussten, war, dass der Oberbürgermeister der Forderung des Stadtrats der Linken bereits am Vormittag in seinem Grußwort nachgekommen war. Im Folgenden veröffentlichen wir zunächst das gemeinsame Flugblatt der Aktionseinheit, das wir am Samstag, 7. Juni, an ein- und ausgehende Teilnehmer des Sudetendeutschen Tages verteilten, und das später auch von der VVN[4] , in Facebook[5] et cetera verbreitet wurde. Im Anschluss an den Textes Flugblatts wollen wir noch einige wichtige Umstände rund um die Aktion und ihre Folgen behandeln.


 

Flugblatt

Sudetendeutscher Tag 2014 in Augsburg

Veranstaltung des Witikobundes mit einem Autor, der gegen Frauen, Zuwanderer und Homosexuelle hetzt

Die Sudetendeutsche Landsmannschaft bewirbt auf dem heutigen Sudetendeutschen Tag um 17:00 Uhr eine Buchpräsentation des Witikobundes. Schon im Jahr 2011 protestierte die VVN-BdA Kreisverband Augsburg (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten) gegen den Auftritt des Witikobundes. In einem offenen Brief wies die VVN Oberbürgermeister Gribl darauf hin:

»Der Witikobund, von NSDAP-Mitgliedern gegründet, mit engen Beziehungen zur NPD in den sechziger Jahren und Beteiligung der Wiking-Jugend an seinen „Reichsgründungsfeiern“ in den siebziger Jahren, mit Geschichtsrevisionisten und Holocaustleugnern in seinen Reihen und immer wieder zahlreichen rechten und rechtsextremen Politikern und Publizisten im Vorstand, repräsentiert einen höchst einflussreichen Flügel der Sudetendeutschen Landsmannschaft und versucht diese zu radikalisieren und auf eine völkische Linie zu leiten. (nach Wikipedia)« (1)

Nach unseren Informationen handelt es sich bei der diesjährigen Veranstaltung des Witikobundes um eine Lesung von Akif Pirincci „Deutschland von Sinnen: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“ mit anschließender Diskussion. Im Buch betreibt Akif Pirincci die Hetze gegen Frauen, gegen Flüchtlinge, Homosexuelle und Linke.(2) Hetze gegen Andere lehnen wir entschieden ab. Es ist eine Schande und kann nicht unkommentiert bleiben, wenn die Stadt Augsburg und die Sudetendeutsche Landsmannschaft es fördert, rassistisches und menschenverachtendes Gedankengut in der Bevölkerung zu verbreiten. Hier ist es wichtig, dass wir solchen Rassismus aktiv bekämpfen. So etwas darf die Menschheit nicht mehr weiter zulassen!

Hauptsache Mensch!

Immernoch werden Menschen, die anders sind, sich anders verhalten oder anders leben, benachteiligt. Wir haben viele Kulturen und auch unterschiedliche Formen des Zusammenlebens. Selbst Frauen werden immer noch nicht gegenüber Männern gleichgestellt. Lesbisch, schwul, bi trans und inter lebenden Menschen werden immer wieder diskriminiert, gemobbt, stigmatisiert und werden immer wieder Opfer von Gewalt. Oft enstehen hierbei Mehrfach-Diskriminierungen mit Verlust des Arbeitsplatzes und Armut. Eine geschlechtergerechte Gesellschaft beginnt mit einer konsequenten Gleichstellungspolitik, die alle Menschen im Beruf, in der Politik, in der Bildung, in den Medien eine gleichberechtigte Teilhabe sichert und sie vor Diskriminierung und Gewalt schützt. Gleichstellung allein reicht uns aber nicht. Geschlechtergerechte Politik ist Gesellschaftspolitik und betrifft die Gleichstellung von weiblich, männlich, transsexuell, Transgender und intersexuell, ohne dass Geschlecht, Herkunft oder eine Lebensweise als Norm gesetzt wird.

Pressemitteilung der Linken

In einer Pressemitteilung vom 6. Juni 2014 kritisiert Stadtrat Otto Hutter von der Linken, dass sich OB Gribl und Ministerpräsident Seehofer in die Gesellschaft des Witikobundes und des sexistischen Autors Akif Pirinçci begeben:

»Am 18. Mai hatte Pirinçci bei einer Veranstaltung der AfD in Nürnberg die Präsentation seines Buches zu Hetztiraden gegen diejenigen Frauen genutzt, die nicht ihre einzige Erfüllung im Gebären von Kindern sehen. Auf Proteste entgegnete er laut Nürnberger Nachrichten: „Es geht mir am Arsch vorbei, wenn man mich einen Nazi nennt, das ist mir scheißegal.“

Die Augsburger Linke ist entsetzt, dass das Messezentrum der Friedensstadt als Plattform für solchen Ungeist dient. Stadtrat Otto Hutter: „Wenn der Augsburger OB schon ein Grußwort beisteuert, dann muss er dieses nutzen, um sich klar von Faschismus und Intoleranz aller Art zu distanzieren und jeglicher Form von Geschichtsrevisionismus eine Absage zu erteilen.“«

Die Stadt sollte Konsequenzen ziehen

Schon 2011 forderte die VVN in ihrem offenen Brief an den Augsburger Oberbürgermeister:

»Die Stadt Augsburg gibt dem Witikobund eine Plattform, … wenn sie dem Witikobund im Rahmen des Sudetendeutschen Tages einen Veranstaltungsraum auf dem Messegelände überlässt. Immerhin ist die Augsburger Schwabenhallen Messe- und Veranstaltungs-GmbH ein städtisches Unternehmen. Die Stadt Augsburg wertet den Witikobund politisch auf, wenn der Oberbürgermeister Grußworte an die Veranstaltungen der Sudetendeutschen Landsmannschaft anlässlich des festlichen Abends im Rathaus und des Sudetendeutschen Tages auf dem Messegelände richtet und sogar persönlich an den Veranstaltungen teilnimmt.

Die Stadt untergräbt damit die Städtepartnerschaft Augsburg-Liberec, denn die Hetze gegen Repräsentanten der tschechischen Politik – sei es im historischen Kontext oder auch in ganz aktuellen Bezügen – ist auf den Veranstaltungen der Sudetendeutschen Landsmannschaft, ganz maßgeblich geschürt durch den Witikobund, allgegenwärtig. Die Teilnahme des Witikobundes am Sudetendeutschen Tag untergräbt auch das Ansehen Augsburgs als Friedensstadt.«

Motto des Sudetendeutschen Tages: „Geschichte verstehen – Zukunft gestalten“

Solange die Funktionäre der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL) die „Vertreibung“ als Verbrechen der tschechischen Regierung einstufen und nicht erkennen können, dass die Umsiedlung der „Sudetendeutschen“ auf Basis des Potsdamer Abkommens geschah und notwendig wurde aufgrund der vorausgehenden Verbrechen der Sudetendeutschen Bewegung in Kollaboration mit den Hitlerfaschisten,

solange die SL gegen die Benesch-Dekrete anrennt, die u. a. die Umsiedlung auf völkerrechtlicher Basis regelten,

solange die SL damit Grundlagen des tschechischen Staates infrage stellt und zulässt, dass in ihren Reihen Tschechien als „Vertreiberstaat“ (3) gebrandmarkt wird und damit das deutsch-tschechische Klima vergiftet wird,

so lange kann die SL weder „Geschichte verstehen“ noch „Zukunft gestalten“.

(1) Offener Brief an den Oberbürgermeister der Stadt Augsburg und die Stadträtinnen und Stadträte: Sudentendeutscher Tag in Augsburg, 17.7.2011 http://www.forumaugsburg.de/s_1aktuelles/2011/07/17_brief-ob-gribl.pdf

(2) s. den Artikel beim Forum solidarisches und friedliches Augsburg 65. Sudentendeutscher Tag 6./8. Juni: Politische Kontinuität, 1.6.2014 http://www.forumaugsburg.de/s_1aktuelles/2014/06/01_65.sudetendeutscher-tag.html

(3) s. z. B. Braunauer Heimattage http://www.suedmaehren.eu/index.php?option=com_content&view=article&id=153:braunauer-heimattage&catid=57&Itemid=120&lang=de


 

Der Geschäftsführer der SL geht auf Distanz zur Veranstaltung des Witikobundes

Soweit unser Flugblatt. Die Veranstaltung mit Akif Pirincci wurde im offiziellen Programm des Sudetendeutschen Tages verschwiegen.[6]

Woanders war das Vorhaben des Witikobundes schon bekannt. So schrieb der kritische Watch-Blog zur Partei „Alternative für Deutschland“, der von der „Initiative gegen falsche Alternativen“ (IgfA) betrieben wird:

Veranstaltung mit Akif Pirinçci fällt ins Wasser

In Deutschland gilt derjenige, der auf den Schmutz hinweist,

für viel gefährlicher als derjenige, der den Schmutz macht.

Kurt Tucholsky

Offenbar haben Beschwerden und Proteste dazu geführt, dass Akif Pirinçci in Stuttgart am 1. Juni nicht lesen wird. Der veranstaltenden „Jungen Alternative Baden-Württemberg“ wurden zweimal die Räumlichkeiten gekündigt.

In einem Online-Beitrag beschwert sich Pirinçci über den Ausfall seiner Lesung und gibt auch der „Initiative gegen falsche Alternativen“ eine Mitschuld.

Die Initiative nimmt dieses Lob gerne entgegen. Pirinçci wird, soweit bekannt, das nächste Mal auf dem „Sudetendeutschen Tag“ in Augsburg auf einer Veranstaltung des „Witikobundes“ auftreten, einer revanchistischen und extrem rechten Organisation von Berufsvertriebenen.[7]

Auf der Homepage der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Bezirksgruppe Schwaben, wurde gleich auf der Startseite deutlich auf die Veranstaltung des Witikobundes mit Pirincci hingewiesen, ja diese wurde dort sogar als einzige Veranstaltung des Sudetendeutschen Tages in Augsburg aufgeführt.[8] Das mag daran liegen, dass der Obmann der Bezirksgruppe Schwaben der SL, Felix Vogt-Gruber, auch der Vorsitzende des Witikobundes ist.

Selbstverständlich lud auch der Witikobund selbst im Witikobrief[9] zur Vortragsveranstaltung mit Pirincci ein und kündigte auch an, dass es sich um eine Lesung aus dem Buch „Deutschland von Sinnen“ handelt.



Die Veranstaltung mit Pirincci war also sehr wohl bekannt und mit über 100 Besuchern auch gut besucht. Aber die offizielle Leitung des Sudetendeutschen Tages ging scheinbar auf Distanz. Bemerkenswert, was die Augsburger Allgemeine in ihrer Berichterstattung erwähnte:

Nicht unumstritten sind jedoch auch manche Sudetendeutsche. Der sudetendeutsche Witikobund, dem rechtsextreme Verbindungen attestiert werden, hatte den höchst umstrittenen Autor Akif Pirinçci („Deutschland von Sinnen: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“) eingeladen. Weil Pirinçci von „vielen als Volksverhetzer“ abgelehnt werde, verurteilten lokale Politiker den Auftritt. Verhindert wurde er nicht; bei der Hauptkundgebung distanzierte sich kein Vertreter der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Zwar betonte Bundesgeschäftsführer Christoph Lippert gegenüber unserer Zeitung, er sei mit dem Auftritt nicht einverstanden. Es habe aber keine rechtliche Möglichkeit gegeben, ihn zu verhindern.[10]

Dies ist eine schwer wiegende Aussage. Der Bundesgeschäftsführer der Sudetendeutschen Landsmannschaft erwägt öffentlich rechtliche Schritte gegen eine Veranstaltung des Witikobundes im Rahmen des Sudetendeutschen Tages. Rein formal betrachtet, ist klar, dass der Geschäftsführer der SL den Witikobund nicht vom Sudetendeutschen Tag ausschließen kann, solange der Witikobund eine wichtige, anerkannte Gesinnungsgemeinschaft im Rahmen der Landsmannschaft darstellt.[11]

Wenn sich der Bundesgeschäftsführer der SL allerdings auf die Äußerungen Pirincci bezogen hätte, wie sie im Witikobrief referiert sind, hätte er den Auftritt Pirincci sehr wohl unterbinden können. Denn die Äußerungen sind empörend hetzerisch, rassistisch, in einem Jargon, den man sonst von der NPD kennt:

… Mittlerweile hätten Selbsthass, Sündenstolz, „Toleranzbesoffenheit“, Genderideologie, Abtreibung und Homo-Ehe um sich gegriffen und alle Wertmaßstäbe zerstört. Schlimm sei das „linksgrün-versiffte Dogma, dass Zuwanderung, namentlich islamische, automatisch ein Segen für Deutschland sei“. Assimilierung der Zuwanderer hält er für eine Selbstverständlichkeit. In den Siebziger Jahren hätte er kein einziges türkisches oder arabisches Mädchen mit Kopftuch gesehen und alle konnten sich in perfektem Deutsch unterhalten. Die Ideologie der multikulturellen Gesellschaft werde spätestens dann auseinanderbrechen, wenn das Geld ausgehe. Schon jetzt sieht er einen schleichenden Genozid an den Deutschen, wie einzelne Morde an jungen deutschen Männern zeigten. Jahrelange feministisch-pazifistische Gehirnwäsche in den Medien hätten deren Abwehrkraft beseitigt. Für integrationsunwillige „Islam-Heinis“ wäre wahrscheinlich ein Ticket in ihre Heimat das beste. Grenzenlose Einwanderung und Sozialstaat könnten nicht funktionieren. Den Deutschen wünscht er einfach etwas gesunden Menschenverstand.[12]

Warum betonte Bundesgeschäftsführer Christoph Lippert gegenüber der Augsburger Allgemeinen, dass er mit dem Auftritt Pirinccis „nicht einverstanden“ sei? Warum sagte er das bewusst in aller Öffentlichkeit? Es hat sicher etwas mit der Ehrung Milan Horaceks zu tun. Die Verleihung des „Karlspreises“ ist einer der wichtigsten, medienwirksamen Momente eines Sudetendeutschen Tages. Mit der Verleihung des Preises an einen Grünen wollte sich die Landsmannschaft ein moderneres Image geben. Es war ein Schachzug, der so manche(n) Teilnehmer(in) am Sudetendeutschen Tag positiv überraschte. Außerdem ließ sich Milan Horacek vor allem als Menschenrechtsaktivist feiern, der in Ost und West gegen Diskriminierung kämpft, der auch „Farbige“ zu seinen Freunden zählt und für die Roma eintritt, die den unwürdigen Zustand der KZ-Gedenkstätte Lety in Tschechien beklagen, auf dem eine Schweinemastfarm steht. Auch Bernd Posselt jubelte Horacek wegen der Menschenrechte hoch: „Einer der unbestechlichsten Kämpfer für Menschenrechte, den ich kenne. Für mich gibt es bei Menschenrechten weder Freund noch Feind, weder rechts noch links. Da gibt es nur Menschenrechte und sonst gar nichts.“[13] Eine Veranstaltung des Witikobundes, von der zu erwarten war, dass gleichzeitig gegen die Grünen gehetzt wird, übelste Diskriminierungen erfolgen und die Menschenrechte bestimmter Bevölkerungsteile mit Füßen getreten werden, war hier nicht nur kontraproduktiv, sondern ein echter Schlag ins Kontor. Deshalb musste der Bundesgeschäftsführer der SL wohl auf Distanz gehen.

Oberbürgermeister Gribl verurteilt den Auftritt Pirinccis vor versammelter Mannschaft

Anders dagegen Oberbürgermeister Gribl, der sich in seinem Grußwort zur Eröffnung des Sudetendeutschen Tages höchstpersönlich gegen den Auftritt Pirinccis aussprach und dies auch inhaltlich begründete. Dieses Grußwort gibt es schriftlich weder auf der Homepage der Stadt Augsburg noch der Sudetendeutschen Landsmannschaft, es wird auch in der Presse nicht erwähnt. Ausnahe ist die Augsburger Allgemeine, aber auch da wird Gribl nicht wörtlich zitiert. Wir haben es in einem Video bei Sudeten.tv gefunden und notiert. Gribl sagte zur „festlichen Eröffnung“ des Sudetendeutschen Tages am 7. Juni im Wortlaut:

»… Es ist schön, dass dieser Sudetendeutsche Tag in Augsburg stattfindet, weil „Geschichte verstehen“ und „Zukunft gestalten“ auch etwas mit unserer modernen Lebenswirklichkeit in Augsburg zu tun hat. Wir haben eine Stadtgesellschaft mit 140 verschiedenen Nationalitäten, natürlich in unterschiedlicher Gewichtung. Und da ist die aus der Erfahrung entstandene und gelebte und in unserer Stadtgesellschaft beigetragene Haltung der Sudetendeutschen für die Gewährleistung des sozialen Friedens gerade auch gegenüber anderen von großer Bedeutung. Und deswegen besteht kein Zweifel daran, dass die Friedensstadt Augsburg, dass ich persönlich und der Augsburger Stadtrat, keinerlei Sympathien hegen für Akif Pirincci und das Buch „Deutschland von Sinnen“, weil das gerade in einer Stadtgesellschaft wie der unseren Öl auf die immer wieder aufzufindende Glut für sozialen Unfrieden sein kann. Und ich glaube, das darf auch so angemerkt werden. [Etwas zögerlicher, aber doch deutlicher Beifall im Saal; Red.]

Liebe Landsleute, ich wünsche dem 65. Sudetendeutschen Tag unter dem Motto Geschichte verstehen – Zukunft gestalten gutes Gelingen. Mögen gute Botschaften für die Aussöhnung, für die Vergangenheitsbewältigung und für die Zukunftsgestaltung hier von Augsburg ausgehen. Das wäre uns ein großes Anliegen.«[14]

OB Gribl fiel uns bei früheren Sudetendeutschen Tagen durch angenehm zurückhaltende, neutrale Grußworte auf. In diesem Fall aber wurde Gribl ziemlich deutlich. Gegen die Hetze Akif Pirinccis, die sich ja in übelster Form gegen Rot-Grün und Multikulti richtete, konterte er mit der Verteidigung einer multikulturellen Stadtgesellschaft aus 140 Nationalitäten. Er verteidigte damit auch das Bündnis, das er nach den Kommunalwahlen mit SPD und Grünen geschlossen hatte und warnte ziemlich deutlich vor rassistischen Glutnestern und rechter Gefahr.

Unseres Erachtens sollte man dieses Statement eines Oberbürgermeisters politisch nicht unterschätzen. Es ist sicher ein absolutes Novum in der unseligen Tradition der Sudetendeutschen Tage in der Stadt und vielleicht ein Novum überhaupt, dass ein Bürgermeister der Stadt, in der der Sudetendeutsche Tag stattfindet, die Veranstalter in irgendeiner Form kritisiert. Es dürfte auch ein Novum in unserer Stadt sein, dass ein Stadtrat der Linken den OB auffordert, in seinem Grußwort an den Sudetendeutschen Tag „sich klar von Faschismus und Intoleranz aller Art zu distanzieren und jeglicher Form von Geschichtsrevisionismus eine Absage zu erteilen“, – und der OB dieser Aufforderung durch Otto Hutter im Grunde nachkommt.[15]

Klar – der OB spricht sich nicht direkt gegen Geschichtsrevisionismus aus und der Hauptstoß geht gegen Pirincci und nicht den Witikobund. Allerdings mahnt der OB in der zitierten Passage zweimal das Motto des Sudetendeutschen Tages „Geschichte verstehen – Zukunft gestalten“ an und spricht von einem großen Anliegen der Stadtverwaltung, dass vom Sudetendeutschen Tag „gute Botschaften für die Aussöhnung, für die Vergangenheitsbewältigung und für die Zukunftsgestaltung hier von Augsburg ausgehen“. Wenn wir es richtig interpretieren, hat OB Gribl damit schon in gewisser Weise der Sudetendeutschen Landsmannschaft etwas ins Stammbuch geschrieben. Jedenfalls können die politischen Initiativen, die von der VVN zu erwarten und von Stadtrat Otto Hutter bereits angekündigt sind, daran anknüpfen.

Peter Feininger, 15.6.2014

wird fortgesetzt

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Alle Artikel dieser Serie finden sich auf unserer Themenseite Sudeten, BdV (Bund der Vertriebenen) http://www.forumaugsburg.de/s_3themen/Sudeten/index.htm

 

2] s. 65. Sudetendeutscher Tag 6./8. Juni: Politische Kontinuität - http://www.forumaugsburg.de/s_1aktuelles/2014/06/01_65.sudetendeutscher-tag.html

3] Ebd.

5] https://www.facebook.com/JenniferMichelleRath

6] „www.sudeten.de - Programmablauf“. [Online]. Verfügbar unter: http://www.sudeten.de/cms/st/?Programm:Programmablauf. [Zugegriffen: 11-Juni-2014].

7] „Veranstaltung mit Akif Pirinçci fällt ins Wasser « kritische Berichterstattung zur AfD in BaWü“, 30-Mai-2014. [Online]. Verfügbar unter: http://keinealternative.blogsport.de/2014/05/30/veranstaltung-mit-akif-pirincci-faellt-ins-wasser/. [Zugegriffen: 10-Juni-2014].

8] „Sudetendeutsche Landsmannschaft Schwaben – Liebe Besucher unserer Internet - Seiten“. [Online]. Verfügbar unter: http://www.sudeten-schwaben.de/. [Zugegriffen: 08-Juni-2014].

9] „Der neue Witikobrief zum Download, II/2014, Der Witikobund“, 18-Mai-2014. [Online]. Verfügbar unter: http://www.witikobund.de/der-neue-witikobrief-zum-download/. [Zugegriffen: 11-Juni-2014].

10] Augsburger Allgemeine 10.6.2014

11] Im Einzelnen s. dazu „Sudetendeutsche Landsmannschaft, Matthias Stickler, Historisches Lexikon Bayerns“, 20-Aug-2013. [Online]. Verfügbar unter: http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_46305#30. [Zugegriffen: 12-Juni-2014].

12] Der neue Witikobrief, a. a. O.

13] Zitiert nach der Sendung des BR am Sonntagabend, 8. Juni 22.00 – 22.15

14] Zitiert nach „Sudeten-TV“. [Online]. Verfügbar unter: http://www.sudeten-tv.de/#Start. [Zugegriffen: 08-Juni-2014].

15] „DIE LINKE. Kreisverband Augsburg: Sudetendeutscher Tag in Augsburg - Forum für Rechtsextremisten“, 07-Juni-2014. [Online]. Verfügbar unter . [Zugegriffen: 12-Juni-2014].


   
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