Brief an ein Mitglied unseres Forums

Eine Stimme aus Bethlehem

Die Nachrichten überall sind voll über die miserable Situation bei uns hier in Palästina sowie insbesondere im Süden Libanons. In Gaza und im Libanon sowie im Norden Israels hagelt es Raketen und Bomben. Hier in der West Bank ist es von dieser Seite ruhig, aber die Lage ist sehr gespannt, die Menschen sind nach fast einem halben Jahr ohne Gehälter am Rande des wirtschaftlichen Ruins gelandet. Die Arbeit hier in der Klinik sowie in fast allen Arbeitsbereichen ist stark zurückgegangen und die Zukunft oder was auf uns zukommt ist sehr ungewiss. Wir hoffen aber sehr,  dass wir hier in und um Bethlehem und Jerusalem von diesen wahnsinnigen Kriegsereignissen weiterhin verschont bleiben.

Ich will nun keine politische Analyse der jetzigen Situation schreiben, aber von einigen Artikeln, die ich in den letzten Tagen gelesen habe möchte ich einige Zitate hinzufügen um die Lage hier etwas darstellen:

Uri Avnery, ein israelischer Friedensaktivist, schreibt (8/7/2006):

„Krieg ist eine bestimmte Situation, die von internationalen Recht reguliert wird. Er findet zwischen Feinden statt, die gezwungen sind einige Grundregeln zu beachten. Aber die israelische Regierung erklärt, dass sie nicht einem Feind gegenübersteht, der Rechte hat, sondern „Terroristen“, „Krimenellen“ und „Banden“. Und die haben natürlich keine Rechte. In einem Krieg gibt es „Kriegsgefangene“. Das trifft auch auf Korporal Gilad Shalit zu, der bei einer militärischen Aktion gefangen genommen wurde, aber auch auf die palästinensischen Kämpfer, die von uns fest gehalten wurden. Aber unsere Regierung spricht von Shalit als „gekidnappt“ und von den palästinensischen Gefangenen  als „Verbrechern“. Es scheint, das jüdische Gehirn erfinde neue Patente.“

Nach der „unilateralen Trennung“ und dem „unilateralen Frieden“ haben wir nun einen „unilateralen Krieg“.

Felicia Langer, israelische Rechtsanwältin, Schriftstellerin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises schreibt (7/7/2006):

„Die Israelis haben sofort nach dem Wahlsieg von Hamas im Januar erklärt, mit einer Hamas-Regierung werde nicht verhandelt. Aber haben sie denn mit Abbas verhandelt, nachdem der ein Jahr zuvor fast mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit zum Präsidenten gewählt worden war? Sie wollen doch gar keinen Partner. Sie wollen tun, was sie sich vorgenommen haben: Land nehmen, die Siedlungen erhalten, vollendete Tatsachen schaffen und den Palästinensern sagen: Okay, hier habt ihr ein Stückchen Land, nennt es, wenn ihr unbedingt wollt, euren Staat Palästina. Das ist ein Rezept für weitere Gewalt und weiteres Blutvergiessen – eine Tragödie nicht nur für die Palästinenser, sondern auch für die Israelis.

Es ist schon euphemisch, von zwei Staaten zu reden und dabei unilateral vorzugehen.Wie kann man von zwei Staaten sprechen, wenn Israel eine Mauer tief in palästinensisches Gebiet hineintreibt, Land beschlagnahmt, völkerrechtswidrig jüdische Siedlungen ausbaut und für vollendete Tatsachen sorgt. Was für ein Palästinenser-Staat sollte da möglich sein? Ein Kanton? Ich glaube, der Palästinenser ist nicht geboren, der unterschreiben kann, was Olmert will.“

Nun man kann noch viele andere Zitate hinzufügen, aber eins ist sicher jetzt. Diese sogenannte Sicherheits-Mauer dient nicht zur Sicherheit von Israel, macht uns aber als Palästinensern das Leben unmöglich.
 
Die Sicherheit von Israel und Palästina kann nur durch Gerechtigkeit und Frieden für beide Nationen gewährleistet werden. Beide Nationen (Araber und Juden) haben nur einen Weg und zwar den Mittelweg auszusuchen und dieser ist nur über direkte Verhandlungen über alle Streit-Themen mit Berücksichtigung der internationalen Gesetze und der Menschenrechte zu errreichen.

Bethlehem 27.7.2006

Rund 5000 Menschen demonstrierten nach Angaben von Gush Shalom am 22. Juli in Tel Aviv gegen die israelischen Angriffe auf den Libanon. Bild: Gush Shalom. In zahlreichen Städten der USA und in Europa beteiligten sich an diesem Tag Zehntausende an Anti-Kriegs- Demonstrationen. In Mönchengladbach beklagten mehrere hundert Menschen mit einem Trauerzug die Auslöschung einer Familie, die im Urlaub im Libanon war.


   
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