Erfolgversprechende Kampagne gegen die Gebirgsjäger in Mittenwald

Sommer, Sonne, Edelweiß, Massenmord und Polizeieinsatz

Zum dritten Mal fand die Protestaktion gegen das jährliche Treffen der Gebirgsjägertruppen auf dem Hohen Brendten in Mittenwald statt. Es waren Gäste aus Griechenland, Italien und Frankreich dabei – Überlebende der Massaker, die von den schon damals als Eliteeinheiten geltenden Wehrmachtstruppen verübt wurden. „Kommeno, Distomo, das war Mord – Entschädigung der Opfer jetzt sofort!“ war deshalb auch die am häufigsten skandierte Parole im Demonstrationszug.

Mit etwa 400 TeilnehmerInnen war die Demonstration am 29.5.2004, die sich kreuz und quer durch den kleinen Ort bewegte, auf jeden Fall beeindruckend und hinterließ auch ihre Spuren.
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  Wie die Garmischer Ausgabe des Münchner Merkur berichtete, wurde der „Mittenwalder Landbote“ schon im Vorfeld der Protestaktionen in der Region verbreitet. Auch bei der Demonstration am Samstag, 29. Mai 2004, wurde noch einmal kräftig verteilt. Damit war eine ausgezeichnete und breite Aufklärung in Mittenwald gegeben, die die ganzen Aktionen optimal abstützte. Viele Einwohner und Touristen, die die Demonstration durch den Ort beobachteten, sah man mit dem „Landboten“ in der Hand. Dagegen war eigentlich kein Kraut gewachsen, so wusste die Presse, was Sache ist und was sie nicht verschweigen durfte und der Polizeiführung war offensichtlich klar, dass ein so massiver Einsatz wie letztes Jahr nicht mehr angebracht ist.

Etwa dieser Typus lehnte den Landboten u. dergleichen ab, schien aber ziemlich genau zu wissen, was da drinsteht.

 

Hier der Link zur Berichterstattung des Münchner Merkur im Vorfeld der Aktionen. »» Eine bessere Berichterstattung können sich die Träger der Kampagne Gegen die Traditionspflege der Gebirgsjäger eigentlich gar nicht wünschen. Aber – alle Achtung – sie haben auch was dafür getan. Die Aktionen im letzten Jahr, v.a. das Hearing mit Historikern und Überlebenden, die guten Recherchen der Angreifbaren Traditionspflege und der VVN, die Publikationen, Bücher, fundierte Redebeiträge bei der heurigen Kundgebung, bundesweite Veranstaltungen im Zusammenhang mit dem heurigen Gebirgsjägertreffen … Dagegen ist schwer anzukommen von den Militaristen. Ein nicht zu unterschätzendes Ergebnis des letztjährigen Hearings ist auch, dass die Staatsanwaltschaft daraufhin gegen einige der mutmaßlichen Mörder unter dem Edelweis ermittelt. Übrigens, zwei der Mörder dürften aus dem Raum Augsburg stammen. Oberstaatsanwalt Maaß, Leiter der nordrhein-westfälischen Zentralstelle zur Verfolgung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen in Dortmund, hat die Verfahren gegen zwei Veteranen aus der Nähe von Augsburg abgetrennt und an die zuständige Staatsanwaltschaft in München abgegeben. Maaß hält die Sache für “abschlußreif”, d.h. ein Prozess über das Massaker von Kephalonia dürfte kurz bevorstehen. Außer die Münchner Behörde erhebt keine Anklage. »» Das wohl wichtigste Ergebnis der bisherigen Kampage ist, dass der Präsident des veranstaltenden Kameradenkreises, Brigadegeneral a. D. Ernst Coqui, in seiner Ansprache am 30.5.2004 auf dem Hohen Brendten vor einer schmelzenden Teilnehmerzahl auch auf Verbrechen von Gebirgssoldaten im Zweiten Weltkrieg eingehen mußte!

aus dem „Mittenwalder Landboten
  Mittenwald/Wolfratshausen. …Mit einem Großeinsatz der Polizei ist dort der Besuch von 31 zumeist jungen „Besuchern“ zu Ende gegangen. Friedlich hatten diese am S-Bahnhof gegen das Pfingsttreffen am Hohen Brendten demonstriert. „Wir fahren mit dem Rad von München bis Mittenwald, um damit unseren Unmut zu verkünden“, berichtete einer der Teilnehmer, die drei Transparente entrollten und eine Piratenfahne schwenkten. Auf den Stoffbahnen forderten sie: „Mittenwald entwaffnen - Soldaten an den Herd.“ An Passanten wurden Flugblätter verteilt. Diese ziert eine Fotomontage mit Ministerpräsident Edmund Stoiber in Soldatenkleidung. Die Polizei war rund um den S-Bahnhof in Zivil angetreten, um den „Zwischenstopp“ zu überwachen. Weil einige der Radfahrer das Privathaus von Stoiber anvisiert hatten, löste die Polizeidirektion Weilheim Großalarm aus. An der Stadtgrenze in Richtung Geretsried wurde den Radlern der Weg abgeschnitten. Alle wurden durchsucht. Das harte Vorgehen der Polizei begründete Direktionssprecher Klaus Schürgers mit dem besonderen Schutzbedürfnis der Familie Stoiber … Münchner Merkur 29.5.2004
Derweil gehen in Mittenwald die Vorbereitungen für Deutschlands größte Soldatenfeier - es werden über 2000 Besucher auf dem Hohen Brendten erwartet - weiter. Rechtzeitig zum Pfingsttreffen hat die Ortskameradschaft der Gebirgstruppe das alte und morsch gewordene Holzkreuz vor dem Ehrenmal ersetzen lassen. Das neue 8,50 Meter hohe Kruzifix fertigte Kunstzimmerer Thomas Witting aus Lärchenholz. Nun stellten er und die Mitarbeiter Simon Witting (Zode) und Michael Seitz (Schweb) das mächtige Holzkreuz auf. Dahinter stehen die zwei zwölf Meter hohen Obelisken, die vor drei Wochen von Unbekannten wie schon im Vorjahr beschmiert wurden. In großen Lettern finden sich darauf die Namen griechischer Dörfer, die im Zweiten Weltkrieg von deutschen Gebirgsjägern heimgesucht. Münchner Merkur 29.5.2004
  Die Anstrengungen, die die Antifaschisten v.a. in NRW und München unternehmen, können nur fruchten, wenn sie vor Ort aufgegriffen werden. Und das ist der Fall, wie die unten abgebildete Gedenktafel beweist, die von einem Arbeitskreis am Werdenfels-Gymnasium stammt und während der Demonstration an der Mauer der Pfarrkirche sozusagen enthüllt wurde. Dies ist vielleicht die wichtigste Botschaft der diesjährigen Aktion. Übrigens an einer Kirche, deren Pfarrer sich nicht hergibt für die massive klerikale Unterstützung der Gebirgsjäger, die ansonsten sehr weit geht – bis hin zu bewaffneten Wallfahrten nach Altötting. Regina Mentner vom Arbeitskreis »Angreifbare Traditionspflege« täuscht sich, wenn sie der Jungen Welt mitteilt: “Die Mittenwalder Zivilgesellschaft stellt sich vorbehaltlos hinter die Gebirgsjäger und deren Traditionsfeier.” »»
 

Streng genommen aber war der Widerstand am Ort schon vorher da. Wir erfuhren von einer Umfrageaktion des Kreisbildungswerkes Garmisch Mitte der 90er Jahre unter ehemaligen Soldaten des Regiments der Gebirgsjägerdivision „Edelweiß“. Dabei berichtete einer über die Hinrichtung eines anderen, der sich weigerte, an den Gräueltaten dieses Regiments teilzunehmen. Diese Aussage wurde bekannt und löste eine erregte öffentliche Debatte in der ganzen Region aus, die vom Kreisbildungswerk intern dokumentiert wurde.

1995 mußte der damalige Verteidigungsminister Rühe die General-Ludwig-Kübler-Kaserne in Mittenwald nach vielen Protesten und Eingaben in Karwendel-Kaserne umbenennen, obwohl der Widerstand aus der Bundeswehr gegen die Umbenennung massiv war. Ludwig Kübler, Generalmajor, nahm am Überfall auf Polen teil und erhielt 1939 von Hitler das Ritterkreuz für „schneidiges Eindringen nach Polen“. Er war Befehlshaber der Operativen Zone „adriatisches Küstenland“. Dort wurde er der Adria-Schreck genannt. 1945 ließ er jugoslawische, österreichische und italienische Partisanen jagen und ermorden. Jugoslawien verurteilte ihn zum Tode; er starb in der Haft, wurde nicht gehenkt.

Eine erste Fassung der Gedenktafel wurde in diesem Monat am Rathaus angebracht und am 10. Mai heruntergerissen. Die abgebildete Tafel an der Kirche war schon zerstört, bevor die Demonstration zu Ende war. Vielleicht von einem Trupp Neonazis, etwa gar unter den Augen der Polizei? Das wird den Militaristen aber nicht gut bekommen. Offenbar ist ein Mahnmal für die Opfer der Gebirgsjäger mitten im Ort in der politischen Diskussion. Es wurde berichtet, die öffentliche Ausschreibung eines Künstlerwettbewerbs sei in Planung. Bürgermeister Salminger habe die Einberufung einer Jury angekündigt, die sich mit der Organisation der Ausschreibung und der Realisierung des ausgewählten Entwurfes noch in diesem Jahr befassen soll.

Das ist umso bemerkenswerter, als der amtierende Bürgermeister der Sohn von Josef Salminger ist, der im August 1943 das Massaker in Kommeno als Kommandeur des Gebirgsjägerregiments 98 zu verantworten hatte. Josef Salminger kam später an einer von Partisanen errichteten Strassensperre ums Leben, woraufhin der Befehlshaber des Gebirgsarmeekorps Hubert Lanz eine Racheaktion befahl, der erneut 87 Zivilisten der griechischen Ortschaft Lyngiades zum Opfer fielen. Bürgermeister Hermann Salminger von der Vereinigung der freien Wähler amtiert seit 1996, wurde aber 2002 mit nur 52% der Stimmen gewählt. Obwohl Mitglied des Kameradenkreises der Gebirgsjäger, kann er die Forderung nach einem Denkmal wohl nicht ignorieren. Allerdings kann Salminger wohl leicht durch die CSU abgelöst werden, die 45% der Sitze im Gemeinderat hat, mehr als die Freien Wähler (34%). Von Seiten der SPD droht keine Gefahr, sie stellt mit 6,5% eine Gemeinderätin, die Grünen gar keine(n).

Betrachten wir die Facharbeitsthemen des Werdenfels-Gymnasiums im Fach Geschichte der letzten Jahre:

• Das Verhältnis der katholischen Kirche zum NS-Staat - eine Untersuchung auf der Grundlage ausgesuchter Dokumente (Pfarrei St. Martin Garmisch)
• Bedeutung und Problematik des Nürnberger Prozesses 1945/46 - eine Untersuchung anhand ausgesuchter Dokumente
• Medien- und Propagandapolitik der NSDAP am Beispiel des Garmisch-Partenkirchner Tagblatts im Jahre 1939
• Häftlinge aus dem Bezirksamt Garmisch im Konzentrationslager Dachau
Garmisch-Partenkirchen im Zweiten Weltkrieg
• Architektur im Dritten Reich am Beispiel der Kasernen im Werdenfelser Land
• Die Vorgeschichte der Bewerbung von Garmisch-Partenkirchen für die olympischen Winterspiele 1936
• Die Rolle der Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg in Deutschland und die historische Aufarbeitung am Beispiel der Messerschmidt AG in Eschenlohe

In den Themenstellungen werden die Gebirgsjäger zwar nicht direkt genannt, aber man kann sich vorstellen, dass diese Thematik in manchen Arbeiten überhaupt nicht ausgeklammert werden kann. So wurde General Hubert Lanz nach dem Zweiten Weltkrieg in den Nürnberger Prozessen als NS-Täter wegen „völkerrechtswidriger Erschießungen“ zunächst zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt. Er war immerhin Befehlshaber des Gebirsgarmeekorps und ließ den Tod von Kommandeur Salminger (Vater des jetzigen Mittenwalder Bürgermeisters) mit einem Massaker an Zivilisten rächen. Lanz blieb bis zu seinem Tod 1983 Ehrenvorsitzender des «Kameradenkreis der Gebirgstruppe», zu dessen 6400 Mitgliedern überigens auch Edmund Stoiber zählt. Eine Erwähnung der Gebirgsjäger auf der Homepage des Gymnasiums wird von den Zensoren aus dem Rektorat selbstverständlich vermieden – aber man spürt, sie müssen dort auch ein Thema sein.

 
 

In einer konzertierten Aktion, die wohl von der bayerischen Staatskanzlei aus gesteuert wird, wird nun versucht, die Verankerung der Gebirgsjäger in den Orten zu demonstrieren durch Gemeindepatenschaften. Es ist schon auffällig, dass diese Kampagne gerade jetzt gestartet wird!? Wir zitieren aus dem Münchner Merkur vom 24.05.2004:
Fest verankert ist die Bundeswehr im Oberen Isartal. Als jüngster Beweis hierfür dient die Patenschaft, die die Gemeinde Wallgau nun für die 2. Kompanie des Gebirgsjägerbataillons 233 übernommen hat. Während einer kleinen Feierstunde wurde dieses neue Bündnis zwischen Militärs und Zivilisten gebührend in Szene gesetzt.
Das war übrigens erst der Anfang. Denn weitere Patenschaften werden demnächst noch folgen, etwa die der 1. Kompanie mit Mittenwald, der 3. mit Farchant, der 4. mit Krün und der 5. mit Wildsteig. Die 2. Kompanie war in Wallgau mit Bataillonskommandeur Oberstleutnant Klaus Merkel, Kompaniechef Michael Bender und „Spieß“ Gerhard Kaiser am Feldkreuz neben dem „Hirtenstadl“ angetreten. „In meiner erst kurzen Dienstzeit hier konnte ich feststellen, dass die Integration und Einbindung der Soldaten in die hiesige Bevölkerung beispielhaft funktioniert und es offiziell eigentlich keiner Bestätigung bedarf“, eröffnete Merkel. Umso mehr freue es ihn, dass die 2. Kompanie dies gerade jetzt mit dem Austausch von Patenschaftsurkunden offiziell mache.
Wallgaus Bürgermeister Georg Jennewein legte ebenfalls im Namen seines fast vollzählig erschienenen Gemeinderats ein Treuebekenntnis ab…

"Die haben sich auf uns fixiert", so schwant dem Vizepräsidenten des Kameradenkreises, Hans Peter Mayer nichts Gutes. Mit Schriften wie dem "Landboten" werde bewusst versucht, "einen Keil zwischen Kameradenkreis und Bundeswehr zu treiben". Artikel über das Massaker von Lyngiades, über Wehrmachtsveteranen, denen Mordprozesse drohen, über das "Traditionsverständnis der Bundeswehr" oder der Buchtipp "Mörder unterm Edelweiß" jedenfalls heizen das vergiftete Klima weiter an
Dabei hatte der Kamerdenkreis, der ehemalige und aktive Soldaten mittlerweile zum 47. Mal zum Gedenkgottesdienst auf den Hohen Brendten ruft, mit einer versöhnlichen Geste versucht, die Wogen zu glätten.

Anlässlich des 60. Jahrestages des Massakers in Kommeno, verübt von Angehörigen der Wehrmacht, nahmen im vergangegen Jahr Mayer und Kameradenkreis-Präsident, Brigadegeneral a.D. Ernst G. Coqui am 16. August an einer Gedenkfeier in dem kleinen griechischen Dorf teil (wir berichteten). Mit dabei war auch der deutsche Botschafter Dr. Albert Spiegel und der CDU- Bundestagsabgeordnete Thomas Rachel. Der Kameradenkreis bezeichnete dies in einer Presse-Erklärung als "Eine heiße Reise in eine bedrückende Vergangenheit". … aus Garmischer Tagblatt


   
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