Ukraine-Berichterstattung – Medienkritik, Teil 3

Mythos und Wirklichkeit im Feuilleton der Augsburger Allgemeinen

„Haltet den Dieb!“ ruft der Dieb. „Weg mit den Mythen!“ ruft in unserem Fall der Mythenverbreiter. Leider gab die AZ einem solchen Mythenverbreiter eine Plattform, um seine abstrusen Vorstellungen von „mythischen Nazis“ in der Ukraine und von einer „Rhetorik, die vor 70 Jahren zum Zweiten Weltkrieg führte,“ an die AZ-LeserInnen weiterzugeben. Von der Entfesselung des Weltkriegs in Europa durch die Nazis ist bei dieser mythischen Erzählung natürlich nicht die Rede. Warum die AZ solchen geschichtsrevisionistischen Ausführungen Platz bot, bleibt die große Frage. Wir beziehen uns im Folgenden auf den Artikel in der AZ vom 29. August 2014 (Feuilleton, Debatte) von Mykola Lipisivitskyi „Die Propaganda weckt den Drachen“ (Untertitel: Nicht nur Krieg herrscht in der Ostukraine, dort tobt auch eine Schlacht mit Worten. Wie wird dieser Krieg geführt und warum ist er so gefährlich?).

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Als Einstieg zu meiner Kritik sollen einige Bemerkungen zu den Angaben der AZ zur Person des Autors dienen: „Der Germanist Mykola Lipisivitskyi (30) leitet an der Iwan-Franko-Universität von Zhytomir das Brecht-Zentrum und unterrichtet Deutsch als Fremdsprache und Geschichte der deutschen Literatur.“ Dies ist deshalb interessant, weil Iwan Franko ein umstrittener ukrainischer Schriftsteller der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert ist, dem erst unlängst wieder spektakulär Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Gegen eine Büste und eine Gedenktafel für Iwan Franko in Wien protestierten sogar das Internationale Mauthausenkomitee und die Israelitische Kultusgemeinde. Es ging um den Vorwurf des Antisemitismus in seinem Werk. Nun lässt sich dieser Vorwurf wohl nicht eindeutig belegen. Es scheint mehr die antisemitische Rezeption von Frankos Werk durch Nationalisten und Faschisten diesen Vorwurf befördert zu haben, aber da sind wir schon bei der nächsten Frage, warum ein junger ukrainischer Germanist über eine halbe Seite im Feuilleton der AZ bekommt. Dass er ein Brechtzentrum einer ukrainischen Universität leitet, kann wohl auch in der Brechtstadt Augsburg kein ausreichender Grund sein.

Es ging vielleicht zuerst um seine vermutete Expertise für Mythen, denn die Wörter „Mythos / Mythen“, „mythisch“ und „mythenumwoben“ kommen in seinem Beitrag insgesamt 11mal vor und dienen als Grundlage der Argumentation. Der Autor betont gleich im ersten Abschnitt, dass in Europa „wieder alte Mythen“ umgingen. Und um diese Mythen gleich näher zu beschreiben, hebt er zu einer großen Behauptung an: „Die Gründe für den Krieg in der Ostukraine liegen nicht auf der realen Ebene, sondern speisen sich aus Mythen, die von den russischen Medien schamlos ausgenutzt werden. Zum Beispiel Aussagen über Nazis, die keiner je gesehen hat, vor denen sich die Mehrheit aber fürchten soll.“ Um seinen gesamten Überlegungen einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben, bringt Lipisivitsky Hans-Georg Gadamer und seinen Text „Mythos und Logos“ ins Spiel. Er hätte sich besser mit einem Wörterbuchartikel begnügt, denn seine Ausführungen wirken, als hätte er auf alte unverdaute Vorlesungsnotizen aus seiner Studentenzeit zurückgegriffen und diese mit ein wenig esoterischem Geschwätz angereichert: „Der mythische Zeitkreislauf besagt, dass das, was war, wiederkommt.“ Eigentlich verwendet er aber die Wörter „Mythos“ und „mythisch“ nur so, wie es z.B. im „Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache“ als eine Verwendungsmöglichkeit notiert wird: „ eine Person, ein Ereignis, die/das in der Vorstellung der Menschen bestimmte (mst sehr positive) Eigenschaften hat(te) (was der Wirklichkeit oft nicht entspricht)“. Und damit entspricht es in etwa dem Wort „Legende“. In „Mythos und Logos“ finden wir nicht, was Lypisivitskyi dort findet – auch nicht, dass die Begriffe Mythos und Logos „ursprünglich“ das bedeuteten, „was wir heute mit ‚Wort‘ übersetzen würden“- , aber wir können durchaus mit Gadamer gegen Lipisivitsky argumentieren. Gadamer schreibt: „Der Mythos ist in jedem Fall das Bekannte, die Kunde, die verbreitet ist, ohne irgendeiner Herkunftsbestimmung und Beglaubigung zu bedürfen.“ Und in Gadamers „Mythos und Vernunft“ folgt noch etwas, was gut zum Verständnis der manipulativen Ausführungen von Lipisivitskyi passt: „Mythos bezeichnet zunächst nichts als eine Beglaubigungsart. Mythos ist das Gesagte, die Sage, aber so, daß das in dieser Sage Gesagte keine andere Erfahrungsmöglichkeit zuläßt als eben die des Gesagtbekommens.“ Wir brauchen keine Belege mehr und keine Begründungen. Was gesagt ist, muss einfach geglaubt werden, weil es jemand sagt, der für unsere Wertegemeinschaft zu sprechen vorgibt. Die Worte des ukrainischen Präsidenten Poroshenko werden im Gegensatz zu den Worten des Präsidenten Putin nicht angezweifelt. Wie im wirklichen Mythos werden die Verlautbarungen im Kampf gegen die Gegner unserer Werte „grundsätzlich keiner Beglaubigung durch die eigene denkende Vernunft unterworfen“. Wir haben also „das Bekannte, die Kunde, die verbreitet ist“, und die man deshalb glaubt, weil man es immer so gehört hat und umso mehr glaubt, je öfter man es so hört. Anders kann ich mir den überwiegenden Teil der Medienberichterstattung in Deutschland über die Ukraine nicht erklären. Und so wird Lipisivitskyis Verweis auf Gadamer schnell zum Eigentor – wenn man Gadamer wirklich liest.

Lipisivitsky erwähnt, der Mythos sei nicht auf „Tatsachen und das Argumentieren mit Beweisen angewiesen.“ Leider verzichtet der Autor dann selbst in seinen weiteren Ausführungen auf das „Argumentieren mit Beweisen“ und bringt keine Belege für seine Behauptungen. Aber da er einmal für sich die Wahrheit und für die „russischen Massenmedien“ die Mythen reklamiert hat, geht er offensichtlich von der Wirkung der Verbindung der Stigmawörter „russische Massenmedien“ und „Mythen“ (im Sinne von nicht der Wahrheit entsprechend) aus. Man muss nur noch erwähnen, dass die russischen Massenmedien etwas behaupten und schon soll es für die LeserInnen nicht mehr glaubhaft sein. Wenn also die russischen Massenmedien berichten, dass es in der Ukraine Nazis gab und gibt, kann das nur ein Mythos sein. Ich hoffe immer noch, dass diese schlichte Art der Beeinflussung der Leserschaft nicht sehr erfolgreich ist – auch wenn sie bei vielen deutschen Journalisten offensichtlich schon Wirkung zeigt.

Wenn Lipisivitskyi eingangs auch von „alten“ Mythen spricht, dann macht das nur einen Sinn, wenn er davon ausgeht, dass die Nazis schon früher ein Mythos waren. Welche Zeiten er damit meint, wird dann in den folgenden Sätzen deutlich: „Im März wurden die russischen Truppen auf der Krim zum Schutz gegen diese mythischen Nazis stationiert. Diese ‚Banderiwzi‘ verweisen auf westukrainische antisowjetische Partisanen aus den 40er Jahren, deren tragische Geschichte unklar und mythenumwoben ist. Angeblich haben sie nicht nur gegen die Wehrmacht, sondern auch gegen die Rote Armee gekämpft.“ Dass der Autor sich eklatant in einem Satz widerspricht, ist die eine Seite. „Antisowjetische Partisanen“ haben wohl nicht nur „angeblich“ gegen die Rote Armee gekämpft. Und das „sondern auch“ steht natürlich völlig im Widerspruch zu den Erkenntnissen westlicher Geschichtswissenschaft. Die „Banderiwzi“ waren nämlich zuerst einmal Faschisten und Antisemiten, die viele Jahre eng mit den Nazis zusammenarbeiteten. Es ist schon sehr befremdend, dass die AZ dieser Reinwaschung von Nazikollaborateuren und Antisemiten eine Plattform bietet. Denn der Name „Banderiwzi“ leitet sich ja von Stepan Bandera ab, den auch westliche Historiker und Politologen als Faschisten bezeichnen und für die schlimmsten Judenpogrome mit verantwortlich machen - worauf weiter unten noch einzugehen sein wird. Da hilft auch nicht das von Apologeten häufig vorgebrachte Faktum, dass der auf dem Majdan heftig verehrte Nationalheld Bandera kurzzeitig in einem Konzentrationslager der Nazis war. SA-Führer Ernst Röhm wird auch nicht zum Widerstandskämpfer und Demokraten, weil Hitler ihn ermorden ließ.

1. September 2014: Antikriegstag in Augsburg

Mykola Lypisivitsky weiß, warum er den Namen Bandera nicht direkt ins Spiel bringt. Ihm geht es offensichtlich darum, die Ukraine in Gegenwart und Vergangenheit als nazifrei zu beschreiben. Nur dann kann seine Argumentation aufgehen, alle Vorwürfe gegen die heutige Regierung der Ukraine als Mythen darzustellen.

Aber er geht noch weiter und verlässt vollkommen die bisher in der Wissenschaft und unter allen Demokraten unumstrittene Auffassung, dass die Nationalsozialisten den 2. Weltkrieg in Europa und die japanische Regierung den 2. Weltkrieg in Ostasien entfesselt haben. Er schreibt – und die AZ bietet ihm die Plattform, diese geschichtsrevisionistische These zu verbreiten - : „Noch vor ein paar Jahren hätte niemand gedacht, dass die Rhetorik, die vor 70 Jahren zum Zweiten Weltkrieg führte, erneut in Europa auftaucht. Heute gilt es wieder die eigene Nation vor äußeren Gegnern zu schützen.“ Also nicht das Naziregime hat den 2. Weltkrieg entfesselt, sondern die Rhetorik, dass die „eigene Nation vor äußeren Gegnern“ geschützt werden muss, ist schuld.

Es gibt aber auch eine zurückhaltendere Verschleierung der Naziverbrechen. Die Kritik an der Verherrlichung sowjetischer Soldaten als Helden und der pauschalisierenden Darstellung der Soldaten der Nazi-Armee als fanatische Nazis wirkt zuerst einmal überzeugend, da sie sich auch als Sorge um den „Prozess der Versöhnung ehemaliger Kriegsgegner“ präsentiert. Wenn man aber die vorhergehende Leugnung des faschistischen Charakters der „Banderiwzi“ berücksichtigt, wird die Funktion dieser Kritik deutlich. Nur wenn die Hitlertruppen und die Sowjetarmee auf eine Stufe als „Gegner in menschlicher Gestalt“ gestellt werden, kann die Kollaboration der antisowjetischen Partisanen mit den Nazis als verständlich dargestellt werden. Auf dieser Argumentationsebene könnte man auch ein offizielles Gedenken an gefallene SS-Soldaten rechtfertigen und plötzlich wären alle Soldaten nur noch Opfer eines für alle schlimmen Krieges, der ja laut Lipisivitskyi nur durch eine hemmungslose Rhetorik entstanden ist. Und so begrüßt er einen „Prozess der Versöhnung ehemaliger Kriegsgegner“ in den „postsowjetischen Ländern“: „Die verzerrten Fratzen von Nazi-Soldaten aus alten sowjetischen Filmen bekamen langsam menschliche Gesichter, in denen Spuren der Kriegsleiden zu erkennen waren. Dem Gegner in menschlicher Gestalt kann verziehen werden.“ Und auf der anderen Seite zuvor die Kritik an der „gegenwärtigen prorussischen und postsowjetischen Propaganda“, für die „die Kämpfer gegen Hitlers Wehrmacht keine einfachen Soldaten [seien], die auch Fehler machten und Gewalttaten begangen haben.“ Dies ist die alte Argumentationslinie auch in Deutschland, um die Verbrechen der Nazidiktatur zu relativieren. Man kann diese Kritik auch nicht in ihren Einzelaussagen widerlegen, denn es gab unleugbar von sowjetischen – aber auch westlichen – Soldaten begangene Greueltaten genauso wie widerwillig in den Krieg gezogene und nie in Kriegsverbrechen verwickelte deutsche Soldaten. Aber das alles widerlegt nicht das Argument, dass ohne den Kriegszug von Millionen deutscher Soldaten der millionenfache Mord an den Juden und alle anderen Kriegsverbrechen nicht möglich gewesen wären. Und auch das muss gesagt werden: Ohne die Beteiligung von antisemitischen Gruppen der nicht-russischen Bevölkerung z.B. im Baltikum und in der Ukraine wäre dieser Vernichtungsfeldzug auch schwerer durchzuführen gewesen. Diese Verantwortung soll offensichtlich durch die heutige Verteufelung Putins und die Beschwörung der westlichen Wertegemeinschaft vergessen gemacht werden. Und dies kann – in unserem Fall für die Ukraine - nur funktionieren, wenn alle überzeugt sind, dass es weder heute noch früher in den betroffenen Ländern Faschisten und Nazianhänger gegeben hat.

Aber die Verleugnung der Verantwortung Hitlers für den zweiten Weltkrieg und des Vorhandenseins von Nazis in der Ukraine soll in dieser Argumentationskette nicht zu falschen Schlussfolgerungen führen, denn „Strategien der nazistischen, antisemitischen Propaganda“ gibt es für Lypisivitsky natürlich schon, aber nur bei den „prorussischen Massenmedien“.

Nun folgen aber keine Beispiele aus diesen Massenmedien, sondern nur allgemeine Behauptungen: „Das Ziel dieser Propaganda sind die Ukrainer oder ein gewisser Teil von ihnen. Die übliche Bezeichnung des Volkes ‚Ukrainer‘ wird dabei geschickt vermieden.“ Und wenn wir dann konkrete Beispiele erwarten, erfahren wir nur, dass „zahlreiche Neuprägungen“ verwendet werden, „welche innerhalb des brüderlichen Volks einen ‚bösen‘ Teil ausgrenzen und zu einem feindlichen Konvolut von Unmenschen machen sollen, die vom Westen infiziert und verdorben worden sind.“ Aber kein einziges Beispiel wird genannt. Auch beim Hinweis auf schwulenfeindliche Propaganda bekommen wir keine einziges Zitat. Wir lesen auch natürlich nichts von den zahlreichen verbalen Ausfällen ukrainischer Medien und Politiker gegen die Separatisten und Putin. Die Methode ist klar. Es darf nicht das geringste schlechte Licht auf die Protagonisten des Majdan und der Westorientierung der Ukraine fallen. Alles, was negativ wirken könnte, wird einfach ausgeblendet. Dafür muss die Gegenseite umso mehr dämonisiert werden. Aber diese Dämonisierung muss wiederum verschleiert werden, was am besten dadurch gelingt, dass man der Gegenseite eine extreme Dämonisierung der Ukraine vorwirft: „Deshalb arbeiten die nach einem Krieg trachtenden Staatsmedien in Russland wie vor dem Zweiten Weltkrieg einst in Deutschland an der Entmenschlichung der Gegner.“ Und diese Entmenschlichung kann man natürlich am besten an der Entmenschlichung der Juden durch die Nazipropaganda veranschaulichen: „Diese Herangehensweise wurde in den nazistischen Zeitungen und Zeitschriften in Bezug auf Juden ausgeübt. Sie wurden mit Tieren und Insekten verglichen. Für die ‚Nicht-Menschen‘ galten die Moralnormen nicht mehr.“ Welche Leserin und welcher Leser kommt bei solchen Ausführungen gleich auf die Idee, dass all dies der Verschleierung der rechtsradikalen und faschistischen Einflüsse auf die Majdanbewegung und der faschistischen Realität einiger ihrer Vorbilder dienen soll. Aber wer Nazis in der ukrainischen Geschichte und in der heutigen Gesellschaft zum bloßen Mythos erklärt, muss sich diesem Vorwurf aussetzen lassen. Man kann sicher über die Größe des Einflusses von Rechtsradikalen und Faschisten auf die Majdanbewegung und die ukrainische Regierung streiten und man kann diskutieren, welche von den Bezeichnungen „Rechtsradikale“, „Faschisten“, „Nazis“ oder „Neonazis“ im Einzelfall treffender sind, aber total abstreiten, dass es ein solches Milieu gibt, das ist schon besonders dreist.

Der Politologe Andreas Umland von der Kiewer Mohyla-Akademie ist ein scharfer Kritiker Putins und seiner Politik. Er vergleicht ihn mit Hindenburg und nennt ihn „reaktionär“, aber er hat sich einen klaren Blick auf die Realität in der Ukraine bewahrt, auch wenn er manches vielleicht zu klein redet. In einem in der putinkritischen Website http://ukraine-nachrichten.de auf Deutsch abgedruckten Interview (mit Leonin Ragosin von der russischsprachigen Website „Slon“) nennt er so einiges beim Namen: „Es gab und gibt auf dem Unabhängigkeitsplatz auch klar neonazistische Kleingruppen, bei denen nicht nur Einzelvertreter dem Dritten Reich zugeneigt scheinen. Ein Beispiel ist C 14 – eine Gruppe, die Beziehungen zu ‚Swoboda‘ haben soll, was jedoch von ‚Swoboda‘ verneint wird. C 14 hat nach eigenen Angaben 200 Mitglieder. Diese 200 meist jungen Männer, wie auch die Mitglieder ähnlicher Gruppierungen, kann man offenbar sowohl als Faschisten als auch Neonazis bezeichnen.“ Der „Rechte Sektor“ ist für Umland schwerer einzuschätzen, da er „eine fluktuierende Allianz marginaler Gruppen“ darstelle. Trotzdem sind einige Hinweise Umlands erschreckend: Es gab („Bilyi Molot“) und gibt („Trysub im. S. Bandera“) im Rechten Sektor Gruppen, die Neofaschisten oder Verehrer früherer Faschisten sind, und es „sind inzwischen einige Tausend hauptsächlich junge Männer Mitglieder des Rechten Sektors geworden.“ Dass die „Banderiwzi“ der ukrainischen Vergangenheit nicht einfach tragische Figuren waren, die „mythenumwoben“ sind, stellt Andreas Umland auch klar: „In der Ukraine gibt es tatsächlich bei großen Teilen der Bevölkerung, vor allem in Galizien und auch unter Intellektuellen, einen Kult um den einstigen Nationalistenführer und Faschisten Bandera.“ Und zur Verdeutlichung: Bandera „war Anführer einer Partei, die zumindest Ende der 1930er und Anfang der 1940er eine faschistische Ideologie hatte. Die OUN war die ukrainische Variante des Zwischenkriegsfaschismus, wie er damals in den meisten europäischen Ländern existierte.“

Und all dies wird im Feuilleton der AZ einfach abgeleugnet. Welches Spiel spielt die AZ eigentlich? Wird als nächstes ein Debatten-Beitrag im Feuilleton der AZ erscheinen, der Neonazis in Deutschland in das Reich der Mythen verweist? Oder hat die AZ die Offenheit, auch einen Debattenbeitrag abzudrucken, der die Verhältnisse in der Ukraine weniger verschleiernd darstellt und die seit Monaten laufende Medienpropaganda in Deutschland kritisieren darf?

Mykola Lipisivitsky zitiert am Ende seines Beitrags die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulizkaja: “Die russischen Massenmedien verstellen das, was in der Ukraine passiert. Man kann keine objektive Information erhalten. Wir haben den Weltrekord an Lügen gebrochen.“ Ich befürchte: Die deutschen Massenmedien und viele ihrer Journalisten sind seit Monaten dabei, einen neuen Weltrekord aufzustellen. Und dies alles ohne offizielle staatliche Zensur, einfach so, freiwillig als Schreibtischtäter bei der Vorbereitung eines neuen kalten oder - wie einige sogar wollen – heißen Krieges.

Hansjörg Bisle-Müller, 14.09.2014

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