KZ Außenlager Augsburg-Michelwerke, Ulmer Straße

Erinnerungen von Judith Kalman Mandel

Interview mit dem United States Holocaust Memorial Museum, Übersetzung Gerald Fiebig, erstmalige Veröffentlichung des deutschen Textes in schriftlicher Form

29. Mai 2019

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Das Zwangsarbeiterlager Augsburg-Pfersee im Gebäude der heutigen „Halle 116“ war nicht das einzige Außenlager des KZ Dachau in Augsburg. Neben dem Außenlager Haunstetten, das 1944 zerstört und durch das Außenlager Augsburg-Pfersee ersetzt wurde, gab es in der Ulmer Straße 160 a auch noch das Außenlager Augsburg-Michelwerke. Es befand sich in dem Gebäude, das heute den „Augsburger Gewerbehof“ beherbergt. Die Michel-Werke GmbH & Co. KG ist nach wie vor unter derselben Adresse im Branchenbuch zu finden. ( 1 )

Über dieses Außenlager schreiben Ludwig Eiber und Wolfgang Kucera in „Bauten erinnern. Augsburg in der NS-Zeit“ (2012): „Anfang September 1944 richteten die Augsburger Michelwerke in der Ulmer Straße ein KZ-Außenlager mit jüdischen Frauen aus Ungarn ein. Als diese in Augsburg eintrafen, hatten sie schon einen langen Leidensweg hinter sich: Zwangsarbeit in Ungarn, Deportation ins Vernichtungslager Auschwitz, Selektion, Überstellung ins Außenlager Krakau-Plaszow, Rücktransport nach Auschwitz, erneute Selektion, Abtransport nach Augsburg. Nur die Gesündesten und Kräftigsten hatten dies überstanden.

Die Frauen wurden im Fabrikgebäude der Michelwerke untergebracht. Im 2. Stock des Nordflügels befanden sich die Unterkünfte, auch die der Bewachung. Gearbeitet wurde im gleichen Gebäude bei den Michelwerken (elektrische Ausrüstung für Flugzeuge). Weitere Beschäftigungsstätten waren die Firmen Keller & Knappich (ebenfalls in der Ulmer Straße, Granatwerfer und Magazine) und die Industriewerke Lohwald (Neusäß, Herstellung von Tarnfarben). Mehrfach wurden die Frauen auch zu Aufräumarbeiten nach Bombenangriffen eingeteilt. Bei den Bombenangriffen selbst blieb ihnen ein Schutzraum verwehrt.“ ( 2 )

Zwei Berichte von Überlebenden geben auch Auskunft über deren Erfahrungen im Außenlager Augsburg-Michelwerke. Einer der Berichte ist das autobiografische Buch „I Have Lived a Thousand Years“ (1997) von Livia Bitton-Jackson, das seit 2004 auch auf Deutsch unter dem Titel „1000 Jahre habe ich gelebt. Eine Jugend im Holocaust“ vorliegt.

Der zweite Bericht sind die Erinnerungen von Judith Kalman Mandel, die sie 1978 in den USA zu Protokoll gab. Die Aufnahme und eine englische Transkription des Interviews sind im United States Holocaust Memorial Museum archiviert ( https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn509166 ). Die Forschungsgruppe von Prof. Philipp Gassert, die an der Universität Augsburg vor allem die Geschichte der „Halle 116“ erforschte, fand das Dokument dort bei der Suche nach Quellen mit Augsburg-Bezug.

2017 entwickelte das Theaterensemble Bluespots Productions in Zusammenarbeit mit dem Kulturhaus abraxas den Audiowalk „Memory Off Switch“ ( http://www.bluespotsproductions.de/projekte/memory-switch ). Er befasst sich, ausgehend von der „Halle 116“, mit Zwangsarbeit in Augsburg. Darin werden Berichte von Überlebenden aus Wolfgang Kuceras Standardwerk „Fremdarbeiter und KZ-Häftlinge in der Augsburger Rüstungsindustrie“ (1996) und dem Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau zitiert. ( 3 )

Darüber hinaus konnte dank der Recherchen der Forschungsgruppe Gassert auch der Bericht von Judith Kalman Mandel verwendet werden. Für den Audiowalk wurden zunächst nur Auszüge daraus ins Deutsche übersetzt. 2018 wurde der Text dann vollständig übersetzt und mit einem Glossar versehen, um als begleitendes Arbeitsmaterial für Schulklassen zu dienen. Erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde die deutschsprachige Fassung im November 2018 bei einer Lesung in der ehemaligen Synagoge Kriegshaber, veranstaltet vom Jüdischen Museum Augsburg Schwaben in Zusammenarbeit mit dem Kulturhaus abraxas. Mit freundlicher Genehmigung des United States Holocaust Museum wird die Übersetzung des Textes hier erstmals in schriftlicher Form veröffentlicht. Die genauen Quellenangaben und das Glossar sind mit im Dokument enthalten.

Gerald Fiebig

Erinnerungen von Judith Kalman Mandel

Interview mit Judith Kalman Mandel
Interviewer: United States Holocaust Memorial Museum
Interviewsprache: Englisch
Transkription: United States Holocaust Memorial Museum
Übersetzung: Gerald Fiebig
Interviewdatum: 1978
United States Holocaust Memorial Museum
Bestandsnummer: RG-50.233*0083 / 1992.A.0125.83
Verwendung mit freundlicher Genehmigung des United States Holocaust Memorial Museum



Vorbemerkung des Übersetzers: Der englische Text des Interviews mit Judith Kalman Mandel ist die wörtliche Abschrift eines gesprochenen Textes. Die Zeitzeugin spricht nicht in ihrer Muttersprache und benutzt bisweilen grammatikalisch nicht eindeutige Formulierungen. Bei der Übersetzung ins Deutsche musste daher stellenweise aufgrund des Zusammenhangs interpretiert werden, wie die Aussagen der Sprecherin gemeint sind. Manchmal lässt der Kontext mehrere Deutungen zu. Es ist nicht auszuschließen, dass der Übersetzer in einzelnen Fällen die Intention der Sprecherin missverstanden hat. Im Interesse der flüssigen Lesbarkeit wurde darauf verzichtet, die grammatikalischen Eigenheiten des englischen Textes im deutschen Text nachzubilden. Der deutsche Text ist also sozusagen sprachlich „korrekter“ als der englische Text. Passagen, die sich mangels Kontextinformationen nicht korrekt übersetzen ließen, sind mit Auslassungszeichen […] markiert. Fett gedruckte Wörter werden am Ende des Textes im Glossar erläutert.


Vor langer Zeit, 1944, habe ich ein Versprechen gegeben: Wenn ich das Konzentrationslager jemals lebend verlasse, werde ich die Geschichte erzählen. Davon, was mit uns passiert ist und was mit jedem anderen Menschen passieren könnte, der von Furcht, Angst, Diskriminierung und so weiter umgeben ist. Sehr, sehr lange Zeit wollten die Leute nicht zuhören, denn es war nicht schön. Meine Geschichte war nicht angenehm. Einige Menschen fühlten sich schuldig. Einige Menschen waren völlig desinteressiert, darum redete ich, so viel ich konnte – mit meiner Familie, mit jedem, der mir zuhörte. Ich will die Geschichte nicht als Andenken an mich hinterlassen, und nicht, damit man mich bemitleidet – sondern nur, damit sie lebendig bleibt. Damit sie niemals wieder passiert und niemals vergessen wird. Als es passierte, war ich ein junges Mädchen. Ich war sechzehneinhalb. Als ich herauskam, war ich hundert Jahre alt. Wie alle Überlebenden habe ich meine eigene Geschichte und wie alle Überlebenden habe ich meine eigene Version davon, meine eigene Interpretation, meine eigenen Fragen. Ich gebe sie euch zur Erinnerung und als Mahnung, nachzudenken, bevor man etwas sagt, bevor man sich über jemanden lustig macht oder ihn herabsetzt – daran zu denken, dass das tiefe Wunden schlägt. Ich möchte euch Mut geben und das Glück darüber, am Leben zu sein, sehen, riechen, berühren zu können, was man will, und einfach das Leben zu genießen. Also, beginnen wir mit der Geschichte.

Judith Kalman, geb. 23. August 1927 in Erdöbénye, Ungarn. Quelle: United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Judith Kalman.

Ich komme aus einem nicht religiösen Ort, aus einer nicht religiösen Familie, obwohl beide Großeltern religiös waren. Meine Eltern feierten nur Rosch-Haschanah und Jom Kippur, und wir waren in erster Linie Ungarn und dann Juden. Wir waren Ungarn, die zufällig Juden waren – sehr stolz darauf, dass wir assimiliert waren und zunächst sehr beliebt. Ich komme aus einer Kleinstadt, die meisten Leute kannten einander. Mein Onkel war ein ziemlich reicher Mann. Mein Vater gehörte zum Mittelstand und war gut angesehen. Meine Mutter war eine schöne, kluge Frau, zu der man aufsah. Ich rezitierte schon seit dem Alter von drei Jahren Gedichte und war ein recht hübsches Kind. Ich sonnte mich in der Liebe meiner Eltern, meines Onkels und, so dachte ich, der Leute um uns her. Und dann begann sich langsam, ganz langsam, alles zu ändern. Es kamen verschiedene Verordnungen der Behörden, und unser Nachbar hinterfragte nicht, warum ein Jude jetzt bestimmte Sachen nicht mehr durfte. Wir machten mit, mein Vater und alle anderen glaubten der jüdischen Hierarchie, die sagte: Es wird nichts passieren, wenn ihr euch an die Gesetze haltet. Wir sind Ungarn und euch wird nichts passieren. Nichts passierte, wir blieben zu Hause. Konnte man nicht mehr als Büroangestellter arbeiten, wurde man eben Maurer; so ging es meinem Vater. Als die Armee keine jüdischen Männer mehr aufnahm, gingen sie zum Arbeitsdienst ohne Uniform. Sie machten mit und lernten die Lieder und erfanden neue Lieder darüber, dass es egal ist, ob man – dass man eben auch für Ungarn die Feldarbeit macht. Dass sie immer noch gute Ungarn sind. Ich ging zur Schule, ich verliebte mich. Ich lachte, scherzte, ich radelte, ich rezitierte Gedichte. Ich besuchte die jüdischen Organisationen und lernte ganz allmählich, dass ich Jüdin war. Ich lernte es durch das Zeichen der ungarischen Nazipartei auf meiner Schulbank und dadurch, dass Kinder uns anspuckten und beschimpften. Natürlich gaben wir ihnen das zurück. Wir stritten und schrien und dann gingen wir heim. Da sagten sie uns, das sind Idioten, ha ha ha, macht euch nichts draus. Macht einfach weiter – als ob nichts passiert wäre. Das machten wir auch. Es kamen immer mehr Verordnungen. Ich erinnere mich daran, wie Hitler im Radio kam oder im Kino. Wir sahen die Wochenschau, den Pomp, das Marschieren – die ganze Pracht einer Wagneroper, und ich kam mir vor wie eine kleine Maus. Alle, die da im Gleichschritt marschierten, hatten es auf mich abgesehen. Aber man machte seine Witze, schüttelte es ab. Am nächsten Tag war wieder ein neuer Tag. Dann 1942 oder 41 betraf es die Schule: ich durfte nicht auf die höhere Schule gehen, weil ich Jüdin war. Einfach daheim bleiben und nichts tun konnte ich auch nicht. Ich begann also als Kosmetikerin zu arbeiten, während ein jüdisches Kind aus reicherem Hause noch auf eine andere Schule gehen konnte, wo man hier und da bezahlen musste. Die einen gingen also allmählich wieder zur Schule, während andere wie ich ein Handwerk lernten wie unsere Väter. Ich hätte eigentlich auf die einzige jüdische Ausbildungsanstalt für Lehrer gehen sollen. Die durfte mich aber nicht aufnehmen und jemand anders nahm mich auch nicht. So lernte ich wieder etwas und das Leben ging weiter. Ich hatte einen Lehrer, der mir sagte, wenn „alles wieder friedlich ist“, könnte ich leichter meinen Schulabschluss machen. Ich erinnere mich daran, wie Hitler in Polen einmarschierte. Ich erinnere mich an Gerüchte. Wir hatten dort Familie und Freunde, die ich kannte. Plötzlich hörte man von ihnen nichts mehr. So klammerte man sich noch etwas enger an die geliebten Menschen um einen her. Und lebte weiter.

Am neunzehnten März 1944 wurde Ungarn von den Deutschen besetzt. Ich war in Budapest. Es war meine große Chance, in einem großen jüdischen Veranstaltungssaal zu rezitieren. Das ging dann nicht mehr und ich machte mich heimlich auf den Rückweg in meine Heimatstadt Hatvan, nicht weit von Budapest. Dann wurden die Männer ins Arbeitslager gebracht, alle Männer bis sechzig. Die Frauen gingen nach Hause, und dann kamen wieder die Verordnungen. Wir mussten den gelben Stern tragen und ins Ghetto umziehen. Vom Ghetto aus wurden wir in eine Fabrik gebracht, eine Zuckerfabrik. Von dort brachte man uns dann wieder weg, mit unbekanntem Ziel. Wer Angst hatte, wurde damit beruhigt, dass man uns nur in ein Lager bringen würde – nein, kein Lager, sondern eine Stadt, in der alle Juden zusammenleben könnten. Wir würden es schon sehen. Und das glaubten wir. So war das …

Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen, an das erste Mal, dass sie uns zur Arbeit aufs Feld brachten. Sie holten 50 Leute aus dem Ghetto. Währenddessen kassierten die Deutschen und die ungarischen Nazis im Ghetto Geld für uns ein. Meine Mutter zog mich mit sich. Und so kamen wir nach einem ganzen Tag Arbeit zurück und die Bewohner dieser netten kleinen Stadt standen herum, während wir mitten im Dreck gehen mussten und dabei singen und den Boden küssen, wo vorher die Pferde gelaufen waren. Die Leute standen da, lachten und johlten und klatschten. Ich erinnere mich an die Gesichter um mich her. Ich erinnere mich an die Angst vor dem Sterben. Wie ein Messer traf sie mich. Ich erinnere mich an den Hass, der über mich kam, als ich meine sogenannten Freunde in der Menge sah, die lachten und auf mich zeigten. Ich erinnere mich auch an ein anderes Mal, als das Nachbarskind mich nicht mehr grüßte, weil ich den gelben Stern tragen musste. Es gab ein paar nette Leute – die sich ein paar nette Worte abrangen, wahrscheinlich war es ihnen sehr peinlich. Aber keiner stellte Fragen, keiner fragte warum. Ganz plötzlich waren ehrbare, gesetzestreue Bürger weniger wert als Dreck. Man nahm ihnen ihr Eigentum weg und ihre Freiheit. Man säte Angst. Ich sah, wie Leute auf der Straße verprügelt wurden und niemand ihnen half. Ich erinnere mich, wie die sogenannte ungarische Polizei uns gnadenlos verprügelte, gnadenlos. Wir lernten, still zu sein. Wir lernten, Juden zu sein, redeten über Palästina und waren keine Ungarn mehr. Ich erinnere mich, dass wir alles abgeben mussten: Schmuck, Radios, Fahrräder, Plattenspieler, Wertsachen, Schmuck, den Ehering meiner Mutter. Ich erinnere mich, dass wir nur 50 Pfund, nein, 100 Pfund, also 50 Kilo von zu Hause mitnehmen durften ins innere Ghetto. Seit ich ein Baby war, hütete meine Mutter meine Aussteuertruhe, jetzt wurde alles zerrissen. Die Bilder aus den Fotoalben, und ich musste raus aus meinem Haus. Alles auf unserem Rücken. Meine Mutter und ich waren die letzten, die aus ihrem Heim vertrieben wurden, weil alle meinen Vater so mochten. Ja, freilich! Ich hatte ihn auch lieb. Ich erinnere mich, wie meine Mutter schrie und weinte, als ich das schöne unbenutzte tschechoslowakische Geschirr, das Glasgeschirr, zerschlug und sagte: Wenn ich es ich nicht benutzen kann, dann auch kein anderer. Sie hatte ein Perlencollier, hier nennen sie es Richelieu-Perlen. Die waren nicht rund, eher anders, mehr birnenförmig. Ich warf es im Bad in die Toilette. Wenn ich es nicht haben konnte, dann auch niemand anders. Aber ich erinnere mich auch daran, wie meine Mutter das Haus putzte, bevor wir gingen, es sollte ordentlich sein. Ich habe mit ihr gestritten, lass sie doch und verbrenn das und lass sie nicht – das gefällt denen doch noch. Aber meine Mutter lächelte und sagte, ach, wir kommen doch wieder. Ich erinnere mich auch, dass zwei Bauern vorbeikamen, die meinen Vater mochten und uns verstecken wollten. Also, wenn wir jetzt in Yonkers wohnen, wäre das so, wie wenn der eine mich in New Rochelle versteckt hätte und der andere meine Mutter in Hastings. Wir wussten ja viel zu wenig von dem, was in der Welt vorging und nichts von dem, was auf uns zukam. Darum wollte meine Mutter sich nicht getrennt von mir verstecken, sondern sagte: „Ich kann doch nicht von meinem Kind weggehen. Was auch immer passiert, passiert mit uns beiden, denn ich lasse mich nicht von ihr trennen.“ Tja, Mengele hat uns getrennt, Doktor Mengele in Auschwitz. Meine Mutter wollte sich umbringen, als wir in diesen Zug nach Auschwitz steigen mussten, und ich ließ sie nicht. Vielleicht hätte ich sie lassen sollen, ich weiß es nicht. Jedenfalls haben wir auf die ganz, ganz harte Tour gelernt, was es heißt, Jude zu sein, mit viel, viel, viel Schmerz und viel Enttäuschung. Ich habe immer die beneidet, die gläubig waren, die man als jüdische Kinder religiös erzogen hatte, denn die hatten immerhin etwas Hintergrundwissen. Ich war bloß einfach vor allem Ungarin. Und wie ich die Zigeunermusik liebte, die sie dauernd spielten, und die ungarischen Dichter, und wie inbrünstig ich sie rezitierte. Aber dann befasste ich mich mit jüdischen Dichtern und mit Palästina. Unsere jüdische Hierarchie, sogar unser Rabbi, wollte aber zu dem Zeitpunkt nichts davon wissen. Da hieß es nur: Haltet euch an die Regeln und an die Gesetze, und es wird nichts passieren. Wir sind Ungarn und uns wird nichts passieren. Ungarn lässt uns nicht im Stich. In der Eichmann -Zeit haben wir es ja dann gehört: Ungarn hat die Deutschen dafür bezahlt, uns zu deportieren. Am 12. Juni 1944 wurden wir von Hatvan aus in einen Güterzug gesteckt und begannen unsere Reise. Am fünfzehnten Juni 1944 kamen wir in Auschwitz an. An diesem Tag hörte ich das Wort zum ersten Mal: Auschwitz. Es war eine riesengroße Anlage, und es stank fürchterlich. Menschen hasteten auf Krücken umher, alle in Schlafanzügen oder so was Ähnlichem, ohne Haare. Ich fragte meine Mutter: „Sind wir in einem Irrenhaus?“ Wir mussten aus dem Zug aussteigen und all unser Gepäck, unsere Papiere, die Ausweise mit unseren Namen blieben im Zug zurück. Wir mussten vor der SS vorbeigehen. Wir wurden selektiert, eine rechts, eine links. Ich wurde von meiner Mutter getrennt. Mich schickten sie nach rechts. Sie nach links. Meine Freundin war als nächste an der Reihe. Sie hörten, wie Mengele und der Aufseher auf meine Mutter einredeten, die weinte. Warum weinen Sie? Ihre Tochter geht schon voraus und wartet auf Sie mit Kaffee und einem warmen Bett. Gehen Sie nur mit den anderen. Sie sind so jung und hübsch; dass Sie überhaupt schon so eine große Tochter haben! Gehen Sie nur mit den anderen, dann sehen Sie Ihre Tochter gleich wieder. Meine Mutter ging und ich ging auch. Sie war 38 Jahre alt. Ich wurde in ein Badehaus gebracht. Ich hatte einen Gürtel, einen breiten Ledergürtel, in den hatte meine Mutter Geld und ein Klappmesser eingenäht. Wenn mich jemals jemand angreifen würde, sollte ich das benutzen. Das hätte einer hören sollen: In Fetzen wirst du gehen, ohne Haare, ohne Namen, manchmal nackt, weil es für mich keine Kleider gab. Wir wurden in eine große Baracke gebracht. Man wusste nicht, wer drin war, und es waren ungefähr eintausend Menschen in einer Baracke. Wir schliefen auf dem Boden. Es gab kein Essen, es gab keine Toilette, es gab keine Würde. Es gab nichts. Man stand um drei Uhr morgens auf, man wurde gezählt, dann trieben sie einen wieder in denselben Raum zurück. Man konnte nicht hinausgehen. Man legte die Hand auf seinen haarlosen Kopf, um zu wissen, ob es ein Alptraum oder Wirklichkeit war. Dann weinte ich und fragte eine der Kapos , ein slowakisches Mädchen: „Wo ist meine Mutter?“ Sie zeigte auf einen Kamin. Sie sagte: „Die brennt da drüben.“ Natürlich konnte man das nicht glauben. Man sah seine Freunde, sich selber sah man ja nicht, und fing an zu lachen, weil man sich in diesem Zustand nicht mehr wiedererkannte. Dann dämmerte es einem allmählich: Das ist so, das ist real, es ist hier und man erlebt es wirklich. Man versucht sich anzupassen und sich eine neue Familie zu schaffen, man musste irgendwo dazugehören. Jemanden finden, den man gernhaben konnte, sich selbst gernhaben, und das war nicht einfach, dort jemanden gernzuhaben, nicht einmal sich selbst oder seinen Allernächsten. Man kämpfte um alles, und wenn es ein Stück Apfel auf dem Boden war, damit es einem keiner wegschnappt. Und das Brot musste man verstecken. Ich habe mein Brot aber nie versteckt, sondern immer sofort gegessen. Ich war immer hungrig, unfassbar hungrig, und der Hunger tat weh. Glauben Sie mir, Hunger ist Schmerz. Aber drei Dinge habe ich hochgehalten, so tief wollte ich nicht sinken. Ich habe nie etwas von meinen Mithäftlingen gestohlen; ich habe mich nie um Essen geprügelt; und ich habe nie auf dem „Kübel“ gesessen. Der Kübel war ein Fass, das ich raus- und reintragen musste, aber ich habe nie darauf gesessen. Das empfand ich als den absoluten Tiefpunkt der Erniedrigung, es war voller Durchfall und der Scheiße und dem Urin von allen, und das war's. Ich konnte mich nicht vor aller Augen da draufsetzen. Also stand ich früh auf und brachte ihn raus zur Latrine, bevor die anderen auf waren. Ich machte lieber die Arbeit im Latrinenkomitee, als da drauf zu sitzen. Es ist lächerlich und dumm, aber ich konnte das einfach nicht. Das nennt sich Würde. Menschenwürde, wie sie eine Sechzehnjährige versteht. Das Essen, das wir bekamen, war Abfall. Wenn wir überhaupt etwas bekamen, war es absichtlich versalzen, und dann gaben sie uns kein Wasser; oder sie gaben uns schwarzen Kaffee ohne Zucker oder eine Art Tee. Am Anfang war man noch nicht so weit, dass man das überhaupt essen konnte. Wir waren da ungefähr zwei, drei Wochen lang. Dann im Juli wurde ich nach Krakau- Plaszow gebracht – für mich war Krakau-Plaszow der schlimmste Ort. Es war ein jüdischer Friedhof. Da gruben wir die marmornen Grabsteine aus, die wurden dann nach Krakau gebracht, und man machte neue Rinnsteine draus. Ganz oft hackte man in die Erde und stieß auf Skelette, Knochensplitter und Schädel. Die Arbeit war grauenhaft. Das war keine produktive Arbeit, das war reine Folter. Wir nahmen die, na, Grabsteine, diese großen Steine. Sechs, sieben, acht Mädchen wurden als Zugtiere benutzt und mussten Karren ziehen. Es gab Schläge, andauernd gab es Schläge, und große Deutsche Schäferhunde – die waren darauf abgerichtet, den Frauen die Brüste und den Männern die Hoden abzubeißen, wenn jemand aus der Reihe tanzte. Ich sah, wie die Gestapo Leute schlug und nach irgendwelchen blödsinnigen Geheimnissen befragte. Ich sah, wie die Leute gefoltert wurden – dort sah ich, wie man kleine Kinder, die noch halbwegs lebendig waren, verbrannte, und hörte ihre Schreie. Es gab keinen Gott. Gott hörte nicht zu, und ich sagte, es gibt keinen Gott. Aber wir versuchten es weiter. Man hatte noch so etwas wie Menschenwürde und würgte den Abfall hinunter, der Essen genannt wurde. Wenn der Hunger sehr wehtat, weinte man, wenn es keiner sah. Sechs, sieben Mädchen von uns fanden sich als Gruppe zusammen, man hatte ja sonst niemanden. Eine ernannten wir zur Mutter und wir gaben aufeinander acht. Eine holte Wasser, die andere Essen, und jede versuchte die anderen zu schützen. Wir machten Witze, um den Kopf nicht hängen zu lassen. Eine war Opernsängerin, nachts sang sie, und ich rezitierte Gedichte. Eine andere war Lehrerin und brachte uns Sachen bei. Wir sprachen über Widerstand – das war unser Widerstand. So tief konnten sie uns nicht herunterdrücken, dass wir das nicht mehr gemacht hätten. Man klammert sich an seine Menschlichkeit und stellt sich vor, sie wären weg. Dort in Krakau wurde ich krank und ins Krankenhaus gebracht. Ich bekam Typhus und überlebte. Ich sang. Die polnischen Juden waren immer noch in ihren Ghettos, und manche hatten noch zu essen. Also sagten sie mir, ich solle singen, dann würden sie mir zu essen geben. Ich hatte Fieber, aber ich sang und sang. Manchmal bekam ich Essen. Es gab Gerüchte, dass wir wieder weggebracht werden würden. Eine Freundin kam und schmuggelte mich aus dem Krankenhaus, sie versteckte mich in dem, was sich da Bett nannte. Dann wurden wir wieder zurück nach Auschwitz gebracht.

Krakau war für mich der schlimmste Ort und das Allerschlimmste war der Hauptmann auf einem weißen Pferd. Seinen Namen kenne ich nicht. Ich weiß, dass er später gehenkt wurde. In Krakau bekam ich so viele Schläge und dachte so oft daran, mich umzubringen. Kann so nicht leben – geh ich in den elektrischen Zaun. Ich hatte eine Freundin namens Kathy, ein schönes, intelligentes, liebes Mädchen, voller Energie. Sie hielt mir eine regelrechte Ansprache. Sie sagte: Schau mich an, ich schlucke das alles runter, was sie mir hier zumuten, und dann gehe ich irgendwann nach Hause und zahle es ihnen heim. Ich stehe das durch, dann schaffst du das auch. Und dann rutscht sie aus und fällt dabei in den Zaun, greift nach dem elektrisch geladenen Draht und war in einer Sekunde tot, die Kathy. Es gab auch andere Mädchen, eine Freundin war Susie. Ihr Auge war – einer der Kapos begann sie zu schlagen und schlug ihr in die Augen. Ihre Augen drückte es heraus. Auf einem Auge wurde sie blind. Andauernd wurde geschlagen und gekämpft und getötet. Wenn es die Deutschen nicht machten, dann die jüdischen Kapos. Für einen Goldzahn brachten sie Leute um und rissen ihnen die Zähne heraus. Essen war alles. Jeder dachte dauernd nur daran, und währenddessen wurden wir magerer, kränker und zerlumpter und bekamen überall Eiterbeulen. Sie gaben uns nur Lumpen und mit denen bekamen wir Läuse. Es war eine schreckliche, schreckliche Zeit. Die Angst voreinander, von den Juden untereinander, und wenn die Deutschen kamen in ihren schönen sauberen Kleidern, lachten sie und fassten uns nur mit weißen Handschuhen an. Man fühlte sich immer niedriger und wertloser. Dann sagte man sich, nein, ich bin nicht weniger wert als sie, ich bin genauso genauso viel wert, sogar mehr. Einmal sah mich ein junger deutscher SS-Mann. Es war im August, wir arbeiteten auf dem Feld und das Wetter war eigenartig. Morgens und nachts war es extrem kalt, aber tagsüber war es sehr heiß. Er trank aus seiner Feldflasche. Als er trank, schluckte ich. Er drehte sich zu mir um und bot mir aus seiner eigenen Feldflasche zu trinken an. Ich war zerlumpt und verdreckt, schaute ihn an und sagte: Sie bieten mir etwas an? Er sagte: Ja, warum nicht? Ich hasse Sie nicht. Ich sah ihn an und sagte: Wie können Sie dann das hier um sich herum mit ansehen? Er sagte: Das ist mir egal. Ich befolge nur Befehle. Morgen werde ich Sie ohne Zweifel erschießen, wenn man mir das befiehlt. Ich sah ihn an und sagte: Sagen Sie mir doch bloß eines, wie können Sie nach dem hier noch schlafen? Wie können Sie sich hinlegen und zur Kirche gehen oder sich um Ihren Freund kümmern, heimgehen und ein Mädchen küssen? Können Sie jemals wieder leben wie normale Menschen? Er sagte: Oh ja, ich befolge ja nur Befehle. Das war schon im Juli 1944, als die Amerikaner schon in Frankreich waren. Ich wusste nichts von meinem Vater. Ich glaubte nicht, dass meine Mutter tot war. Wir kamen wieder weg und hofften wieder. Es kursierten Gerüchte, dass wir nach Hause fahren würden. Oder dass wir wegkommen würden von hier oder dass sie uns da oder dorthin bringen würden. Man klammert sich an Hoffnungen. Ich erinnere mich, als es dieses Attentat auf Hitler gab, als man versucht hatte, ihn umzubringen. Danach wurde jeder zehnte Häftling umgebracht. Wir wussten nicht, warum. Ich erinnere mich aber, wie sie weggebracht wurden. Es war extrem still in unseren Baracken. Jemand begann zu beten. Das hörte dann auch auf. Ich erinnere mich, dass wir vergewaltigt wurden. Nicht von Deutschen, sondern von Kapos. Obwohl es nicht unbedingt Vergewaltigung sein musste, denn es gab einen Preis. Der Preis für ein Mädchen war ein Stück Butterbrot, der Marktpreis für eine Frau war ein Stück Brot und eine Zwiebel, weil es weniger Arbeit war. Ich kam nie in Versuchung, da hinzugehen. Das war mir zu wenig. Wäre es etwas mehr gewesen, hätte ich es mir vielleicht überlegt. Hunger ist sehr schmerzhaft. Ich war immer, immer hungrig und durstig. Ich fand meine Freundin, meine allerbeste Freundin von Kind an, und sie verkaufte mir Wasser gegen Brot. Im August wurden wir aus dem Ghetto Krakau-Plaszow evakuiert und zurückgebracht nach Auschwitz. Es war eine Fahrt von drei Tagen. Das war das erste Mal im August, dass sie uns Hering gaben und drei Tage lang kein Wasser. Sie steckten uns in einen Zug. Zuerst 80 Menschen in einem Güterzug. Dann steckten sie mehr und mehr hinein. Die Menschen drehten völlig durch. Der Hunger tat schon weh, aber Durst ist viel schlimmer. Es gab Menschen, die ihren eigenen Urin und ihr Blut tranken, und dann starben sie. Jeder kämpfte darum, einfach nur mit seinen Füßen auf dem Boden zu stehen zu kommen. Wir warfen die Toten an ein Ende des Waggons. Dann kamen wir in Auschwitz an. Oh ja, und in der Zwischenzeit öffneten sie einmal den Waggon – wir schrien nach Wasser, flehten um Wasser. Ein Soldat kam mit Wasser und schüttete es auf uns, ließ uns nicht trinken. Wir kamen in Auschwitz an. Wieder gab es eine Selektion und wieder überlebte ich. Ich schlief die ganze Nacht in einer anderen Baracke. Da war ich von abends bis morgens mit meiner Tante zusammen, ohne dass ich es wusste. Erst am Morgen nach dieser Nacht entdeckte sie mich, als wir in einen anderen Teil von Auschwitz gebracht wurden. Sie arbeitete in der Nähe des Krematoriums. […] Sie hatten eine „gute Position“. Sie konnten an Essen kommen, sie sortierten die Kleider und Nahrungsmittel aus dem Gepäck der Deportierten.

Ich fragte sie, wo meine Mutter sei, und sie erzählte mir vom Krematorium. Ich wurde geschlagen und sah auch, wie man sie schlug. Sie spuckte einen Zahn aus und ich zwei. Aber ich hatte jemanden, ich wusste, das jemand aus meiner Familie noch am Leben war. Ich erfuhr, dass meine Großmutter gestorben war, meine Mutter gestorben war, meine Cousins gestorben waren, und glaubte der ersten Kapo, die mir gesagt hatte, dass sie dort Menschen verbrennen. Erst jetzt glaubte ich es. Ich wollte nicht mehr leben, aber ich wollte auch nicht mehr sterben. Ich kämpfte nicht mehr darum, am Leben zu bleiben.

Ich hatte nur einfach Glück oder Pech. Jeder Überlebende, der Ihnen oder irgendjemandem erzählt: Zum Glück habe ich das getan, deshalb habe ich überlebt. Ich habe dies getan und ich war klug und ich habe das getan und deshalb habe ich überlebt. Sie lügen alle. Oder wollen es – wollen einfach daran glauben, denn in Wirklichkeit war es reiner Zufall, wer zurückkam und wer nicht. Einfach nur Zufall.

Wir waren also wieder in Auschwitz. Diesmal hatten wir Pritschen und Stockbetten. Wir bekamen eine graue Uniform, ohne Streifen, nur einfarbig grau. Wir wurden entlaust und arbeiteten immer noch nicht. Wir wurden jedes Mal geschlagen, wenn jemand nicht genau in der Reihe stand, und jedes kleine „undisziplinierte Verhalten“ war Grund genug für Schläge. Immer noch wurden die Toten gezählt. Dann im September wurden wir in eine Fabrik nach Augsburg gebracht. Dort arbeiteten wir in einer Flugzeugfabrik. Das rettete mein Leben. … In Auschwitz wurden unsere Hände tätowiert. Wir bekamen wieder die graue Uniform. Wir durchliefen wieder eine Selektion. Wieder die übliche Fahrt mit dem Güterzug. Fünfhundert von uns wurden nach Augsburg gebracht in eine Fabrik. In Augsburg arbeitete ich zum ersten Mal außerhalb des Lagers für die Bombe. Aufräumen nach den Bombenangriffen. Oft fand ich, dass man uns da, wo wir hingehen mussten, Essen hingestellt hatte. Dann kam der Oktober und wir hörten, dass Horthy, unser ungarischer Regierungschef, nach Deutschland gegangen sei. […] Am Nachmittag hörten wir, dass die ungarische SS-Partei die Regierungsgeschäfte übernommen hatte. Wir scharten uns wieder umeinander. Wir hatten eine Mutter, Marta, und ich hatte eine Freundin, Veronica, und noch eine andere Freundin, die tatsächlich aus Hatvan kam, meiner Heimatstadt. Sie hieß Elisabeth und war sehr gut zu mir. Sehr gut bedeutet immer: Essen. Sie gab mir Essen. Sie gab mir ihre Portion. Sie war auch sonst ein anständiges Mädchen. Marta war unsere Mutter und wir hingen sehr aneinander. Wir sprachen darüber, wie wir rauskommen würden, wann es sein wird, ob es überhaupt je vorbei sein wird. Dass wir zusammen sein werden. Wir gaben mehr oder weniger die Hoffnung auf, dass wir noch irgendjemanden von unseren Familien finden werden. Manchmal glaubten wir, dass wir es bis nach Palästina schaffen würden – manchmal glaubten wir nicht einmal, dass wir am nächsten Tag aufwachen würden. Wir waren sehr glücklich, wenn die Amerikaner unsere Stadt oder sogar unsere Fabrik bombardierten. Uns lag nichts daran, am Leben zu sein. Es war nicht mehr wichtig. Das Wichtige war, dass man davon erfahren sollte. Die Juden in aller Welt sollten davon wissen. Und dass Hitler besiegt werden würde. Dauernd kursierten Gerüchte.

 
(links) Ilona Karfunkel Kalman, Judiths Mutter, geb. am 12. Mai 1906 in Erdöbénye, Ungarn. Im Juni 1944 traf sie zusammen mit ihrer Tochter Judith im Vernichtungslager Auschwitz ein. Mutter und Tochter wurden getrennt, Ilona Karfunkel Kalman wurde kurz nach der Ankunft in Auschwitz vergast. Quelle: United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Ilona Karfunkel Kalman.
Terez Goldberger Kalman, ca. 1851 – 1944, Judiths Großmutter väterlicherseits. Nach der deutschen Besetzung Ungarns 1944 wurde ihr von ungarischen Gendarmen mitgeteilt, sie werde am nächsten Tag in das Ghetto nach Satoraljaujhely gebracht. Am folgenden Tag fanden die Gendarmen sie tot auf. Quelle: United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Terez Goldberger Kalman.
 

Nach zwei oder drei Monaten Einsatz außerhalb der Fabrik kam ich im November endlich in die Fabrik selbst. Da hatte ich auch wieder Glück, denn das hat mich gerettet. Ich arbeitete Seite an Seite mit einer deutschen Frau und einem deutschen Mann auf der anderen Seite. Sabotage bei der Arbeit war also unmöglich. Alles, was wir machten, ging noch mal durch die Hände der Deutschen. Ein deutscher Mann, ein wirklich schöner Mensch, obwohl sie wenig zu essen hatten, gab uns zwei Häftlingen [ im Original Deutsch], uns zwei Gefangenen, uns zwei Knastschwestern, jeden Morgen etwas zu essen. Ich fand Essen an meinem Platz und meine Freundin an ihrem. Es gab dort eine Waschgelegenheit und im Großen und Ganzen besseres Essen. Im Winter ging es ums Überleben. Ich lernte in Holzschuhen oder ganz ohne Schuhe zu gehen. Ich lernte, wie man während der Arbeit oder im Stehen schläft. Um die Weihnachtszeit bekam ich eine Blutvergiftung. Ich wurde an meinen Armen operiert und ein jüdischer Arzt kam zu uns. Es hieß, sie würden mir den Arm abnehmen. Ich hatte über 40 Fieber und überlebte das, ohne dass ich auch nur ein Aspirin bekommen hätte. Nach der Operation wachte ich auf und versuchte meinen Arm zu berühren, und er war da. Dann griff ich weiter hinunter, und meine Hand war da, aber ich hatte Angst, meine Finger zu berühren. Meine Finger waren da! Alles in allem hatte ich also Glück. Eine Brustfellentzündung hatte ich dort auch. Auch die überlebte ich ohne ein Aspirin oder irgendwas. Ich wurde hinausgebracht, um die Bomben unschädlich zu machen. Die Deutschen dachten, wir wären sehr mutig, aber in uns war einfach keine Angst mehr. Es war egal, ob wir tot waren oder lebendig oder was auch immer; ob auf sie eine Bombe fiel, war aber nicht egal. Wir waren immer sehr glücklich, wenn die amerikanischen Bomber kamen. Die Flugzeuge kamen und die Bombardierung war in unseren Augen wunderschön. So war unsere Verfassung: Wir wünschten uns zu sterben. Immer wenn sie uns rausbrachten, gingen sie selbst in den Bunker – uns brachte man bloß runter an einen Ort, von dem wir nicht flüchten konnten. Es war herrlich. Wir sangen, wir aßen unseren Proviant – also die, die Essen aufgespart hatten. Ich hob nie etwas auf, mir war es vollauf genug, es aufzuessen. Fast alle von uns überlebten an diesem Ort bis März [1945], als wir wieder weggebracht wurden.

Wir wurden nach Mühldorf-Waldlager gebracht. Gleich bei der Ankunft sah mich ein junger Schreiber – der die Namen und Nummern der Leute aufschrieb –, sah auf und sagte zu mir: „Oh, meine Schwester.“ Ich sagte: „Sie irren sich, ich bin nicht Ihre Schwester.“ Er nahm meinen Namen und meine Nummer auf […] und dann küsste er mich. Er sprang auf und küsste mich: „Oh, meine Schwester, meine liebe Schwester.“ Ich sagte: „Nein, ich bin nicht Ihre Schwester“, sagte ihm meinen Herkunftsort, meinen Namen und meine Häftlingsnummer. Danach zeigte er mir sehr leise, wo ich hin musste – da schliefen wir auf der nackten Erde. Zwischen den Betten war ein Graben. Ein Graben, in dem wir gingen, und über uns war ein Zeltdach. Wieder sah ich in unserer Nähe einen Mann, der nur noch ein Skelett war. Die ganze Anlage war von einem Elektrozaun umgeben, aber zwischen den einzelnen Lagern waren nur normale Drahtzäune. Ich ging zurück in meine Baracke oder vielmehr – mein Zelt. Dort bekam ich eine Nachricht von einer, die schon länger im Lager war: Man habe mich zu dem Drahtzaun gerufen, wo sich Männer und Frauen treffen. Das waren die Hierarchien: Die Kapos, die Ärzte usw., die hatten mehr Energie, weil sie mehr Nahrung bekamen. Dadurch konnten sie sogar an solche Dinge denken. Nicht unbedingt nur Sex. Aber sie waren vielleicht etwas mehr wie Menschen normalerweise sind: mit einem Bedürfnis nach Gesellschaft und Nähe, anstatt nur an Essen und unmittelbare Gefahren zu denken. Jedenfalls ging ich nicht hin. Am zweiten Tag musste ich zum Arbeitseinsatz. Ich arbeitete in der Nähe der Küche, und nachts bekam ich wieder eine Nachricht, dass ich hinausgehen und diesen Schreiber treffen sollte. Aber ich war stolz oder dumm oder was weiß ich, keine Ahnung – deshalb schickte ich eine Nachricht zurück, dass ich kein Stück Vieh für die Fleischbeschau bin und er mich in Ruhe lassen soll. Und am nächsten Tag war ich draußen bei der Arbeit in einem unterirdischen Flugplatz. Das war 1945, im März. Sie packten mir Zement auf die Schulter, den ich zwei Stockwerke hochtragen sollte. Der Zement wog um die 25 Kilo und musste zwei Treppen hoch. Ich – sie packten ihn mir auf die Schulter und ich fiel damit um. Sie packten ihn mir noch einmal auf die Schulter, und ich fiel wieder. Also wurde ich zurückgeprügelt, von der Arbeit zurückgeprügelt ins Lager, das einen guten Kilometer entfernt war. Am Eingang empfing mich dieser Junge. Sein Name war Eddy Binbaum aus Kejnark, und er wartete da und fragte nach meiner Nummer, meinem Namen und meiner Nummer. Er wollte nicht nur den Namen wissen, sondern auch die Nummer. Als ich gehen wollte, sagte er: „Jetzt wirst du zum Zaun kommen“ und ich sagte: „Ja, klar“. Ich ging hin, und wir redeten. Er erklärte mir, dass er mich für seine schon lange vermisste Schwester gehalten hatte und erzählte, dass er im Warschauer Ghetto gewesen sei. Er gab mir durch das Tor hindurch Essen und sorgte dafür, dass ich eine sehr leichte Arbeit bekam. Ich wurde in den Wald geschickt, um Eicheln zu sammeln. Sogar eine Zahnbürste bekam ich, so etwas hatte ich schon fast ein Jahr nicht mehr gesehen. Ich mochte ihn nie. Sein Verhalten machte mir immer irgendwie Angst. Aber aus diesen Erlebnissen lernte ich viel. Nämlich, dass man nie vorher wissen kann, was man unter bestimmten Umständen tun wird, um zu überleben. Denn wenn dieser Junge mich zu dieser Zeit, nach den Prügeln, vor die Entscheidung gestellt hätte, dorthin zurückzugehen oder mit ihm zu schlafen, dann hätte ich ihn rangelassen. Und ich glaube nicht, dass ich mich dafür jemals schämen würde. Ich weiß es nicht sicher, es kam nicht bis zu dem Punkt. Aber ich verstand bestimmte Sachen ein wenig besser. Ich komme auf diese Geschichte auch noch mal zurück, dann wird das noch besser verständlich. Wir waren dort nun also bis April [1945].

Am 24., nein, 23. April gab es einen Fliegerangriff, und viele Häftlinge entkamen. Da rasierten sie mir einen knapp acht Zentimeter breiten Streifen in mein gerade nachwachsendes Haar, sodass ich aussah wie ein Indianer oder ein Hare-Krishna-Jünger, bloß andersrum. Das war eine Form der Bestrafung. Jedenfalls wurde ich mit den restlichen 500 Mädchen und dem Rest des Lagers zum Zug gebracht. Ganz plötzlich kam dieser Schreiber mit zwei SS-Männern und rief meinen Namen und meine Nummer. Er sagte dem SS-Chef, dass ich nicht reisefähig sei, weil ich Typhus hätte. Ich solle mit ihm zurückkommen ins Lager. Wie ich schon sagte, hatte ich Angst vor ihm. Als ich vom Zug kletterte, sagten ein paar, die auch aus meinem Heimatort waren: „Geh nicht. Sonst bist du eine Hure. Er macht das doch nur, damit du mit ihm schläfst.“ Also ging ich nicht. Ich stieg hinunter und sagte: „Mir geht es schon viel besser. Ich bin wieder gesund und muss nicht ins Lager zurückgebracht werden.“ Darauf sagte mir der Junge leise, es habe ihn eine Menge Geld gekostet – nein, Gold, nicht Geld! – mich aus dem Transport herauszuholen. Sie würden uns nämlich nach Innsbruck bringen und uns alle mit Benzin-Injektionen töten. Benzin-Injektionen, damit wir schneller brennen. Inzwischen sahen wir jedes Mal, wenn wir ein Lager verließen, ob Augsburg oder Mühldorf oder Waldlager, wie die Deutschen versuchten, alle Hinweise auf ein Lager auszulöschen. Die Papiere und alles brannte. Sie waren in panischer Eile, ihre Spuren zu verwischen.

Zu dieser Zeit schwor sich meine Gruppe: Wenn irgendwer von uns überleben sollte, werden wir reden, damit nicht vergessen wird, wie sehr die Deutschen, die SS versucht haben, alles zu vertuschen. Wer überlebt, wird reden. Mit diesem Wissen von den Benzin-Injektionen stieg ich also wieder in den Zug und saß da. Ich erzählte niemandem von unserer Zukunft. Ich dachte mir, was mit dem Rest passiert, soll auch mit mir passieren. Saß da. Am 27. April öffneten die Deutschen den Zug und sagten uns, dass wir frei sind. Es war ein wunderbarer, sonniger Nachmittag. Der Ort hieß Poing, es war Frühling. Alle rannten weg vom Zug. Ich kletterte hinunter und wurde hysterisch. Ich weinte, stand neben dem Zug, küsste die Erde, kam nicht mehr hoch. Ich war einfach gelähmt, konnte nicht aufstehen. Meine Freundinnen versuchten mich vom Zug wegzuziehen. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich war abgemagert, und das Wissen um den bevorstehenden Tod und die Benzin-Injektionen und das alles für mich behalten zu müssen, war einfach zu viel. Und dann sagen die Wachen plötzlich, wir sind frei. Es dauerte gut fünf Minuten, dann hörten wir die Maschinengewehre. Wir waren komplett von der SS umzingelt und wie mit einer Sichel – ich weiß gar nicht, wie ich das sagen soll, was ich da gesehen habe. Wie der da mit diesem Ding in seiner Hand, Tod und Sichel, einfach mit dem Maschinengewehr, einen kompletten Kreis zog. Ich sah die Mädchen fallen, die so lange zusammengehalten hatten, manche von Anfang an. Dann konnte ich aufstehen – und wie ich sprang, ich sprang zurück in den Zug, zurück in den Güterzug. Und wir begannen unsere Kameradinnen wieder zu uns hereinzuziehen, die Mädchen, die sich noch hochziehen konnten. Der Zug fuhr wieder weiter, und am 28. April kam der amerikanische Bomber. Er nahm unseren Zug mit Maschinengewehrfeuer unter Beschuss, weil die Deutschen in Poing einen Flak-Waggon an unseren Zug gehängt hatten. Mit dem hatten sie begonnen, das amerikanische Flugzeug zu beschießen. Und im Gegenzug stießen die Amerikaner herunter und schossen auf uns. Diese Zugfahrt war mein Tiefpunkt. Ich wusste, jetzt werde ich ein Muselmann. Das heißt nicht nur, dass man stirbt – man gibt auf. An den Moment, als ich aufgab, erinnere ich mich noch wie gestern. Sogar besser als an gestern. Ich war im Zug und jemand ließ ein Stück Brot liegen, nur einen Krümel. Ich kämpfte sehr mit mir, ob ich es stehlen sollte oder nicht. Als ich mich umdrehte, stahl es jemand anderer, und es gab einen heftigen Kampf zwischen den Mädchen. Wir waren heruntergekommen und schmutzig. Wir starrten vor Dreck und ich dachte: Schau dich an, das hat doch alles keinen Wert mehr. Vielleicht haben die Deutschen recht, und wir sollten gar nicht mehr am Leben sein. Als die Maschinengewehre losgingen, stand ich in einer Ecke, wo man durch ein kleines Loch auf die sich drehenden Räder schauen konnte. Alle, die da mit mir standen, zwei von meinen Freundinnen, Kathy S. und Lilli, hatten jemanden, der sie herunterzog, damit die Maschinengewehrsalven sie nicht treffen. Ich stand da, und mich zog niemand in Sicherheit, egal wie sehr sie mich mochten. Es gab keinen Platz, an den ich mich hätte wegducken können. Die restlichen Skelette waren Tote und Verletzte. Irgendwer, ein Mann, hatte eine gestreifte Häftlingsuniform. Die schoben sie nach draußen, damit die amerikanischen Angreifer sie sehen. Ihr Maschinengewehr setzte aus. Sie gingen herum, und ich sagte in meinem kleinen Leben, in meinem kleinen Kopf allen Lebewohl. Ich zählte durch, wen ich alles im Jenseits wiedersehen werde. Ich war ganz sicher: Das war's. Es ist aus.

Am Morgen des 1. Mai öffneten unsere Jungs aus dem Lager den Waggon und sagten: „Die Amerikaner sind da.“ Ich bin geboren, ich bin wieder geboren am 1. Mai. Ich wog 22 Kilo. Ich erinnere mich, dass mich ein amerikanischer Soldat hochhob und dass ich ihn anflehte, mich nicht wieder an die Deutschen zurückzugeben. Dann kann ich mich für eine Woche an nichts erinnern. Wieder hatte ich Glück. Ein befreundeter Arzt, Dr. Gatheish Gabol, fand mich und brachte mich für eine Woche nach Partenkirchen ins Krankenhaus. Zu Essen gab er mir nichts, und das war sehr gut so. Denn alle, die in den ersten paar Tagen Essen in den Magen bekamen, starben daran. Ja, das ist meine Geschichte. Ich wurde in Seeshaupt befreit und nach München gebracht und später nach Dachau.

Dann war ich bis September in einem Lager der UNRRA. Da habe ich viel erlebt. Ich fuhr nach Hause, um meinen Vater zu finden. Lernte meinen Mann kennen, verlor mein erstes Kind, wartete darauf, entweder nach Israel oder Amerika auswandern zu können. Nach Israel, also Palästina, das bedeutete damals noch: in ein Lager nach Zypern, und ich konnte die Vorstellung nicht ertragen, da hinzugehen. Wir kamen nach Amerika. Ich nahm mein Leben wieder auf. Ich bin froh, am Leben zu sein. Meistens genieße ich jede Minute. Ich habe durch diese Erfahrung vieles gewonnen, da bin ich mir ganz sicher. Ich bin ein anderer Mensch. Als ich aus dem Lager kam, war ich ein anderer Mensch geworden. Jetzt, wo das ein Thema geworden ist und Menschen danach fragen und man sich für unsere Geschichten interessiert, fällt es mir leichter – endlich, nach 33 Jahren –, meine Wunden zu heilen. Als ich aus dem Lager kam, war ich Atheistin . Dann wurde ich Agnostikerin, und als meine Kinder geboren wurden, erzog ich sie auch in dieser Überzeugung. Als Eichmann verhaftet wurde, war es mir egal, ob sie ihn am Ende aufhängen oder nicht. Ich war froh, dass es überhaupt einen Prozess gab. Als die ersten amerikanischen Überläufer gezeigt wurden, bekam ich auch ein besseres Verständnis für die jüdischen Überläufer oder Kapos oder Kollaborateure. Mit siebzehn sieht man alles schwarz-weiß. Mit einundfünfzig kann man auch die Grautöne sehen. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten würde, wenn ich in dieselbe Situation geraten würde wie diese Kapos. Heute weiß ich, dass die Deutschen sich absichtlich die heruntergekommensten von uns aussuchten, die sich auf so eine Gelegenheit auch einlassen würden. Sie machten das mit Absicht, damit sich unsere Wut mehr gegen die richtet, mit denen wir unmittelbar zu tun hatten, andere Häftlinge [im Original Deutsch], andere Gefangene, anstatt gegen die makellosen, gottgleichen, sauberen Deutschen. Aber trotz alledem: Wenn ein amerikanischer Jude sagt: „Ich bin stolz darauf, Jude zu sein“, dann denke ich an die Kapos. Ich bin nicht stolz darauf, irgendwas zu sein. Ich bin stolz darauf, ich zu sein. Ich bin stolz darauf, ein menschliches Wesen zu sein. Aber vielleicht, nur vielleicht, ist an dem Satz doch ein bisschen was dran, den ich irgendwo gelesen habe: Wenn man jemand anderen als die Juden in dieselbe Situation gebracht hätte, dann hätten sich diese Menschen nicht nur mit Worten gestritten, sondern sich wahrscheinlich gegenseitig umgebracht – und das ist nicht passiert.

Ich habe die Natur des Menschen kennengelernt. Niemand ist perfekt, einschließlich mir selbst. Ich habe Toleranz gegenüber ganz, ganz vielen Dingen gelernt, aber was ich nicht tolerieren kann, ist Selbstmitleid. Dass ich mir selber leid tue, kommt nur sehr selten vor. Ich bin wie der Stahl; ich liebe meine Familie wahrscheinlich mehr, als es normal ist, aber sie ist das Wichtigste für mich nach meiner Freiheit – nein, vor meiner Freiheit. Erst meine Familie und dann meine Freiheit. Es ist schön, wenn man schöne Sachen hat, aber ich könnte gut ohne auskommen. Immer wenn ich mich schlecht fühlte, musste ich weit zurückdenken, wie schlecht es mir damals ging, und dann ist alles danach einfach nur gut. Es tut mir leid, wenn ich sehe, wie jemand eine Blume pflückt, weil ich weiß, dass sie sterben wird, aber nach den Erfahrungen, die ich gemacht habe, ist alles leicht. Man kann sich dann nicht mehr vor dem Tod fürchten. Ich habe auch vor dem Altwerden keine Angst. Wenn man mit sechzehn nicht mehr daran geglaubt hat, dass man überhaupt siebzehn wird, dann hat man keine Angst mehr vor dem Tod oder vor dem Alter.

Als ich nach Israel reiste, machte ich meinen Frieden mit Gott. Ich bekam meine Antwort, meine persönliche Antwort. Ich weiß, dass die Welt die Existenz von Israel nie zugelassen hätte, wenn nicht sechs Millionen Märtyrer auf Seiten der Juden dafür gestorben wären. Oh ja, auch ich habe Schuld. Ich habe es als sehr, sehr tiefe Schuld empfunden, dass ich am Leben bin, während die anderen nicht überlebt haben. Ich weiß nicht, wieso. Irgendwie war es mir immer klar. In meinem Kopf war klar, dass ich nichts dafür getan habe, dass ich jetzt hier bin, sondern ich hatte einfach nur Glück. Aber dieses Schuldgefühl ging nicht weg, und das Einzige, was ich dagegen machen konnte, war reden, so wie ich es ihnen versprochen hatte. Und ich glaube, das habe ich getan. Auch wenn die Leute sagen, wir sind Opportunisten und wollen Mitleid und so weiter. Das stimmt nicht. Es war einfach die reine Frustration darüber, dass keiner es hören wollte.

Ich hatte wunderbare Kameradinnen und hatte schöne Erlebnisse mit ihnen. Ich hatte Freundinnen, die eine Kartoffel fanden und mir die Hälfte abgaben, als es nichts zu essen gab. Umgekehrt stahl ich auch für sie und bekam Prügel dafür. Aber das war egal. Wir weinten nachts, wenn uns sonst niemand sah. Man konnte sich darauf verlassen, dass die andere sich umdrehte, dass sie sagte „Nicht weinen“ und irgendwas Komisches dazu, und dann lachte man doch. Wir versuchten uns gegenseitig den Mut zum Weitermachen zu geben. Wenn es keine Hoffnung gab, dann erschufen wir sie. Man weiß, dass man lügt mit seinem Optimismus, aber man versucht es trotzdem damit. Ich habe so unglaublich schreckliche Dinge gesehen. Ich habe Babys verbrennen sehen, die noch nicht ganz tot waren. Ich habe gesehen, wie Hunde die Brüste von Frauen zerfleischten. Ich habe gesehen, wie sich Menschen wie Hunde und Katzen um einen Brotkrümel rauften. Und die Läuse, oh, was war ich voller Läuse! Und man war voller Geschwüre, und die Füße taten weh, und trotzdem konnte man immer noch lachen. Immer noch rezitierte man Gedichte. Immer noch gab es eine Frau, die über Shakespeare sprach, und die andere flüchtete sich in die Bibel, ohne Buch, bloß aus dem Kopf. Es gab Mädchen, die elf Monate lang nichts von dem mistigen Fleisch aßen, das sie uns gaben, und alle Speisegebote unserer Religion ganz genau einhielten. Ich habe gelernt, dass es ganz leicht ist, gemein zu sein – aber auch umgekehrt: Durch ein gutes Wort wird die Welt heller. Ich habe gelernt, dass es leicht ist, in der Wut böse Worte zu anderen zu sagen. Und ich habe gelernt, die guten Dinge zu sagen, die die Welt schöner machen.

Aber das bleibt in deinem Herzen, wenn du über all die Grausamkeiten sprichst, all den Horror, all die Schmerzen, den Hunger, den Durst, die Erniedrigung, die Verletzung, die Angst um deine Angehörigen, den unerträglichen Schmerz, wenn du zusehen musst, wie deine Freundin neben dir stirbt, die Läusebisse, das Fieber ohne Aspirin, ohne Wasser, das Jucken, der Schmutz. In einem Krankenhaus in Krakau-Plaszow sah ich, wie ein Baby geboren wurde, und einer von der SS kam herein und riss es in Stücke. Ich sah, wie ein Mädchen zu einem Deutschen hinrannte, nachdem ihre Mutter geschlagen wurde, ihn an der Uniform festhielt und schrie: „Haben Sie keine Mutter?“ Beide wurden umgebracht, nur weil sie seine Uniform angefasst hatte. Da reden sie über Widerstand. Aber wie konnte man Widerstand leisten, wenn man von absoluter Gleichgültigkeit umgeben war? Da geht es gar nicht um die Leute, die uns wirklich hassten, sondern um den Rest, die guten – die netten Menschen, denen es einfach egal war. Es betraf sie nicht, es passierte nicht ihnen. Viele Leute waren um uns herum, aber das war nicht dasselbe. Wenn du allein bist, völlig allein auf der Welt, dann wirst du zaghaft. Der Widerstand war nur – es gab Widerstand – schon am Leben zu bleiben, war eine Form von Widerstand. Wenn man Gedichte rezitierte, war das eine Form von Widerstand. Aber immer noch – wenn man gegen all diese Widerstände immer noch ein Mensch war, war das eine Form von Widerstand. Wenn man barfuß durch den Schnee ging, weil die Holzschuhe, die wie diese holländischen aussahen und von denen jeder dieselbe Größe bekam, nicht an die Füße passten, und man sich beeilen musste, weil man sonst bestraft wurde. Man ging barfuß und konnte immer noch lachen und ihre Augen ansehen und den Kopf heben und sagen: „Ich mag zwar unter dir sein, aber ich bin genauso sehr ein Mensch wie du und vielleicht ein viel besserer.“

In den Lagern, ich habe es gerade schon angedeutet, gab es auch viele Menschen, die keine Juden waren. Amerikanische Gefangene und russische Gefangene und polnische Kriegsgefangene; sie hatten es ein bisschen leichter, ein bisschen besser. Es war nicht dieses absolute Alleinsein, dieses Nichts dahinter. Es war nicht unbedingt, dass ihre Familie sich Sorgen machte, wo ist ihre Mutter, wo ist ihr Vater, hat man sie umgebracht und warum? Sie waren nur nicht von so viel Hass umgeben, sie wurden nicht von den Nachbarn angespuckt und so weiter. Es gab christliche Ehefrauen und Ehemänner, die bewusst mit ins Lager gingen, und vor ihnen ziehe ich auf jeden Fall meinen Hut. Sie saßen mit uns im selben Boot. Sie waren unsere Kameraden, auch wenn sie keine Juden waren, sie waren meine Schwestern, meine Blutsbrüder, und ich zolle ihnen Respekt. Ich habe keine Notizen, ich mache das hier ganz spontan, und wenn ich ab und zu springe, müssen Sie das bitte entschuldigen.

Die ehemalige Fabrikanlage der Michel-Werke in Kriegshaber, Ulmer Straße 160, trägt heute die unauffällige Bezeichnung „Gewerbehof“. Geschäftsführer ist ein gewisser Joachim Michel. Der Augsburger Gewerbehof (AGH) mit Sitz in der Ulmer Straße betreut ein größeres Gewerbegebiet in Kriegshaber und vermietet verschiedene Gewerbeobjekte im Stadtgebiet. Es gibt auch noch eine Michel-Werke KG, Ulmer Str. 160A. Fast niemand in der Stadt weiß, dass sich im zweiten Stock des Nordflügels (Bild) ein Konzentrationslager befand. Es gibt am Gebäude oder im Gewerbehof keinerlei Hinweise, Gedenktafel oder ähnliches. Es ist nichts bekannt, dass der Besitzer der damaligen „wehrwirtschaftlichen“ Michel-Werke, Johann Michel, jemals zur Rechenschaft gezogen wurde. Nach Wegfall der Rüstungsproduktion vor allem für die Lutftwaffe und der Abtrennung des Bregenzer Zweigwerks, in dem auch ZwangsarbeiterInnen eingesetzt wurden, konnte(n) der(die) Besitzer nach dem Krieg das im Dritten Reich skrupellos angeeignete Kapital offensichtlich anderweitig einsetzen. Das Geschäft mit Gewerbeimmobilien muss blendend gelaufen sein. Immerhin wurde die Schwäbische Landeszeitung untergebracht und die von Berlin nach Augsburg/Kriegshaber verlegte deutsche NCR. Auch das NCR-Hochhaus, das inzwischen von Michel wieder abgetragen wurde, gehört(e) wohl ihm. Peter Feininger

 

Ich will noch ein wenig über die Zeit nach der Befreiung sprechen, um meine Geschichte abzuschließen. Als ich aus dem Krankenhaus kam, ging ich in das Lager der United Nations Restitution Action, ich glaube, das bedeutet die Abkürzung UNRA. Da waren wir von Mai bis September, dann kam ich heim, zurück nach Ungarn. Während dieser Zeit konnte ich persönlich nur über meine eigenen Erlebnisse reden. Da fand ich auch Freunde, die mich von München [?] nach Dachau hinausbrachten, wo einer von ihnen in der Küche bei den Amerikanern arbeitete und mein Leben rettete, indem er mir Essen und ein Dach über dem Kopf gab. Die Zeit dort, das war eine Zeit in meinem Leben, in der ich niemandem gehörte. Ich musste über nichts Rechenschaft ablegen – vollkommene, absolute Freiheit. Ich tat, was mir gefiel, ich ging, wohin ich wollte. Als die Hagana -Leute auf uns zukamen, wusste ich, dass wir wohl nach Palästina gehen würden. Unsere Gruppe beschloss, erst nach Ungarn zu gehen, um herauszufinden, ob dort noch jemand am Leben war. Ab diesem Zeitpunkt wäre ich nach Israel gegangen. Dann wäre ich wohl nicht hier und hätte nie meinen Mann getroffen, also wer weiß schon, was richtig und was falsch ist. Jedenfalls ging ich nicht nach Israel, sondern nach Ungarn. Aber kommen wir noch mal auf das UN-Camp zurück.

Wir bekamen Essen, wir bekamen Unterkunft, wir bekamen Kleidung. Man musste sich keine Sorgen darum machen, wo das Essen herkam. Das Wichtigste war immer noch, dass man etwas in den Magen bekam, und das passierte jetzt. Man war relativ frei. Eingesperrt, aber alles war wunderbar. Hinter Zäunen, aber nicht mehr als Gefangene, das war alles wunderbar. Man war unter jungen Freunden. Ich rezitierte wieder Gedichte. Ich lebte mit meiner neuen Familie, so nannte ich sie. Wir waren nur füreinander verantwortlich. Man mochte mich gern. Ich fuhr von Lager zu Lager und trug Gedichte vor. Ich war im amerikanischen Unterhaltungskomitee, deshalb fuhren sie uns in diese UNRRA-Lager. Natürlich traf ich dabei viele Leute, und überall, wo man jemanden traf, fragte man: „Warst du mit Leuten aus Hatvan im Lager? Oder hast du Leute aus Satoraljaujhely, Whely, Erdöbénye getroffen?“ Also wo meine Großeltern herkamen und so weiter. Man erholte sich langsam. Man hatte keine Außenkontakte mit irgendjemandem außer den Freunden und den anderen befreiten Lagerinsassen. Dann im September wurden wir zurück nach Ungarn gebracht; auch natürlich wieder im Güterzug, aber unter viel besseren Bedingungen, mit Essen, mit Schutz vor der Witterung, mit allem. Eine Freundin von mir, die zwei Tage vor mir zurück nach Ungarn gekommen war, wartete an der ungarischen Grenze auf mich und berichtete mir, dass mich mein Vater am Bahnhof erwartet. Als ich ihn sah, dachte ich, er würde gleich sterben. Er war abgemagert und zerlumpt. Er war im Januar befreit worden, und seit Januar wartete er auf jeden einzelnen Zug, um zu erfahren, ob ich noch am Leben bin. Jeden einzelnen Zug wartete er ab, bis er erfuhr, dass ich noch lebe, und das hinterließ seine Spuren in ihm. Dann wurde ich krank, wieder eine Brustfellentzündung, und man brachte mich auf den Berg ins Haus meiner Großeltern. Ich lernte Ernie kennen, wir verliebten uns, heirateten und hatten vor, nach Israel zu gehen. Wir zogen in ein Hachshara, also ein Alija -Camp, und ich wurde schwanger. Aber es gab keine Transporte nach Palästina, weil die meisten abgefangen und nach Zypern gebracht wurden. Also beschlossen wir, mit meinem Onkel in Frankreich Kontakt aufzunehmen. Er schickte uns Arbeitspapiere, sodass wir Ungarn legal verlassen konnten. Ich hatte es nach dem Krieg in Ungarn nicht schlecht, aber ich fuhr niemals zurück nach Hause nach Hatvan. Den Gedanken, nach Hatvan zu fahren, konnte ich einfach nicht ertragen. Ich hatte das Gefühl, wenn ich in die Nähe unseres Hauses komme und irgendwo etwas von meiner Mutter liegen sehe, dann laufe ich Amok. Also gab es Hatvan für mich nicht mehr. Ich bekam ein Baby, ein Frühchen. Zwei Monate versuchten wir sie durchzubringen, dann starb sie. Dann gingen wir nach Frankreich. Wir lebten zwei Jahre lang in Lyon und stellten immer wieder Anträge, um entweder nach Amerika oder Palästina auswandern zu können. Mein Vater war inzwischen schon in Amerika, und Familie war mir ja ganz wichtig. Ich wusste, dass ich hier viele Verwandte habe. Also gingen wir nach Amerika, als der Antrag genehmigt wurde.

Wir fingen neu an, und zwar von ganz unten. Gottseidank half uns niemand. Alles, was wir uns aufgebaut haben, hat mein Mann mit seinen eigenen zwei Händen geschaffen. Er eröffnete sofort einen kleinen Laden in unserem Viertel und ging ans Werk. Dann wurde ich schwanger mit meiner Kathy. Das war der glücklichste Moment in meinem Leben, denn nach dem ersten Baby musste ich vier Jahre warten, bis es wieder klappte mit der Schwangerschaft. Wir schlugen uns durch und bauten uns ein Leben auf, und ich war sehr glücklich. Ich bin sehr glücklich. Ich habe drei schöne Töchter. Ernie – Ernest – und ich haben sie nach besten Kräften aufgezogen, so gut wir konnten. Es gab Situationen, da konnte ich sie nicht so trösten, wie es andere Mütter vielleicht können, weil mir das Problem, wegen dem sie weinten, nach dem, was ich mitgemacht hatte, so läppisch vorkam. Ich konnte einfach kein Mitleid haben wegen solcher Kindereien: wenn sie nicht das gute Kleid anziehen durften oder was sie sonst gerade wollten. Wie ich schon sagte: Selbstmitleid ertrage ich gar nicht, weder an mir noch an anderen. Bei meinen Kindern habe ich mein Bestes versucht. Natürlich habe ich viele Fehler gemacht. Aber alle Fehler waren ehrliche Fehler, ich habe ihnen nie absichtlich wehgetan. Ich liebe sie vielleicht mehr als irgendjemand anders seine Kinder liebt. Denn eine Familie zu haben, bedeutet für mich noch etwas mehr als für andere, für die der Weg dahin einfacher war. Meine Liebe ist sehr tief. Und ich versuche tolerant gegenüber anderen Menschen zu sein. Das ist also meine Geschichte. Ich hoffe, dass wir ein wenig aus den Erfahrungen auch von anderen lernen können – dass so etwas nie mehr jemandem passieren darf. Nicht mir, nicht den Juden, keinem Farbigen, keinem Schwarzen, keinem Gelben oder einem Christen oder einem Vietnamesen oder sonst jemandem.

Ich liebe dieses Land. Es hat mir Schutz gewährt. Ich bin eine vollwertige und gleichberechtigte Bürgerin. Ich darf wählen. Ich kam mit nichts in dieses Land und habe mir ein schönes Leben aufgebaut. Ich mag die Amerikaner, die vielleicht ein bisschen naiver sind als die Europäer, aber sie sind wunderbare, hilfsbereite Menschen. Ich liebe die amerikanische Jugend, die sich für Vietnam und die Schwarzen engagiert. Ich liebe Israel. Ich bin überzeugt, dass es nur existiert, weil sechs Millionen dafür gestorben sind und Menschen sich dafür einsetzen. Ich bin keine Ungarin mehr. Ich bin Amerikanerin und ich bin Jüdin. Für mich ist es schön, wenn ich bei Regen aus dem Fenster schaue und weiß, dass ich ein Dach über dem Kopf habe und Kleidung, die mich warm hält. Das Lächeln meiner Kinder. Ich bin in jenen elf Monaten sehr, sehr erwachsen geworden, und das werde ich immer mit mir tragen. Ich bin weit weg von meinen Freundinnen. Wir wurden in die ganze Welt verstreut. Sie haben geheiratet und ich auch. Ich weiß nicht, wie sie mit ihrem Ehenamen heißen und umgekehrt, jedenfalls bei den meisten. Ich habe aber auch andere Leute getroffen, die im KZ waren. Wenn man so jemanden trifft, ist das wie eine große Familie. Immer, wenn ich jemanden treffe, der auch so eine Tätowierung auf der Hand hat wie ich, ist er mir so nah, wie mir sonst niemand sein könnte, auch wenn ich nicht einmal seinen Namen kenne. Wir kamen in dieses Land und hatten nichts. Wir brachten meinen Schwiegervater und meine Schwiegermutter aus Ungarn raus. Dann halfen wir auch meiner Schwägerin und meinem Schwager heraus. Eine Schwägerin und meine Nichte sind noch in Ungarn. Einmal reisten wir nach Ungarn, und das war das erste Mal, dass ich nach Hatvan zurückkam, in meine kleine Stadt. Ich fand dort niemanden, aber auch wirklich niemanden vor. Es gab keinen einzigen Juden mehr in Hatvan. Die Vorstellung, noch einmal nach Ungarn zu fahren, macht mir keine Freude, aber diesen Sommer werde ich wahrscheinlich trotzdem zur Hochzeit meiner Nichte reisen. Ich mache den Leuten dort keinen Vorwurf, die sich komplett assimiliert und ungarisiert haben, und zwar so sehr, dass sie ihre Namen geändert haben und Nichtjuden geworden sind, ganz ohne Religion und ohne alles. Sie wollen einfach in Ruhe gelassen werden, nicht erinnert werden, nichts sein. Sie konnten Ungarn nicht verlassen, also müssen sie ihr Leben so führen, wie es eben geht. Ich versuche mein Leben so zu führen, wie ich es für richtig halte. Ich glaube, es würde mir nicht gelingen, die Menschen zu verstehen, die hier leben und nicht daran erinnert werden wollen, dass sie Juden sind. Sie wollen einfach komplett assimiliert sein. Ich würde ja hoffen, dass es die Welt ihnen erlaubt, alles zu vergessen, aber ich habe meine Zweifel daran. Solange es Judenwitze gibt und offenen oder leisen Antisemitismus, kämpfe ich dagegen. Ich bin Mitglied bei B'nai Brith – schon seit ich hierher kam und das erste Mal davon hörte, noch bevor ich Englisch konnte. Auch bei der Anti-Defamation League, weil ich weiß, wohin Diskriminierung führen kann. Aber solange ich hier bin und nicht in Israel, bin ich diesem Land sehr dankbar für alles, was es für mich persönlich getan hat. Ich habe tiefe Wunden, aber jetzt beginnen sie zu heilen. Jetzt, wo die Leute Fragen stellen und das nicht vergessen werden wird. Die Bibliotheken sind voll mit den Schicksalen von vielen einzelnen Menschen, und ich bin sicher, es werden immer mehr werden. Man kann hingehen und es nachlesen. Die Bücher werden nicht mehr verbrannt. Sogar in Skokie können die Neo-Nazis heute wieder schreien. Aber vielleicht weiß man jetzt, dass sie nicht nur Idioten sind, sondern eine echte Bedrohung. Und wenn wir zusammenstehen und gegen sie kämpfen, dann wird es kein zweites Auschwitz geben. Das weiß ich ganz sicher. Wir haben jetzt ein eigenes Land und tragen den Kopf hoch erhoben. Ich glaube, heute ist das eine ganz andere Geschichte, denn das Wissen, was passieren kann, und dass so etwas tatsächlich passieren kann, wird dazu beitragen, dass es nicht wieder passiert. Die ungarischen Juden hatten ein Jahr, die polnischen Juden hatten vier, die deutschen Juden hatten sechs oder acht Jahre Terror. […] Wenn es hart auf hart kommt, packe ich meine Sachen und gehe nach Israel, denn das ist ein Land, wo die Juden auf ihrem eigenen Territorium leben, in ihrem eigenen Staat, und sie kämpfen und sind umgeben von Feinden, aber sie haben Gewehre in der Hand und es kann nicht mehr passieren [dass sie sich widerstandslos ergeben, Anm. d. Übs.]. Wenn ich ein Gewehr in der Hand hätte, würde es nicht mehr passieren. ( 4 )

Heute ist der Geburtstag meiner Mutter. Wir haben 1978. Sie wurde 38 Jahre alt, und ich kaufte den ganzen Flieder im Ghetto, weil ich nicht hinausgehen konnte, um ihr eine Karte zu kaufen, eine Karte oder ein kleines Geschenk, deshalb stahl ich den ganzen Flieder und schenkte ihr den. Heute widme ich diesen Tag ihrem Andenken. Ich wünschte, mein Vater könnte das noch miterleben und hören, wie sehr ich ihn geliebt habe und wie froh ich darüber bin, wie er mich erzogen hat. Was für eine Ehre und Freude und ein Glück hat Gott mir gewährt, dass er überlebt hat und ich noch dreißig, noch 34 Jahre mit ihm verbringen konnte. Er starb – 44 ging es los –, nein, es waren dreißig, genau dreißig weitere Jahre mit ihm. Wenigstens hat er meine Kinder noch gesehen. Er liebte sie und sie liebten ihn. Das ist meine Geschichte. Sie musste erzählt werden. Ich bin froh, dass ich es getan habe. Gott segne euch alle. Ich bin sehr, sehr glücklich. Jetzt und hier kann ich euch sagen, dass es sich gelohnt hat – am Leben zu sein.

 

Glossar

Agnostiker: Jemand, der der Ansicht ist, dass Menschen nicht in der Lage sind, herauszfinden, ob es einen Gott gibt. Der Unterschied zum ? Atheisten ist, dass der Agnostiker die Möglichkeit, dass es einen Gott gibt, nicht bestreitet – wir Menschen können nach Ansicht des Agnostikers aber nichts über Gott wissen.

Alija ist die hebräische Bezeichnung für die Einwanderung von Juden aus Europa in das Britische Mandatsgebiet Palästina von 1934 bis zur Staatsgründung Israels 1948. „Da die britische Regierung für die Einwanderung strikte Quoten festgelegt hatte bzw. zeitweise jede Einwanderung vollständig verboten hatte, war diese Einwanderungswelle nach britischem Recht illegal. Ihr wurde von der Mandatsmacht dadurch begegnet, dass jüdische Flüchtlinge aufgegriffen und in Internierungslager auf Zypern verbracht wurden.“ ( https://de.wikipedia.org/wiki/Alija_Bet , 07.02.2018)

Die Anti-Defamation League ist ein 1913 in Chicago gegründeter Ableger von ? B'nai Brith, der sich dem Kampf gegen den Antisemitismus verschrieben hat.

Assilimilieren: Sich an eine Gesellschaft bzw. Kultur extrem stark anpassen (unter Umständen so sehr, dass man sich verstellt und seine eigenen Wurzeln versteckt bzw. verleugnet).

Atheist: Jemand, der nicht glaubt, dass es einen Gott gibt.

Augsburg: Bei der erwähnten Fabrik in Augsburg handelte es sich um die Michel-Werke im Stadtteil Kriegshaber, siehe Material „Kontext 6“ zum KZ-Außenlager in der Fabrik.

B'nai Brith ist eine der größten jüdischen Organisationen der Welt. „Sie wurde im Jahre 1843 in New York […] von zwölf jüdischen Einwanderern aus Deutschland gegründet und widmet sich laut Selbstdarstellung der Förderung von Toleranz, Humanität und Wohlfahrt.“ ( https://de.wikipedia.org/wiki/B 'nai_B'rith, 13.02.2018)

Eichmann, Adolf (1906–1962) war in der Bürokratie des Nazistaates einer der Hauptverantwortlichen für die Deportation von Juden aus den von Deutschen besetzten Gebieten. Nach dem Ende des Naziregimes tauchte er unter und floh 1950 nach Südamerika. 1960 wurde er vom israelischen Geheimdienst gefangen und nach Israel gebracht. Dort wurde er nach einem achtmonatigen Prozess 1961 zum Tode verurteilt und 1962 hingerichtet. Über den Eichmann-Prozess wurde in den internationalen Medien breit berichtet.

„Die Hagana […] war eine zionistische paramilitärische Untergrundorganisation in Palästina während des britischen Mandats (1920–1948). Unmittelbar nach der Gründung des Staates Israel wurde die Hagana in die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte überführt. […] Nach dem Krieg führte die Hagana anti-britische Operationen in Palästina aus […]. Außerdem organisierte sie weiterhin die Einwanderung von Juden, wie beispielsweise […] von europäischen Überlebenden des Holocaust“. ( https://de.wikipedia.org/wiki/Hagana , 07.02.2018)

Jom Kippur, der Versöhnungstag, ist der höchste Feiertag der jüdischen Religion.

Kapo: Als Kapo bezeichnete man KZ-Häftlinge, die für die SS ihre Mithäftlinge beaufsichtigten, etwa beim Verrichten von Zwangsarbeit. Im Gegenzug erhielten die Kapos bestimmte Vergünstigungen.

Kejnark ist der Ortsname, der in der Abschrift des Interviews mit Judith Kalman Mandel erwähnt wird. Es ließ sich nicht herausfinden, um welchen Ort es sich handeln könnte, da die Schreibung anscheinend nicht korrekt ist.

Mühldorf-Waldlager war eines der Außenlager des KZ Dachau im Landkreis Mühldorf am Inn. Die Lagergruppe Mühldorf gehörte zu den drei größten Außenkommandos des Stammlagers Dachau. Dort waren vor allem männliche Zwangsarbeiter, überwiegend aus Ungarn, untergebracht.

Muselmann: Dieser Begriff wurde von KZ-Häftlingen in vielen verschiedenen Lagern benutzt für „menschliche Ruinen, die sich im letzten Stadium des Hungertodes befanden. […] Es waren mit Haut überzogene Gerippe, mit einem leeren, fast idiotisch zu nennenden Gesichtsausdruck. […] Vor dem Tod schleppte man sie in den Waschraum, auf die Toilette oder vor die Baracke, damit sie in ihrer Agonie die anderen Häftlinge nicht in Schrecken versetzten. […] Im Milieu des Lagers riefen sie nicht viel Mitleid hervor, eher eine Mischung aus Widerwillen, Verachtung und Furcht: ‚So tief werde ich doch nicht sinken! Tatsächlich nicht? Um Gottes willen, hoffentlich nicht!'“ (Stanislav Zámecnik: Das war Dachau. Frankfurt a. M. 2013, S. 149) Das Wort ist im Deutschen ursprünglich eine bereits im 20. Jahrhundert veraltete Bezeichnung für „Muslim“. Möglicherweise gelangte es in die Lagersprache durch den (bei Häftlingen wie bei Aufsehern) bekannten Anti-Kaffee-Kanon, wo der „Muselmann“ gleichgesetzt wird mit einer kränklichen, schwachen Person (vgl. zur Begriffsherkunft https://de.wikipedia.org/wiki/Muselmann_(KZ)#Herkunft_des_Wortes )

Plaszow wurde ursprünglich im Sommer 1940 als Zwangsarbeitslager auf einem Gelände in Plaszów südöstlich von Krakau eingerichtet. „Anfang Februar 1943 erhielt […] SS-Untersturmführer Amon Göth das Kommando über das Arbeitslager Plaszów. Unter seiner Führung wurde zuerst der Teil A des Krakauer Ghettos geräumt und die überlebenden 8.000 jüdischen Menschen in das von ihm geleitete Arbeitslager Plaszów überstellt, damit sie es auf 81 ha ausbauen. […] Bei der Auflösung von Teil B des Krakauer Ghettos am 13. und 14. März 1943 wurden in den Straßen dort etwa 2.000 Juden ermordet und in einem Massengrab auf dem Lagergelände in Plaszów vergraben. Die Zahl der Insassen im Lager Plaszów stieg so schließlich auf 12.000 an. Kaum ein Häftling überlebte jedoch länger als vier Wochen unter dem Terrorregime Amon Göths, zu dessen morgendlichen Beschäftigungen gehörte, mit einem Repetiergewehr vom Balkon seiner Villa auf arbeitende Häftlinge zu schießen. Besonderes Vergnügen bereitete ihm, seine zwei Deutschen Doggen auf Inhaftierte zu hetzen. Mindestens 500 Menschen ermordete er selbst […].“ ( https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Plaszow , 13.02.2018) Möglicherweise ist Göth identisch mit dem „Hauptmann auf dem weißen Pferd“, von dem Judith Kalman Mandel später spricht.

Rosch-Haschanah ist der jüdische Neujahrstag.

Skokie ist eine Kleinstadt im US-Bundesstaat Illinois nahe Chicago. 1977 wurde eine geplante Demonstration der National Socialist Party of America (NSPA) von der Gemeinde untersagt. Die NSPA setzte aber durch Klagen vor mehreren Gerichten bis hin zum obersten Gerichtshof mit dem Verweis auf das verfassungsmäßige Recht auf freie Meinungsäußerung drei Demonstrationen in Skokie durch, die 1978 stattfanden. Als Reaktion auf die Demonstration gründete sich 1981 die Holocaust Memorial Foundation of Illinois . Sie ist der Träger des 2009 in Skokie eröffneten Illinois Holocaust Museum and Education Center. Das Museum verfügt über etwa 2000 Filmzeugnisse von Überlebenden des Holocaust und von anderen Völkermorden.

UNRA: Judith Kalman Mandel geht hier von einer falschen Schreibung der Abkürzung (mit einem R) aus und irrt sich daher offenbar auch in Bezug auf die Bedeutung der Abkürzung. ? UNRRA.

UNRRA: „Die Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen oder kurz UNRRA von engl. United Nations Relief and Rehabilitation Administration war eine Hilfsorganisation, die bereits während des Zweiten Weltkrieges am 9. November 1943 auf Initiative der USA, der Sowjetunion, Großbritanniens und Chinas gegründet wurde. Nach Kriegsende wurde sie von der UNO übernommen. Die UNRRA war in Europa bis zum 31. Dezember 1946 tätig und wurde dann durch die International Refugee Organization ersetzt. In Afrika, im Nahen Osten und China arbeitete sie bis zum 30. Juni 1947.“ ( https://de.wikipedia.org/wiki/United_Nations_Relief_and_Rehabilitation_Administration , 04.02.2018) Hauptaufgabe der UNRRA war es, sich um sogenannte Displaced Persons zu kümmern, also KZ-Häftlinge oder andere Menschen, die aufgrund der Kriegsereignisse von ihrem Heimatort flüchten mussten.

Yonkers ist ein Stadtviertel im New Yorker Bezirk Bronx, wo Judith Kalman Mandel offenbar zum Zeitpunkt des Interviews (1978) lebte. Von Yonkers nach Hastings sind es laut Googlemaps ungefähr 10 Kilometer, von Yonkers nach New Rochelle ungefähr 14 Kilometer.

Zypern: Zwischen 1945 und 1948 versuchten viele Juden, die vor den Nazis fliehen konnten oder aus den KZs befreit worden waren, Palästina zu erreichen. Palästina und Zypern wurden damals von Großbritannien kontrolliert. Die britische Verwaltung verweigerte den Juden die Einwanderung nach Palästina und internierte sie in großen Lagern auf Zypern. Erst nach der Gründung des Staates Israel 1948 konnten diese Menschen Zypern verlassen.


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1 https://www.11880.com/branchenbuch/augsburg-bayern/251091526B27958987/michel-werke-gmbh-co-kg.html , Zugriff am 31.03.2019

2 Ludwig Eiber und Wolfgang Kucera: KZ-Außenlager Augsburg-Michelwerke. In: Winfried Nerdinger in Zusammenarbeit mit Barbara Wolf und Alexandra Schmid (Hg.): Bauten erinnern. Augsburg in der NS-Zeit. Berlin: Dietrich Reimer Verlag 2012, S. 155.

3 Siehe dazu auch den Abschnitt „Memory Off Switch – Der Audiowalk Premiere eines Audiowalk zu NS-Zwangsarbeit und Rüstungsproduktion“ und Fotos vom Walk in unserem Artikel: Ehemaliges Außenlager des Konzentrationslagers Dachau auf dem Sheridan-Gelände in Pfersee. Warum die Halle 116 als Gedenkstätte in Gefahr ist. Die Stadt ist auf die Rüstungsindustrie festgelegt – und diese will nicht an ihre Schandtaten erinnert werden. Die Messerschmitt Stiftung muss zahlen! 19.1.2018, Peter Feininger http://www.forumaugsburg.de/s_2kommunal/Stadtgeschichte/180119_halle-116-in-gefahr/index.html

4 Anmerkung der Redaktion: Die Passage im vorletzten Absatz des Interviews ist bedauerlich. Wir wollen sie nicht kommentieren, weil sie mit unserem historischen Thema nichts zu tun hat und wir die ganze vorangegangene Erzählung nicht entwerten wollen. Wir wollen den Leser nur wissen lassen, dass wir solche Ansichten nicht teilen.


   
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