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| 3.
Alternativer Stadtrundgang |
Veranstalter:
Forum und VVN, 8.8.2004
Führung: Hanna Corniels |
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| Die
Hinweistafel auf das Gestapo-Hauptquartier, das sich am Prinzregentenplatz
1 befand, hängt immer noch am falschen Haus. Hier in der
Prinzregentenstraße war lediglich ein Nebengebäude
mit Büroräumen. Die Verhörräume, Folterbunker
etc. waren dort wo später das Polizeipräsidium war
und heute die AOK ist. Von der Augsburger Spruchkammer zur Entnazifizierung
wurde der Gestapochef Hugo Gold als „Mitläufer“
eingestuft. |
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Der
Riedingerbunker am Hohen Weg, dort wo heute die Stadtwerke sind,
diente der Nazi-Leitung als Kommandatur. Es war der stärkste
Bunker der Stadt, in dem natürlich nur die obersten Nazis
vor den Bombenangriffen Schutz fanden. Der Bunker unter dem
Schuttberg war bis zuletzt intakt. Eine so genannte Freiheitsbewegung
aus „beherzten Bürgern“ erzwang hier die kampflose
Übergabe der Stadt, da die Alliierten ansonsten die Vernichtung
angedroht hatten. Maßgebliche Angehörige der Deutschen
Freiheitsbewegung waren in Augsburg wie andernorts Lehrer, Pfarrer,
Ärzte und Kaufleute. Ihre Gemeinsamkeit war der „Widerstand
gegen die Kriegsverlängerung“.
Die Motive der Mitglieder der Deutschen Freiheitsbewegung waren
nicht immer ganz uneigennützig. So stellte der Vorsitzenden
im Spruchkammerverfahren gegen Georg Achatz fest: Er glaube,
man könne vorerst nicht zu der Überzeugung gelangen,
„daß der Betroffene aus innerstem Antrieb gehandelt
hat, ich nehme eher an, daß er am 26. April 1945 seinen
Schritt zu den Amerikanern aus persönlicher Klugheit getan
hat, um sich damit gewissermaßen mit einem guten Schuß
«Geschäftssinn», eine Rückfahrkarte zu
besorgen“, Schwäbische Landeszeitung 5.12.1947 (zitiert
nach Karl-Ulrich Gelberg, Kriegsende und Neuanfang in Augsburg
1945 S. 8). Selbstverständlich versuchten auch die führenden
Augsburger Faschisten, die kampflose Übergabe der Stadt
für sich zu reklamieren, um die Spruchkammern zu milden
Urteilen zu bewegen – was ihnen offensichtlich durch die
Bank gelang.
Aus dem Kreis um Anton Setzer innerhalb der Deutschen Freiheitsbewegung
ging nach Kriegsende die Augsburger Aufbaugemeinschaft hervor.
Ihr gehörten neben Setzer u. a. Prälat Hörmann,
Kleindienst, Oberkirchenrat Bogner und Landrat Hamberger an.
Daraus entwickelte sich die Augsburger CSU… |
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Wer
weiß schon, dass im alten Stadtbad in der Nachkriegszeit
der französische Massenmörder Klaus Barbie residierte?
Die USA als Besatzungsmacht richtete ihm hier ein Büro
ein, wo er im Namen des Antikommunismus französische Linke
zu ermitteln und denunzieren hatte. Als die Sache ruchbar wurde,
schleuste man ihn über die “Ratline” nach Südamerika.
Der Fluchtweg, über den Tausende von Nazis und Kriegsverbrechern
nach Amerika geschleust wurden, wurde „Ratline“
genannt, also die Ratten-Linie, die vom Vatikan und dem Roten
Kreuz (falsche Papiere) organisiert worden war. In Frankreich
wurde Barbie in Abwesenheit zum Tode verurteilt.
Die Rekrutierung von Faschisten für den Kalten Krieg wurde
in den USA erst unter Reagan offiziell korrigiert. |
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| Auswärtige
Besucher der Stadt wundern sich in der Regel über die mickrige
Gedenkstätte, die sich Brechthaus nennt. Zur ärmlichen
Ausstattung kommt noch hinzu, dass bei städtischen Führungen
verschwiegen wird, dass er Kommunist war. |
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Holbein-Haus Der
Künstler Günter Strupp (1912–1996) hatte während
des Dritten Reiches in Augsburg Zuflucht gesucht. Von dort wurde
er erneut ins KZ verbracht wegen Kontakt zu Widerstandskreisen im
Zuge der Verhaftungswelle nach dem 20. Juli 1944. Er wurde nach
dem Krieg von der Stadt im Holbein-Haus, Mittlerer Lech 20, untergebracht
als eine Art „gehobener Hausmeister“ – wie er
sich selbst ausdrückte.
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Razzia
in der Vorstadt links der Wertach, einem Arbeiterviertel, im April
1933. Oben: Polizeitrupps im abgesperrten Stadtteil; Mitte: Polizeiautos
vor der Pestalozzi-Schule; unten: abgesperrte Pestalozzistraße
(Neue Augsburger Zeitung 11.4.1933)
Das
Viertel war schon während der Räterevolution ein Zentrum
des Widerstands. Die bayerischen Freikorps wüteten hier und
in Oberhausen und brachten dutzende von Arbeitern um. Auch der nationalsozialistische
Oberbürgermeister Josef Mayr hat sich seine Sporen bei den
Freikorps verdient und trat bereits 1922 in die NSDAP ein. An der
Macht, schlugen die Nazis sofort zu um den verhaßten Arbeiterwiderstand
zu liquidieren. 400 Polizeimannschaften riegelten das ganze Gebiet
(zwischen Plärrer und Oberhauser Bahnhof) ab und durchsuchten
die Häuser nach linken Aktivisten. Offiziell wurden 36 Personen
verhaftet, von denen 16 in „Schutzhaft“ genommen wurden.
Bei einer weiteren Razzia im August 1933 wurde auch Anni Pröll
in der Schißlerstraße verhaftet.
Die
Spruchkammer Augsburg 1 stufte Oberbürgermeister Mayr zunächst
im Frühjahr 1948 als „Mitläufer“ (Gruppe IV)
ein. Dieses Urteil wurde mit Empörung kommentiert, worauf die
Berufungskammer ihn in die Gruppe III der „Minderbelasteten“
einreihte. Der ganze Spaß kostete Herrn Mayr, neben dem Gauleiter
immerhin der der führende NS-Hoheitsträger der Stadt,
200 DM „Sühneleistung“. Er starb 1957 in einem
Seebad an der italienischen Riviera. Es war ungefähr zu der
schönen Zeit, wo andere Augsburger – wie z.B. Bartl Winter
– nochmal im Gefängnis landeten, weil sie versuchten,
die antimilitaristische Arbeit trotz KPD-Verbot fortzusetzen.
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Halle
116 auf dem Gelände der Sheridan-Kaserne in Pfersee.
Nach der Bombardierung der Messerschmitt-Flugzeugwerke wurden
hier tausende von Zwangsarbeitern auf engstem Raum untergebracht.
Hier wurde auch geschlagen, gefoltert, erhängt und der
gleichen.
Gewerkschaften, Initiativen, VVN und andere Verbände
streben hier eine adäquate Nutzung u.a. als Gedenkstätte,
Treff, Bibliothek und Antifa-Archiv an. Ohne die Stadt ist
ein solches Projekt finanziell nicht realisierbar. Es wäre
also ein Skandal wenn es nur an der Unterstützung der
Stadt Augsburg scheitern würde.
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Auf
einem wenig beachteten Hain am Rande des Westfriedhofs ruhen
„Soldaten und Luftkriegsopfer des 1. und 2. Weltkrieges
aus 12 Nationen“. Wahrscheinlich muss dieses traurige
Kapitel der Stadtgeschichte überhaupt erst noch aufgeklärt
werden. Gegenüber den KZ-Häftlingen und kriegsgefangenen
Zwangsarbeitern, um die es sich hier hauptsächlich handelt,
ist die Inschrift auf dem Gedenkstein (Bild unten) schon fast
eine Frechheit.
Die
abgebildete Tafel (rechts) zeigt einen Ausschnitt der im Jahre
1945 Umgekommenen. Selbst die Luftkriegsopfer waren in Wirklichkeit
Opfer des NS-Regimes, da sie den Bombardements der Rüstungsfabriken
eiskalt ausgesetzt wurden. Die vielen anderen Todesarten wie
Hunger, Krankheit, Entkräftung, Folter und Mord, denen
die Fremdarbeiter durch Augsburger Schergen ausgesetzt waren,
werden geflissentlich nicht erwähnt.
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| Selbst
auf dem Friedhof entkommt man dem Zynismus der Faschisten
scheinbar nicht: Grabmal des Gauleiters Karl Wahl in Göggingen
im Kreise honoriger Unternehmer wie Leimer, Reiter, Hessing…
Nicht
weit steht ein Grab für russische Zwangsarbeiter mit
Hammer und Sichel in Stein. »»
Sie wurden von der Gestapo brutal gefoltert und ermordet,
weil sie sich der Rüstungsproduktion bei Messerschmitt
widersetzten. Eine permanente – wenn auch posthume –
Provokation für den Gauleiter und den Chef.
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Der
Gauleiter Karl Wahl, “nicht müde, das Gute zu tun”,
empfängt Hitler in der Stadt, mit dem ihn eine persönliche
Freundschaft seit 1922 verband
Auszeichnungen Karl Wahls:
1914 EK I/II; Ehrenkreuz für Frontkämpfer; Landesorden;
Goldenes Parteiabzeichen; Dienstauszeichnung der NSDAP in
Gold; Ehrendegen des RF SS/Totenkopfring der SS.
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Karl
Wahl (1892–1981), ev., Volks- und Fortbildungsschule
Aalen, Teilnahme am
1. Weltkrieg, 1922 Kanzleiassistent, 1927 Kanzleisekretär
bei der Stadt Augsburg, Mitglied der NSDAP und der SA seit
1922, 1923 SA-Führer Schwaben, 1928–1945 Gauleiter
Schwaben, seit 1.7. 1934 Präsident der Regierung von
Schwaben und Neuburg, 1928–1933 MdL, 1933–1945
MdR, 1934 SS-Gruppenführer und 1942 Reichsverteidigungskommissar,
Hg. der Soldatenzeitung Front und Heimat, lt. Spruch der Hauptkammer
Augsburg, 17.12.1948, eingestuft in Gruppe II als Aktivist
[nicht Hauptschuldiger!], verurteilt zu 3 Jahren und 6 Monaten
Arbeitslager, worauf die Internierung (29.4.1945– 23.9.1948)
angerechnet wurde, Verlust des aktiven und passiven Wahlrechts,
vollständiger Vermögenseinzug; die Berufungskammer
Augsburg, 11.5.1949, kam zu keinem anderen Urteil, änderte
aber die Sühnemaßnahmen, u. a. wurde der Vermögenseinzug
auf 10% reduziert…
aus:
Karl-Ulrich Gelberg, Kriegsende und Neuanfang in
Augsburg 1945, S. 108
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Was
ging nun eigentlich auf das Konto eines "gemäßigten"
Gauleiters und einer - nach 1945 - verfolgten Unschuld Namens
Karl Wahl? Von dem, was alles auf sein Kerbholz ging, können
wir hier nur wenig andeuten:
- Gründung
der ersten nationalsozialistischen Zeitung 1931 in Augsburg
Neue National-Zeitung durch Karl Wahl. Bis 1945
hatte die NS-Gauverlag Schwaben GmbH ein Zeitungsimperium
ungekannten Ausmaßes errichtet und alte, teilweise Jahrhunderte
währende Strukturen zerstört. Die von Wahl dirigierte Presse
hetzte zynisch gegen die Arbeiterbewegung, Juden und politisch
Andersdenkende und verhöhnte die Opfer noch bei ihrer Einlieferung
in den Katzenstadel oder ins KZ.
- Besetzung
des Rathauses mit SA-Leuten 1933. Vertreter anderer Parteien,
namentlich der SPD, ließ er unter Androhung von Gewalt aus
dem Rathaus verweisen.
- Trug
maßgeblich zur Vernichtung und Arisierung des jüdischen
Gewerbes bei, die in Augsburg scheinbar so krass wie in
keiner anderen deutschen Stadt war. Bereits 1931 ließ Karl
Wahl in der von ihm gegründeten NS-Presse offen zum Boykott
jüdischer Geschäfte aufrufen. Beim Judenboykott im Dez 1934
hat er allen Parteigenossen mit Ausschluss aus der NSDAP
gedroht, die sich nicht daran beteiligten. Natürlich ging
die planmäßige Ausschaltung der jüdischen Bevölkerung in
der Stadt v.a. auch auf das Konto des Gauleiters. Angefangen
von der Reichskristallnacht mit der Brandschatzung der Synagoge,
der Vertreibung der Juden und der Verschleppung der 500
noch in Augsburg verbliebenen in die Vernichtungslager.
- Gründete
1940 die Zeitschrift Front und Heimat, die bis Kriegsende
vielen schwäbischen Soldaten bis in die Schützengräben zugestellt
wurde. Besucht die schwäbischen Truppen in Frankreich persönlich.
Wahl hielt sich auch sechs Wochen (!) bei den schwäbischen
Gebirgsjägern im Donez-Gebiet auf, schreibt Gernot Römer.
Die Gebirgsjäger zählten generell zu den Spezialeinheiten,
die sich schwerster Kriegsverbrechen schuldig machten…
Wie
erging
es dem Reichs-Gauleiter nach dem Ende des Reichs?
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| Eine
Dokumentation des diesjährigen Stadtrundgangs wird demnächst
auf der Webseite der VVN in den bereits vorhandenen virtuellen
Stadtrundgang eingearbeitet. »» |
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