Problematische Straßennamen, Teil 2

Seit den Befreiungskriegen zu Anfang des 19. Jahrhunderts: teutonisch-frankophobe Positionen, die zum Ursprung der völkischen Ideologie werden sollten

Die Kriegslyrik eines Ernst Moritz Arndt und der sudetendeutsche Volkstumskampf eines Hans Watzlik

26.3.2020

„ Frisch auf! Zu den Waffen!“ – die völkische Kriegslyrik eines Ernst Moritz Arndt und zahlreicher Zeitgenossen
Hans Watzlik wäre geeignet, mit den sudetendeutschen Umtrieben endlich einmal abzurechnen
Anhang
Helmut Kellershohn: »Deutschland den Deutschen«. Ideologiegeschichtliche Anmerkungen zur Renaissance völkischer Ideologie, Auszug

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Die städtische Kommission für Erinnerungskultur, siehe Teil 1 dieser Artikelserie ( 1 ), hat sich auch mit dem Literaten Ernst Moritz Arndt befasst, nach dem 1936 eine Straße in Lechhausen benannt wurde. Mit der Epoche der Befreiungskriege (1813-1815) und der Romantik sind noch eine ganze Reihe höchst problematischer Straßennamen verbunden sind. Sie stehen für Kriegslyrik und rassistische, völkische Ideologie, die sich 100 Jahre später in deutschen imperialistischen Kriegen und dem Faschismus entlud. Die Straßenbenennungen erfolgten ausnahmslos in der NS-Zeit. Auch der Name Hans Watzlik steht beispielhaft für propagandistische, deutsch-völkische Dichtung. In diesem Fall im Dienste des NS-Besatzungsregimes in Tschechien und dessen dort ausgerufenen sudetendeutschen Volkstumskampfs.

„Frisch auf! Zu den Waffen!“ – die völkische Kriegslyrik eines Ernst Moritz Arndt und zahlreicher Zeitgenossen

Zur Ernst-Moritz-Arndt-Straße hier ein Beispiel aus der Fülle der Kriegslyrik von Ernst Moritz Arndt ( 2 ):

„Frischauf ihr deutschen Scharen!

Frischauf zum heil'gen Krieg!

Gott wird sich offenbaren

Im Tode und im Sieg.“

Siehe auch weiter unten den Originalauszug aus dem Katechismus von 1813 für den D eutschen Kriegs- und Wehrmann, worin gelehrt wird, wie ein christlicher Wehrmann seyn und mit Gott in den Streit gehen soll.

Arndt, Ernst Moritz (1813): Katechismus für den deutschen Kriegs- und Wehrmann, worin gelehrt wird, wie ein christlicher Wehrmann seyn und mit Gott in den Streit gehen soll - BSB-Katalog. 95 S. München: Elektronische Reproduktion, Bayerische Staatsbibliothek, 2012. Text abrufbar unter: https://opacplus.bsb-muenchen.de/title/BV007614277

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass die Universität Greifswald den Namenszusatz Ernst Moritz Arndt im Jahr 2018 aufgrund eines Senatsbeschlusses mit über zwei Drittel der Mitglieder abgelehnt hat. Die Antragsteller begründeten die Streichung von Ernst Moritz Arndt aus dem Universitätsnamen damit, dass nationalistische, fremdenfeindliche und antisemitische Äußerungen des Schriftstellers dem Leitbild der Uni entgegenstünden. Mit scharfer Polemik und sogar einer Protestdemonstration reagierten die Landtagsfraktionen von CDU und AfD in Mecklenburg-Vorpommern und das Wissenschaftsministerium in Schwerin hatte die Namensänderung zunächst abgelehnt. Mit Beschluss von Mai 2018 muss der Name Ernst Moritz Arndt im Zusammenhang mit der Universität Greifswald weitgehend vermieden werden ( 3 ).

Arndt, Ernst Moritz. „Katechismus für den deutschen Kriegs- und Wehrmann“. Digitale Bibliothek Mecklenburg-Vorpommern, 1914, Erstveröffentlichung 1813 https://digitale-bibliothek-mv.de/viewer/image/PPN626250838/1/ . Auszug aus dem 19. Kapitel: Wie ein deutscher Soldat jetzt sein muss

Zur gleichen Kategorie wie die Ernst-Moritz-Arndt-Straße zählt unter anderem auch die Schenkendorfstraße . Max von Schenkendorf gilt als einer der bedeutendsten Lyriker der Befreiungskriege. Hier ein Beispiel ( 4 ):

Schlachtgesang

An Ernst Graf Kanitz.

Ob Tausend uns zur Rechten,

Zehntausend uns zur Linken,

Ob alle Brüder sinken,

Wir wollen ehrlich fechten.

Zur Rechten nicht noch Linken,

Gen Himmel ist zu schau‘n,

Und muthig einzuhau‘n,

Wo Feindeswaffen blinken.

Gott kann schon Hilfe senden,

Der Engel Legionen,

Die halten grüne Kronen

Und Waffen in den Händen.

Er schwor bei seinem Leben,

Er steht an unsrer Seiten,

Wenn wir im besten Streiten

Die Häupter zu ihm heben.

Das Kreuz das ist sein Zeichen!

Wer will es niederreißen,

Das tragen alle Preußen,

Die Hölle muß ihm weichen.“

Aber Fichte, Schlegel und Körner müssten genauso auf den Index. Karl-Theodor Körner, wohl der bekannteste deutsche Kriegslyriker dieser Jahre, huldigte dem Krieg gegen Frankreich 1813 ( 5 ):

„Es ist kein Krieg, von dem die Kronen wissen;

Es ist ein Kreuzzug, 's ist ein heiliger Krieg!

Recht, Sitte, Tugend, Glauben und Gewissen

Hat der Tyrann aus Deiner Brust gerissen;

Errette sie mit Deiner Freiheit Sieg!“

Der Historiker Hans-Christof Kraus von der Universität Passau schreibt zu Friedrich Schlegel ( 6 ):

„Als ein direkter Vorläufer der Kriegslyrik eines Körner oder Schenkendorf darf übrigens Friedrich Schlegel gelten, der bereits während des österreichisch-französischen Krieges von 1809 in seinem Gedicht ‚Gelübde‘ den Tod fürs Vaterland sakralisiert und in diesem Sinne als heiligen Akt gefeiert hat:

‚Es sei mein Herz und Blut geweiht,

Dich Vaterland zu retten.

Wohlan, es gilt, du seist befreit;

Wir sprengen deine Ketten!

So spotte jeder der Gefahr,

Die Freiheit ruft uns allen;

So will's das Recht und es bleibt wahr,

Wie auch die Lose fallen.

Ja, sinken wir der Übermacht,

So woll'n wir doch zur Todesnacht

Glorreich hinüber wallen.‘“

Zum Stichwort „völkisch“ schrieb Daniel Bratanovic in der jungen Welt ( 7 ):

„… Dass ein »deutsches Urmuhen« (Hacks) allgemein geblökt werde, hatte sich schon Jahrzehnte zuvor Friedrich Ludwig Jahn gewünscht. Die ersehnte Rückkehr in den Teutoburger Wald war dem »Turnwüterich« (Marx) und den Seinen nicht bloß eine Angelegenheit der Sprachwissenschaft, sondern immer auch eine Sache des Blutes. Deswegen waren die inneren (Juden) wie die äußeren Feinde (Franzosen) im Zweifel bis aufs Messer zu bekämpfen. Schließlich galten die Deutschen, so das Hirngespinst, als »unvermischtes, naturgemäß lebendes, von undenklicher Zeit her eingewohntes Urvolk« (Jahn). Für das Gemeinte erfand der Philosoph Johann Gottlieb Fichte, der dem Freund der Leibesübungen in der »Rassenfrage« voranging, zur Erklärung für »deutsch« das Wort »völkisch« … Vom Klassenkampf ließ sich per Rassenkampf ganz gut ablenken.

Bei und nach der Reichsgründung war ein Nationalismus virulent, der sich durch einen »völkischen Rassenantisemitismus« auszeichnete. Ethnische Minderheiten hatten in dieser als »völkisch« definierten Gemeinschaft keinen Platz. Und nach derlei Logik war es dem rassisch definierten Kollektiv innerhalb seiner Grenzen zu eng. Der antisemitische Alldeutsche Verband, hinter dem ostelbische Junker und vor allem die deutsche Schwerindustrie standen, propagierte einen »pangermanisch-völkischen Nationalismus« und formulierte am schroffsten den deutschen Anspruch auf Weltmacht und Weltgeltung, in einer geistigen Haltung, die faschistisches Gedankengut vorwegnahm.

Die Nazis, die das Beiwort im Titel ihres Zentralorgans führten, konnten nach dem Ersten Weltkrieg daran nahtlos anknüpfen und sollten der Welt ab 1933 demonstrieren, was es heißt, »völkisch« zu sein. Das Wort klebt seither unlöslich an deren erbarmungsloser Vernichtungspraxis.“

Über den Weg von Johann Gottfried Herder über Friedrich Ludwig Jahn, Ernst Moritz Arndt und Johann Gottlieb Fichte „zu den Wahnideen eines Adolf Hitler“ siehe auch im Anhang dieses Artikels Helmut Kellershohn: »Deutschland den Deutschen«. Ideologiegeschichtliche Anmerkungen zur Renaissance völkischer Ideologie

Damit wäre auch die Augsburger Jahnstraße problematisch, sogar eine Kleist- und Brentanostraße. Der Historiker und Rechtsextremismusforscher Helmut Kellershohn geht in einer Fußnote des im Anhang zitierten Artikels auf diese Herrschaften ein:

»So schlossen sich z.B. „adelige und bürgerliche Romantiker 1811 zu einer ‚Christlich-deutschen Tischgesellschaft‘ zusammen. Unter den Teilnehmern dieses literarischen Zirkels befanden sich auch Heinrich von Kleist, Clemens Brentano, Carl von Clausewitz, Johann Gottlieb Fichte. Das Vereinsstatut setzte einen ‚Arierparagraph‘ fest, der die Mitgliedschaft von Juden ausschloss“ (Heid 1995,230). …

Heid, Ludger (1995): „Was der Jude glaubt, ist einerlei...“. Der Rassenantisemitismus in Deutschland, in: Jüdisches Museum der Stadt Wien (Hg.): Die Macht der Bilder. Antisemitische Vorurteile und Mythen, Wien, 230-247, http://www.antisemitismus.net/geschichte/heid.htm«

Friedrich Wilhelm III. – Reiterstandbild auf dem Kölner Heumarkt. Detail: Sockelrelief an der Südseite: „Freiheitskriege“. Von Links nach Rechts: Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Rückert, Max von Schenkendorf, Christian Gottfried Körner, Ludwig Adolf Wilhelm von Lützow, Karl-Theodor Körner, Justus von Gruner. Bild: © Raimond Spekking CC BY-SA 3.0 Wikimedia Commons

In einem Aufsatz über die populistische Revolte eines neuen rechten Blocks in Italien zieht Stefano G. Azzara, der an der Universität von Urbino Geschichte der Philosophie und politische Philosophie lehrt, einen Vergleich zu den deutschen Befreiungskriegen ( 8 ):

„In Italien – wie eigentlich in ganz Europa – befinden wir uns in vielerlei Hinsicht in einer Situation, die jener der deutschen Befreiungskriege zwischen 1813 und 1815 sehr ähnelt. In der Folge der napoleonischen Invasion sind Johann Gottlieb Fichte und ganze Teile der intellektuellen Schichten, die zunächst enthusiastisch die Französische Revolution begrüßt hatten und an einer Modernisierung interessiert waren, die Deutschland aus dem Feudalismus geführt hätte, schließlich dazu übergegangen, den Ideen von 1789, d. h. ihren universalistischen, egalitären und emanzipatorischen Zielen tout court (ganz einfach, Red. ) abzuschwören. Sie landeten dann auf partikularistischen, teutonisch-frankophoben Positionen, die zum Ursprung der völkischen Ideologie werden sollten.

Es ist unverständlich, wieso fortschrittliche Menschen heute denselben Fehler wiederholen, den eindeutig reaktionären, europhob-populistischen politischen Positionen beipflichten und sich dem Mythos der Überwindung von rechts und links beugen sollten, indem sie sich auf das Terrain der Nation begeben, auf dem sie schon besiegt worden sind.“

Es ist sehr zu begrüßen, wenn die Kommission für Erinnerungskultur sich unter anderem diese Epoche vornimmt und über die Personen und Ereignisse dieser Zeit aufklärt und erläutert, warum die Benennung dieser Straßen ausgerechnet fast durchweg in der Zeit des Nationalsozialismus erfolgte. So wurden zum Beispiel auch die Tauentzienstraße und Speckbacherstraße, die Generäle und Anführer mit militärischen Erfolgen über „die Franzosen“ feiern, 1933 und 1935 so benannt. Auch Schauplätze wichtiger Schlachten der Befreiungskriege wie Bautzen, Dennewitz oder Großbeeren wurden in der NS-Zeit bereits 1933 systematisch für die Straßenbenennung verwendet, auch in Augsburg: Es gibt eine Bautzener Straße, eine Dennewitzstraße und eine Großbeerenstraße.

Dies nimmt nicht Wunder, schwärmte doch Hitler in „Mein Kampf“ schon von den „Befreiungskriegen“ ( 9 ):„Warum konnte man denn nicht hundert Jahre früher geboren sein? Etwa zur Zeit der Befreiungskriege, da der Mann wirklich, auch ohne ‚Geschäft‘, noch etwas wert war?!“

Als es eng wurde für die Nationalsozialisten, griff der Propagandaminister ab 1944 zur Sakralisierung von Volk und Krieg, die in den Befreiungskriegen gegen Napoleon gründete. Hans Günter Hockerts, der bis 2009 den Lehrstuhl für Zeitgeschichte an der LMU München innehatte und Mitglied der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ist, wo er die Abteilung Akten der Reichskanzlei, Regierung Hitler 1933–1945 leitet, stellte bei einem Kolloquium „Heilige Kriege“ fest ( 10 ):

„… Später brachte Goebbels die Formel in Umlauf: ‚Das ist kein Krieg der Wehrmacht und kein Krieg der Partei, sondern ein heiliger Volkskrieg.‘ Hatte der Propagandaminister lange verhindern wollen, daß der Krieg ‚mit irgendwelchen religiösen Dingen in Zusammenhang gebracht‘ werde, so griff er schließlich selbst in das Deutungsreservoir der Sakralisierung von Volk und Krieg, das in den Befreiungskriegen gegen Napoleon begründet und in der Kriegstheologie des Ersten Weltkriegs exzessiv entfaltet worden war. In einer der letzten Durchhaltereden hörte man ihn sagen, daß ‚unsere Soldaten‘ in ‚diesen Kampf hineingehen wie in einen Gottesdienst‘. Auch das war ein Versatzstück aus der Kriegstheologie von 1914. So mancher Garnisonspfarrer hatte die ausmarschierenden Truppen damals mit den Worten begleitet: ‚Euer Kriegsdienst ist ein Gottesdienst.‘ Als Choreograph des Untergangs verschmähte Goebbels auch solche Bezüge nicht mehr. Aber darin trat nichts anderes zutage als kühl kalkulierte Propaganda. Es gibt keinen Grund, im Horizont dieses Meisters der zynischen Vernunft nach irgendeinem genuin religiösen Gehalt zu suchen.“

Der Appell des oben zitierten italienischen Professors, fortschrittliche Menschen sollten nicht denselben Fehler wiederholen – eindeutig reaktionären, europhob-populistischen politischen Positionen beizupflichten –, kann auch in Augsburg beherzigt werden. Hier hätte die Kommission für Erinnerungskultur eine wichtige Aufgabe ganz im Sinne Augsburgs als Friedensstadt.

Hans Watzlik wäre geeignet, mit den sudetendeutschen Umtrieben endlich einmal abzurechnen

Wohltuend ist auch die Auswahl von Hans Watzlik, der „die Eingliederung seines Böhmerwalds in das Deutsche Reich mit einem panegyrischen (lobrednerischen, Red. ) Gedicht Sudetenland an seinen Führer“ feierte und als Mitglied der Sudetendeutschen Partei und der NSDAP sich in seinen Schriften dem „sudetendeutschen Volkstumskampf“ widmete. In einem österreichischen Literaturhandbuch heißt es ( 11 ):

„Watzlik zählte zu den bestens verdienenden Autoren im ‚Dritten Reich‘ und gehörte zu den Auserwählten …, die gemeinsam mit politischen Spitzen der RKK ( 12 ) und des RMVP ( 13 ) zu Dichterfahrten in die okkupierten Gebiete eingeladen wurden. Nach Kriegsende wurde W. zu vierzehn Monaten Gefängnis verurteilt und des Landes verwiesen … Teile seines Werks wurden in Österreich und Deutschland indiziert, sein Leben und seine Schriften boten sich den v. a. in Bayern aktiven Vertriebenen zur Identifikation an, eine Reihe von Watzlik-Gemeinden wurden gegründet und öffentliche Orte nach ihm benannt. Die Auseinandersetzungen um seine NS-Wirksamkeit führten um 2000 zu heftigen Diskussionen …“

In Augsburg blieben die „heftigen Diskussionen“ über Watzlik bisher aus, könnten aber durch die Erinnerungskommission jetzt endlich angestoßen werden und auch zu einer Aufarbeitung des starken Einflusses der Sudetendeutschen Landsmannschaft in der Stadt und ihres notorischen Vertreibungsdiskurses und ihrer Hetze gegen die tschechische Politik unter Benesch führen. Immerhin war Watzlik im engsten Zirkel am 29. August 1947 beteiligt, der die Gründung der Sudetendeutschen Landsmannschaft mit Lodgman von Auen an der Spitze vorbereitete. Lodgman war in Abwesenheit in der Tschechoslowakei zu sieben Jahren Kerker verurteilt worden.

In seiner Dissertation „Volkstumskampf“ ohne Ende? deckte der Historiker Tobias Weger die Machenschaften sudetendeutscher Organisationen in den ersten zehn Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg auf. Hier spielte Hans Watzlik eine nicht unbedeutende Rolle und die Spuren führen sogar nach Augsburg ( 14 ):

„Zwischen 1933 und 1938 erschien im Verlag Adam Kraft in Karlsbad-Drahowitz die Zeitschrift Der Ackermann aus Böhmen. Monatsschrift für das geistige Leben der Sudetendeutschen . Ihre Herausgeber waren Hans Watzlik und Karl Franz Leppa, die die ‚völkische‘ Linie des Periodikums vorgaben. Bei der Besetzung des ‚Sudetenlandes‘ im Jahre 1938 wurde in reichsdeutschen Zeitungen der Ackermann als kulturelles Symbol für die deutschsprachigen Bewohner der neu gewonnenen Gebiete herausgestellt und dessen spätmittelalterlicher Autor als früher ‚sudetendeutscher Dichter‘ gefeiert. Der Dichtung nahm sich auch der mit zahlreichen hohen NS-Literaturpreisen ausgezeichnete Schriftsteller Erwin Guido Kolbenheyer an und schuf 1943 eine Nachdichtung, die im besetzten Prag erschien. Die Kolbenheyer-Version wurde 1950 unverändert noch einmal im Augsburger Adam-Kraft-Verlag nachgedruckt. Der Ackermann behielt auch nach 1945 seine Symbolkraft für die sudetendeutsche Bewegung. Unter dem Vorzeichen des Verlustes hatte er als Beweis für die lange deutsche Kulturtradition in Böhmen zu dienen. Er sollte die vermeintliche Überlegenheit der Deutschen vor den Slawen zum Ausdruck bringen. Sinnfälliges Zeichen dafür war wenige Jahre früher die von Konrad Henlein im Oktober 1940 gestiftete ‚Ackermann-Medaille für kämpferische Wissenschaft‘, die im Rahmen der Sudetendeutschen Anstalt für Landes- und Volksforschung in Reichenberg/Liberec verliehen wurde.“

Hier eine Kostprobe von Hans Watzlik, die nicht etwa aus dem Dritten Reich stammt als Begleitpropaganda zur Besetzung des westlichen Teils der Tschechoslowakei, sondern zum ersten Mal gesprochen beim Böhmerwäldlertreffen am 31. Juli 1949 auf dem Dreisessel, möglichst zur Rückholung „Deutschböhmerlands“ ( 15 ):

„Volk, mein schuldlos Volk, verstossenes, verjagtes,

das in Heimweh sich verzehrt, am Hoffnungslosen krankt,

das in der Fremde du vor fremden Schwellen bettelst,

hörst du in tiefer Nacht die verlassene Erde nach dir schrei‘n?

 

Auf kaltem Grenzstein kauernd, starrst du ins verbotene,

ins entrissene Paradies hinüber.

Drüben liegt der Acker, der nach deinem Schweiße dürstet,

deines Fleißes, deiner treuen Pflege, deiner Liebe braucht er wieder;

Denn er liegt wie tot jetzt, brach, versäumt, verwahrlost, ohne Frucht.

Die jetzt unser Land behausen, keine Bände knüpfen sie daran,

nicht Verehrung und nicht altes Schicksal.

 

Abgerissen drüben all die stolze, schlichte Überlieferung,

tot die Sage, tot das Lied,

die bunten, holden Bräuche unsres Stammes verweht

und die uralt frommen und geheimnisvollen Namen deiner Berge,

deiner Fluren weggefegt mit roher Gewalt,

als ob niemals sie erklungen.

Dem Gericht des Todfeinds unterworfen,

schuldlos hat man dich verurteilt und verworfen,

dich geschlagen und geschändet, dir den Bettelstocken

in die Hand gedrückt und ins Heimatlose

unbarmherzig hingestoßen.“


Peter Feininger

wird fortgesetzt



alle Artikel unter kommunales/Stadtgeschichte

http://www.forumaugsburg.de/s_2kommunal/Stadtgeschichte/index.htm

 

Anhang

Helmut Kellershohn: »Deutschland den Deutschen«. Ideologiegeschichtliche Anmerkungen zur Renaissance völkischer Ideologie, Auszug

In: Birsl, Ursula, Christoph Kopke, Juliane Lang, Ina Pallinger, Andreas Kemper, Regina Wamper, Richard Gebhardt, Ralf Ptak, Beate Küpper, und Fabian Virchow. Das Gesicht des völkischen Populismus: neue Herausforderungen für eine kritische Rechtsextremismusforschung. Herausgegeben von Alexander Häusler und Helmut Kellershohn. 216 S., 1. Auflage. Edition DISS, Bd. 41. Münster: Unrast Verlag, 2018.

… Völker als Nationen bildende Kollektivindividualitäten ordnete Herder in einen evolutionären, durch die Schöpfung planvoll angestoßenen Prozess (»Gang Gottes unter die Nationen«) ein. In diesem Prozess sei »jedes Volk an Stelle und Ort: denn jedes hat seine Regel des Rechts, sein Maß der Glückseligkeit in sich«. Die Völker entwickelten sich wie Pflanzen in einem »großen Garten« nach den ihnen eigentümlichen, geheimnisvollen göttlichen Gesetzen. Eine Vorrangstellung gebe es nicht, die Verschiedenheit sei die Grundlage ihres Zusammenlebens und müsse als solche auch bewahrt bleiben:

»Die Natur hat Völker durch Sprache, Sitten, Gebräuche, oft durch Berge, Meere, Ströme und Wüsten getrennt [...]. Die Verschiedenheit [...] sollte ein Riegel gegen die anmaßende Verkettung der Völker, ein Damm gegen fremde Überschwemmun­gen werden: denn dem Haushalter der Welt war daran gelegen, daß [...] jedes Volk und Geschlecht sein Gepräge, seinen Charakter erhielt. Völker sollen nebeneinan­der, nicht durch- und übereinander drückend wohnen.«

Herders vorpolitischer Volksbegriff wurde intensiv rezipiert in der Romantik, die in ihrer Hochphase (1804-1815) einherging mit der napoleonischen Besatzungszeit und den Befreiungskriegen. Aus einer antifranzösischen (und antirevolutionären) Abwehrhaltung heraus erfährt der Volksbegriff eine Zu- und Überspitzung. In den im Winter 1807/08 im besetzten Berlin gehaltenen Reden an die deutsche Nation entwickelt Johann Gottlieb Fichte im Rahmen einer ursprungsbezogenen Sprachspekulation die Fiktion, dass die Deutschen »ein Urvolk, das Volk schlechtweg« … seien und »daß nur der Deutsche [...] wahrhaft ein Volk hat und auf eins zu rechnen befugt ist, und daß nur er der eigentlichen und vernunft­gemäßen Liebe zu seiner Nation fähig ist« … Zwar stehe jedes Volk »unter einem gewissen besondern Gesetze der Entwicklung des Göttlichem aus ihm«, aber nur in dem deutschen Volk sei das göttliche Schöpfungsgesetz am reinsten bewahrt worden.

Diese Sakralisierung, d.h. die Übertragung religiöser Kategorien auf das Kollektivsubjekt Volk, findet sich dann auch bei Friedrich Ludwig Jahn (»Turnvater Jahn«), wenn er einzig die Deutschen mit den Griechen vergleicht und beide als »heilige Völker« … bezeichnet. Oder bei Ernst Moritz Arndt, wenn er 1814 verkündet: »Einmüthigkeit der Herzen sey eure Kirche, Hass gegen die Franzosen eure Religion, Freiheit und Vaterland seyen die Heiligen, bei welchen ihr anbetet.« In seiner Kampfschrift Über Volkshass (1813) unterstreicht Arndt die sowohl quasireligiöse wie aggressive Komponente des Volksbegriffs: Die von Gott gesetzte, angeborene Verschiedenheit der Völker führe dazu, dass jedes Volk – im konkreten Fall Franzosen und Deutsche – einen festen Hass gegen ein anderes brau­che. Er unterscheidet einen »äußerlichen Hass«, der aus der Verschiedenheit der Völker als solcher entspringt, von einem »innerlichen Hass«, der reaktiv aus dem Versuch eines Volkes, ein anderes unterdrücken zu wollen, resultiert und die notwendige moralische Grundlage für einen befreiungsnationalistischen Gegenschlag bildet. Dieser Hass »glühe als die Religion des deutschen Volkes, als ein heiliger Wahn in allen Herzen und erhalte uns immer in unserer Treue, Redlichkeit und Tapferkeit [...].« …

Mit den Schriften von Fichte, Jahn und Arndt unterlag die romantische Volk­sidee einer gegenüber Herder »germanozentrischen Verengung« … mit einer zudem stark antisemitischen Komponente, die aus der Vielfalt der Bestimmungsfaktoren des Volksbegriffs immer stärker die Fiktion einer durchgängigen Abstammungsgemeinschaft hervorhob. Wir stehen hier am Beginn einer ideologischen Tradition, die dem bürgerlich-konstitutionellen Nationalismus der Französischen Revolution einen völkischen Nationalismus entgegensetzte, der be­sonders in Deutschland - aber nicht nur dort - Karriere machen sollte. Mit der Berufung auf Abstammung und Blut »war eine Argumentationsebene beschritten, die weit von jeder geschichtswissenschaftlichen Begründbarkeit fortführte, über die Rassentheorien eines Grafen Gobineau und eines Houston Stewart Chamberlain zu den Wahnideen eines Adolf Hitler«. …

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1 alle Artikel unter kommunales/Stadtgeschichte http://www.forumaugsburg.de/s_2kommunal/Stadtgeschichte/index.htm

2 Zitiet nach: Schreiner, Klaus, Hrsg. Heilige Kriege: religiöse Begründungen militärischer Gewaltanwendung: Judentum, Christentum und Islam im Vergleich?; [vom 7. bis 9. November 2007 fand anlässlich der neunten Verleihung des Preises des Historischen Kollegs an Gerhard A. Ritter ein Kolloquium zum Thema „Heilige Kriege. Religiöse Begründungen Militärischer Gewaltanwendung: Judentum, Christentum und Islam im Vergleich“ als Kooperationsveranstaltung des Historischen Kollegs mit der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in der Kaulbach-Villa statt]. Schriften des Historischen Kollegs?: [...], Kolloquien 78. München: Oldenbourg, 2008. Seite 210

3 Universität Greifswald. „Zu den Diskussionen über die Ablegung des Namens Ernst Moritz Arndt“, Mai 2018. https://www.uni-greifswald.de/universitaet/geschichte/zum-universitaetsnamen/ .

4 Schenkendorf, Max von. „Literatur im Volltext: Max Schenkendorf: Gedichte, Leipzig o.J, S. 114.: Schlachtgesang“. Zeno.org. Zugegriffen 26. Januar 2020. http://www.zeno.org/Literatur/M/Schenkendorf,+Max+von/Gedichte/Gedichte/
Zweite+Abtheilung.+Vaterland/Schlachtgesang
.

5 Schreiner, Klaus, Hrsg. Heilige Kriege, a. a. O. Seite 209

6 Schreiner, Klaus, Hrsg. Heilige Kriege, a. a. O. Seite 208

7 Bratanovic, Daniel: „Rotlicht Völkisch“ Junge Welt, 12. Oktober 2016

8 G. Azzarà, Stefano: Die populistische Revolte. Vorabdruck. In Italien hat sich auf den Trümmern der parlamentarischen Institutionen ein neuer rechter Block formiert. Die Linke hat nichts zu gewinnen, wenn sie bei diesem Spiel mitmacht, Junge Welt, 27. Februar 2019

9 Hitler, Adolf. Mein Kampf. 2 Bände in einem Band, ungekürzte Ausgabe. 851.–855. Auflage 1943. München: Zentralverlag der NSDAP., Frz. Eher Nachf., G.m.b.H., 1943. Seite 172

10 Schreiner, Klaus, Hrsg. Heilige Kriege: religiöse Begründungen militärischer Gewaltanwendung: Judentum, Christentum und Islam im Vergleich?; [vom 7. bis 9. November 2007 fand anlässlich der neunten Verleihung des Preises des Historischen Kollegs an Gerhard A. Ritter ein Kolloquium zum Thema „Heilige Kriege. Religiöse Begründungen Militärischer Gewaltanwendung: Judentum, Christentum und Islam im Vergleich“ als Kooperationsveranstaltung des Historischen Kollegs mit der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in der Kaulbach-Villa statt]. Schriften des Historischen Kollegs?: [...], Kolloquien 78. München: Oldenbourg, 2008. Seite 236

11 Nach: Baur, Uwe, und Karin Gradwohl-Schlacher. Literatur in Österreich 1938-1945. Handbuch eines literarischen Systems. band 3: oberösterreich. Böhlau Verlag Wien, 2014.

12 Reichskulturkammer, ein Instrument der nationalsozialistischen Kulturpolitik

13 Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP), zuständiger Minister Josef Goebbels

14 Weger, Tobias. „Volkstumskampf“ ohne Ende?: sudetendeutsche Organisationen, 1945-1955. Peter Lang, 2008. Seite 166f.

15 Watzlik, Hans. „Hans Watzlik“. Text. Wissenschaftliche Bibliothek Südböhmen, 1. Januar 2001. https://www.kohoutikriz.org/autor.html?id=watzl .


   
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