UNO Generalsekretär Kofi Annan und Tim Berners-Schutze, "Erfinder" des World Wide Web, auf dem Weltgipfel der Informationsgesellschaft. Foto: mit freundlicher Erlaubnis von CERN Courier

Thomas Hacker, 9. Dezember 2005

Wem gehört das Internet?

Wer legt eigentlich fest, welche Top-Level-Domains (TLD, z.B. com, org oder de) es gibt bzw. geben darf?

Warum findet mein Computer die Seiten von www.forumaugsburg.de, ohne zu wissen, wo auf der Welt sie gespeichert sind?

Wer immer noch glaubt, dies seien rein technische Fragen, der irrt gewaltig. Auf dem letzten "Weltgipfel der Informationsgesellschaft" in Tunis traten Konflikte zwischen den (bislang dominierenden) USA und anderen Mächten, insbesondere Europa und einigen Schwellenländern, offen zu Tage. Es geht nicht einfach nur darum, wer verwalten darf.

Wer über die TLD regiert, beherrscht die Welt des Internet.

Kaum zu glauben, aber eine Tatsache: Das US-Handelsministerium wäre ohne weiteres in der Lage, eine TLD abzuschalten, während Sie diesen Artikel hier lesen.

Und das funktioniert so:

Die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN), eine Stiftung nach US-Firmenrecht, delegiert die TLD-Verwaltung an regionale bzw. nationale Institutionen. In Deutschland ist das z.B. die "DENIC Domain Verwaltungs- und Betriebsgesellschaft eG" in Fankfurt am Main. Wer eine de-Domain haben möchte, beantragt diese bei seinem Provider, dieser wiederum bei der DENIC. So oder so ähnlich funktioniert das überall auf der Welt. Die ICANN vergibt also diese berühmten Kürzel wie "com", "org", "de" oder "su" an ihr genehme Organisationen, welche dann wiederum das Monopol auf alle Domains in ihrem Bereich habenn.

Das Gehirn des Internets arbeitet in den USA

Die Sache hat nur einen Haken: Die ICANN ist beileibe nicht neutral, denn sie untersteht dem US-Handelsministerium! Damit ist die US-Regierung weisungsbefugt und kontrolliert letztlich mittels ihr 13 Großrechner den Verkehr im Internet. Auf diesen so genannten Root-Servern werden die TLD's verwaltet. Die Websites eines Landes, dem hier der Zugang gesperrt würde, könnten weltweit nicht mehr erreicht werden.

Das war früher alles kein Problem bzw. hat niemanden interessiert. Das World Wide Web entwickelte sich mehr oder weniger spontan (übrigens aus einer zunächst militärischen Vernetzung von US-Computern - aber das ist ein anderes Thema), war zunächst mehr eine Sache für Freaks und für Wissenschaftler. Doch inzwischen wurde daraus bekanntlich etwas mehr. Die Weltwirtschaft ist ohne das WWW kaum mehr denkbar. Die Kommunikation per E-Mail wäre zu Ende, wenn das ICANN nur wollte . Dies beunruhigt nun so manchen Staat und so manches Kapital. Man wird sich langsam bewusst, dass hier ein Land das Monopol über eine sehr bedeutende Ressource hat - und mal schnell den Daten-Hahn abdrehen könnte.

Genau darüber ging der Streit beim "UN-Weltgipfel der Informationsgesellschaft" in Tunis. Zu dem dreitägigen Weltgipfel kamen ca. 12.000 Besucher. UN-Generalsekretär Kofi Annan nahm ebenso teil wie Vertreter von Staaten und großen Konzernen. Die Teilnehmerländer des Netzgipfels in Tunis wollten ein regierungsübergreifendes Forum schaffen. Es war sogar von einer drohenden Spaltung des Internets die Rede (die Auswirkungen wären für alle Seiten fatal; technische Details können an dieser Stelle nicht erläutert werden).
Streitpunkt war - ganz klar - die Dominanz der US-Organisation ICANN, die das weltweite Netz "verwaltet". Die EU sowie Vertreter der Schwellen- und Entwicklungsländer fordern seit Jahren eine alternative internationale Internet-Verwaltung. Doch die USA wollten - eigentlich ebenso klar - das Heft nicht aus der Hand geben.

Das Ergebnis des Kongresses

Alles bleibt beim Alten, nur ein bisschen kosmetisch entschärft - und alle sind zufrieden, auch Kofi Annan. Gegenwärtig sei die Verwaltung des weltweiten Netzes durch ICANN sinnvoll, sagte der GenSek. Die Vereinten Nationen seien nicht die geeignete Institution für eine "Internet-Regierung", erklärte er in Tunis. Einige Fragen sollen künftig aber (mit Zustimmung der USA) einem internationalen Gremium übertragen werden. So genannte "Foren" beraten künftig über Fragen zur Netzkriminalität, zu Computerviren und Spam. Kurzum: Die ICANN macht weiter wie bisher, und um die anderen Länder zu beruhigen, hat man machtlose Diskussionsforen geschafften. Man sollte sich aber nicht täuschen. Hier sind handfeste Konflikte abzusehen.

China

Die chinesische Regierung hat übrigens damit gedroht, das Land vom weltweiten Datenverkehr im Internet abzukoppeln und eigene Wege zu gehen, wenn die US-Kontrolle über das Netz fortbesteht.

Washington machte seine "nationalen Sicherheitsinteressen geltend". Das kennt man ja.

Quellen:
http://www.welt.de/data/2005/11/16/804536.html 16.11.05
http://www.heise.de/newsticker/meldung/66913 2.12.2005
http://www.zeit.de/online/2005/46/Weltgipfel 16.11.2005
Offizielles zum Gipfel im Tunis: http://www.itu.int/wsis/tunis/index.html


   
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