EU-Wahlen, Teil 1

Permanent sinkende Wahlbeteiligung, beschränkte Rolle des EU-Parlaments

Bei der CSU gibt es im Wahlkampf weder eine EVP noch einen Spitzenkandidaten Juncker, eigentlich gibt es nur Bayern und Seehofer

Eine Reihe kritischer Fragen

Auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht nicht so aussieht, enthält der Europawahlkampf doch einige spannende und politisch gravierende Momente. Wird die Wahlbeteiligung EU-weit noch weiter sinken, eventuell gar in den 30-Prozent-Bereich, und damit die politische Legitimation nicht nur des EU-Parlaments, sondern der gesamten Union noch stärker infrage gestellt? Wie konnte ein Mann wie Jean-Claude Juncker Spitzenkandidat der Konservativen werden? Ein Mann, der als Premierminister Luxemburgs zurücktreten musste, weil der Geheimdienst des Landes in eine Serie von Bombenattentaten und den Aufbau einer illegalen paramilitärischen NATO-Geheimorganisation „Gladio“ verwickelt war. Wie kann es sein, dass dieser Fakt im Europawahlkampf keine Rolle spielt und von allen Medien verschwiegen wird?

Wird die konservative Fraktion, die europäische Volkspartei (EVP), der auch CDU und CSU angehören, den vorausgesagten kräftigen Einbruch erleiden? Wird etwa nicht mehr die EVP den Kommissionspräsidenten stellen, sondern die sozialdemokratische Europafraktion mit Martin Schulz? Wird die wachsende Kritik am transatlantischen Freihandelsabkommen (TTIP) Einfluss auf das Ergebnis der Wahlen haben? Wird die Europäische Linke, wie vorausgesagt, zulegen? Wird es auf der anderen Seite, wie befürchtet, einen regelrechten Rechtsruck geben und werden die Rechtsextremen gar wieder in die Lage kommen, eine eigene Fraktion im Europaparlament zu bilden?

Wie wird das Ergebnis der EU-Wahlen, die zwischen dem 22. und 25. Mai stattfinden, zu bewerten sein im Hinblick auf die reaktionären Pläne von Angela Merkel, Wolfgang Schäuble und auch Jürgen Westerwelle? Mit verschiedenen Maßnahmen, zum Beispiel bilateralen Verträgen, sollen EU-Staaten zu einem „Pakt zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit“ gezwungen werden. Das würde zum Beispiel bedeuten, dass Frankreich gedrängt werden könnte, die Reduzierung des Renteneintrittsalters wieder rückgängig zu machen. Die Macht des Währungskommissars soll so gestärkt werden, dass die Nationalstaaten auf einen Teil ihrer Haushaltssouveränität verzichten müssten, bis hin zu einem Vetorecht der Kommission gegen nationale Budgets. Die deutschen Vorstöße wurden auf dem EU-Gipfel im Dezember 2012 nur vorläufig gestoppt und sollen nach den EU-Wahlen noch heuer wieder auf der Agenda stehen. Die Frage wäre, ob sich die deutschen Putschisten mit diesen Europawahlen Rückendeckung für Ihre Monsterpläne verschaffen können.

Was ist dran an der Militärmacht EU? Schreitet die Militarisierung fort? Und welche Rolle spielt dieses Thema im EU-Wahlkampf? Die CSU, AFD und andere instrumentalisieren die Fluchtbewegungen in die EU und die Armutsmigration in der EU mit rechtspopulistischen Parolen im Wahlkampf. Welche politischen Kräfte treten dem entgegen, mit welchen Aussichten auf Erfolg?

Was war das Ergebnis des Europaparteitags der deutschen Linken, ist die Partei wählbar? Wie steht es um die europäische Linke, die als Partei der Europäischen Linken (EL) auftritt aber auch im Rahmen der Konföderalen Fraktion der Vereinten Europäischen Linken/Nordische Grüne Linke, kurz GUE/NGL? Welche linken Kräfte treten außerhalb dieser Sammlungen auf – in Deutschland denken wir hier zum Beispiel an DKP und MLPD?

Was wurde aus den Wahlprüfsteinen des Augsburger Forums Flucht und Asyl an die Spitzenkandidat_innen für das EU-Parlament aus der Region?

Mit solchen Fragen wollen wir uns in einigen Artikeln befassen. Dabei werden wir die Themen sicher nicht so ausführlich und grundlegend behandeln können, wie das wünschbar wäre. Aber wichtige Themen und Gesichtspunkte sollen hier wenigstens angerissen und die eine oder andere interessante Quelle genannt werden, um nicht ganz in Sprachlosigkeit zu versinken angesichts des komplexen, eigenartigen und mysteriösen Vorgangs der „Europawahlen“.

Permanent sinkende Wahlbeteiligung bei den Europawahlen

Seit der ersten europäischen Direktwahl im Jahr 1979 sank die Wahlbeteiligung in der gesamten EU permanent. Lag sie ursprünglich bei 63 Prozent, so ist sie im Jahr 2009 bis auf 43 Prozent gesunken. Berücksichtigt man, dass die extrem hohe Wahlbeteiligung in Belgien und Luxemburg von über 90 Prozent auf eine Wahlpflicht zurückzuführen ist, so kann man davon ausgehen, dass die freiwillige Wahlbeteiligung jetzt schon nahe an die 40 Prozent Marke gesunken ist und bei einem weiteren Absinken der Wahlbeteiligung bei den EU-Wahlen 2014 auf unter 40 Prozent sinken könnte. Eine Legitimation des EU-Parlaments und der EU als Ganzes wäre doch stark infrage gestellt bei einer Wahlbeteiligung im 30-Prozent-Bereich.

Großspurige Parolen wie zum Beispiel bei ARD Home „Europawahl: 400 Millionen Wähler, 28 Länder, ein Parlament“[1] verfälschen die Lage krass. Denn es gibt gar keine 400 Millionen Wähler. Es gibt rund 400 Millionen Wahlberechtigte, aber vielleicht nur 160 Millionen Wähler.

Die Wahlbeteiligung Deutschlands bei den Europawahlen 2009 lag mit 43,3 Prozent ziemlich genau auf dem EU-Durchschnitt von 43,0 Prozent. Zum Vergleich: bei den Bundestagswahlen 2014 lag die Wahlbeteiligung bei 71,5 Prozent, bei den Bundestagswahlen 2009 lag sie bei 70,8 Prozent. Der krasse Einbruch 2009 gegenüber einer Wahlbeteiligung von 77,7 Prozent noch im Jahr 2005 dürfte auch der Politik der großen Koalition geschuldet sein. Der Unterschied der Wahlbeteiligung bei Bundestagswahlen und Europawahlen ist in Deutschland jedenfalls krass und man muss darüber nachdenken. Allerdings hat der Abfall der Wahlbeteiligung bei den Kommunalwahlen zum Beispiel vor kurzem in Bayern im Vergleich zur Bundestagswahl die gleiche Größenordnung, aber vielleicht andere Gründe.

Jean-Claude Juncker, der Spitzenkandidat der Europäischen Volkspartei (EVP / EEP), der auch die CSU angehört, bleibt in Bayern im Dunkeln – was nicht nur an seiner dunklen Vergangenheit liegt. EPP Dublin Congress, 7.3.2014 david plas photographer, Namensnennung 2.0 Generic (CC BY 2.0) https://www.flickr.com/photos/eppofficial/12994839443/sizes/o/in/photostream/

43 Prozent Wahlbeteiligung bei den Europawahlen im Jahr 2009 ist wie gesagt ein Durchschnitt. Über dem EU-Durchschnitt liegen im 40-Prozent-Bereich Estland, Schweden, Österreich und Spanien. Im 50-Prozent-Bereich liegen Griechenland, Lettland, Irland, Republik Zypern und Dänemark. Noch darüber liegen neben Belgien und Luxemburg, wo wie gesagt Wahlpflicht herrscht, Italien mit 65,1 Prozent und Malta mit 78,8 Prozent. Es ist also nicht so, wie man spontan vermuten könnte, dass die niedrige Wahlbeteiligung auf die südlichen Länder Europas zurückfällt. Am niedrigsten ist die Wahlbeteiligung in der Slowakei mit 19,6 Prozent, gefolgt von Litauen, Polen, Tschechien und Slowenien mit Werten zwischen 21 und 28,3 Prozent. Im 30-Prozent-Bereich, also immer noch deutlich unter dem EU-Durchschnitt, liegen das Vereinigte Königreich, Ungarn, Niederlande und Portugal. Nur knapp unter dem EU-Durchschnitt liegen Finnland mit 40,3 und Frankreich mit 40,7 Prozent.[2]

Man bekommt den Eindruck, als ob in den EU-Mitgliedstaaten des östlichen Europa vor allem die Eliten beigetreten sind, denen aber die Unterstützung breiter Bevölkerungskreise fehlt. Es ist aber bei den jetzigen Europawahlen damit zu rechnen, dass auch in den EU-Ländern des südlichen Europa, die die Folgen der EU-Politik in den letzten Jahren besonders hart traf, die Wahlbeteiligung einbricht.

Die beschränkte Rolle des EU-Parlaments und Manko eines europäischen Parteiensystems

Die Gründe für die allgemein sinkende Wahlbeteiligung bei parlamentarischen Wahlen sind vielschichtig. Bei den Europawahlen wird hier gerne die „reale Machtlosigkeit des Parlaments“ angeführt wie auch das Fehlen länderübergreifender Listen und Spitzenkandidat_innen, die eine gesamteuropäische Personalisierung der Wahlen ermöglichen würden. Hintergrund sei der vergleichsweise geringe Einfluss des Europaparlaments auf die Bildung der europäischen Exekutive.[3] Es gab verschiedene Maßnahmen, die Rechte des europäischen Parlaments zu stärken. Diese haben aber bisher nicht dazu geführt, den Trend der sinkenden Wahlbeteiligung zu ändern.

In einem Standardwerk der Politikwissenschaft zur Europäischen Union heißt es zum Europäischen Parlament:

Das einzig direkt gewählte EU-Organ ist das EP. … das EP [hat] noch nicht die Bedeutung nationaler Parlamente erlangt: Die Rekrutierungsfunktion für das politische Personal ist schwach ausgeprägt, eine Wahl der Regierung wie im parlamentarischen System findet nicht statt, das Haushaltsrecht ist eingeschränkt, das Initiativrecht liegt bei der Kommission und das EP ist nicht an allen Entscheidungen gleichberechtigt beteiligt. Dies gilt vor allem für die zweite und dritte Säule von Maastricht, für die intergouvernemental strukturierte Innen- und Rechtspolitik sowie die Außenpolitik. Als Fazit kann festgehalten werden: Im Vergleich zu den Parlamenten der EU-Mitgliedstaaten besitzt das EP trotz aller Kompetenzausweitungen weniger Rechte bzw. einzelne Rechte lediglich zum Teil.[4]

So heißt es zum Beispiel im aktuellen Aktionsprogramm der europäischen Volkspartei (EVP), die die bisher größte Fraktion im EU-Parlament stellt:

In der Zukunft muss deutlicher werden, dass die Bürger die Funktionsweise der EU-Institutionen kontrollieren und nicht die EU-Institutionen das Leben der Bürger. Dies bedeutet, dass die Wahlen zum Europäischen Parlament noch deutlicher als bisher zu einem Wettstreit zwischen eindeutigen politischen Alternativen werden müssen und somit zwischen den politischen Vertretern dieser Alternativen. Die Wahlen zum Europaparlament sollten de facto zu Wahlen für das Amt des Präsidenten der Europäischen Kommission werden.[5]

Die Formulierung „de facto“ deutet an, dass die EVP es sich weiterhin vorbehalten will, dass der Europäische Rat den Kommissionspräsidenten „empfiehlt“ und das Parlament ihn danach bestätigt, also „wählt“.

Die Politikwissenschaft stellt fest, dass das Problem auch darin bestehe, dass es ein genuines europäisches Parteiensystem nur in Ansätzen gibt:

Ein Grund für den mangelnden europäischen Charakter der Europawahlen liegt darin, dass ein genuines europäisches Parteiensystem nur in Ansätzen existiert. Zwar gibt es den rechtlichen Status einer politischen Partei auf europäischer Ebene, und der EG-Vertrag erwähnt in Art. 191 die Parteien und ihre Bedeutung für die europäische Willensbildung und Entscheidungsfindung. Darüber hinaus definiert eine Verordnung von Parlament und Rat aus dem Jahr 2003 die Voraussetzungen für den Status einer politischen Partei auf europäischer Ebene, nämlich Rechtspersönlichkeit in dem Mitgliedstaat, in dem sie ihren Sitz hat, Mitglieder in den Parlamenten wenigstens eines Viertels der Mitgliedstaaten sowie Wahlergebnisse bei den vergangenen Europawahlen von mindestens 3 Prozent der Stimmen in wenigstens einem Viertel der Mitgliedstaaten etc. Aber trotzdem sind die europäischen Parteien vergleichsweise lockere Parteiverbände, deren geringer Organisationsgrad alle vier Jahre anlässlich der Europawahlkämpfe deutlich wird, die fest in der Hand der nationalen Parteien liegen …[6]

Viel Gleichklang zwischen den Konservativen und Sozialdemokraten im EU-Parlament

Im europäischen Parlament gab es in vielen Fragen eine informelle große Koalition zwischen den beiden größten Parteien der Europäischen Volkspartei (EVP) oder EPP European People's Party und der Sozialdemokratischen Partei Europas (SPE) oder Party of European Socialists, PES.

Die größten Blöcke in der PES bilden die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), die Partito Democratico (PD) aus Italien und die Partido Socialista Obrero Español (PSOE) aus Spanien mit jeweils 23 Abgeordneten im europäischen Parlament. Zwei weitere große Blöcke innerhalb der PES bilden die Parti socialiste (PS) aus Frankreich und die Labour Party (Labour) aus dem Vereinigten Königreich mit jeweils 13 Abgeordneten.[7]

Die PES als europäische Partei umfasst zurzeit 191 Mitglieder des europäischen Parlaments und ist fast deckungsgleich mit der Fraktion der Progressiven Allianz der Sozialisten & Demokraten im Europäischen Parlament (S&D). Die S&D umfasst zurzeit 195 EU-Abgeordnete (25,5 %)[8] und würde nach den jüngsten Prognosen im neuen Parlament 201 Abgeordnete stellen.[9]

Den mit Abstand größten Block innerhalb der Europäischen Volkspartei (EVP oder EPP) bildet die Christlich Demokratische Union / Christlich-Soziale Union in Bayern (CDU/CSU) mit 42 Abgeordneten. Es folgen die Union pour un mouvement populaire (UMP) aus Frankreich und die Platforma Obywatelska (PO) aus Polen mit jeweils 24 Abgeordneten sowie die Partido Popular (PP) aus Spanien mit 23 Abgeordneten. Danach kommen die rechten Parteien Forza Italia (PdL) aus Italien mit 15 und die Fidesz-Magyar Polgári Szövetség (Fidesz-MPSZ) aus Ungarn mit 14 Abgeordneten.[10]

Die EPP als europäische Partei ist zurzeit deckungsgleich mit der Fraktion der Europäischen Volkspartei (Christdemokraten) und stellt 274 EU-Abgeordnete . Das sind 35,8 % von 736 Sitzen.[11] Nach jüngsten Umfragen liegt die konservative Fraktion zwar noch vorne, verzeichnet aber einen gewaltigen Einbruch auf nur noch 217 Abgeordnete.[12]

Im jetzigen Wahlkampf verzeichnen die Medien, dass es kaum Unterschiede gebe in den Aussagen und Positionen von Jean-Claude Juncker, dem Spitzenkandidaten der EVP (EPP), und Martin Schulz, dem Spitzenkandidaten der SPE (PES). So veranstaltete die ARD am 20. Mai eine so genannte „Wahlarena“ mit den beiden Spitzenkandidaten. Aus dem angekündigten „TV-Duell“ wurde eine lahme Veranstaltung mit sehr mäßigen Einschaltquoten, die die Süddeutsche am Tag darauf folgendermaßen bewertete: „Ein allgemeines Problem des EU-Wahlkampfs, das sich auch bei dieser Diskussion wieder zeigte: Es war extrem vorhersehbar, was beide Kandidaten sagen würden, denn sie sagten im wesentlichen zu allem dasselbe. Beide sind prinzipiell für Datenschutz, Arbeitsplätze und Frieden. So kam kein Funken von echter Debatte auf, schon gar nicht der Kandidaten untereinander.“[13]

Die Homepage des bayerischen Rundfunks fasste die Statements von Jean-Claude Juncker und Martin Schulz zu zwei zentralen Themen – Einwanderung / Flüchtlinge und TTIP Freihandelsabkommen EU-USA – in der „Wahlarena“ so zusammen:

Europäische Spitzenkandidaten fordern EU-Einwanderungsrecht

Hamburg: In ihrem letzten Fernsehduell vor der Europawahl haben die Spitzenkandidaten der Europäischen Konservativen und Sozialdemokraten ein EU-Einwanderungsrecht gefordert. Die Europäische Union müsse ähnliche Verfahren entwickeln wie die USA, Kanada und Australien, sagte der SPD-Politiker Martin Schulz. Dies bedeute nicht, dass jeder in die EU einwandern könne, aber, so Schulz wörtlich, jeder solle eine Chance haben. Dafür sollten für jeden EU-Staat Einwanderungsquoten festgelegt werden. Auch der Konservative Jean-Claude Juncker mahnte Regeln für eine legitime Einwanderung an. Im Zusammenhang mit den Flüchtlingsdramen im Mittelmeer verlangte er mehr Solidarität mit den südlichen EU-Staaten und eine verstärkte Entwicklungshilfe. Wörtlich sagte Juncker: „Damit kann man verhindern, dass Menschen in Todesboote steigen müssen“. Die Kontrahenten sprachen sich außerdem für die Einhaltung europäischer Standards beim geplanten Freihandelsabkommen mit den USA aus und gegen einen baldigen EU-Beitritt der Türkei.[14]

Juncker sagte in der ARD-Wahlarena zudem: „Ich bin wirklich der Auffassung neben der Frage, dass wir legale Immigration, legale Einwanderung regeln müssen – da haben wir nicht genug getan, weil die Mitgliedsstaaten das auch nicht wollten – dass wir uns mit dem Thema illegale Einwanderung stärker und intensiver beschäftigen müssen.“[15] Laut Süddeutsche soll Juncker auch gesagt haben: »Das „Zurückführen“ von Flüchtlingen von den Außengrenzen der EU müsse besser „kofinanziert“ werden.«[16] Martin Schulz hat das gleiche so wahrscheinlich nicht gesagt, aber ist er Juncker entgegengetreten? Hat er ein alternatives Programm formuliert? Wohl kaum.

Zeitgleich zur ARD-Wahlarena lief im ZDF am 20. Mai eine Dokumentation „Riskante Reise. Europa und die Flüchtlingsströme“, die auch als Beitrag zur Europawahl 2014 gedacht war. Diese Sendung zeigte anhand erschütternder Beispiele, dass der EU-Apparat ausschließlich darauf ausgerichtet ist und weiter perfektioniert wird, Flüchtlinge abzuwehren, Fluchtbewegungen lückenlos zu überwachen und Flüchtlinge zu verfolgen – möglichst schon beim Aufbruch in ihren Herkunftsländern.[17] Irgendein Schutz von Flüchtlingen ist bei den Maßnahmen der EU nicht beabsichtigt. Wenn Juncker vor diesem Hintergrund ankündigt, sich mit dem Thema illegale Einwanderung intensiver zu beschäftigen, klingt das wie eine Drohung. Wenn die „Kontrahenten“ sich laut BR für die Einhaltung europäischer Standards beim geplanten Freihandelsabkommen mit den USA aussprechen, so klingt das wie eine Ankündigung, dass man das Freihandelsabkommen selbstverständlich durchziehen wird.

„Der strukturell angelegte nationale Charakter der Europawahlen überträgt sich regelmäßig auf alle beteiligten Akteure.“

Frappierend ist, dass die Europawahlen tatsächlich immer noch national stattfinden. Im weiter oben schon zitierten Lehrbuch der Politikwissenschaften heißt es hierzu:

„Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“ In ähnlicher Form wie im deutschen Grundgesetz findet sich dieser demokratische Grundsatz der Volkssouveränität in vielen Verfassungen der europäischen Nationalstaaten. Es liegt also nahe, das demokratische Prinzip auch als legitimatorischen Grundstein des EU-Systems vorauszusetzen. Dabei ist es jedoch entscheidend festzuhalten, dass die Europäische Union nicht ein Volk hat, sondern mehrere. Die etwa 500 Millionen EU-Bürger verteilen sich auf 27 europäische Nationen. Es handelt sich bei allen 27 Mitgliedstaaten der EU um repräsentative Demokratien, in denen die Volksvertretung, das Parlament, eine zentrale und je nach Regierungstyp mehr oder weniger gewichtige Stellung innehat. Obwohl die Qualität der EU als eine repräsentative Demokratie durchaus umstritten ist, ja ihr diese mit guten Gründen – zumindest gegenwärtig – abgesprochen werden kann, findet sich auch im politischen System der Europäischen Union ein Parlament, dessen Kompetenzen insbesondere durch die letzten Vertragsrevisionen bedeutend ausgebaut worden sind. Gemäß der verbreiteten Überzeugung soll das viel beschworene Demokratiedefizit der EU insbesondere durch eine Aufwertung der Völkervertretung abgebaut werden. Auch der Teil über die Organe der Gemeinschaft im EG-Vertrag beginnt mit den Bestimmungen zum Parlament. Dort heißt es zunächst: „Das Europäische Parlament besteht aus den Vertretern der Völker der in der Gemeinschaft zusammengeschlossenen Staaten“ (Art. 189 EG-Vertrag). Auch die Vertragsformel beinhaltet also den Verweis auf die segmentierte EU-Bevölkerung, indem von den „Völker[n]“ der EU-Staaten die Rede ist. In Verbindung mit der seit 1979 alle fünf Jahre veranstalteten Direktwahl der europäischen Abgeordneten macht seine Multinationalität das Europäische Parlament zu einer weltweit einzigartigen Einrichtung, die sich deutlich von den parlamentarischen Versammlungen internationaler Organisationen abhebt. Die direkte Legitimation durch die Bürger in Form von allgemeinen und freien Wahlen macht das Parlament auch zu einem Unikum im Institutionengefüge der EU. Wie aber gestaltet sich der Wahlakt im präzedenzlosen supranationalen Parlamentarismus?

Die Antwort auf diese Frage ist schlicht und für viele Beobachter enttäuschend: Der Wahlakt gestaltet sich national. Freie und allgemeine Wahlen bilden den ,,zentrale[n] Mechanismus repräsentativer Demokratien“, indem sie den Bürgern die Gelegenheit bieten, ihren Willen in Form einer Wahlentscheidung auszudrücken und die auf diese Weise gewählten Repräsentanten zeitweilig zu ihrer Vertretung im Entscheidungssystem oder – sei es nun auf direktem Wege (präsidentieller Regierungstyp), sei es auf indirektem Weg über die Volksvertretung (parlamentarischer Regierungstyp) – zur Ausübung bzw. Bestimmung ihrer Regierung zu ermächtigen. Die Legitimation politischer Vertretung bzw. Führung ist also die politische Funktion von Wahlen, auf deren Erfüllung auch das politische System der EU nicht verzichten kann. Zugleich sind Wahlen „sinnfälliger Ausdruck der Volkssouveränität“. Dies ist sozusagen die symbolische Funktion von Wahlen. Die Volkssouveränität aber ist bis heute ein nationales Konzept. Und dass selbst die Europäische Union mit ihrem supranationalen Parlamentarismus hierzu keine transnationale Variante hat ausbilden können, hegt nicht zuletzt an der Verweigerungshaltung der nationalstaatlichen Regierungen, die ihren exklusiven Status als legitime Vertreter der souveränen Völker nicht abgeben und nur ungern teilen wollen. So lässt sich die paradox anmutende Tatsache erklären, dass seit 1979 im Fünfjahresrhythmus nationale Europawahlen stattfinden, obwohl die europäischen Gründungsverträge von Beginn an gemeinsame Wahlen für die Versammlung nach einem einheitlichen Verfahren vorgesehen hatten (s. Art. 138 EWG-Vertrag). Stimmten die Staats- und Regierungschefs 1974 zwar mit erheblicher Verspätung der Direktwahl des Parlaments zu, die fünf Jahre später zum ersten Mal stattfand, so ist es bis heute doch nicht gelungen, ein einheitliches Verfahren für die Wahlen zum Europäischen Parlament zu vereinbaren.

Jeder Mitgliedstaat lässt also nach seinem eigenen Verfahren Abgeordnete auf die ihm zustehenden Sitze im Europaparlament wählen. Die nationalen Vorschriften variieren stark: Konkrete Unterschiede existieren bis heute bei der Aufteilung der Wahlkreise, bei der Prozenthürde für den Einzug ins Parlament, beim Mindestalter für die Ausübung des passiven Wahlrechts und nicht zuletzt beim jeweiligen Wahltermin. Bis zur Europawahl im Jahre 1994 bat Großbritannien als einziger Staat das Mehrheitswahlsystem angewandt. Seitdem gilt das Verhältniswahlrecht als gemeinsamer Grundsatz, der zusammen mit der Unvereinbarkeit von nationalem und europäischem Mandat Eingang in das Sekundärrecht gefunden hat. Selbstverständlich erfolgen die Wahlen „allgemein, unmittelbar, frei und geheim.“

Der strukturell angelegte nationale Charakter der Europawahlen überträgt sich regelmäßig auf alle beteiligten Akteure. Parteien, Medien und Bürger begreifen die Abstimmungen offensichtlich als nationale Nebenwahlen, richten ihre Wahlkämpfe bzw. ihre Aufmerksamkeit bzw. ihre Wahlentscheidung auf ebendiese Wahrnehmung aus und bewirken durch ihre Verhaltensweisen und entsprechende wechselseitige Verhaltenserwartungen, dass veritable europäische Wahlen einschließlich ihrer Bedeutung angemessener Kampagnen gar nicht stattfinden können. Verstärkt wird diese Wirkung noch durch den ebenfalls strukturell bedingten Umstand, dass es bei Europawahlen weder direkt noch indirekt um eine Regierungsbildung geht und insofern einfach weniger „auf dem Spiel steht“ als bei nationalen Wahlen. Die ernüchternden Erkenntnisse bezüglich der Europawahlen werden durch einen Blick auf die Entwicklung der Wahlbeteiligung bestätigt.[18]


Bei der CSU gibt es im Wahlkampf weder eine EVP noch einen Spitzenkandidaten Juncker, eigentlich gibt es nur Bayern und Seehofer

Auf den Wahlplakaten der CSU zur Europawahl gibt es eigentlich nur Seehofer und Bayern. Seehofer sagt uns auf den Plakaten: „WIR brauchen ein besseres EUROPA.“ In Wirklichkeit brauchen wir laut Wahlkampf der CSU vor allem ein starkes Bayern. Auf Textplakaten heißt es: „Bayern stärken. Europa verbessern. CSU wählen.“ Die europäische Volkspartei (EVP, EPP) kommt auf den CSU-Plakaten nicht vor. Auch das Aktionsprogramm der EVP nicht und auch nicht ihr Spitzenkandidat Jean-Claude Juncker, obwohl die CSU auf dem Dubliner Kongress selbst das Programm verabschiedet und Juncker gewählt hatte. Aber auch der bayerische Spitzenkandidat der CSU für die Europawahlen, Markus Ferber, erscheint im Wahlkampf klein gegenüber dem allmächtigen Seehofer, der gar nicht kandidiert.

Auf den Plakaten der CSU gibt es weder eine EVP, noch Europa, zum Beispiel in Gestalt der Europaflagge. Auf manchen CSU-Plakaten schimmern im Hintergrund weiß-blaue Rauten, es gibt weder Europafahnen, Europasymbole noch Abbildungen von Menschen in Europa, also von Europäern.

In diesem Zusammenhang kann man ziemlich deutlich eine Entwicklung nicht nur bei der CSU, sondern bei der gesamten Union beobachten. In einer interessanten Dissertation wird dies so beschrieben:

Läßt man die Beachtung der EVP seitens der deutschen Unionsparteien in den letzten fünfundzwanzig Jahren Revue passieren, ist in den Wahlkämpfen sogar eine zunehmende Nichtbeachtung auszumachen: In den achtziger Jahren wurden das Logo und der Name „Europäische Volkspartei“ gleichberechtigt mit dem CDU-Logo (respektive dem CSU-Löwen mit Bayernraute) verwendet. Seit Oktober 1992 fand keine dementsprechende Verwendung des europäischen und nationalen Logos der Christdemokraten in Deutschland mehr statt, die CDU verstand sich nach Maastricht als „Europapartei“ per se. Anfang 1995 ist außerhalb des parteiinternen Informationsdienstes der CDU für ihre Funktionsträger („Union in Deutschland“) auch ein Rückgang der Verwendung des Namens EVP in der Öffentlichkeitsarbeit der CDU zu beobachten. Das Konrad-Adenauer-Haus vermeldete dazu, Europawahlkampf sei „nationaler Wahlkampf, leider, aber so ist das eben wegen der Medien.“ Ihren vorläufigen Höhepunkt fand diese Entwicklung 1999 und 2004, als aus strategischen Überlegungen heraus in erster Linie ein Wahlkampf gegen die Bundesregierung geführt wurde.[19]

Eine Bewertung dieses nationalen, nationalistischen oder auch deutsch-nationalen Trends wollen wir hier nicht vornehmen. Der Fakt soll aber auf jeden Fall festgehalten werden. Sicher wäre in dem Zusammenhang auch interessant, wie der Wahlkampf von anderen Parteien in Deutschland geführt wird und wie er in den anderen EU-Staaten geführt wird. Die CSU jedenfalls entwickelt in ihrem Wahlprogramm für die Europawahlen, das sich großspurig „Europaplan“ nennt, ein Programm, wie es die EVP gar nicht fordert und das zum Teil sogar dem Programm der EVP widerspricht.

Hierzu mehr im Folgeartikel. Darin soll auch auf den ominösen Spitzenkandidaten der EVP, Jean-Claude Juncker, eingegangen werden wie auch auf die Entwicklung der anderen Fraktionen im europäischen Parlament.

Peter Feininger, 23. Mai 2014

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Alle Artikel zum Thema EU-Wahlen 2014 finden sich hier http://www.forumaugsburg.de/s_3themen/Europa/index.htm


1] „Europawahl: 400 Millionen Wähler, 28 Länder, ein Parlament“, tagesschau.de, 05-Mai-2014. [Online]. Verfügbar unter: http://www.tagesschau.de/europawahl/startseite/europawahl470.html. [Zugegriffen: 22-Mai-2014].

2] Daten aus „Europawahl“, Wikipedia, 12-Mai-2014. [Online]. Verfügbar unter: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Europawahl. [Zugegriffen: 14-Mai-2014].

3] Nach: „Europawahl“, Wikipedia, 12-Mai-2014. [Online]. Verfügbar unter: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Europawahl. [Zugegriffen: 14-Mai-2014].

4] Schmidt, Siegmar; Schünemann, Wolf J.: Europäische Union. Eine Einführung, Studienkreis Politikwissenschaft, Nomos, Baden-Baden 2009, 441 S., brosch., 24,90 EURO, S. 246

5] „EVP Aktionsprogramm, Dublin Kongress“, 07-März-2014. [Online]. Verfügbar unter: http://dublin2014.epp.eu/wp-content/uploads/2014/03/Action-programme-with-cover-DE.pdf. [Zugegriffen: 19-Mai-2014].

6] Schmidt, Siegmar; Schünemann, Wolf J.: Europäische Union, a. a. O. S. 247

8] „Europawahl“, Wikipedia, 12-Mai-2014. [Online]. Verfügbar unter: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Europawahl. [Zugegriffen: 14-Mai-2014].

9] „PollWatch2014“, 20-Mai-2014. [Online]. Verfügbar unter: http://www.electio2014.eu/de/pollsandscenarios/polls. [Zugegriffen: 22-Mai-2014].

11] „Europawahl“, Wikipedia, 12-Mai-2014. [Online]. Verfügbar unter: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Europawahl. [Zugegriffen: 14-Mai-2014].

12] „PollWatch2014“, 20-Mai-2014. [Online]. Verfügbar unter: http://www.electio2014.eu/de/pollsandscenarios/polls. [Zugegriffen: 22-Mai-2014].

13] „ARD-Wahlarena vor der Europawahl: Man spricht deutsch - Politik - Süddeutsche.de“, 21-Mai-2014. [Online]. Verfügbar unter: http://www.sueddeutsche.de/politik/ard-wahlarena-alles-sehr-deutsch-1.1970933. [Zugegriffen: 22-Mai-2014].

14] 09:00 Die Nachrichten des Bayerischen Rundfunks, Von: BR-Nachrichtenredaktion Stand: 21.05.2014 http://www.br.de/nachrichten/meldungen/nachrichten-bayerischer-rundfunk100.html

15] „Faktencheck zur Wahlarena: Was stimmt und was nicht?“, tagesschau.de, 21-Mai-2014. [Online]. Verfügbar unter: http://www.tagesschau.de/europawahl/faktencheck-wahlarena100.html. [Zugegriffen: 21-Mai-2014].

16] „ARD-Wahlarena vor der Europawahl: Man spricht deutsch - Politik - Süddeutsche.de“, 21-Mai-2014. [Online]. Verfügbar unter: http://www.sueddeutsche.de/politik/ard-wahlarena-alles-sehr-deutsch-1.1970933. [Zugegriffen: 22-Mai-2014].

17] „Europawahl 2014: Riskante Reise. Europa und die Flüchtlingsströme - ZDF.de“, 20-Mai-2014. [Online]. Verfügbar unter: http://www.zdf.de/zdfzeit/riskante-reise-32910724.html. [Zugegriffen: 22-Mai-2014].

18] Schmidt, Siegmar; Schünemann, Wolf J.: Europäische Union, a. a. O. S. 62ff

19] „Andreas von Gehlen: Europäische Parteiendemokratie? Institutionelle Voraussetzungen und Funktionsbedingungen der europäischen Parteien zur Minderung des Legitimationsdefizits der EU, Dissertation, FU Berlin, Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften“, 2005. [Online]. Verfügbar unter: http://www.gehlen.net/diss/. [Zugegriffen: 19-Mai-2014].


   
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