Ukraine-Berichterstattung – Medienkritik, Teil 2

... ist am Ende keine

Selbst Zeitungen mit einem mehr oder weniger „linken Ruf“ wie etwa die Tageszeitung (TAZ) machen es dem Leser mittlerweile unmöglich, ihre Veröffentlichungen ungeprüft als Darstellung von Tatsachen zu betrachten. An anderer Stelle wäre zu prüfen, wieso Darstellung und Wertung der Ereignisse in der Ukraine gerade hier sich nicht mehr erkennbar von den sog. wertkonservativen Printmedien unterscheiden lassen. Anhand der Textanalyse eines in der TAZ veröffentlichten Artikels kann die Pressefreiheit ironisch auch als das Recht bezeichnet werden, bei anderen abschreiben zu dürfen.

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TAZ, Mittwoch, 13. August 2014

„Im Kessel von Donbass“

Untertitel: „Überleben: Die Versorgung in Donezk und Lugansk ist nahezu zusammengebrochen. Eine Flucht wird immer schwieriger“

Aus Donezk: Valerija Dubova

Aus dem Russischen: Ljuba Naminova und Bernhard Clasen

Wer für den Unsinn auf der Schwerpunktseite der TAZ verantwortlich ist, lässt sich für mich nicht klären: die ÜbersetzerInnen, die Autorin oder die Redaktion? Auf jeden Fall stellt sich nach der Lektüre dieses Berichts aus Donezk die Frage, warum bei vielen Menschen die TAZ immer noch als aufklärerisches und fortschrittliches Organ gilt.

Die erste ungeheuerliche Behauptung findet sich im zweiten Abschnitt: „Geradezu planmäßig hatten die Aufständischen den gesamten Sommer über die Infrastruktur der von ihnen eingenommenen Städte zerstört. Gezielt wurden Wasser- und Stromversorgung, das Bankensystem, die Arbeit der Rechtsschutzorgane und Lehranstalten zerstört.“ Nun ist diese Behauptung nicht sehr plausibel. Warum sollten die Aufständischen sich selbst der Versorgung mit Wasser und Strom berauben? Warum sollten sie den Nachfluss von Geld unterbrechen? Oder liegt das Geheimnis im Wort „gezielt“? Aber dann müsste die Autorin das Ziel schon näher beschreiben.

Kiew 09/2012 - Parlamentswahl: Auf dem Plakat der KPU steht:
He, Oligarch, bleib mal stehen! Die Fabrik wurde nicht für Dich und nicht von Dir gebaut! Du wirst die geklaute Fabrik zurückgeben! … Foto: Thomas Hacker

Doch schon in den folgenden Sätzen stellt die Autorin – offensichtlich ohne es zu bemerken – ihre Behauptungen wieder in Frage: „Durch die Kämpfe wird die Versorgung in einem Tempo vernichtet, bei dem die Instandhaltung nicht mehr mitkommt, obwohl Fachleute rund um die Uhr mit Reparaturarbeiten beschäftigt sind. Derzeit sind in Donezk 12.000 Bewohner völlig ohne Strom.“ Nachdem zuerst angeblich die Stromversorgung von den Aufständischen zerstört wurde, erfahren wir jetzt, dass die Versorgung durch die Kämpfe vernichtet werde und trotzdem nur 12.000 BewohnerInnen völlig ohne Strom seien.

Auch aus Lugansk kommt im dritten Abschnitt der Stadtrat zu Wort: „Als Zentrum des Bezirks sind wir völlig von der Stromversorgung abgeschnitten. 250.000 Bewohner, die immer noch in der Stadt leben, haben schon neun Tage lang keinen Strom und kein Wasser mehr.“ Wenn die Situation aber erst seit 9 Tagen so schlimm ist, warum behauptet dann die Autorin, dass die Aufständischen schon den ganzen Sommer über die Strom- und Wasserversorgung zerstört hätten? Zu dieser ganzen Schuldzuschreibung an die Aufständischen passt auch die folgende Mitteilung nicht: „Nach Angaben der Verwaltung gelangen in die Stadt keine Lebensmittel, keine Medikamente und kein Treibstoff mehr. Außerdem werden keine Löhne, Renten und Sozialhilfe ausgezahlt. Der Stadt droht eine ökologische Katastrophe, weil Abfälle nicht mehr aus der Stadt geschafft werden können.“

Kann jemand im Ernst glauben, dass die Aufständischen so dumm sind, sich von ihrer eigenen Versorgung so radikal abzuschneiden und die Bevölkerung durch die Nichtauszahlung von Löhnen und Renten gegen sich aufzubringen? Aber warum nennt dann Frau Dubova die offensichtlich allein in Frage kommenden Schuldigen nicht? Wer kesselt denn die Städte Donezk und Lugansk ein und profitiert vom Zusammenbruch der Versorgung? Warum werden bisher die ukrainische Armee und deren Hilfsbataillone nicht erwähnt?

Auf die ukrainische Armee wird dann im folgenden Abschnitt das erste Mal Bezug genommen: „Die Lugansker berichten, dass die Kämpfer niemanden aus der Stadt lassen wollen. Denn sie brauchen die Zivilisten als menschliche Schutzschilde, um sich vor einer Erstürmung durch die ukrainische Armee zu schützen.“ Einige Abschnitte später erfahren wir dann, dass die Regierung der Ukraine den Einwohnern von Lugansk und Donezk rate, „die Städte zu verlassen, bevor der Großangriff beginnt.“ Die Feststellung, dass „die“ Lugansker etwas berichten, ist schon sehr zweifelhaft, aber vielleicht ist der Definitartikel auch nur auf einen Fehler der ÜbersetzerInnen zurückzuführen. Nicht klar wird auch, ob „die“ Lugansker auch behaupten, dass die Zivilisten als menschliche Schutzschilde missbraucht werden, oder ob dies nur eine unzulässigerweise nicht gekennzeichnete Schlussfolgerung der Autorin ist. Mit journalistischer Sorgfalt hat dies alles nichts zu tun. Und falls es stimmen sollte, dass niemand mehr Lugansk verlassen kann, dann kann die Aufforderung der ukrainischen Regierung, die Stadt zu verlassen, nur als zynisch bezeichnet werden.

Je mehr sich Frau Dubova der Beschreibung der Zustände in Donezk dann hingibt, desto deutlicher widerspricht sie ihren anfänglichen Behauptungen. „Dort, wo die Antiterroroperation durchgeführt wird, gibt es ein Problem mit den Banken. Die ukrainische Nationalbank hat alle Transaktionen in den Gebieten der Aufständischen verboten.“ Hieß es nicht am Anfang, die Aufständischen hätten das Bankensystem zerstört? Warum verbietet dann die Nationalbank alle Transaktionen? Aber dass Frau Dubova keine objektive und unabhängige Berichterstatterin ist, zeigt sie ja auch in ihrer Wortwahl. Den Ausdruck „Antiterroroperation“ hat die ukrainische Regierung erfunden. Wer ihn ohne Anführungsstriche übernimmt, lässt große Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit zu. Dann glaubt man ihr auch nicht mehr, wenn sie aus Donezk versichert, „dass niemand hier mehr auf der Seite der Aufständischen kämpfen möchte.“ Wie widersprüchlich ihre gesamte Argumentation ist, zeigen die folgenden Textausschnitte: „Von humanitären Korridoren, die von Separatisten geschaffen wurden, kann hier keine Rede sein. Frauen erzählen, dass es unkompliziert sei, die Stadt zu verlassen.“ Wie passen diese Sätze zusammen? Weiß Frau Dubrova überhaupt, was sie schreibt? Kann in der TAZ jeder Artikel erscheinen, wenn er nur genügend Sätze enthält, die ins ideologische Bild von den bösen Aufständischen und der guten ukrainischen Regierung passt?

Die letzten beiden Abschnitte kann man fast nur noch zitieren, so niveaulos sind sie. „Seit einem Monat arbeiten die Gerichte nicht mehr, Polizei ist nirgends zu sehen. Alle weißen Polizeiautos mit Blaulicht sind von Separatisten beschlagnahmt worden. Beim Geräusch einer Sirene, [Komma im Original!] weiß man sofort, dass Aufständische den Wagen steuern.“ Und was will Frau Dubova jetzt eigentlich damit sagen? Dass die Separatisten die Polizeigewalt übernommen haben oder dass Aufständische privat mit Sirenen durch die Stadt fahren? Warum betont sie auch, dass alle „weißen“ Polizeiautos beschlagnahmt wurden? Gibt es auch andere mit oder ohne Blaulicht?

Der letzte Abschnitt gerät dann vollends durcheinander. „Am Mittwoch fiel ein Sprengsatz auf ein Gefängnis.“ Wie das? Der fiel einfach so vom Himmel? Hat ihn jemand aus Versehen fallen lassen? „106 Personen entkamen. Ein Teil von ihnen kehrte jedoch freiwillig zurück, um sich nicht den Kämpfern anschließen zu müssen. Jetzt laufen in Donezk rund 60 bewaffnete Diebe und Vergewaltiger frei herum.“ Ich versuche, die konfusen Sätze zu interpretieren: Die entflohenen Häftlinge werden alle von den Aufständischen gefasst und dann zu den kämpfenden Truppen der Aufständischen eingezogen. Wenn sie aber freiwillig ins Gefängnis zurückkehren, werden sie nicht eingezogen. Was ist das für eine Logik? Und warum sind rund 60 entflohene Diebe und Vergewaltiger jetzt bewaffnet und laufen frei herum? Hatten sie die Waffen schon im Gefängnis oder wurden sie von den Aufständischen zu den kämpfenden Truppen eingezogen? Aber warum laufen sie dann frei herum? Und vor allen Dingen, woher weiß Frau Dubrova so genau, dass die nicht zurückgekehrten entflohenen Häftlinge Diebe und Vergewaltiger sind? Warum gibt sie die Quelle für diese Informationen nicht an?

Ja, warum veröffentlicht die TAZ einen solchen Artikel? Denkt sie, dass sie so mehr LeserInnen oder gar Genossinnen und Genossen als Anteilseignerinnen gewinnt? Aber wem ist so ein Journalismus 500 Euro wert?

Hansjörg Bisle-Müller, 16.08.2014

 

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