Die Verfassungsbeschwerde im Fall Varvarin

Es geht um den Bestand des Völkerrechts in der deutschen Rechtsprechung

Die Bundesregierung versucht, die Feldzüge der NATO zu decken und ihre eigenen Spuren zu verwischen, indem sie geltendes Völkerrecht ignoriert

Nachdem die Kläger aus dem serbischen Varvarin in drei bundesdeutschen Gerichtsinstanzen abgewiesen wurden, haben sie sich zu einer Verfassungsbeschwerde entschlossen. Die Opfer, bzw. die Angehörigen der Opfer des NATO-Bombardements taten diesen Schritt, obwohl einige der ursprünglichen Kläger sich entmutigt zurückzogen und obwohl das Geld knapp wird. Allein die Einreichung der Verfassungsklage kostete die Kläger und den Unterstützerkreis über 25.000 €. Abgerechnet sind daneben erst die Kosten der ersten Instanz. Um eine Zwangsvollstreckung gegen die Kläger zu vermeiden, mussten die Unterstützer bereits 3.800 € privat vorschießen.

Es zeugt von einer bodenlosen Unverfrorenheit der Beklagten – das ist die Bundesregierung Deutschlands – den klagenden Opfern den gebührenden Rechtsschutz zu verweigern und auch noch Forderungen an sie zu stellen, die sich die Bundesregierung obendrein mit 5% verzinsen läßt. Man fühlt sich etwas an den Zynismus der Nazis erinnert, die den Angehörigen ihrer Opfer auch noch die Haftkosten einschließlich der Hinrichtung in Rechnung stellten.

Warum tun die Kläger den gewagten, aufwendigen und kostenreichen Schritt einer Verfassungsbeschwerde? Die Verfassungsbeschwerde selbst, die ausführlich begründet ist, gibt Aufschluss.Der Angriff der NATO auf die Brücke von Varvarin war ein Angriff auf ein nicht-militärisches Ziel und auf unbeteiligte Zivilisten und damit ein schwerer Verstoß gegen das humanitäre Kriegsvölkerrecht. Die Bundesregierung versucht unter Umgehung aktuellen Völkerrechts, sich ihrer Verantwortung zu entledigen. Damit liegen auch Verstöße gegen die Verfassung vor, die die Beachtung des Völkerrechts zwingend gebietet. Wir zitieren aus der Schlussbetrachtung der Verfassungsbeschwerde…

Die entscheidende Zweifelsfrage nach
der Tragweite allgemeiner völkerrechtlicher Regeln

Jus ad bellum – auch bestimmt,
den Einzelnen zu schützen

Zahlreiche, nicht hinnehmbare Verstöße
gegen das jus in bello

Zurechnungsfähigkeit von Völkerrechtsverstößen,
die im Rahmen eines Militärbündnisses geschehen

Gebot der völkerrechtskonformen Auslegung der
Beweislastregeln: den Geschädigten kann von der Bundesregierung nicht die Beweislast aufgehängt werden!

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Dunkle Pressekonferenzen im NATO-Hauptquartier am Tag der Bombardierung Varvarins und einen Tag später

Press Conference 30. Mai 1999 by Mr Jamie Shea, NATO Spokesman and Major General Walter Jertz, SHAPE NATO HQ Brussels  http://www.nato.int/kosovo/press/p990530a.htm

ABC News: Two questions, one first for the General. About 20 minutes ago CTV had very sketchy reports of some bridge having been hit in southern Serbia, they are saying that many civilians have been killed, so I want to know if you have heard anything about that? Jamie, obviously we want Chernomyrdin to bring back good news when he goes to Belgrade, but it seems that recently what he has been discussing with Milosevic is a bit different from what NATO would like him to discuss with him, is that still what is going on do you think?
Major General Jertz : Did you refer to a specific area?
ABC News: Just before coming in, CTV reported that some bridge had been hit in southern Serbia, but no specific town yet.
Major General Jertz : First of all let me tell you once again that of course we do only attack military targets. Full stop. I have two reports, one is from the area of Pilot, it is an ordonance ammo depot which was attacked last night at 2320 Zulu and one of the bombs did go 300 metres away from the intended desired mean point of impact because the target was covered by smoke, but it did land in a wooded area; and the other incident I have a report on was that north-west of Nis, Kamrolija, we did attack military barracks. Indeed two bombs, the pilots did guide off intentionally because the target was covered so they couldn't identify the target well enough, so they intentionally discarded these two bombs which fell into a river called Nisavar, I hope it is spelt correctly. And the reason why I am saying this, I think once again let me emphasise that our pilots, even when they are under pressure, and Jamie has explained, he has talked to the pilots yesterday and you know I am flying aircraft myself, every time when you are under pressure and you are shot at by AAA, you are shot at by Sams, the pilots still do know that they are responsible for where their bombs are actually hitting and so like in this incident where they realised that they would not hit the target, they just guided them into a river, which was fortunate enough they did.
Remember though that Serb troops shelling civilians, they don't even think about collateral damage and we should keep that in mind. (Auszug)

Press Conference 31. Mai 1999 by Mr Jamie Shea, NATO Spokesman and Colonel Konrad Freytag, SHAPE NATO HQ Brussels http://www.nato.int/kosovo/press/p990531a.htm

Fred Colman (USA Today): Two questions on the bombing of the bridge at Varvarin: first of all, can you confirm that the attack took place at 1.00 p.m., or at least in the middle of the day; and second, if it did take place in the middle of the day, how does that square with your repeated assertions, NATO does everything to avoid civilian casualties, since clearly you are going to take more civilian casualties in the middle of the day, than you would in the middle of the night?
Colonel Freytag : You are aware of our press release of yesterday, and there is nothing to add. But I confirm to you again the time; it was 11.01 zulu time, which is 1 p.m.
Jamie Shea : Fred, I've got some civilian casualty figures for you this afternoon. 550,000 internally displaced persons in Kosovo; 883,500 refugees in neighbouring countries, 75% of which are women and children; 193,845 Kosovar refugees elsewhere in the world from Austria to Australia, spread across the globe. Currently, 1,582,345 displaced persons and refugees resulting from the Serb actions in Kosovo, 93% of the original population of Kosovo; 225,000 men missing, but at least 6,000 killed in summary executions, 10 mass graves. That is, I think, the vital casualty statistics as far as NATO is concerned, and that is the generation of Milosevic's bullets, not NATO's bombs. (Auszug)

Die Karten mit strategischen Bombenzielen, die das NATO-Hauptquartier zur Pressekonferenz am Tage der Bombardierung der Brücke von Varvarin vorlegte, zeigen VJ/MUP, das sind military and police forces of the FRY, POL, das dürften Polizeikasernen sein, IADS, das sind integrated air defense systems und SUPPORT, also wohl Einrichtungen, die das Militär unterstützen. (obere Karte)
LOCS, das sind roads, bridges and other lines of communications (mittlere Karte)
C3, das sind Führungs- und Kommunikationssysteme: Command, Control, Communication (untere Karte)

Es gibt also mehrere tödliche Versionen der NATO zum Bombardement

Eine Brücke gilt für die NATO als ein in jedem Fall legitimes militärisches Angriffsziel. Das geht aus den Definition von LOCS hervor und den NATO-Karten, wo LOCS eingetragen sind. Varvarin ist allerdings offiziell nicht als LOC eingetragen, grundsätzlich aber zählen Brücken ausdrücklich für die NATO als strategische Luftangriffsziele: roads, bridges and other lines of communications (LOCs)

Die gestressten Piloten, die ihre Bomben nach einem mißglückten Angriff aus edlen, humanitären Gründen in einem Fluss entsorgten. Interessant, dass diese vage gehaltene Antwort auf die Frage eines Journalisten von ABC News am 30. Mai gegeben wurde. Das Militär war auf die Frage nicht vorbereitet. Auf eine präzise Nachfrage des Journalisten Fred Colman von USA Today am Tage danach wurde unter Verweis auf die Antwort am 30. Mai nicht mehr eingegangen. Stattdessen legt NATO-Sprecher Shea monströse, nicht nachprüfbare NATO-Propaganda-Zahlen von zivilen Opfern der serbischen Politik vor. Ende des Kommuniqués.

Am darauffolgenden Tag präsentierte das NATO-Hauptquartier eine Karte, in der Varvarin als strategisches Ziel für Luftangriffe eingetragen war! Nämlich als strategic target der Klasse C3 (Command, Control, Communication), also beherbergte Varvarin lt. Nato-Karte vom 31. Mai 1999 – also auf der Pressekonferenz am Tag nach dem Angriff – angeblich ein Führungs- und Kommunikationssystem!

etc .

Generalleutnant Walter Jertz leitete die NATO-Pressekonferenz am Tag der Bombardierung der Zivilisten von Varvarin.

Notiz bei Ossietzky zu General Jertz:
Der General heißt Walter Jertz, war zuletzt Befehlshaber des Lufwaffenführungskommandos (»Unser Schwerpunkt ist der Einsatz«) und kommandierte als oberster Militärsprecher im Krieg gegen Jugoslawien den Lügenfeldzug der NATO. Seine Propaganda von damals (die NATO führe die »präziseste Bombardierungskampagne in der Geschichte durch« und schone die Zivilisten) hat er sich abgeschminkt. Ehrlich geworden bekennt der Lufwaffengeneral für Kontraste : »Ich erwarte von den Politikern, daß sie Klartext reden.« Der Bevölkerung müsse deutlich gemacht werden, daß auch »Zivilisten zu Schaden kommen, und dieses wollen wir natürlich letztlich auch offen aussprechen, dieses müssen wir auch offen aussprechen.« Quelle: Ossietzky http://www.sopos.org/aufsaetze/45eabe5c0fe51/1.phtml

Der gebürtige Augsburger Peter Schelzig, heute Kommandeur der 4. Luftwaffendivision, war im Bosnienkrieg persönlicher Offizier des damaligen deutschen Befehlshabers in Italien, Walter Jertz. 1999 übernahm er als Kommodore des Lechfelder Jagdbombergeschwaders das Kommando über das Einsatzgeschwader 1 der Luftwaffe auf dem italienischen Nato-Stützpunkt San Damiano. Als Kommodore des Tornado-Geschwaders in Piacenza/Oberitalien befehligte er die pausenlosen Einsätze von zehn ERC-Tornados vom Lechfeld und vier Tornado-Aufklärern aus Jagel. Der deutsche Verband umfaßte rund 480 Soldaten, die je alle vier bis sechs Wochen abgelöst wurden. Das Lechfelder Tornado-Geschwader nahm vom 24. März bis 11. Juni 1999 an der NATO-Luftoperation Allied Force teil. Hierbei wurden in über 2108 Flugstunden 446 Einsätze (Sorties) über Jugoslawien und dem Kosovo geflogen und 236 HARM-Raketen verschossen.
Von dem Internationalen Europäischen Tribunal über den NATO-Krieg gegen Jugoslawien wurde Schelzig im Jahre 2000 als einer von sieben hochrangigen verantwortlichen Militärs unter Anklage gestellt. http://www.nato-tribunal.de/urteil.htm
Generalmajor Schelzig nahm am Afghanistankrieg teil und ist für den Einsatz der Luftwaffe auf dem Territorium der BRD „zum Schutz vor terroristisch oder anders motivierten Gefahren aus der Luft“ (Vortrag beim Berliner Colloquium 2004). Im Wiesbadener Kurier wird Schelzig so zitiert: „Beim Militär arbeiten wir immer noch nach Befehl und Gehorsam. Und wenn der Minister in letzter Konsequenz den Befehl geben muss, dann ist das ein Befehl.“ Der Abschuss eines Zivilflugzeugs „ist keine schöne Option, aber es ist eine.“


   
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