Die Medien über den Sudetendeutschen Tag:
„Zwischen Resignation und Zuversicht“

Allzu groß scheint das Presseecho über den Sudetendeutschen Tag 2003 nicht. Auf tschechischer Seite war das Referendum über den EU-Beitritt wesentlich wichtiger, auf deutscher Seite hielten sich die meisten Zeitungen und auch die Fernsehmedien an einen Standard-Agenturbericht. (1) Es gibt nur ganz wenige Zeitungen, die überhaupt eigene Korrespondentenberichte brachten.

Die Augsburger Allgemeine verzichtete ganz auf eine eigene Meinung und machte sich zum Sprachrohr des Vertriebenenverbandes. Kritische Stimmen, die vor zwei Jahren wenigstens am Rande vorkamen, gibt es jetzt nicht mehr. Ein einziger Leserbrief wird veröffentlicht. Darin wird die Veranstaltung des Witikobundes erstmals öffentlich erwähnt.

Die Süddeutsche Zeitung geht im wesentlichen auch nur von dem Standard-Agenturbericht aus und referiert die Positionen der Sudetendeutsche Landsmannschaft etwas ausführlicher. Eine Einschätzung oder ein kritischer Kommentar unterbleibt. Im Gegenteil wird noch die falsche Behauptung weitergegeben, dass mit den Benesch-Dekreten die „Vertreibung der Sudetendeutschen legitimiert worden war“. (2)
Die Veranstaltung des Witikobundes wird bei der Süddeutschen Zeitung nicht erwähnt. Vor zwei Jahren hat die SZ in einem guten, polemischen Bericht über die Veranstaltung des Witikobundes uns erst darauf aufmerksam gemacht. Diesmal haben wir die SZ auf die Veranstaltung des Witikobundes hingewiesen – ohne Erfolg. Übrigens ist uns aus der gesamten deutschen Presse kein Bericht bekannt, der über die Veranstaltung des Witikobundes berichtet hätte. Dabei konnte bei dem Run auf diese Veranstaltung, die so gut besucht war wie die Eröffnungsveranstaltung, eigentlich kein Journalist übersehen, was da los war.
Der Tenor der Welt war leicht betrüblich. Die Chancen der CSU im Europaparlament seien nicht mehr allzu groß, auch wenn Stoiber betone, seine Europaabgeordneten würden die Dekrete „bei jeder sich bietenden Gelegenheit thematisieren“. Und Böhm wird so zitiert: „Materielle Gesichtspunkte stehen für die Sudetendeutschen heute nicht mehr im Vordergrund… Wir werden zwar - wenn die Tschechen starr bleiben - als die materiell Angeschmierten dastehen und werden nicht Recht bekommen. Aber wir werden wenigstens im Recht bleiben.“

Die Nürnberger Zeitung verstärkt diesen Eindruck noch mit Ihrem recht interessanten Artikel „Zwischen Resignation und Zuversicht“: „Man muss freilich schon etwas suchen, um die „junge und mittlere Generation“ auf diesem Sudetendeutschen Tag in Augsburg zu finden. Die meisten, die bei sommerlicher Hitze in den stickigen Hallen des Messegeländes oft etwas verloren auf der Suche nach der alten Heimat sind, gehören offenkundig der Erlebensgeneration an.“
Daneben hebt die NZ auch auf die Eigentumsfragen ab: „Volksgruppen-Sprecher Böhm bestreitet, dass es die Sudetendeutschen auf Restitution oder Schadensersatz abgesehen hätten. „Ich habe mehr als 50 Jahre ohne mein früheres Eigentum und ohne meine alte Heimat gelebt“, gibt Böhm die Gefühlswelt des durchschnittlichen Vertriebenen wieder. „Das halte ich – wenn es denn sein soll – auch weiterhin aus.““
Aber die NZ läßt das so nicht stehen: „Doch die materielle Anspruchslosigkeit wird den Sudetendeutschen in Tschechien nicht abgenommen. Auf die Frage, was er denn als Haupthindernis für eine Verständigung zwischen dem offiziellen Tschechien und den Sudetendeutschen ansehe, antwortet ein tschechischer Journalist knapp „Die Eigentumsfragen“.“
Am Ende bringt die NZ noch einen interessanten Gesichtspunkt und einen – offensichtlich von sonst niemand bemerkten – Vorfall: „Wäre Stoiber Bundeskanzler geworden, wäre er mit früheren Forderungen konfrontiert gewesen, den EU-Beitritt Tschechiens bis zur Aufhebung der Benesch-Dekrete zu blockieren. So aber konnten nur die zehn CSU-Europaabgeordneten mit ihrem Nein gegen den Beitritt Zeichen setzen. Dieses Nein, sagt Stoiber, sei mit ihm abgesprochen gewesen. Immerhin.
Nicht alle freilich nehmen Stoiber sein rückhaltloses Engagement für die Sudetendeutschen und ihre „Frage“ ab. Zwei Aktivisten des „Neuen Schwaben“ haben sich vor der Zufahrt zum Messegelände mit einem Schild aufgepflanzt. „Stoiber hat nicht Wort gehalten“, steht darauf mit Verweis auf den EU-Beitritt der Tschechischen Republik.“ – Das „Neue Schwaben“ sind Rechtsextreme mit Nähe zu NPD und REP.

Die Internet-Redaktion der Augsburger Allgemeine legt zur Aufklärung über „Die strittigen Benesch-Dekreten“ einen Link zu http://www.mitteleuropa.de/. Diese Seite enthält die Dekrete und Gesetze, sie enthält aber auch rechte bis rechtsextreme Positionen. Z.B. die Ansicht, dass den Sudetendeutschen durch das Münchner Abkommen 1938 „Recht widerfahren“ sei, zitiert nach Hellmut Diwald „Die Revision eines Unrechts“. Dieser Aufsatz ist veröffentlicht in „Die Tschechoslowakei, das Ende einer Fehlkonstruktion, die sudetendeutsche Frage bleibt offen“, Herausgeber von dem rechtsextremen Publizisten Rolf-Josef Eibicht. (3)
Selbstverständlich wird auch das Potsdamer Abkommen auf der Seite „Mitteleuropa“ scharf angegriffen: „Protokoll der Potsdamer Sieger-Beschlüsse (fälschlich als „Abkommen“ bezeichnet) … Die dort entstandenen Texte sind rechtlich nichts anderes als Siegerwillkür, vergleichbar mit Abmachungen von Gangstern über die Verteilung der Beute aus einem Banküberfall. Den Protokollen der Siegermächte fehlt jedes Merkmal völkerrechtlicher Verbindlichkeit.“

Solcherlei Einschätzungen bekommt man frei Haus, wenn man die Abkommen und Dekrete bei mitteleuropa.de liest. Dabei gäbe es eine gute Übersicht bei der Tagesschau bzw. beim mdr unter http://www.mdr.de/eu/beitrittslaender/tschechien/420496.html und eine Dokumentation der wichtigsten Dekrete bei http://www.erdkunde-online.de/dokumente/index.html#Benes – nur eben ohne rechtes Beiwerk.

Ein sehr prägnanter und versierter Bericht, der auch einen Link zum Forum enthält, findet sich bei http://www.german-foreign-policy.com/de/news/article/1055282956.php Die Seite von german-foreign-policy ist ein absolutes Muss für Leute, denen die unselige völkische und expansionistische deutsche Außenpolitik ein Dorn im Auge ist.

Auch eine tschechische Seite hat Material aus unserer Berichterstattung übernommen und einen Link zum Forum gelegt: http://pes.eunet.cz/clanky/2003/06/30909_0_0_0.html Wir hoffen, bald eine Übersetzung liefern zu können.

Peter Feininger


Anmerkungen:

(1) Die längere Fassung:
Augsburg (dpa) - Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber hat von Tschechien die Aufhebung der Benesch-Dekrete gefordert. Bei den «Unrechtsdekreten», mit denen Vertreibung und Enteignung der Sudetendeutschen 1945 gerechtfertigt worden seien, handle es sich um «anhaltendes menschenverachtendes und völkerrechtswidriges Unrecht», sagte Stoiber am Sonntag beim 54. Sudetendeutschen Tag in Augsburg. Die Dekrete seien ein Affront gegenüber der europäischen Werteordnung.
Das Festhalten an der Rechtsverbindlichkeit der Benesch-Dekrete durch das tschechische Parlament verstoße gegen den 1992 geschlossenen Nachbarschaftsvertrag zwischen Deutschland und der Tschechischen Republik. «Wer als kommendes EU-Mitglied 60 Jahre nach der Vertreibung noch Vertreibungsdekrete verteidigt, verhält sich integrationsfeindlich», sagte Stoiber. Die Aufhebung der Dekrete werde nach dem EU-Beitritt Tschechiens zu einer zentralen Forderung im Europaparlament werden.
Zu dem traditionellen Pfingsttreffen der Sudetendeutschen kamen nach Angaben der Veranstalter rund 60 000 Frauen und Männer nach Augsburg. Über Video hatte der Präsident des Europäischen Parlaments, der Ire Patrick Cox, dem Sudetendeutschen Tag eine Grußbotschaft übermittelt und versichert, das «Leid der Vertriebenen» sei bei den Beitrittsverhandlungen zur EU nicht vergessen worden.
Stoiber kündigte eine Initiative der unionsregierten Bundesländer an, den 5. August zum «Nationalen Gedenktag für die Opfer der Vertreibung» zu erheben. Am 5. August 1959 war die Charta der Heimatvertriebenen für ein vereintes und friedliches Europa unterzeichnet worden. z.B. Oberhessische Presse 9.6.2003
Die kürzere Fassung:
Augsburg - Der bayerische Ministerpräsident und CSU- Vorsitzende Edmund Stoiber hat von Tschechien die Aufhebung der Benesch-Dekrete gefordert. Bei den «Unrechtsdekreten», mit denen Vertreibung und Enteignung der Sudetendeutschen 1945 gerechtfertigt worden seien, handle es sich um «anhaltendes menschenverachtendes und völkerrechtswidriges Unrecht», sagte Stoiber am Sonntag beim 54. Sudetendeutschen Tag in Augsburg. Die Dekrete seien ein Affront gegenüber der europäischen Werteordnung.
Das Festhalten an der Rechtsverbindlichkeit der Benesch-Dekrete durch das tschechische Parlament verstoße gegen den 1992 geschlossenen Nachbarschaftsvertrag zwischen Deutschland und der Tschechischen Republik. «Wer als kommendes EU-Mitglied 60 Jahre nach der Vertreibung noch Vertreibungsdekrete verteidigt, verhält sich integrationsfeindlich», sagte Stoiber. Die Aufhebung der Dekrete werde nach dem EU-Beitritt Tschechiens zu einer zentralen Forderung im Europaparlament werden. z.B. Kölner Stadtanzeiger


(2) “Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) hat mit scharfen Formulierungen die Aufhebung der Benesch-Dekrete gefordert, mit denen vor 58 Jahren die Enteignung und Vertreibung der Sudetendeutschen legitimiert worden war.”

(3) ein Gruselbericht über Eibicht im Informationsdienst gegen Rechts IDGR: http://www.idgr.de/lexikon/bio/e/eibicht-rj/eibicht.html


   
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