Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus
am 1. November 2006 im Westfriedhof

Ansprache von Ernst Grube, Landessprecher der VVN Bayern und ehemaliger Häftling im KZ Theresienstadt

Liebe Kameradinnen und Kameraden,
Liebe Kolleginnen und Kollegen

Ich spreche hier im Namen der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN BdA) und im Namen der Lagergemeinschaft Dachau

Heute gedenken wir wie jedes Jahr der Menschen, die durch ein unmenschliches  faschistisches System ermordet wurden.

Es waren Menschen, die ihre Erfahrungen mit den Schwierigkeiten des Lebens und dem Terror faschistischer Schläger gemacht hatten.

Arbeitslosigkeit, Mühen des Alltags, Not und Elend eines Klassenstaates und nicht zuletzt die im 1. Weltkrieg erlebten Erfahrungen machten sie zu politisch engagierten Menschen. Sie organisierten sich in der Gewerkschaft und zum Teil in den Arbeiterparteien SPD und KPD.

Sie opferten ihre Freiheit und oft ihr Leben für ein besseres Leben der arbeitenden Menschen und für ein Dasein ohne Ausbeutung und Krieg. Ihr Traum, ihre Vision war eine Gesellschaft in der alle Menschen frei und glücklich leben können – und mehrheitlich eine sozialistische Gesellschaft

Die in den Konzentrationslagern und Zuchthäusern der Nazis ermordeten Frauen und Männer haben wir nicht gekannt. Wir wissen von ihrem Mut, ihrer großen Menschlichkeit durch Erzählungen von Menschen, die waren wie sie.

Durch Genossinnen und Genossen, die dem Druck der Nazis widerstanden, die Verfolgung und den Terror in den Konzentrationslagern überlebt haben.

Eine von ihnen war unsere vor einigen Monaten leider verstorbene Anni Pröll.

Ich persönlich habe sehr früh, als ich aus dem Konzentrationslager Theresienstadt nach München zurückkam, Frauen und Männer des Widerstandes kennen gelernt. Sie haben wesentlich zu meiner politischen Entwicklung und zu meiner persönlichen Reife beigetragen. Es waren vor allem Frauen.

Frauen wie Rosa Binder, Zenta Herker, Lina Haag-später dann Anne Pröll, und Marie-Luise Schulze Jahn. Sie waren bzw. sind Vorbilder – nicht nur für mich.

Besonders nah war mir Anni Pröll. Durch unsere gemeinsame Tätigkeit im Landesvorstand der VVN BdA, im Präsidium der Lagergemeinschaft Dachau und im Förderverein der internationalen Jugendbegegnung sind wir uns sehr oft begegnet.

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Erstmals hatten Nazis die Frechheit zu einem gewaltsamen Übergriff direkt auf dem Westfriedhof. Nachdem sie die Kundgebung der VVN fotografiert hatten, griffen sie junge AntifaschistInnen mit Pfefferspray, Fußtritten und Schlägen ins Gesicht an. Vier AntifaschistInnen mußten anschließend im Krankenhaus behandelt werden. Die Nazis konnten durch beherztes Einschreiten von KundgebungsteilnehmerInnen und letztlich durch eine massive Aktion der Polizei festgenommen werden und müssen mit Anklagen wegen Landfriedensbruch, Körperverletzung und Verstoß gegen das Waffengesetz rechnen. Siehe hierzu auch die Presseerklärung des Ak Antifa der Gruppe Contra Real bei indymedia sowie die Erklärung der VVN und den Pressespiegel der VVN

Die Augsburger Allgemeine befasst sich in ihrem „Bericht“ wenig mit der Gedenkfeier selbst und viel mit der Störung, so dass der unbeteiligte Leser den Eindruck gewinnen muss, die Störung sei völlig im Vordergrund gestanden. Das war aber nicht der Fall. Auch überregionale Medien wie die Berliner Zeitung, die Zeit oder Yahoo berichten – gestützt auf einen Agenturbericht von ddp unisono über „Prügelei bei NS-Gedenkveranstaltung“. Die Augsburger Allgemeine geht aber noch einen Schritt weiter. Sie stellt die Linken mit den Faschisten auf eine Ebene und bezichtigt auch die Antifaschisten der „Gewaltbereitschaft“, sogar zunehmender Gewaltbereitschaft. Dabei beruft sich die Zeitung auf die Polizei, die das „bereits seit längerem“ beobachte:

 „Für die Polizei machen die „überfallartigen“ Auseinandersetzungen eines deutlich: „Wo Rechte und Linke zusammenkommen, gab es immer schon Konfliktpotenzial. Die Gewaltbereitschaft hat aber zugenommen – auf beiden Seiten.““ Augsburger Allgemeine 3.11.2006

Diese infame Denunzierung der Antifaschisten weisen wir entschieden zurück. Es gibt keine Tatsachen, die eine solche Behauptung stützen könnten. Sehr wohl aber und nachweisbar gibt es eine bedrohliche Zunahme rechter Gewalt. Polizei und Presse müssen sich fragen lassen, von welchem Interesse sie geleitet sind, wenn sie solche haltlosen Behauptungen streuen.

Viele Teilnehmer der Gedenkfeier trafen sich anschließend noch im Bürgerhaus Pfersee. Es war Gelegenheit zu persönlichen Gesprächen aber auch zu politischer Aussprache anhand einer Bilderrevue des vergangenen Jahres, die von VVN-Mitgliedern vorbereitet worden war.


   
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