Nazi-„Protest“ gegen den Irakkrieg

Zum weltweiten Aktionstag gegen den Irakkrieg hatte nicht nur das Münchner Bündnis gegen Krieg aufgerufen. Auch NPD und Co. wollten an diesem Tag „gegen den US-Imperialismus“, zum „Gedenken an Dresden“ und für „Solidarität mit dem palästinensischen Volk“ demonstrieren.

Nazimarsch mit Polizeigürtel (Foto: indymedia)

Am Stachus versammelten sich etwa 90 vorwiegend junge Nazis in dem üblichen Polizeikessel/-käfig, um ihre spezielle „Kritik“ am Krieg, vor allem aber an den USA und an Israel zu propagieren (letztlich diente der „Aufhänger“ Irak lediglich der revisionistischen Propaganda vom „US-Bombenterror 1943“). Auch die aus schlechten Lautsprechern tönende Marschmusik zeigte, wie weit es mit der Antikriegshaltung von FaschistInnen her ist.

Nicht zu vergessen die enge „Verbundenheit“ irakischer Nationalisten mit dem „Dritten Reich“. Hierzu ein Auszug aus Peter Heine „Schauplatz Irak – Hintergründe eines Weltkonflikts“, Herder spektrum:

„1933 waren in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht gekommen. Deutschland hatte für arabische Nationalisten schon immer eine nicht geringe Vorbildfunktion besessen. Die Theoretiker des arabischen Nationalismus hofften, dass sich die arabischen Staaten zu einem großen einheitlichen Staat zusammenschließen würden, in etwa so, wie Deutschland aus einer Vielzahl von Einzelstaaten zu einem Einheitsstaat geworden war. Die Art und Weise, in der die Nazis die deutsche Gesellschaft gleichschalteten, faszinierte arabische nationalistische Politiker. So waren sie z. B. von der Organisation der Hitler-Jugend angetan, und wie in anderen arabischen Ländern auch wurde im Irak eine Staatsjugend mit einem paramilitärischen Erziehungsprogramm nach deutschem Vorbild gegründet. Immer häufiger nahmen nun junge Iraker ein Studium in Deutschland und nicht mehr in England auf. Die Verhältnisse, die sie in Nazi-Deutschland vorfanden, beeindruckten sie nachhaltig. Den irakischen Militärs lag zudem sehr daran, sich aus der Abhängigkeit von britischen Waffenlieferungen zu befreien. Hier bot es sich an, auf deutsche militärische Ausrüstung umzusteigen. Die entsprechenden Anfragen an die deutschen Behörden füllen Aktenbände. Doch obwohl sich die Deutschen nicht in der Lage sahen, den irakischen Wünschen zu entsprechen, blieb die Haltung des Iraks gegenüber Deutschland von einer unverminderten Sympathie gekennzeichnet. …

Die ersten staatlichen Jugendorganisationen wurden im Irak schon 1925 gegründet und hatten die Aufgabe, in den Herzen der jungen Menschen ein Gefühl für nationale und arabische Überzeugungen zu entwickeln. Für spätere staatliche Jungendorganisationen im Irak wurde die Hitler-Jugend ein Vorbild. Als Beweis dafür gilt nicht zuletzt der Besuch des „Reichsjugendführers“ Baldur von Schirach in Bagdad in der zweiten Hälfte der 30er Jahre. …
Die Briten forderten, dass sich der Irak als unabhängiges Land den Alliierten anschloss, was die nationalistischen Politiker und die überwiegende Mehrheit der irakischen Bevölkerung jedoch ablehnte. Die irakische Regierung unter Premierminister Rashid 'Ali al-Ghailani bestand vielmehr auf der Neutralität des Landes. Zum tatsächlichen politischen und militärischen Zusammenstoß kam es, als 1941 britische Truppen aus Indien durch den Irak nach Jordanien gebracht werden sollten. Die irakische Regierung betrachtete dies als eine Verletzung ihrer Neutralität und sah sich im Kriegszustand mit Großbritannien. …

Seit der wachsenden Zahl von einwandernden europäischer Juden nach Palästina in der zweiten Hälfte der 30er Jahre hatten sich allerdings Spannungen mit der muslimischen Bevölkerung entwickelt, die während des britisch-irakischen Krieges auf besonders schwerwiegende Weise zum Ausdruck kamen. Nach dem Zusammenbruch der irakischen Verteidigung kam es in Bagdad zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung, denen die britischen Truppen tatenlos zugesehen haben sollen. Für die irakischen Juden war dieser Vorgang ein tiefer Schock, der dazu führte, dass viele von ihnen nach dem Krieg nach Israel auswanderten. Die daraus resultierenden Verluste für die Wirtschaft und das intellektuelle Leben im Irak hatten langfristige negative Folgen.“

Nazi-Demo in München 20.03.04
Bericht einer Augsburger Antifaschistin

Am Samstag trafen sich um 13 Uhr ca. 80–90 Nazis am Stachus zu einer Demo gegen den Irak-Krieg und den „US-Terror“. Angeführt von einem in ein weißes Bettlaken (darauf gedruckt Sprüche wie z.B.: „Rettet Sibiriens Tiger“) gehüllten älteren Mann, der ein riesiges Kreuz und einen ein Meter großen Plüschtiger mit sich trug. In Absperrgitter eingekesselt und von einem Kreis aus Polizisten umstellt versuchten die Nazis als erstes eine Auftaktkundgebung durchzuführen, diese wurde aber durch laute Pfiffe und Rufe der ca. 500 anwesenden AntifaschistInnen unterbrochen und unhörbar.

Um 13.30 startete der Demozug … erst 60 Polizisten … dann die Nazis geschützt durch weitere zwei Reihen von den Herren in Grün … dann die Gegen-Demonstranten, die sich aber durch das massive Aufgebot von Bepos und USK, insgesamt 12 Hundertschaften, in alle Richtungen von München verstreuten. Trotz einiger Versuche die Demo durch Sitzblockaden und Straßenbesetzungen aufzuhalten gelang es den Polizisten mit äußerster Gewalt, diese fast ohne Verzögerungen vorwärts zu bringen.

Brutalität scheint das einzige Mittel zu sein, das diese Menschen noch kennen. So wurde z.B. eine 14jährige kleine Punkerin, als sie nicht sofort nach einer Aufforderung die Straße verließ, von einem Polizisten auf den Boden geschmissen und dann von ihm und zwei seiner Kollegen mit Fußtritten bearbeitet bis sie von einigen Freunden von der Straße gezogen werden konnte. Es musste ein Notarzt gerufen werden, der uns sogar mit dem Satz warnte: „Passt bloß auf euch auf, die Bullen spinnen heute total“. Vorkommen wie diese blieben kein Einzelfall.

Währenddessen zogen die Nazis weiter unbehelligt durch München und riefen ironischerweise Sprüche wie: „Imperialisten sind Faschisten“ und „Dresden 1943 – Irak 2003 merkt ihr was?“, auf den Transparenten war unbegreiflicherweise auch noch von dem „ungesühnten Bombenholocaust“ die Rede!!!

Nach der Zwischenkundgebung wurde es den Gegendemonstranten dann durch völlige Absperrung der Straßen unmöglich gemacht, den Zug weiter zu verfolgen, selbst im Englischen Garten wurden wir mit berittener Polizei und USK aufgehalten. Nach einigen Versuchen durch Seitenstraßen wieder an die Demo heranzukommen, die aber wegen Polizeihubschrauber und Übermacht nicht funktionierten, mussten die meisten aufgeben und begaben sich auf den Heimweg.

Trotzdem war diese Demo der Nazis kein Erfolg für sie, da keine ihrer Parolen an die Öffentlichkeit drang. Denn entweder waren laute Antifas in der Nähe oder sie wurden so abgeschottet, dass kein Münchner Bürger auch nur in Hörweite hätte kommen können. Das Erschreckendste an diesem Tag aber war wie vorher schon gesagt, die Brutalität mit der die Polizei gegen uns vorging!! Es gab an diesem Tag wohl keinen einzigen Gegendemonstranten, ob alt ob jung – es wurde auch eine ältere Frau neben mir verprügelt –, der ohne blaue Flecken oder Schlimmerem nach Hause fuhr.

A.

 


   
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