Schwere Kursverluste an der chinesischen Börse

Wir setzen uns hier mit einem Artikel von Hendrik Ankenbrand in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27. Juni 2015 auseinander. Dieses Datum ist der Stand dieses Artikels. Nach einem Einbruch der chinesischen Kurse ab Mitte Juni um ein Drittel und dem Einschreiten der Regierung erholten sich die Kurse zwei Wochen lang. Am Montag dieser Woche stürzten sie wieder um 8,5 Prozent ab. Am Dienstag konnte der Kurs durch staatliche Interventionen auf ein Prozent Minus gedrückt werden. Für Herrn Ankenbrand von der FAZ stand gestern fest: „Das Ringen der Regierung mit dem Markt ist noch lange nicht vorbei.“

Der Aktienmarkt in China spielt verrückt und seit Wochen unken westliche Berichterstatter über einen Börsencrash. In den letzten zwei Wochen haben die Kurse sogar fast 20 Prozent verloren. Allerdings sind die Kurse innerhalb eines Jahres um 150 Prozent gestiegen, wobei „sich die Börsenkapitalisierung aller auf dem chinesischen Festland zugelassenen Aktien auf 10 Billionen Dollar verdreifachte, was als umfangreichste Hausse der Geschichte gilt.“ (FAZ). 100 Millionen Menschen in China halten inzwischen Aktien und China ist ein Eldorado der Kleinaktionäre.

Nun aber folgt etwas für uns westliche Beobachter Unglaubliches, während „unter den Börsianern ein Wehklagen ausgebrochen [ist], von dem manche politischen Beobachter glauben, es könne die soziale Stabilität im Land beeinträchtigen, sollten die Kurse weiter fallen.“ (FAZ) Um dieses Unglaubliche zu verstehen, informiert uns die FAZ, dass Chinas Hausse „politisch gesteuert“ war. Wir wollen es nicht glauben, aber die chinesische Regierung hat ihre Bürger und nicht internationale Hedgefonds ermuntert, Aktien zu kaufen.

Offensichtlich angewidert schreibt Hendrik Ankenbrand (FAZ): „In einer beispiellosen Kampagne hat die chinesische Regierung über ihre Propagandawerkzeuge wie den staatlichen Fernsehsendern und Zeitungen fast täglich an die Gewinnsucht im Menschen appelliert und die Bürger zum Kauf immer neuer Aktien gedrängt, was das tägliche Handelsvolumen an den Festlandbörsen auf einen Wert von umgerechnet über 200 Milliarden Euro getrieben hat.“ – Das war doch in Deutschland etwas ganz anderes bei der Kampagne für die Telekom-Aktien, da wurde ja nur an die Leidensfähigkeit und die patriotische Gesinnung unserer Bürger appelliert.

Börse von Shanghai Foto: Shanghai Stock Exchange, Heurik, Manuel Pajer, CC BY-SA 2.0 DE, Wikipedia

Schlimm auch die „Motivation Pekings“: Die KP Chinas wolle „das Vermögen der Bürger steigern“, da bei sinkenden Wachstumsraten in vielen Branchen eine Entlassungswelle die Stimmung verderbe. Außerdem wolle die Regierung „die Verschuldung der Staatsunternehmen reduzieren“ und durch den Verkauf neuer Anteilsscheine die Unternehmen wieder zu Gewinnen führen. Aber das alles ist für die FAZ noch nicht der Höhepunkt der Seltsamkeiten. Während woanders Banken entlastet werden, um – von der FAZ ungerügt – weiter spekulieren zu können, moniert die FAZ, dass in China die „Bürger nun erstmal weiter zocken“ können.

Warum? Verstehen Sie immer noch nicht? Chinas Bürger werden weiter von der Regierung und vielen chinesischen Unternehmen übel verführt. Sie werden es nicht glauben, aber in China werden die Kleinaktionäre (in China: zig Millionen Studierende, Arbeiter, Angestellte und Rentner) wie bei uns die Großaktionäre behandelt. Lesen wir genau, was uns Hendrik Ankenbrand berichtet: Viele Angestellte seien von der Hausbank informiert worden, dass das Gehalt für den Monat Juni schon eine Woche früher eingetroffen sei als üblich. Die Personalabteilung des Hangzhouer Internetunternehmens Qingtuanshe habe noch eine größere Überraschung bereit gehabt: „Weil der Aktienmarkt so dramatisch eingebrochen ist, herrscht bei uns im Unternehmen miese Stimmung. Damit wir alle weiter unsere Leistung bringen können, zahlen wir die kommenden drei Monatsgehälter auf einen Schlag aus, damit Sie Ihre Verluste rasch ausgleichen können.“

Und die Rundmail endet mit einem Satz, der wie aus einem Traum eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ klingt und doch nur aus der widersprüchlichen Realität eines chinesischen Sozialismus der ersten Stufe kommt: „Der Aktienmarkt ist unbarmherzig, doch die Menschen sind es nicht.“ Ist das der FAZ ein Lob wert? Ein Lob klingt wohl anders: „Und dank der vorzeitigen Gehaltszahlungen können Chinas Bürger nun weiter zocken.“

Hansjörg Bisle-Müller, 5.7.2015

zur Druckversion  


   
nach oben