Der Autor Matin Baraki wurde 1947 in Kabul/Afghanistan geboren, hat dort studiert und als Lehrer gearbeitet. 1995 Promotion an der Universität Marburg und anschließend Lehraufträge an den Universitäten Marburg, Münster, Kassel und Gießen. Er hat zahlreiche Publikationen über den Nahen und Mittleren Osten, sowie Süd- und Zentralasien verfasst. Er ist allgemein vereidigter Dolmetscher und ermächtigter Übersetzer der afghanischen Sprachen Dari und Paschto, der persischen und tadschikischen Sprache für die Notare und Gerichte

Bundeswehr, Taliban und der Krieg in Afghanistan

Von Matin Baraki

8.10.2006  Mit dem 11. September 2001 wurde nicht nur der US-geführte Krieg gegen Afghanistan begründet, sondern er ermöglichte der Bundeswehr sich zum ersten Mal auch außerhalb Europas zu engagieren. Afghanistan wurde somit Türöffner für künftige weltweite Einsätze der deutschen Armee.

Dass die geostrategische Lage Afghanistans für die weltpolitische Ambitionen Deutschlands an Bedeutung gewann, ist jedoch nicht neu. Schon am Anfang des 20. Jhds galt: Damit Deutschland zu einer Weltmacht aufsteigen konnte, musste das britische Imperium fallen. Afghanistan war das Mittel, das Herz des Empire (Indien) zu treffen, das auf dem Landwege nur durch Afghanistan zu erreichen war. “Kaum minder aussichtsreich und gar nicht mehr so entfernt wie man glaubt”, so urteilten damals die Strategen, “ist die Zukunft unserer Beziehungen mit Afghanistan. Kabul aber, die Residenz des afghanischen Emirs, liegt vor dem Kaiberpass, dem Tore Indiens!” Mit der Niederlage Deutschlands im ersten Weltkrieg endete auch dieser Traum. Es dauerte bis 1941 bis Afghanistan wieder ins Visier Deutschlands geriet. Mit Datum 17. Februar 1941 steht folgende Notiz im Kriegstagebuch des Oberkommandos der faschistischen Wehrmacht: “Der Führer wünsche die studienmäßige Bearbeitung eines Aufmarsches in Afghanistan gegen Indien im Anschluss an die Operation ,Barbarossa’“. Nach Auffassung Hitlers war “Afghanistan die Rolle eines wichtigen Stützpunktes in den strategischen Plänen zur Eroberung Indiens und der Länder Südostasiens zu [gedacht]”. Auch dieser Anlauf scheiterte bekanntlich.

Unmittelbar nach dem 11. September 2001 wurde auf einer Sondersitzung der NATO der Bündnisfall erklärt. Deutschland spielte dabei eine Vorreiterrolle. Die Enttäuschung war umso größer als die Bush-Administration keinen Wert darauf legte, die Bundeswehr am Krieg zu beteiligen. Bundeskanzler Schröder eilte nach Washington, um ihren Einsatz doch noch zu erwirken. Schon während des Krieges gegen Afghanistan wurde eine Konferenz auf dem Petersberg einberufen, in deren Verlauf eine provisorische Regierung für Kabul gebildet wurde. Da diese fremdbestimmte Administration keinerlei Legitimation und ebenso wenig Akzeptanz bei der großen Mehrheit der afghanischen Bevölkerung genoss, wurde zu ihrem Schutz im UNO-Auftrag die „Schutztruppe“ International Security Assistance Force (ISAF) nach Kabul abkommandiert. Die Bundeswehr beteiligte sich daran mit 1200 Mann. Anfang Januar 2002 wurden die ersten 200 Soldaten Richtung Kabul in Marsch gesetzt. Im Mai 2006 gehörten zum deutschen ISAF-Kontingent bereits 2600 Soldaten. Damit ist Deutschland führend.  …

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20.01.2006 Matin Baraki spricht im Zeughaus auf Einladung des Forums und der AFI zur aktuellen Lage in Afghanistan und den Hintergründen der Konflikte
 

Der Artikel von Matin Baraki wurde wenige Wochen vor der Bekanntmachung der Totenschändungen geschrieben, was seiner Aktualität aber keinerlei Abbruch tut. Im Gegenteil, die profunde Kenntnis und Analyse des Autors wird durch die jüngsten "Ereignisse" nur bestätigt. Ergänzend schrieb uns Matin Baraki jetzt:

Die Zerstörung Afghanistans, ein Werk der Imperialmächte

„Mit dem Blut meines Geliebten will ich mich schminken

Darob werden die roten Rosen im Garten verblassen!

Wenn Du in Maiwand nicht zum Märtyrer wirst

So wird die Schande lebenslang Dein Begleiter sein.“

Die afghanische Dichterin „Malalei“ über die Schlacht im südafghanischen Maiwand 1880, in der die britischen Invasoren eine vernichtende Niederlage erlitten.

Als NATO-Protektorat hat Afghanistan weder politische noch ökonomische Perspektiven, geschweige denn eine friedliche Zukunft. Auch die Erweiterung des Bundeswehr-Engagements nach Süd-Afghanistan und der von Scharping bis Jung immer vor der Öffentlichkeit geheim gehaltene Einsatz des Kommandos Spezialkräfte (KSK), das seit Ende 2001 in Afghanistan im Einsatz ist und von dem jeweils nur scheibchenweise die Wahrheit ans Licht kommt, werden an der Sicherheitslage nicht viel ändern. Sollte die Bundeswehr künftig offen in Kämpfe mit dem Widerstand verwickelt werden, wird mit dem Mythos der angeblichen Beliebtheit der Deutschen bei den Afghanen aufgeräumt werden. Schon die bisherigen Anschläge auf Bundeswehrsoldaten legen davon ein beredtes Zeugnis ab.

Die waffentechnologische Überlegenheit der NATO in Afghanistan führt nur zu einer zunehmenden Barbarisierung des Krieges. Auch die widerlichen Fotos von Leichenschändungen bei Kabul durch Soldaten der Bundeswehr bestätigen dies.

Die NEOCONs und ihre Strategie sind nicht nur im Irak, sondern auch in Afghanistan gescheitert. Sie stehen vor dem Scherbenhaufen ihrer verfehlten Militärdoktrin. Gerüchte über Geheimverhandlungen mit dem Widerstand über ein Ende der Gewalt in Afghanistan sind schon in Umlauf. In Kabul wird seit geraumer Zeit hinter vorgehaltener Hand über die Ablösung von Karsai gesprochen. In Afghanistan haben die alten Imperialmächte in der Vergangenheit keine Siege erringen können. Auch die neuen werden sich nicht auf Dauer am Hindukusch etablieren können

Aus Augsburger Allgemeine 9.10.2006: Wie die Grünen-Chefin am Sonntag telefonisch gegenüber unserer Zeitung erklärte, sei die Öffentlichkeit in der Hauptstadt Kabul über die Morde an den deutschen Journalisten erschüttert. Zwar komme es auch in friedlicheren Teilen Afghanistans regelmäßig zu Selbstmord-Attentaten oder Raubmorden. Journalisten waren davon allerdings lange Zeit nicht betroffen. Doch die Gewalt nimmt zu. Macht in diesem Land der Einsatz der Bundeswehr überhaupt Sinn? Roths überraschende Antwort: „Ich finde es absolut richtig, dass deutsche Soldaten hier sind.“ Sie höre in Afghanistan nur positive Reaktionen bezüglich des deutschen Einsatzes. „Bitte geht nicht weg, helft uns weiter, den Staat aufzubauen“, laute der allgemeine Tenor, den sie von ihren Gesprächspartnern hört. Roth selbst meint: „Wenn Afghanistan wieder in die Hände der wieder enorm erstarkten Taliban fiele, sei der internationale Kampf gegen Terrorismus schon ein Stück weit verloren.“ Darum müsse auch die Bundeswehr weiter hier aushalten.

Frau Roth meldete der Augsburger Allgemeinen telefonisch, „sie höre in Afghanistan nur positive Reaktionen bezüglich des deutschen Einsatzes“ (9.10.2006). Das war zwar gute zwei Wochen vor der Bekanntmachung der Leichenschändungen. Aber diese Schädungen sind lange vor Frau Roths Afghanistan-Visite dokumentiert worden und prominenten Grünen wie Christian Ströbele bekannt gewesen. Der weiß schon lange von einem halben Dutzend Leuten von hunderten solcher Fotos mit Leichenschändungen u. dgl. Davon hat Frau Roth offensichtlich nichts gehört. Frau Roth hat auch nichts gehört von Offizieren der Bundeswehr, die von den Schändungen nicht nur gewußt haben sondern auch daran teilgenommen haben sollen zusammen mit deutschen Politikern (!), die die Truppe in Afghanistan besuchten. (lt. Stuttgarter Zeitung) Es soll regelrechte Rundfahrten zu einem Knochenfeld gegeben haben mit offensichtlich organisierten Schändungen – aber Frau Roth kann ja nicht alles mitkriegen.

Nach einer Vorstandssitzung der Grünen verlangt nun Frau Roth von Herrn Jung, er müsse persönlich nach Kabul reisen und sich entschuldigen. Die Grünen sorgen sich um das Vertrauen der afghanischen Bevölkerung in die deutsche Armee. „Außerdem sollte Jung den deutschen Soldaten in Afghanistan klarmachen, dass kein Generalverdacht gegen sie bestehe…“ (Netzeitung 30.10.2006) Frau Roth spielt die Mutter der Truppe und ihre Parteikollegen plädieren direkt für eine Verstärkung der Auslandseinsätze. „FDP und Grünen kritisierten indessen, für Auslandseinsätze stünden zu wenig Soldaten zur Verfügung“. (Augsburger Allgemeine 30.10.2006) Grünenfraktionsvize Jürgen Trittin: „Wenn Deutschland bei einer Armee von 250 000 Männern und Frauen nicht mehr als 10 000 Soldaten im Ausland einsetzen kann, dann handelt es sich um gigantische Fehlplanung“. (Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung 29.10.2006) Und Herr Kuhn, Fraktionsvorsitzender der Grünen, polemisiert gegen eine angebliche „Überforderung“ der Bundeswehr und spricht sich gegen einen Abzug aus dem ehemaligen Jugoslawien aus: „Wir haben über 200 000 Soldaten, und bei 10 000 im Auslandseinsatz befindlichen geht angeblich eine Überforderung los … Was man jetzt mit Bosnien macht, und vielleicht mit Kosovo, ist nichts anderes, als auf medialen Druck zu reagieren […]“ (Augsburger Allgemeine 31.10.2006) Man kann sich auch nicht freuen, dass die Grünen den Kriegsminister kritisieren – denn sie kritisieren ihn von rechts. Wo der Kriegsminister und sein Vorgänger jetzt „Zurückhaltung“ bei den Auslandseinsätzen heucheln (müssen), verlangt der Grünen-Vorstand unter Frau Roth ganz forsch eine Ausweitung!

Nun, als wir zur Jahreswende in einer Grafik Frau Roth scherzhaft mit Command & Conquer in Verbindung brachten wo eigentlich ganz harmlos die Forderung nach mehr grünen Playstations erhoben wurde, ließ uns Frau Roth von ihrem Augsburger Bürovorsteher drohen. Die Fotomontage, die übrigens aus dem Web stammte und nicht von uns, setze Claudia Roth „in Verbindung mit einem gewaltverherrlichenden und sinnlose Tötungen fordernden Computerspiel“. »»  Genau das „spielt“ sich in Afghanistan ab – nur ist es leider kein Spiel sondern blutige Realität. Insofern war unsere Fotomontage eher verharmlosend. Um des lieben Friedens willen haben wir sie damals mit der Email der Grünen „geschwärzt“. Inzwischen denken wir, es könnte echt dem Frieden dienen, wenn der Vorstand der Grünen mehr Command & Conquer spielen würde, möglichst pausenlos! Es wäre auf jeden Fall unvergleichlich harmloser als alles, was diese Herrschaften zur Zeit auf der politischen Bühne treiben.

Für das jährliche Mittenwalder „Kameradentreffen“ der Gebirgsjäger kann es in Zukunft eng werden. Jetzt ist endgültig die bundesweite Öffentlichkeit auf die Edelweiß-Kaserne der „Elite“-Truppe und das Treiben der Militaristen am Ort Mittenwald aufmerksam geworden.

Seitdem bekannt wurde, dass an den Totenschändungen in Afghanistan an führender Stelle Gebirgsjäger aus Mittenwald beteiligt waren, kommt die politische Lage am Ort ins Wanken – die Basis dafür hat aber die hartnäckige Kampagne der VVN und der Autonomen gegen die „Mörder unterm Edelweiß“ bzw. die „angreifbare Traditionspflege“ geschaffen. Aber auch die bayerische Staatsregierung kommt ins Visier der Medien. Genüsslich vermerken Blätter wie die Welt: „Leute wie der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber oder Rodel-Olympiasieger Georg ("Schorsch") Hackl rühmen sich ihrer Gebirgsjäger-Vergangenheit.“


   
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