Kundgebung für ein freies Palästina am 19. Juli, Teil 2

Interessante Reden

Von sämtlichen Medien verschwiegen

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Bei der großen Kundgebung „Free Palestine“ am 19. Juli auf dem Augsburger Rathausplatz mit etwa 1000 TeilnehmerInnen sprachen auch eine Palästinenserin und eine Deutsche. Wir veröffentlichen hier ihre Reden, die von sämtlichen Medien verschwiegen wurden. Teil 1 der Berichterstattung über die Kundgebung ist hier veröffentlicht: http://www.forumaugsburg.de/s_3themen/Nahmittelost/140727_angriff-auf-gaza1/index.html

Rede einer Palästinenserin

Rede von Lamia Simreen auf der Demo am 19.07.2014, Rathausplatz Augsburg (nachträgliche schriftliche und ausführlichere Fassung einer frei gehaltenen Rede)

Salam alaikum, Shalom und Frieden sei mit Euch,

Ich bin Lamia. Mein Vater ist Palästinenser und meine Mutter ist Deutsche. Er ist Muslim, sie ist katholisch. Ich bin zum Teil hier in Deutschland aufgewachsen und zum Teil in einem arabischen Land, bin mit der christlichen Religion wie auch dem islamischen Glauben groß geworden. Ich bin in beiden Kulturen groß geworden, der deutschen wie auch der arabischen. Ich bin also der lebende Beweis dafür, dass ein Zusammenfinden verschiedener Nationalitäten, Religionen und Kulturen funktioniert. Wie auch eine gute Integration.

Da ich hier in Deutschland aufgewachsen bin, habe ich besonders als Schülerin die Verbrechen des Nazi-Regimes erfahren müssen. Wir haben mit der Schule wie auch privat mit palästinensischen Freunden das KZ-Dachau besucht. Auch haben mir meine Großmutter und ihre Schwester über die Zeit berichtet. Wir haben einen Zeitzeugen in der Familie, der genau wusste, was in Dachau und in anderen KZ passierte. Daher möchte ich betonen: Eine Leugnung der Holocaust-Geschehnisse ist für mich in keinster Weise akzeptabel. Auch möchte ich betonen: trotz der schrecklichen Geschichten, die meiner palästinensischen Seite passiert sind, bin ich weder Antisemitin noch Judenhasserin, wie es mir schon mehrmals unterstellt wurde. Dennoch – trotz allem Verständnis dem jüdischen Volk gegenüber und seinem Wunsch nach einem sicheren Fleck auf dieser Erde – darf, muss und werde ich die Regierung Israels als solche kritisieren. Denn für mich ist dieser Konflikt in Palästina/Israel kein reiner Glaubenskonflikt. Für mich ist er ein Konflikt einer Bewegung, der zionistischen Bewegung. Und um Israel bzw. das jüdische Volk ernst nehmen zu können, müssen sie aus ihrer Rolle des immerwährenden Opfers raus. Sie sind keine Opfer mehr. Sie haben einen eigenen Staat. Sie haben Selbstwirksamkeit bewiesen. Und nun müssen sie berechtigte Kritik ebenfalls annehmen können.

Ich bin eingeladen worden, um über die möglichen Beweggründe für die erneute Gewalt im Gaza zu berichten. Die geschichtlichen Hintergründe werde ich nicht genau darstellen. Zum einen wissen bestimmt die meisten hier Anwesenden darüber Bescheid, zum anderen kann man diese in guten Geschichtsbüchern wie auch im Internet sehr gut nachlesen.

Anfangen möchte ich jedoch damit, dass 1882 die zionistische Bewegung durch jüdischstämmige Personen gegründet wurde. Die waren nicht besonders religiös, zum Teil sogar Atheisten. Ihre Ziele waren es, einen Platz für das jüdische Volk zu finden, an welchem es friedlich leben konnte, nach dem es jahrhundertelang verfolgt und vernichtet wurde. So erinnerten sie sich an das Heilige Land Israel und beschlossen, sich dort anzusiedeln. Es gab damals Völker verschiedener Religionen, die friedlich miteinander lebten. Palästinenser wie auch jüdische Araber. Es folgten große Einwanderungswellen jüdischstämmiger Menschen – speziell aus Europa geflohene. 1948 wurde trotz Widerstand der dort lebenden Araber der Staat Israel gegründet. Diese Gründung und die Aufteilung des Landes wurde in Zusammenarbeit mit der UNO beschlossen. Die Spirale der Gewalt fing danach an. Die Palästinenser wurden im großen Stil vertrieben, es brachen mehrere Kriege aus.

Hierzu möchte ich ein Zitat von Ben Gurion, dem ersten Ministers des Staates Israel, wiedergeben. Es stammt aus einer Rede, die er schon 1937 hielt:

[Doch müssen] wir der Wahrheit ins Auge blicken. Wenn wir durch die Gründung des Staates zu einer starken Macht geworden sind, werden wir die Teilung aufheben und uns auf ganz Palästina ausdehnen. Politisch nämlich sind wir die Aggressoren, während sie sich selbst verteidigen … Das Land gehört ihnen, weil sie es bewohnen, während wir von draußen kommen und hier siedeln, und aus ihrer Perspektive wollen wir ihnen ihr Land nehmen, noch bevor wir hier richtig angekommen sind. [Der Aufstand] ist aktiver Widerstand seitens der Palästinenser gegen das, was sie als Usurpierung ihrer Heimat durch die Juden betrachten ... Hinter dem Terrorismus steht eine Bewegung, die zwar primitiv, aber von Idealismus und Selbstaufopferung geprägt ist.“[1]

Ein Land, das auf diesem Wissen im Hintergrund aufgebaut wird, kann keinen Frieden finden. Dieses Zitat sagt alles aus, was in den letzten Jahrzehnten geschehen ist. Das palästinensische Volk wurde systematisch vertrieben, unterdrückt, in Armut getrieben und auch getötet. Es entstand eine Zweiklassengesellschaft. Gewalt und Widerstand war vorprogrammiert. Man hatte es billigend in Kauf genommen. Schon vor Gründung des Staates. Das Schlimme, bis heute hat sich im Denken der israelischen Regierung nichts verändert. Der Wunsch Vieler in der Politik ist genau das, was Ben Gurion damals sagte. Ändert sich an dieser Haltung nichts, wird sich die Spirale der Gewalt weiter drehen.

Nun – was hat die erneuten Ausbrüche der Gewalt ausgelöst? Es sind verschiedene Komponenten, die zusammenspielen. Hier einige, die ich mitbekommen habe und die mich zur Überzeugung brachten, dass sie die Gründe sein könnten.

Israel wurde international immer mehr kritisiert. Nicht von Politikern. Mithilfe des Internets verbreiteten sich in den letzten Jahren immer mehr Informationen über die verheerende Situation der Palästinenser. Für uns manchmal unverständlich, warum ein Palästinenser die Kamera auf Ereignisse wie z. B. gewaltsame Übergriffe auf Jugendliche hält. Aber die Kamera ist seine einzige Waffe. So gab es immer mehr dokumentierte Berichte über Übergriffe von Siedlern wie auch von Militär auf Palästinenser, unbegründete Verhaftungen und die Verhaftung von Kindern. Die Lebenssituation der Palästinenser wurde nun sichtbarer, belegbar und ein Wegsehen immer schwieriger. So entstanden mehr Bewegungen, die aufklärten und informierten. Es wurde immer lauter und offensiver zum Boykott israelischer Produkte aufgerufen. Wie z. B. Die BDS-Movement, die in verschiedenen Ländern aktiv ist, auch in der USA oder England, also Länder, deren Bevölkerung eher pro Israel gesinnt war.[2] Dabei sind das keine rein arabischen Bewegungen, sie werden von Christen und auch – das ist das besondere – von Juden unterstützt. Das Besondere: Wenn ein Jude eine jüdische Regierung kritisiert, bekommt das mehr Gehör – denn er kann ja kein Antisemit sein. Leider ist aber von diesen Bewegungen speziell in Deutschland wenig zu spüren.

Es gibt immer mehr Militärangehörige des Israelischen Militärs, die sich outen und über ihre Erlebnisse berichten. Sie weigern sich, dem Staat Israel zu dienen und damit ein anderes Volk terrorisieren. Z. B. „Breaking the silence“, eine Orga von Militärangehörigen, die zu einem Stopp der Gewalt aufruft.

#StopPrawerPlan Chicago – Solidaritätsaktion für die arabischen Beduinen in Naqab/Negev, Jewish Voice for Peace, 1. Oktober 2013, s. a. „Prawer-Plan“, Wikipedia. Foto: Facebook Jewish Voice for Peace

Die Situation der Beduinen im Negev bekommt in letzter Zeit immer mehr Gehör. Die jüdisch-palästinensische Organisation Dukium schafft es, die Aufmerksamkeit auch auf die in Vergessenheit geratenen Beduinen zu lenken. Deren Dörfer werden regelmäßig vom israelischen Militär zerstört. Das Dorf Al-Arakib wurde im Mai zum 64ten Mal zerstört. Sie werden gezwungen, in künstlich geschaffenen Dörfern zu leben, auf sehr engem Raum, in großer Armut. Ähnlich den Indianern in den Reservate in Amerika zur damaligen Zeit. Ähnlich dem bedrängten Leben im Gaza. Hier fand vor kurzem eine Versammlung statt, an der sich alle wichtigen Führer der Arabischen Nationen zusammenfanden. Sie beschlossen gemeinsam, für eine Verbesserung zu arbeiten. Ein Aktivst von Dukium berichtete in einem Vortrag hier in Augsburg am 21. Mai, dass er noch nie solch einen Zusammenhalt verspürt hat.

Die perfide Praxis der Israelischen Regierung, Minderjährige zu verhaften, ist ein weiterer Punkt, der die Wut der Palästinenser steigert. Waren es früher hauptsächlich Steine werfende Jugendliche, so sind es heute weitaus jüngere, die in die Gewalt der Israelischen Armee gelangen. Es ist ein System in der Verhaftung von Kindern zu erkennen. Eine australische Dokumentation belegt die Aussagen palästinensischer Familien. In dieser wird auch von Folter und massiven psychischen Druck auf die Kinder berichtet. Die Zahl der inhaftierten Kinder in den letzten Monaten steigt zunehmend. Bis Ende Mai wurden in diesem Jahr ca. 850 Kinder verhaftet. Mit Kinder meine ich auch Kinder jünger als vierzehn. Das jüngste Kind wurde letztes Jahr mit fünf Jahren verhaftet. Es hatte einen Stein geworfen. Auch zu dieser Verhaftung gibt es Bildmaterial. Eine deutsche Dame, die öfters in Palästina ist und die Situation der Kinder beschreibt, erklärte mir, dass die Dunkelziffer sogar höher sei. Nicht zuletzt haben Amnesty International, Euro-Mid Observer for Human Rights und andere Orgas vor kurzem Israel für ihre massiven Menschrechtsverletzungen, insbesondere der Verhaftung und der Folterung von Kindern, kritisiert.

International - unter der Bevölkerung verschiedener Länder, verliert somit Israel stark an Zuneigung und sieht sich heftiger Kritik gegenüber. Israel kommt unter Druck.

Zur Situation der Hamas. Hamas wurde zu Beginn ihrer Gründung vom israelischen Staat geduldet. Es gibt sogar die Vermutung, dass sie finanziell unterstützt wurde. Eines der wichtigsten Zentren der Hamas, Al-Mujamma, ist sogar offiziell durch die Regierung Israels genehmigt worden. Erklären lässt es sich durch die „Splitting-Politk“ Israels. Israel hat die Siedlungen auf dem Blatt genauestens geplant. Mit dem Ziel, palästinensische Dörfer, Familien und Strukturen zu zerstören. Die Spaltung dieser Strukturen versprach eine erschwerte Kommunikation unter den Palästinenser und somit eine erschwerte Zusammenarbeit. Dieses Splitting kann auf vielen Ebenen beobachtet werden. So auch in der Politik.

Die Fotos zeigen Kinderbilder, die aus dem palästinensischen Behandlungs- und Rehabilitationszentrums für Folteropfer (TRC) in Ramallah stammen. Hier werden freigelassene Gefangene, marginalisierte Männer, Frauen, Kinder und Jugendliche, traumatisierte Opfer israelischer Haft und Gewalt, behandelt. Die Kinderbilder entstanden in den Sommercamps, die das TRC jährlich in vier Städten des Westjordanlands für Sechs- bis Fünfzehn-Jährige organisiert. Die Bilder wurden erstmals im Frühjahr 2012 in Valencia gezeigt und dann von der Münchnerin Karin Nebauer in einer Ausstellung in Faksimiledokumentation präsentiert. Dabei bekam sie nicht nur Unterstützung vom Münchner Friedensbündnis, dem Arbeitskreis Palästina-Israel Salam Shalom, dem Trägerkreis EineWeltHaus München und dem TRC in Ramallah selbst, sondern auch die Unterstützung des Kulturreferats der Stadt München. In München scheint es schon etwas anders zu laufen als in Augsburg, wo der ehemalige Kulturreferent Peter Grab sich jetzt mit einer läppischen Veranstaltung („Friedens“kundgebung 27. Juli) produzierte, die sich am Ende noch verdeckt gegen den Widerstand der Palästinenser richtete und zu der dann diverse Bürgermeister, (Ex-)Referenten und Stadträte_Innen beruhigt hinlatschen konnten, weil die Kundgebung für die palästinensische Sache effektiv rein gar nichts brachte, ja sogar eher schädlich für sie war. Unsere Fotografien der Ausstellung stammen von der Präsentation im Haus St. Ulrich, die im November 2013 von Pax Christi organisiert wurde.
Die drei Kinderbilder oben haben wir von den Tafeln „Angst und Sehnsucht nach Geborgenheit“ und „Alltägliche Gewalt“ fotografiert und zusammengestellt. Davon zeigt die oberste Zeichnung zeigt den Felsendom in Jerusalem, den ältesten Sakralbau des Islam, und eine Razzia, bei der sich das Kind nackt ausziehen muss. Mittleres Bild: Auf ein Kind, das einen Stein in der Hand hat, darf geschossen werden. Das Bild oben zeigt nochmal einen Ausschnitt aus der Zeichnung, wo Kinder die Zerstörung ihres Hauses erleben. Es wird geschossen, im Haus liegt noch ein Kind im Bett.

Fatah war zu der Zeit ein starker Gegenspieler Israels. Sie gewann zu viel Macht. Da kam die Gründung der Hamas gelegen, um in den Reihen der Politk und im Volk Unruhe zu stiften. Hamas, muss man wissen, brachte aber auch viel Unterstützung für die Palästinenser. Humanitäre Hilfe, Lebensmittel, Wasser, Schulen, soziale Einrichtungen, Bildungszentren für Frauen. Sie waren also Wohltäter – auch wenn sie ihre radikalen Ansichten weiter ausbreiten konnten. So wuchs die Anhängerschaft der Hamas. Die Hamas und Fatah wurden Gegner, statt zusammenzuarbeiten. Zu unterschiedlich waren die Ansichten. Das „Splitting“ funktionierte.

Die letzten Wahlen waren ein Desaster aus politischer Sicht. Die gemäßigter gesinnte Fatah war untereinander total zerstritten und stellte mehrere Kandidaten auf. So verteilten sich die Stimmen der Pro-Fatah-Anhänger auf mehrere Kandidaten. Nur dadurch erklärt sich die hohe Zahl der Hamasstimmen. Denn in den letzten Jahren verlor sie an Anhängern. Die Politikwissenschaftlerin Helga Baumgarten, Dozentin an der Uni in Birzeit, berichtete dieses Jahr, dass gerade die jungen Palästinenser keine Lust mehr auf die Gewalt hatten. Sie erkannten, dass nur gemeinsam auf politischer Ebene eine friedliche Lösung möglich ist. Der Ruf nach einer Zusammenarbeit der palästinensischen Politiker wurde immer lauter. So kam es zu einem Zusammenschluss von Fatah und Hamas im April dieses Jahr. Sie beschlossen, zusammen eine politische Lösung zu finden. Das konnte Israel nicht gefallen. Denn bekannterweise gilt auch hier der Spruch: Gemeinsam sind wir stark.

Angesichts dieser Tatsachen kam die Regierung Israels immer weiter unter Druck.

Dieses und das folgende Kinderbild stammen von der Ausstellungstafel „Schrecken der Verhaftung“. Seit dem Jahr 2000 wurden 8000 palästinensische Kinder inhaftiert und zum Teil gefoltert. Die nachfolgende Zeichnung hat Raia Raed beschriftet: 63 Jahre Nakba – „Verrotten hinter den Gefängnisgittern der Besatzung“. Nakba bedeutet Katastrophe und bezeichnet im arabischen Sprachgebrauch die Flucht und Vertreibung von etwa 700.000 arabischen Palästinensern aus dem früheren britischen Mandatsgebiet Palästina im Jahr 1948. Palästinenser gedenken der Nakba jährlich am 15. Mai, dem Tag nach der israelischen Unabhängigkeitserklärung.

Nun überschlugen sich die Ereignisse. Drei jüdische Jugendliche wurden entführt und getötet. Es wurde Hamas verdächtigt. Doch die Hamas besteht bis heute darauf, nichts damit zu tun zu haben. Mit dem Hinweis, dass sie bisher immer ihre Taten bestätigten. Warum in diesem Fall nicht? Ein arabischer Jugendlicher wurde von sechs Siedlern grausam gelyncht. Im Übrigen wird diesen Tätern Unzurechungsfähigkeit unterstellt, so dass sie strafrechtlich nicht umfassend belangt werden können. Sechs Täter! Im Falle der getöteten jüdischen Jugendlichen erfolgten Hausdurchsuchungen und Verhaftungen in großen Stil. 4000 Soldaten durchkämmten das Gebiet im Westjordanland. Hunderte Menschen wurden ohne Begründung verhaftet. Auch Politiker. Häuser wurden zerstört. Ausgangssperren wurden verhängt. Viele konnten ihrem Alltag nicht nachgehen.

Nach all den Jahren der Unterdrückung, des Leids, der Toten und der jetzigen Repressalien durch die Armee ist eine Verschlechterung der Stimmung auf Palästinenserseite verständlich. Wenn sie nicht sogar regelrecht provoziert werden soll.

Ob nun Hamas die erste Rakete warf oder Israel – ich weiß es nicht. Soweit ich das mitbekommen habe, flog eine Rakete der Hamas, als Israel angekündigt hat, militärisch gegen den Gaza vorzugehen. So sehr Gewalt zu verurteilen ist – ist es nicht verständlich, dass sich das Volk wehrt? Im Gaza, dem größten Freiluftgefängnis, sind die Lebensbedingungen katastrophal. Flucht ist nicht b.z.w nur beschränkt möglich. Im Moment sterben hauptsächlich Zivilisten. Die Zahl der Toten im Gaza ist um ein vielfaches höher als in den Reihen der israelischen Armee. Die Bevölkerung sucht Schutz und wird dennoch in ihren Schutzräumen bombardiert. Diese Schutzräume sind keine hochmodernen Bunker wie in Israel. Es sind Schulen, öffentliche Hallen und Krankenhäuser. Das Al Wafa-Krankenhaus wurde bis heute zum dritten Mal beschossen! Israel kann hier nicht mehr von Selbstverteidigung sprechen. Das kann Israel schon lange nicht mehr.

Im Moment gewinnt Hamas wieder an Zuneigung. Schuld sind die andauernde Gewalt, Unterdrückung und Traumatisierung eines Volkes, das sich schlecht gegen seine Besatzer wehren kann. Hamas ist sicherlich keine Organisation, die uneingeschränkt unterstützenswert ist. Doch aus Sicht der Palästinenser: Die tun wenigstens etwas. Sie wehren sich.

Um den Frieden voranzutreiben, bedarf es:

Einen sofortigen Stopp der Bombardierungen auf beiden Seiten!

Sofortige Humanitäre Hilfe in den betroffenen Gebieten!

Sofortiger Stopp der Übergriffe auf Minderjährige und deren Inhaftierung!

Öffentlicher Druck auf Israel von den Regierenden dieser Welt! Es müssen klare Worte gesprochen werden. Untersuchungen zu den Menschenrechts­ver­letzungen müssten durchgeführt werden. Um den Palästinenser zu zeigen: Wir nehmen Eure Situation Ernst. Und um Israel in seine Schranken zu weisen.

Zugleich muss Hamas ihre Gewalt einstellen und sicher gehen, dass aus den eigenen Reihen keine Gewalt von Einzelnen ausgeht. Die Palästinensische Behörde muss hier ihre volle Unterstützung zeigen und Gewalt von Seiten der Palästinenser ahnden.

Eine deutliche Verbesserung der Lebenssituation der Palästinenser! Dafür müssen beide Seiten zusammenkommen. Beide Seiten müssen Abstriche machen, um einen Weg zum Frieden zu finden. Solange einer von beiden Seiten dazu nicht gewillt ist – ist Frieden nicht möglich.

Ich persönlich glaube aber nicht, dass nur klare Worte und Druck von Seiten unserer Regierung nötig sind, sondern eine Veränderung in der israelischen Gesellschaft selbst erfolgen muss. Nur wenn diese aufwacht und erkennt, auf wessen Kosten ihr Frieden beruht, welche Machenschaften von Israel ausgehen und dass ein Volk leidet, kann sich etwas ändern. Es muss eine Bewegung und der Wille im israelischen Volk entstehen, damit der Regierung klar wird, dass die Bevölkerung eine Veränderung will. Nur so ist Frieden möglich. Der Weg wird lang, aber es wird sich lohnen, ihn zu gehen.

Wie können wir unterstützen?

Unseren Politikern deutlich sagen, dass wir klare Worte wollen: Eine Gleichstellung des Palästinensischen Volkes. Keine Waffenlieferungen an Länder, die Krieg betreiben.

Organisationen unterstützen. Insbesondere Israelisch/Jüdisch-Palästinensische Organisationen, damit sie in ihrem Land etwas bewegen können. Hier einige Beispiele:

Dukium.org

Jewish Voices for peace

Jewish against Genocide

Solidarity Movement Palestine

Breaking Silence

BDS-Movement (international)

PCRF- Palestinian Children´s Relief Fund ( Humaintäre Hilfe)

Vor Ort:

AFI: Augsburger Friedensinitiative

Salam Shalom –München

Studiengesellschaft für Friedensforschung e. V. München

 

Weitere Rede einer jungen Frau

Liebe Freunde des palästinensischen Volkes,

liebe Pazifisten, liebe Humanisten und die, die es noch werden wollen!

Zunächst vielen Dank an meine Vorredner!

Ich freue mich, dass Ihr bei diesem herrlichen Wetter so zahlreich hier erschienen seid. Glaubt mir – ich könnte mir auch Angenehmeres vorstellen.

Aber es geht hier nicht um uns – es geht hier um viel mehr.

Meine kurze Rede soll nicht in erster Linie die Kriegsgräuel in Palästina thematisieren.

Der größte Ignorant, im größten Schlaand-Fieber[3] , hat während der Weltmeisterschaft die furchtbaren Bilder aus dem Gaza-Streifen gesehen.

Mir geht es viel mehr um den tagtäglichen Wahnsinn, den das palästinensische Volk zu erleiden hat.

Wir, die Bürger der Friedenstadt Augsburg, kennen unsere Pflichten, aber wir kennen auch unsere Grundrechtrechte, die im 1. Artikel des GG stehen und zwar:

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

JETZT, LIEBE FREUNDE, FRAGE ICH EUCH:

Ist es gerecht – wie EU-Parlamentspräsident Martin Schulz im Februar dieses Jahres im israelischen Parlament gefragt hat, - „dass Israelis 70 Liter Wasser am Tag benutzen dürfen und Palästinenser nur 17“?

Ist es gerecht, dass – da das letzte Kraftwerk wegen Treibstoff-Mangel abgeschaltet wurde – ein normaler Haushalt im Gaza-Streifen täglich nur über sechs Stunden Strom verfügt?

Ist es gerecht, dass im Gaza-Streifen laut Weltgesundheitsorganisation ein Kollaps der medizinischen Versorgung bevorsteht?

Ist es human, dass im Gaza-Streifen wegen dieser miserablen medizinischen Versorgung nur noch lebensnotwendige Operationen vorgenommen werden können?

Ist es gerecht, auf die Bombardierung Israels durch Qassam-Raketen mit dem 10-fachen Bomben-Terror zu antworten?

Wollen wir in einer Welt leben, die diesen tagtäglichen Faschismus duldet?

Was tun?“ – Liebe Freunde, ich weiß es nicht.

Aber ich weiß, was wir nicht tun dürfen.

Wir dürfen die Augen vor diesem Unrecht nicht verschließen.

Wir dürfen uns nicht den Mund verbieten lassen.

Wir müssen alle auf diese Verbrechen in Palästina hinweisen.

So gut es geht aktiv sein, Unterschriften sammeln, uns zusammentun und sogar beim Internationalen Gerichtshof Klagen einreichen …

Unsere Gedanken sind heute bei den Männern, Frauen, Greisen und Kindern in Palästina.

Dies lassen wir uns nicht nehmen, indem man uns als Antisemiten bezeichnet, sobald man Israels ehrlose Kriegspolitik verachtet. Ich weise hiermit den Vorwurf des Antisemitismus entschieden zurück!

Zudem! Palästinenser sind sprachlich gesehen auch Semiten. Und ich liebe dieses seit Jahrzehnten geschundene Volk.

Möge es in naher Zukunft selbst über seine Belange entscheiden dürfen.

Möge die Welt endlich aufwachen und die wahren Schuldigen am Morden in Israel vor ein internationales Gericht bringen.

Der Kampf Palästina gegen Israel erinnert stark an den Kampf David gegen Goliath.

Und wir alle wissen, dass der vermeintlich Schwächere am Ende gesiegt hat.

Wer schweigt, trägt eine Mitschuld!

In diesem Sinne: Free Palästina! Herzlichen Dank!

 

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1] „Israel und Palästina – Wem gehört das Heilige Land? Studiengesellschaft für Friedensforschung e. V. München, Denkanstoß Nr. 48“, 2003. [Online]. Verfügbar unter: http://www.studiengesellschaft-friedensforschung.de/da_48.htm. [Zugegriffen: 24-Juli-2014]. Druckfassung als pdf. [Online]. Verfügbar unter: http://www.studiengesellschaft-friedensforschung.de/texte/da_48.pdf.

2] Boycott, Divestment and Sanctions (dt. Boykott, Kapitalabzug und Sanktionen, kurz BDS) ist eine umfassende internationale politische Kampagne gegen Israel, die am 9. Juli 2005 auf den Aufruf von über 170 palästinensischen Nicht-Regierungsorganisationen hin ins Leben gerufen wurde.

3] Schlaand bedeutet: Kurzform von Deutschland; gerne auch zum Anfeuern der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.


   
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