Auf massiven Druck der Bürgerschaft

Die Bauverwaltung gibt eine gewerbliche Nutzung der Halle 116 auf

Nun kann die Gestaltung des Denkorts auf dem Sheridan Areal beginnen und ein würdiges Erinnern an die Zwangsarbeiter im KZ-Außenlager organisiert werden

2.12.2018

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Nach massiven Protesten gibt die Stadt den Plan auf, große Teile der Halle 116 auf dem Sheridan-Areal gewerblich zu nutzen. Überraschend hat Baureferent Gerd Merkle (CSU) auf der Sitzung des Bau- und Konversionsausschusses des Stadtrats am 22. November eine entsprechende Beschlussvorlage der Verwaltung zurückgezogen (1). Damit ist jetzt hoffentlich der Weg frei für eine Nutzung des gesamten Areals für das Gedenken an die Zwangsarbeiter, die im ehemaligen KZ-Außenlager von Dachau für die Augsburger Rüstungsindustrie schuften mussten. Auch an die Geschichte der US-Amerikaner in der Stadt soll gedacht werden.

Der Initiative Denkort Halle 116 war es damit gelungen, seit ihrer Gründung im Januar dieses Jahres eine beachtliche Wirkung zu entfalten. Auch die mediale Unterstützung der Anliegen der Initiative ist nicht zu verachten. Hinzu kamen zum Beispiel interessante Ausstellungen und Führungen am Tag des offenen Denkmals am 9. September in der Halle 116 mit erstaunlichen Besucherzahlen. Dann die Einwendungen gegen den Bebauungsplan, die während seiner öffentlichen Auslegung möglich waren. Die Einwendungen sind noch nicht veröffentlicht, sie liegen aber der Verwaltung vor und zeigen Wirkung. Hier hat zum Beispiel auch die ÖDP öffentlich mobilisiert, das Mittel des Einspruchs von Bürgern zum Bebauungsplan zu nutzen (2).

Dann die Anträge der Grünen und der Ausschussgemeinschaft Freie Wähler, die Linke, ÖDP und Polit-WG im Stadtrat sowie die Beschlüsse und Empfehlungen des Kulturbeirats an den Stadtrat (3). Sie liefen alle darauf hinaus, eine gewerbliche Nutzung auszuschließen und die gesamte Halle unter Gemeinbedarf zur kulturellen und sozialen Nutzung zu stellen. Und nicht zuletzt die Veranstaltungsreihe des Kulturreferats mit einer großen Podiumsdiskussion im Zeughaus am 21. November als Schlusspunkt. Dabei konnten neben zwei Vertretern der Initiativen auf dem Podium unter anderem auch die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau ihren Einfluss geltend machen für die Sicherung der gesamten Halle als Gedenkstätte.

von links: Harald Munding, VVN/BdA Kreisvereinigung Augsburg und Initiative Denkort Halle 116; Bernhard Kammerer, BÜRGERAKTION Pfersee „Schlössle“ e. V. und Initiative Denkort Halle 116; Georg Feuerer, Stadtarchiv und Amerika in Augsburg e. V; Günther Kronenbitter, Militärhistoriker und Ethnologe, Mitglied im Beirat „Halle 116“; Gabriele Hammermann, Leiterin KZ-Gedenkstätte Dachau und Mitglied im Beirat „Halle 116“; nicht im Bild: Thomas Weitzel, Kulturreferent der Stadt; Jochen Ramming, Volkskundler und Kulturwissenschaftler, Moderator der Podiumsdiskussion „Gedenken gestalten. Die Zukunft der ‚Halle 116‘ im Gespräch“ am 21. November 2018 im Filmsaal des Zeughauses

Tags darauf wurde auf Vorschlag der Bauverwaltung bei der Sitzung des Bauausschusses das Baufeld der Halle 116 aus dem Bebauungsplan herausgenommen. Dies wurde ohne größere Debatte im Ausschuss von allen Parteien einstimmig gebilligt. Gecancelt wurde damit aber auch eine Befassung des Stadtrats mit den vorliegenden Anträgen und Stellungnahmen, was politisch sehr bedauerlich ist. Die nächste Entscheidung fiel auf der Stadtratssitzung am 27. November mit der Beschlussfassung über den Haushalt, in dem sowohl Geld für den Ankauf der Halle 116 durch die Stadt bereitgestellt wurde als auch für eine erste Konzeptionierung. Ob ansonsten vor den Kommunalwahlen noch viel passiert, wird wohl davon abhängen, ob die Ansätze einer Kooperation zwischen Denkort-Initiative, Bürgerbewegung und Kulturreferat zielführend ausgebaut werden können. Die Stadt kann und muss jetzt in Bezug auf die Halle 116 in die Gänge kommen – wird von allen Seiten gefordert. Und das muss sich organisatorisch, personell, finanziell und vor allem konzeptionell auswirken. Das Kulturreferat hat dabei eine Schlüsselstellung.

Medienreaktionen: „Die Bürger haben sich durchgesetzt“

Die Medienreaktionen sind sehr erfreulich. Stefan Krog, stellvertretender Leiter der Lokalredaktion der Augsburger Allgemeinen, in einer schnellen Reaktion (4):

„Die Stadt lässt ihre Überlegungen, Teile der Halle 116 auf dem Sheridan-Areal für eine gewerbliche Nutzung freizugeben, fallen. Im Bauausschuss am Donnerstag sagte Baureferent Gerd Merkle (CSU), dass er angesichts der Vorbehalte in Teilen der Bürgerschaft einen entsprechenden Beschlussvorschlag zurückziehe. (…)

Für Protest sorgte, dass die Bauverwaltung den Rest des Gebäudes für eine gewerbliche Nutzung frei geben wollte. Dies sei sinnvoll, um ein wirtschaftlich tragfähiges Konzept für das Gesamtgebäude zu bekommen, so die Begründung. Dafür brauche man Mieteinnahmen. Man habe nie vorgehabt, dort gewerbliche Nutzungen zuzulassen, die der Geschichte des Gebäudes nicht gerecht würden, betont Merkle. Ohnehin wird die Stadt das Gebäude demnächst in ihr Eigentum übernehmen. Damit habe man ohnehin in der Hand, welches Gewerbe sich dort ansiedelt. Allerdings wolle man, um die Diskussion zu beruhigen, nun komplett auf Gewerbe verzichten, so Merkle. Möglicherweise wird das gesamte Gebäude dem ‚Gemeinbedarf‘ gewidmet, sodass dort nur soziale oder kulturelle Nutzungen möglich sind. Sowohl Grüne als auch die Ausschussgemeinschaft im Stadtrat hatten einen Verzicht auf Gewerbe gefordert.“

In einem sehr guten Beitrag von Augsburg TV (a.tv), ausgestrahlt ab 23. November, heißt es (5):

„Es war wohl diese Podiumsdiskussion mit Kulturreferent Thomas Weitzel am Mittwochabend, die entscheidenden Einfluss auf die Zukunft der Halle 116 genommen hat. Viele Augsburger wünschen sich für das Gebäude eine historische Erinnerungsstätte, einen Gedenkort für jüdische und sowjetische Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg und für die amerikanischen Soldaten in Augsburg, die nach dem Krieg dort stationiert waren. Doch die Stadt plante bisher, die Halle auch gewerblich zu nutzen, was seit Monaten zu Streit führte. (Klaus Stampfer, Sprecher der Augsburger Friedensinitiative und Mitglied der Initiative Denkort Halle 116, mit einem Publikumsbeitrag bei der Podiumsdiskussion; Redaktion Forum) ‚Also ich denke, der allererste Schritt muss jetzt sein, dass sichergestellt wird, dass die Halle in der jetzigen Form erhalten bleibt.‘

Baureferent Gerd Merkle nahm sich diese Appelle zu Herzen. Im Bauausschuss schlug er deshalb vor, diese Pläne nicht weiter zu verfolgen. (Merkle im Wortlaut; Redaktion Forum) ‚In der Veranstaltung ist es zu einer sehr hitzigen Diskussion gekommen, weil Ängste da sind, dass hier Fehlentwicklungen in diesem Gebäude stattfinden könnten. Und das ist nicht angemessen. Und deswegen habe ich heute Vormittag, als ich von Herrn Weitzel informiert wurde, entschieden, wir nehmen das Gebäude aus dem Ursprungsbebauungsplan raus.‘ Darin war eine gewerbliche Nutzung von zwei Dritteln des Gebäudes vorgesehen. Außerdem gab es auch Widerstand gegen die Planung einer Tiefgarage. Diese soll ebenfalls aus dem Bebauungsplan gestrichen werden. Die Befürworter einer reinen Erinnerungsstätte fordern auch ein Museum, um das 20. Jahrhundert erstmals in Augsburg abzubilden. Die bisherigen Pläne würden dem kulturellen Andenken nicht gerecht werden.

(Kulturreferent Thomas Weitzel im Interview mit a.tv; Redaktion Forum) ‚Uns fehlt eigentlich ein stadtgeschichtliches Museum, in dem wir jüngere Zeitgeschichte darstellen können. Wir haben ein Fuggermuseum, wir haben ein Brechtmuseum, wir haben ein Mozarthaus, aber die Geschichte hat natürlich nicht um 1900 aufgehört. Erinnert werden soll auch an die Augsburger Rüstungsfirma Messerschmitt, die sich in Zusammenarbeit mit dem NS-Regime am Krieg beteiligt hat. Auch auf Kosten der rund 2000 Zwangsarbeiter, die in der Halle 116 inhaftiert waren.

Die Verbrechen im Dritten Reich waren damit in Augsburg sichtbar. (Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ Gedenkstätte Dachau, im Interview mit a.tv; Redaktion Forum) ‚Nicht nur durch die Todesmärsche in den letzten Kriegswochen, sondern tatsächlich auch durch das System der Außenlager. Das KZ Dachau hatte über 140 Außenlager.‘

(…) Für den kommenden Doppelhaushalt plant die Stadt den Ankauf der Halle ein. Dann soll die Museumsplanung beginnen, ganz im Sinne vieler Augsburger Bürger, die für diese Geschichte lange gekämpft haben.“

Die Augsburger Allgemeine legt noch einmal ausführlicher nach. Eva Maria Knab schreibt (6):

„(…) Der ‚Lernort‘ ist allerdings schon seit vielen Jahren in der Diskussion. Kulturreferent Thomas Weitzel stellte nun seine aktuellen Realisierungspläne vor. Bürger und Initiativen hinter dem Projekt sind unterdessen fast am Ende ihrer Geduld. Sie pochen auf eine schnelle Zwischenlösung.

Kulturreferent Weitzel spricht sich für Interimsausstellung aus

Weitzel sagte bei einer Podiumsdiskussion im voll besetzten Filmsaal des Zeughauses, die Stadt habe 600.000 Euro für den Ankauf der Halle fürs kommende Jahr im Haushalt vorgesehen. Geplant sei, im östlichen Teil der 10.000 Quadratmeter großen Halle einen Lern- und Denkort einzurichten. Weitere 600.000 Euro veranschlagt er für Altlastensanierung und fünf bis sechs Millionen Euro für eine künftige Dauerausstellung. Folgt man Weitzel, ist es bis zur Realisierung der großen Lösung noch ein weiter Weg. Auch, weil passende Nutzungen für die anderen Gebäudeteile von Halle 116 gefunden werden müssen. Der Kulturreferent sprach sich deshalb für eine Interimsausstellung aus, die er gemeinsam mit interessierten Bürgern und Initiativen in einer Arbeitsgruppe entwickeln wolle. Es sei ein fünfstelliger Betrag im Haushalt, um ein Konzept zu erarbeiten. Personell sei ebenfalls Verstärkung nötig.

Historiker Günther Kronenbitter, der im Beirat für Halle 116 sitzt, zeigte sich mit dem bisherigen Realisierungstempo der Stadt nicht zufrieden. Die Interimsausstellung dürfe nicht der Grund werden, ‚sehr lange gar nichts zu tun‘, warnte er. Grundsätzlich habe er gegen ein Stufenmodell aber keine Einwände. Ähnlich sehen es Vertreter von Initiativen, die sich seit Jahren für einen Erinnerungsort einsetzen. Sie appellierten an Weitzel, so schnell wie möglich eine Zwischenlösung mit kleineren Ausstellungen zuzulassen. Dafür könne man auf vorhandenes Material zurückgreifen. ‚Es gibt ein sehr großes Interesse an Führungen, wir könnten mit wenig Geld sofort beginnen‘, sagte Bernhard Kammerer von der Bürgeraktion Pfersee Schlössle. (…)“

Die Stadtzeitung titelte dann noch (7): „Kein Gewerbe in der Halle 116. Die Bürger haben sich durchgesetzt: In der Halle 116 auf dem Gelände der ehemaligen Sheridan-Kaserne wird vorerst kein Gewerbe möglich sein. Aus dem entsprechenden Bebauungsplan fällt das Gebäude komplett raus.“

Schon früher war die Halle 116 gelegentlich von großem Interesse für die Medien, auch für die überregionalen Medien. Das heißt nichts anderes, als dass die Medien der Halle 116 eine überregionale Bedeutung beimessen. Wenn zum Beispiel die Mittelbayerische Zeitung titelt „Augsburg hadert mit Gedenkstätte im KZ-Außenlager“ und im Artikel vor allem Dietmar Egger zu kritisch Wort kommt, als Vorsitzender der Bürgeraktion Pfersee und einer der Vertreter der Initiative Denkort Halle 116, so kann das der Stadtverwaltung nicht mehr egal sein (8). Gleichlautend titelte übrigens auch die Süddeutsche Zeitung (9). Im Jahr 2015, als Pläne bekannt wurden, die Halle 116 als Flüchtlingslager zu nutzen, titelte zum Beispiel die Münchner Abendzeitung „Außenstelle bei Augsburg – Asylbewerber in KZ-Baracke: Pläne gestoppt!“ (10).

Die oben zitierten Ausschnitte stammen aus rein örtlichen Medien und zeigen ganz eindeutig, dass diese Medien für den Erhalt der gesamten Halle 116 und ihre Entwicklung zu einem Denkort sind. Das heißt nichts anderes, als dass diese Medien eine Mehrheit ihrer Leser und Zuschauer auf dieser Position wähnen. Deshalb hat die Denkort Initiative zur Zeit medial recht gute Karten und die Bauverwaltung relativ schlechte Karten.

Der Baureferent erspart den Parteien eine Debatte im Bauausschuss – CSU, SPD und Pro Augsburg vermeiden weiterhin jede Positionierung in Sachen Halle 116

So erfreulich es ist, dass die Bauverwaltung auf Druck der Bürgerbewegung ihren Plan fallen ließ, die Halle 116 gewerblich zu nutzen, muss man doch auch zur Kenntnis nehmen, dass der Baureferent – wie er selber sagt – die Entscheidung allein getroffen hat noch vor der Sitzung des Bauausschusses. Damit hat Merkle den Parteien, vor allem CSU und SPD eine Debatte im Bauausschuss erspart. Der einstimmige Beschluss im Bauausschuss erfolgte nach der Entscheidung des Baureferenten und bedeutet nicht, dass die verschiedenen Kräfte im Bauausschuss im Bezug auf die Halle 116 mit einer Stimme sprechen. Der einstimmige Beschluss im Bauausschuss dürfte auf sehr unterschiedlichen, zum Teil taktischen und wahltaktischen Motiven beruhen.

CSU, SPD und Pro Augsburg vermeiden weiterhin jede Positionierung in Sachen Halle 116 und setzen damit ihr jahrelang geübtes Schweigen fort. Eine Durchsicht der Homepage der Augsburger CSU ergibt, dass die Halle 116 für sie kein Thema ist. Die SPD hat sich 2014 in ihrem kommunalpolitischen Programm zur Halle 116 geäußert (11):

Förderung von Stadtteilkultur und -initiativen

Erinnerung und Sinn für geschichtliche Zusammenhänge sollen konkret vor Ort in den Stadtteilen beginnen: Daher fördern wir Stadtteilführungen von lokalen Bürgerinitiativen, mit denen sich interessierte Bürgerinnen und Bürger mit ihrem Stadtteil im Sinne einer Friedensstadt auseinandersetzen. So setzen wir uns für die Gestaltung der Halle 116 in Pfersee zu einem Lern- und Erinnerungsort zum Thema Nationalsozialismus ein.“

Die SPD subsumierte also 2014 ihren Einsatz für die Halle 116 unter „Förderung von Stadtteilkultur und -initiativen“. So wichtig es ist, dass sich auch die Bürger im Stadtteil um die Halle 116 kümmern, verkennt die SPD damit doch die Bedeutung der Halle 116 gewaltig. Die Halle hat als historisches Monument überregionale und sogar europaweite Bedeutung. Außerdem fördert die Augsburger SPD auch die Stadtteilinitiativen nicht wirklich in puncto Halle 116.

Im Gegenteil. In der einzigen Stellungnahme der Augsburger SPD zur Halle 116 vier Jahre nach Veröffentlichung ihres kommunalpolitischen Programms heißt es (12):

„Die SPD-Fraktion widersetzt sich den teilweise irreführenden und falschen Behauptungen. So stellt die kulturpolitische Sprecher der SPD-Fraktion Gabi Thoma (so im Original; Redaktion) nochmals klar: ‚Weder ist das Gebäude 116 verkauft noch existieren beschlossene Überplanungen des Stadtrats dafür.‘ Der Stadtrat hatte zuletzt beschlossen, Ideen zur teilweisen Nutzung des Gebäudes anzusehen, um auch Einnahmen zur Umsetzung der Denkort-Idee in der großen Halle aus dem Jahr 1936 zu erhalten. Auch die Exponate des Vereins ‚Amerika in Augsburg‘ sollen hier eine Rolle spielen.

Bislang sind in den letzten 15 Jahren mehrere Konzepte zur Realisierung des Denkorts mangels tragfähiger Finanzierung gescheitert‘, erinnert BGM Stefan Kiefer, der die gesamte Zeit die Frage der Weiterentwicklung des Gebäudes im Stadtrat mit verfolgt hat.

Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll und geboten, Lösungsansätze erst mal anzusehen und zu prüfen, ehe sie schon im Vorfeld pauschal abqualifiziert werden‘, so Angela Steinecker und Anna Rasehorn, die als Pferseer Vertreterinnen für die SPD im Stadtrat sitzen.

Manche Unterstützer der Idee des Denkortes sollten überlegen, ob sie mit Unterstellungen und falschen Behauptungen die Idee des Denkorts wirklich würdig voranbringen können.

Wenig hilfreich dürfte der Antrag auf Erteilung von Denkmalschutz für das Gebäude sein (…)“

Damit wandte sich die Stadtratsfraktion der SPD in ziemlich aggressiven Tonfall gegen nicht näher benannte Gegner einer gewerblichen Nutzung der Halle 116, schlug sich auf die Seite der Bauverwaltung und lehnte es sogar ab, die Halle 116 unter Denkmalschutz zu stellen. Dabei arbeitete die SPD-Fraktion ihrerseits mit Unterstellungen, die eigentlich nur der Initiative Denkort Halle 116 und dem Umkreis ihrer Unterstützer gelten konnten.

Auch von Pro Augsburg gibt es auf seiner Homepage nur einen einzigen Eintrag zur Halle 116 (13). Es handelt sich um einen Antrag an den Stadtrat vom Mai 2017. Darin ist die Rede von einem Gerücht, dass die Halle 116 an einen Investor verkauft werden solle. Pro Augsburg verlangt einen Sachstandsbericht zur Halle, ohne selbst zu der Frage Stellung zu nehmen.

Dies sind die dürftigen Ergebnisse unserer Recherchen auf den Webseiten der drei Parteien, was natürlich nicht bedeutet, dass CSU, SPD und Pro Augsburg nicht über das Thema Halle 116 reden beziehungsweise im Stadtrat darüber handeln würden. Aber eine öffentliche Stellungnahme, Presseerklärung, Artikel oder Notiz sind ihnen das Thema nicht wert, sonst müsste etwas auf ihren Webseiten auftauchen.

Mit der Rücknahme der Beschlussvorlage cancelte Merkle auch eine Befassung mit allen vorliegenden progressiven Anträgen

Die angeblich einsame Entscheidung des Baureferenten, der die Parteien im Bauausschuss aus unterschiedlichen Gründen gerne folgten, hatte auch noch eine andere – sicher nicht unbeabsichtigte – Konsequenz.

Merkle cancelte mit der Rücknahme der Beschlussvorlage 02401 auch die Befassung mit den fünf vorliegenden Anträgen und Stellungnahmen von Grünen, Ausschussgemeinschaft und Kulturbeirat. Die Bauverwaltung und der CSU-dominierte Stadtrat verschafften sich damit sozusagen auf kaltem Wege Luft. Aber diese Anträge und Stellungnahmen liegen immer noch vor und sind damit nicht erledigt.

Schon die vorausgehende Sitzung des Kulturausschusses am 13. November zeigte deutlich, dass die Parteien kein Interesse haben, über die Halle 116 politisch zu verhandeln oder auch nur zu reden und schon gar nicht, sich zu positionieren. Bereits auf dieser Sitzung des Kulturausschusses lag der Beschluss des Kulturbeirats zu Halle 116 im Sheridan-Park vom 22. Oktober 2018 vor (14), der dann auch in die Beschlussvorlage 02401für die Bauausschusssitzung aufgenommen wurde.

Der Kulturbeirat empfahl in seinem Beschluss, die gesamte Fläche der Halle 116 insbesondere als Lernort Frieden zu nutzen. Gewerbliche Nutzungen und Verwaltungen sollten nur ausnahmsweise möglich sein, wenn sie angemessen sind. Mit dem äußeren Erscheinungsbild der Halle 116 solle verantwortungsvoll umgegangen werden. Im Übrigen verwies der Kulturbeirat auf einen früheren Beschluss, in dem aus der gesamten Halle 116 ein Lern- und Erinnerungsort geschaffen werden sollte zu den Themen: Alltäglichkeit des Schreckens im umfassenden KZ-Außenlagersystem in Bayern, Befreiung durch die USA und das Zusammenleben mit der Besatzungsmacht, Wiederaufbau und Marshallplan, Demokratisierung und politische Bildung in der Bundesrepublik Deutschland.

Dafür sollte die Friedensstadt Augsburg nicht nur eine museumsartige Nutzung ins Auge fassen, sondern auch historische politische Bildungsarbeit und die Schaffung eines Begegnungsortes. Dafür hält der Kulturbeirat sowohl einen wissenschaftlichen Beirat für nötig als auch die Durchführung eines Bürgerbeteiligungsprozesses. Eine Zwischennutzung der nicht benötigten Teile der Halle durch verschiedene Vereine und Institutionen sollte ermöglicht werden, damit die Synergien entstehen für die Entwicklung einer Konzeption des Gesamtprojekts. Außerdem hält der Kulturbeirat eine gute Anbindung der Halle an den öffentlichen Nahverkehr für nötig.

Diese Empfehlung des Kulturbeirats wurde auf der Sitzung des Kulturausschusses des Stadtrats von der Leiterin des Kulturamts, Elke Seidel, in aller Knappheit vorgetragen und vom Ausschuss lediglich „zur Kenntnis genommen“. Eine Debatte hierüber fand nicht statt. Die im Kulturausschuss vertretenen Parteien vermieden es, sich zu der Frage zu positionieren. Ausnehmen wollen wir von dieser Feststellung natürlich die Fraktionen, von denen Anträge an den Stadtrat vorlagen und nach wie vor vorliegen. Grüne und Ausschussgemeinschaft haben sich durch ihre Anträge natürlich positioniert.

Diese Sprachlosigkeit der Stadtratsfraktionen setzte sich im darauf folgenen Bauausschuss am 22. November fort. Zu vermerken wäre vielleicht noch, dass der Vorsitzende des Bau- und Konversionsausschusses, Stefan Quarg (SPD), sich eher gegen eine Gemeinbedarfsfläche für die Halle 116 aussprach und eine Sonderbaufläche ins Spiel brachte. Damit wäre eine Mischnutzung möglich, das heißt, gewerbliche Nutzungen wieder im Spiel. Der Gärtnermeister Peter Uhl (CSU) warf ein, er möchte nicht noch einmal 20 Jahre auf eine Lösung warten. Damit ist angedeutet, dass auch in der CSU keine einheitliche Grundstimmung vorherrscht – um es einmal ganz allgemein zu formulieren.

Auf der Stadtratssitzung am 27. November war die Halle 116 kein Thema mehr, dennoch wurden wichtige Haushaltsbeschlüsse gefasst

Die Beschlussvorlage 02401 sollte ursprünglich auch in der Vollversammlung des Stadtrats verhandelt werden. Sie wurde dort aber ebenso wie im Bauausschuss abgesetzt. So war die Halle 116 auch auf der Stadtratssitzung kein Thema. Bedauerlicherweise wurde der Antrag der Ausschussgemeinschaft der Freien Wähler/Die Linke/ÖDP und der PolitWG vom 13.11.2018 zur Konzeption der Halle 116 auch nicht behandelt (15). Dieser sehr wichtige Antrag zur Konzeption der Halle 116, den die Ausschussgemeinschaft zusammen mit der Initiative Denkort Halle 116 vorberaten hatte, fand keinen Eingang mehr in die Beschlussvorlage 02401, lag also den Bauausschuss gar nicht vor. Sie lag aber dem Oberbürgermeister vor und die Wochenfrist wäre gewahrt gewesen für eine Behandlung auf der Stadtratssitzung. Damit hat also der OB faktisch eine Behandlung des Antrags der Ausschussgemeinschaft auf der Stadtratssitzung am 27. November blockiert.

Mit den Haushaltsbeschlüssen fanden aber auf der Stadtratssitzung am 27. November wichtige Entscheidungen statt, die die Halle 116 betreffen. Die Grünen, die dem Haushalt zugestimmt haben, sind voll des Lobes über die Haushaltspläne (16):

„Martina Wild (…): ‚Es ist richtig, in diese Bereiche zu investieren. Denn diese Projekte in den Bereichen Bildung, Kultur, Soziales und Prävention machen Augsburg lebenswert und attraktiv, ermöglichen Chancen und Teilhabe und unterstützen in besonderen Lebenslagen. Besonders freuen wir uns auch darüber, dass auf unseren Antrag hin der Kauf der Halle 116 bereits im Nachtragshaushalt verankert wurde, jetzt aber auch noch die Mittel für die inhaltliche Konzeptionserarbeitung in den Haushalt aufgenommen wurden. Damit ist die Entwicklung der Halle 116 zum Denk- und Erinnerungsort im Hinblick auf die Finanzmittel auf einen guten Weg gebracht‘.“

Wie oben schon erwähnt, hat sich Kulturreferent Weitzel gegenüber der Augsburger Allgemeinen dazu schon geäußert: „Es sei ein fünfstelliger Betrag im Haushalt, um ein Konzept zu erarbeiten.“ (17)

Das Kulturreferat startet eine hochkarätige Veranstaltungsreihe

Obwohl der Kulturreferent in den letzten Monaten und Jahren in Sachen Halle 116 etwas planlos wirkte – natürlich auch unter dem gewaltigen Druck der Bauverwaltung unter CSU –, so war doch die Entscheidung, eine hochkarätige Veranstaltungsreihe zur Halle 116 durchzuführen, eine glänzende Idee.

Zur ersten Veranstaltung wurde Karl Freller, Direktor der Stiftung bayerische Gedenkstätten eingeladen. Er zeigte Verständnis für den langwierigen Prozess: „‚Alle Projekte im Zusammenhang mit dem Erinnern an die NS-Diktatur haben lange gedauert‘, sagt der CSU-Landtagsabgeordnete, der am Montag die Vortragsreihe in der Halle 116 eröffnen wird. Selbst die großen KZ-Gedenkstätten seien erst in den 1990er Jahren langsam als moderne Lernorte aufgebaut worden. ‚Diese Orte waren aufgrund ihrer Geschichte lange von starken Abwehrreflexen der Außenwelt betroffen.‘“ (18)

Pikant an der Veranstaltung war auch, dass der Referent ein altgedienter CSU-Landtagsabgeordneter ist. Karl Freller ist seit 1982 Landtagsabgeordneter für die CSU, war neun Jahre lang Staatssekretär im Kultusministerium, ist seit 2007 stellvertretender Fraktionsvorsitzender und seit November 2018 einer von fünf Vizepräsidenten des bayerischen Landtags. Als Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten trägt er auch Verantwortung für die KZ-Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg.

Mit der Einladung dieses Referenten schrieb das Kulturreferat der Augsburger CSU gewissermaßen etwas in Stammbuch, was Karl Freller so formulierte (19):

„Gedenkstättendirektor Freller betont jedenfalls, dass die Halle 116 als Teil der Stadtgeschichte begriffen werden und das Thema Zwangsarbeit in der Diskussion bleiben müsse. ‚Wenn diese Diskussion an einen bestehenden historischen Ort wie die Halle 116 andocken kann, lassen sich leichter Bezüge herstellen.‘ Gedenkorte außerhalb der KZ-Hauptlager Dachau und Flossenbürg befürwortet Freller. Denn diese verdeutlichten die Allgegenwart des KZ-Systems: ‚KZ war nicht nur Dachau, Auschwitz und Buchenwald, sondern auch Augsburg, Gablingen, Horgau, Kempten‘, sagt er im Hinblick auf die schwäbischen Außenlager.“

Für die zweite Veranstaltung lud das Kulturreferat Professor Winfried Nerdinger ein, ehemaliger Leiter des Münchner und Augsburger Architekturmuseums und Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums in München. Winfried Nerdinger verstärkte das Anliegen Karl Frellers noch einmal erheblich und erhöhte den Druck auf die Augsburger Verwaltung. Wichtig zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang auch, dass Winfried Nerdinger der Sohn eines bekannten Augsburger Widerstandskämpfers war. Dieser war Sozialdemokrat, damit sprach Winfried Nerdinger quasi auch der Augsburger SPD ins Stammbuch (20):

„Nerdinger plädierte in seinem Vortrag und der anschließenden Diskussion dafür, den historischen Ort zu erhalten. Bauliche Zeugnisse der Ausbeutung von Zwangsarbeitern seien nämlich nur noch selten vorhanden. Nicht mehr als ein halbes Dutzend Zwangsarbeiter-Lager gibt es noch in Deutschland, etwa in Berlin-Schöneweide oder in München-Neuaubing, wo derzeit eine Gedenkstätte entsteht. Darum bewertet Nerdinger die Augsburger Halle 116 als etwas ‚ganz Besonderes‘. Ein solcher authentischer Orte sei wichtig, um endlich ‚eines der großen Verbrechen des Nationalsozialismus‘ ins Bewusstsein zu holen.

13 Millionen Menschen wurden nach regelrechten Menschenjagden in den von der Wehrmacht besetzten Ländern zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich verschleppt, darunter eineinhalb Millionen Kinder. Jeder Deutsche habe vermutlich mit Zwangsarbeitern zu tun gehabt, denn sie waren überall eingesetzt, in Städten, auf Bauernhöfen, in Fabriken, als Bombenräum-Kommandos und zu Aufräumarbeiten nach Fliegerangriffen. ‚Jede Stadt bräuchte eigentlich einen Gedenkort für die Zwangsarbeiter.‘

Nach Zeitzeugen suchen

An die Schicksale der Menschen, die in Augsburg gelitten und geschuftet haben, kann man in der Halle 116 erinnern. Doch dazu müsse man ‚sofort‘ nach Überlebenden und Zeitzeugen suchen, so Nerdingers zweite Empfehlung für Augsburg. Es reiche nicht aus, den Bau zu erhalten, er soll ja ‚gefüllt‘ werden mit den Berichten und Erinnerungen der Opfer. In den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, etwa der Ukraine oder Polen, lassen sich Unterlagen wie die Verhörprotokolle der rückkehrenden Überlebenden studieren. Zudem besteht noch die Chance, einzelne Überlebende zu finden, die ihre Geschichte erzählen können. Einer von ihnen, Witold Scibak aus Polen, der als Jugendlicher in der Halle 116 inhaftiert war, kam schon zweimal aus eigenem Antrieb nach Augsburg an die Stätte seines früheren Leidens. Die Stadt solle dringend nach anderen Überlebenden suchen, so Nerdinger, denn die Zeit drängt, die Betroffenen sind hochbetagt.

In München-Neuaubing baut die Stadt München zurzeit die Reste eines Zwangsarbeiterlagers zu Gedenkstätte und Lernort um, als Filiale des NS-Dokumentationszentrums. Auf dieser institutionellen Basis konnte Nerdinger, noch bevor er im Mai dieses Jahres in den Ruhestand ging, drei Mitarbeiter mit der Recherche nach Zeitzeugen beauftragen. Augsburg ist davon noch weit entfernt: Im Kulturreferat wurde eine halbe Stelle für Erinnerungskultur eingerichtet – und selbst das war nicht einfach, wie Kulturreferent Weitzel erklärte.

In der Diskussion mit Prof. Nerdinger wurde deutlich: Um aus der Halle 116 einen wirksamen Lernort zu machen, wäre wesentlich mehr Arbeitskraft und Anstrengung nötig.“

Die Podiumsdiskussion am 21. November hat dann wohl den Ausschlag gegeben dafür, dass die Bauverwaltung einlenkte

Bei der dritten Veranstaltung der Vortragsreihe des Kulturamts zur Halle 116 war dann eine öffentliche, moderierte Podiumsdiskussion angesagt, „bei der die engagierten Initiativen und andere relevante Akteure selbst zu Wort kommen sollen“. „Im Gespräch zwischen Expertinnen und Experten sowie den engagierten Initiativen sollen konkrete Fragen zur Zukunft des geplanten Lern- und Erinnerungsortes erörtert werden.“

Unter dem Titel „Gedenken gestalten. Die Zukunft der ‚Halle 116‘ im Gespräch“ kamen am 21. November im gut besetzten Filmsaal des Zeughauses auf dem Podium zusammen: Dr. Gabriele Hammermann, Leiterin KZ-Gedenkstätte Dachau; Thomas Weitzel, Kulturreferent Stadt Augsburg; Prof. Dr. Günther Kronenbitter, Mitglied des Beirats „Halle 116“; Dr. Harald Munding, VVN/BdA Kreisvereinigung Augsburg; Bernhard Kammerer, BÜRGERAKTION Pfersee „Schlössle“ e. V.; Georg Feuerer, Amerika in Augsburg e. V. Moderiert wurde die Veranstaltung von Dr. Jochen Ramming, Volkskundler und Kulturwissenschaftler, der schon mit den Machbarkeitsstudien für die KZ-Gedenkstätten in Landsberg und München/Allach befasst war (21).

Konkret geplant war mit der Veranstaltung:

„Erörtert werden sollen die Pläne des Kulturreferats, (1.) in einem ersten Schritt eine temporäre historische Ausstellung in der ‚Halle 116‘ einzurichten und sich dabei (2.) inhaltlich am von Prof. Gassert erstellten Konzept (22) zu orientieren.

Dabei sollen etwa folgende Fragen besprochen werden:

1. Welche Themenkomplexe sollen in der Ausstellung behandelt werden?

2. Wie soll die Gewichtung zwischen ‚NS-Geschichte‘ und ‚US- bzw. Nachkriegs-Geschichte‘ ausfallen?

3. Wer erarbeitet die temporäre Ausstellung? Möchten sich/wie möchten sich die Initiativen beteiligen oder soll die Stadt bzw. ein Externer die Gestaltung übernehmen?

4. Wie soll es nach der Erarbeitung der temporären Ausstellung weitergehen?“

Es gab aber auch die Möglichkeit für eine allgemeine Aussprache und weitere Vorschläge, die sowohl auf dem Podium als auch vom Publikum intensiv genutzt wurde.

Kulturreferent Thomas Weitzel versammelte also um sich auf dem Podium Fachleute, die seit Jahrzehnten um eine angemessene Nutzung der Halle 160 kämpfen, die professionell mit der Realisierung anderer KZ-Gedenkstätten (Landsberg, Allach) befasst waren oder KZ-Gedenkstätten leiten (Dachau). Oder wie Günter Kronenbitter mit einem Forschungsschwerpunkt in der Militärgeschichte, der aber auch zu den Themen Augsburg und Amerika und Besatzung publiziert und damit ebenfalls ein hochgradiges Interesse am Erhalt des Kasernengebäudes Halle 116 hat. Auch das Publikum war auf vielschichtige Weise höchst engagiert.

Im Grunde schuf der Kulturreferent damit selbst die Basis für den durchschlagenden Erfolg dieser Veranstaltung, das muss man ihm lassen. Allerdings waren der Bebauungsplan 288 B, mit dem die Halle 116 zu drei Viertel gewerblich genutzt werden sollte, und die Beschlussvorlage 02401 für den Bauausschuss, in der genau diese empörende Rechtslage noch einmal bestätigt werden sollte, – während der Podiumsdiskussion erstaunlicherweise kein Thema. Erst, als das Publikum zu Wort kam, wurde dies thematisiert und massiv kritisiert.

Man traut seinen Ohren kaum, wenn der Kulturreferent sich jetzt nicht nur Forderungen anschließt, in der Halle 116 auch ein Museum für die jüngere Zeitgeschichte unterzubringen, sondern auch an die Rüstungsproduktion im Dritten Reich, namentlich die Firma Messerschmitt erinnern will. Dies wäre ein echter Tabubruch in Augsburg. Man sollte – wie wir früher schon vorgeschlagen haben (23) – die Nachfolgefirma von Messerschmitt, die EADS oder die deutsche Airbus (24), tatsächlich um Unterstützung des Projekts angehen, ebenso wie die schwerreiche Messerschmitt Stiftung.

In einer Pressemitteilung der Initiative Denkort Halle 116 vom 25. November heißt es:

„Als weitere Schritte wurden bei der Podiumsdiskussion gefordert:

  • Festlegung eines Bestandsschutzes für die Halle und das Umfeld, z. B. in Form einer Erhaltungssatzung, die auch zukünftige Gremien binden.

  • Mit dem Kauf der Halle durch die Stadt muss ein Trägerkonzept entwickelt werden, das möglichst auch den Landkreis Augsburg, den Bezirk Schwaben und den Freistaat Bayern miteinbezieht.

  • In diesem Zusammenhang muss sich die Stadt dafür einsetzen, dass die geplante Zweigstelle der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit in der Halle angesiedelt wird. Die Halle mit ihrer Geschichte ist der richtige Ort für diese Landeszentrale.

  • Im benutzbaren Westflügel sollen möglichst bald bereits bestehende Ausstellungen gezeigt werden, aus denen sich dann die temporäre Ausstellung entwickeln kann. Hier ist auch Platz für themenbezogene Veranstaltungen. Damit soll die Halle 116 mit ihrer Geschichte möglichst schnell einem größeren Bevölkerungskreis bekannt gemacht werden. Die weiteren Flächen sollten zunächst als Freiräume für künftige Entwicklungen und Erweiterungen gewahrt bleiben.

  • Zur Koordination und zur Konkretisierung der Planung soll möglichst schnell eine Arbeitsgruppe eingesetzt werden.“

Günther Kronenbitter hob in der Podiumsdiskussion auf den zeitlichen Verzug ab. 2001 sei von der Geschichtswerkstatt bereits ein erstes Konzept erarbeitet worden, 2015 habe Philipp Gassert seine Konzeption im Stadtrat vorgelegt. Der Verweis auf die große Lösung dürfe den kleinen Schritten nicht mehr im Wege stehen. Günther Kronenbitter machte noch einen weiteren gewichtigen Vorschlag für die Halle: die Migrationsgeschichte der Stadt sei noch nicht erforscht und dargestellt. Kronenbitter traue der Sache aber erst, wenn ein externe(r) Kurator(in)/Museumsplaner(in) und ein(e) weiterer(e) fest angestellt sind.

Gabriele Hammermann äußerte ihr Unverständnis über eine geplante Gewerbenutzung der Halle und über die Versagung des Denkmalschutzes. Sie regte eine Broschüre über die Halle 116 an, wie auch für das KZ-Außenlager Allach eine erstellt wurde. Frau Hammermann legte allergrößten Wert auf die Trägerschaft, sie müsste schnellstmöglich geklärt werden, wobei sie wie auch Thomas Weitzel neben Augsburg mindestens noch den Bezirk ins Spiel brachte. Außerdem müsse ihrer Auffassung nach bald eine Arbeitsgruppe konstituiert werden.

Der Kulturreferent Thomas Weitzel verwies dezent auf „Mehrheiten im Stadtrat“, die die politischen Entscheidungen träfen. Er erneuerte noch mal seinen Vorschlag: die jüngere Zeitgeschichte sei nirgends dargestellt. Wir hätten nächstes Jahr 75 Jahre Augsburger Bombennacht. Man solle diesen Anlass nutzen, der Frage nachzugehen: „Warum sind wir bombardiert worden?“ Die Rolle der Rüstungsindustrie werde in Augsburg bisher nirgends thematisiert. Weitzel verwies auf das jüdische Kulturmuseum, wo auch der Bezirk und der Freistaat beteiligt seien. Außerdem habe Söder von einer Dependance der Landeszentrale für politische Bildung für Augsburg gesprochen.

Georg Feuerer, der im Stadtarchiv arbeitet und für den Verein Amerika in Augsburg auf dem Podium saß, beklagte: der Verein sammle seit 15 Jahren und wolle endlich einmal ausstellen. „Wann können wir beginnen?“ Das Gebäude stehe für zwei Kriege, den Zweiten Weltkrieg und den Kalten Krieg.

Dieser Hinweis ist insofern sehr wichtig, weil die Nachkriegsgeschichte unter dem Thema „die Amerikaner in Augsburg“ gerne verharmlost wird und das gute Verhältnis der US-Soldaten zur Bevölkerung und auch zur Stadtverwaltung hervorgehoben wird. Der Kalte Krieg steht aber auch für brutalste heiße Kriege, wie zum Beispiel den Vietnamkrieg und die Sheridan Kaserne war in diesem Krieg ein Militärstützpunkt der US-Armee. Auch über diese Verbrechen müsste dann gesprochen werden.

von links: Günther Kronenbitter, Gabriele Hammermann, Thomas Weitzel

Von den zahlreichen, wertvollen Publikumsbeiträgen sei hier hervorgehoben der Beitrag von Marcella Reinhardt, Vorsitzende des Regionalverbands der Sinti und Roma Augsburg/Schwaben. Sie sagte: „Auch wir hatten eine Ausstellung in der Halle 116 mit dem Thema ‚Sinti heute und morgen‘. Wir hatten die Ausstellung von Holocaustopfern mit ihrer Geschichte. Dazu gehört auch meine Familie, meine Eltern waren KZ-Häftlinge, die das Ganze überlebt haben. Ich könnte mir auch sehr gut vorstellen, eine feste Ausstellung in der Halle zu haben, damit diese Geschichte nicht in Vergessenheit gerät. Und für mich ist es auch ganz wichtig, dass man diese Halle mit Respekt und auch mit Würde behandelt. Es geht darum, dass Leute ihr Leben darin lassen mussten.“

Marcella Reinhardt sagte, sie sei immer wieder gefragt worden: „Was ist eigentlich diese Halle 116? Wo ist diese Halle 116?“ Sie sei traurig gewesen über diese Fragen. Man habe eigentlich mit der Halle ein wertvolles Gebäude in dieser Stadt, „und keiner erfährt, was eigentlich in dieser Halle passiert ist“. Sie sei sich sicher, dass auch Sinti in diesem Lager umgekommen sind. Es herrsche immer noch Antisemitismus und Antiziganismus und es sei wichtig, mit SchülerInnen darüber zu sprechen und zu arbeiten. Hätte man dieses vorher getan, hätte man jetzt keine Partei im Parlament, die rassistisch veranlagt ist. (Beifall)

Die Zukunft seien unsere Kinder und man müsse dieses Thema bearbeiten. „Es heißt immer, die Halle ist viel zu groß. Dafür, was ich mir überlege, was man aus dieser Halle machen könnte, ist diese Halle nicht groß genug. Diese Halle soll leben, diese Halle soll ein Lernort werden für unsere Kinder. Wie Harald Munding schon gesagt hat, ein Kino, das Dokumentationen zeigt. Wir brauchen keine Wissenschaftler. Unsere Wissenschaftler sind unsere Zeitzeugen, die das ganze überlebt haben. Ich bin ein Kind aus einer Familie, die den Holocaust erlebt hat. Wir Kinder haben gelebt im Schatten des Holocausts. Auch wir können weitererzählen, was wir als Kinder erlebt haben, wie unsere Eltern darunter gelitten haben, wie sie geweint haben. Ihre Traumata wurden nie aufgearbeitet, das ganze Thema wurde erst sehr, sehr spät zur Sprache gebracht.

Also – sage ich mal – sind wir jetzt dran, die Halle leben zu lassen. … Die Schüler sollen die Halle begehen, die Schüler sollen erfahren was passiert ist.“ In die Lehrpläne sei das Thema gar nicht aufgenommen: es habe zwar einen Krieg gegeben, es habe einen Hitler gegeben, „aber wie es in diesem Konzentrationslager zugegangen ist, davon hat niemand erzählt. Es ist unsere Arbeit, aufzuklären. Es ist unsere Aufgabe, dass so etwas wie die AfD keine Macht gewinnt.“ (Beifall)

Gegen Ende kam Alexander Ratschinskij zu Wort, Vorsitzender des Arbeitskreises Halle 116 im Kulturbeirat und Poetry-Slamer: Alles schön und gut und d‘accord, was bisher gefallen ist, aber: „Natürlich sind heute nicht die richtigen Leute für ein Streitgespräch erschienen. … Deshalb kommen sie morgen zahlreich um 14.30 ins Rathaus zum Bauausschuss! Lasst uns ein bisschen Radau machen, lasst uns zeigen, dass wir da sind und uns mit dem Thema beschäftigt haben. Funken Sie ihre Chefs an, verweisen sie auf mich, wie auch immer … Hier ziehen wir an einem Strang und das ist auf jeden Fall mal ganz gut“. (Beifall)

Peter Feininger, 2. Dezember 2018

Die beiden Fotos vom Häftling Scibak und seinem Ausweis erhielten wir von Bernhard Lehmann

 

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1 Siehe dazu unseren Artikel mit einer ausführlichen Kritik des Bebauungsplans 288 B und der Beschlussvorlage 02401 im Bau- und Konversionsausschuss:

Für die Sitzung des Bauausschusses des Stadtrats am 22. November liegen wichtige Anträge vor. Die Bauverwaltung sträubt sich, das KZ-Außenlager Halle 116 im SheridanPark zur Gemeinbedarfsfläche zu erklären. »… müssen bei der Ausarbeitung eines Bebauungsplanes auch die Möglichkeiten einer wirtschaftlichen Neubebauung berücksichtigt werden“, 20.11.2018, Forum solidarisches und friedliches Augsburg http://www.forumaugsburg.de/s_2kommunal/Stadtgeschichte/181120_halle-116-im-bauausschuss/index.htm

2 Siehe auch unseren Artikel: Die Halle 116 als ehemaliges KZ-Außenlager sollte als Denkort besser abgesichert werden. Öffentliche Auslegung des Bebauungsplans 288 B, Sheridan-Kaserne, von Peter Feininger 17. September.2018. http://www.forumaugsburg.de/s_1aktuelles/2018/09/17_einwaende-bebauungsplan-288b-halle-116.htm

3 Eine Dokumentation von sechs Anträgen und Empfehlungen findet sich in unserem Artikel: Die Bauverwaltung sträubt sich, das KZ-Außenlager Halle 116 im SheridanPark zur Gemeinbedarfsfläche zu erklären, a. a. O.

4 Krog, Stefan. »Gedenkort: Kein Gewerbe in Halle 116. Stadt schwenkt nach Protesten um, um die die Diskussion zu beruhigen“. Augsburger Allgemeine, 23. November 2018. http://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/Gedenkort-Kein-Gewerbe-in-Halle-116-id52764586.html.

5 Ausgburg: Zukunft der Halle 116. a.tv, 23.11.2018. https://www.augsburg.tv/mediathek/video/ausgburg-zukunft-der-halle-116/.

6 Knab, Eva Maria. „Hier soll in Augsburg bald an KZ-Häftlinge erinnert werden“. Augsburger Allgemeine, 25. November 2018. http://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/Hier-soll-in-Augsburg-bald-an-KZ-Haeftlinge-erinnert-werden-id52774086.html.

7 Markus Höck. „Kein Gewerbe in der Halle 116“. stadtzeitung.de, 26. November 2018. https://www.stadtzeitung.de/augsburg-nordwest/politik/kein-gewerbe-in-der-halle-116-d70523.html.

8 „Augsburg hadert mit Gedenkstätte in KZ-Außenlager“. Mittelbayerische Zeitung, 17. Juni 2018. https://www.mittelbayerische.de/bayern-nachrichten/augsburg-hadert-mit-gedenkstaette-in-kz-aussenlager-21705-art1660009.html.

10 Helmut Reister. „Außenstelle bei Augsburg: Asylbewerber in KZ-Baracke: Pläne gestoppt!“ Abendzeitung München, 2. Februar 2015. https://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.aussenstelle-bei-augsburg-asylbewerber-in-kz-baracke-plaene-gestoppt.30b29fa6-1a7a-4635-b78b-d9f52edfcffc.html.

11 Dies ergibt eine Durchsicht der Homepage der SPD Augsburg.

„Kommunalpolitisches Programm der SPD Augsburg für die Stadtratsperiode 2014-2020“. SPD Augsburg, November 2013. http://spd-augsburg.de/workspace/media/static/spd_augsburg_wahlprogramm_1311-52c811c31954d.pdf.

12 SPD Augsburg. „Gedenkort in der Halle 116 zügig entwickeln“. SPD Augsburg, 20. März 2018. https://spd-augsburg.de/news/gedenkort-in-der-halle-116-zuegig-entwickeln/.

13 Kammerer, Axel. „Halle 116, Antrag von Pro Augsburg“. Pro Augsburg (blog), 9. Mai 2017. https://www.pro-augsburg.de/halle-116/.

14 Beschluss und Empfehlung des Kulturbeirats vom 22.10.2018 (Anlage 5 zu BSV/18/02401), dokumentiert im Anhang unseres Artikels „Für die Sitzung des Bauausschusses des Stadtrats am 22. November liegen wichtige Anträge vor.“, a. a. O.

15 „Antrag zur Konzeption der Halle 116, Ausschussgemeinschaft der Freien Wähler/Die Linke/ÖDP und der PolitWG“. Ausschussgemeinschaft (blog), 13. November 2018. https://ausschussgemeinschaft.de/antrag-zur-konzeption-der-halle-116/.

16 „Doppelhaushalt verabschiedet“, Pressemitteilung der Grünen, Augsburg, 28.11.2018

17 Knab, Eva Maria. „Hier soll in Augsburg bald an KZ-Häftlinge erinnert werden“, a. a. O.

18 „Gedenkstätte in KZ-Außenlager lässt weiter auf sich warten“. Augsburger Allgemeine, 17. Juni 2018. http://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/Gedenkstaette-in-KZ-Aussenlager-laesst-weiter-auf-sich-warten-id51385881.html.

19 Ebd.

20 Bachmair, Angela. „Das seltene Zeugnis eines großen Verbrechens. Geschichte Experte Winfried Nerdinger ruft Augsburg auf, aus der Halle 116 einen historischen Lernort zu machen und möglichst schnell nach Zeitzeugen zu suchen. Was es nun zu tun gäbe“. Augsburger Allgemeine, 18. Juli 2018. http://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/Das-seltene-Zeugnis-eines-grossen-Verbrechens-id51686521.html.

21 Siehe zum Beispiel Jochen Ramming. „Machbarkeitsstudie für einen Dokumentationsort zum ehemaligen KZ-Außenlagerkomplex Allach, Frankonzept, Inhaltsverzeichnis und Ausgangssituation/Hintergrund – Aufgabe – Methodik“. KZ-Gedenkstätte Dachau, Januar 2018. https://www.kz-gedenkstaette-dachau.de/tl_files/images/aktuelles/machbarkeitsstudie_allach/Machbarkeitsstudie%20KZ-Aussenlager%20Allach_Seite_1_6.pdf.

22 Philipp Gassert. „Die Halle 116. Lernort Frieden in Augsburg. Abschlussbericht an die Augsburger Gesellschaft für Stadtentwicklung und Immobilienbetreuung GmbH (AGS) zur Erarbeitung einer wissenschaftlichen Konzeption für das Gebäude 116 im Sheridan-Park, Augsburg, Prof. Dr. Philipp Gassert, Historisches Institut Lehrstuhl für Zeitgeschichte, 68131 Mannheim www.geschichte.uni-mannheim.de/zg, BSV 16/1113 Anlage“. Stadt Augsburg, März 2015. http://www.augsburg.de/fileadmin/user_upload/kultur/erinnerungskultur/02%20bsv

23 Ehemaliges Außenlager des Konzentrationslagers Dachau auf dem Sheridan-Gelände in Pfersee. Warum die Halle 116 als Gedenkstätte in Gefahr ist. Die Stadt ist auf die Rüstungsindustrie festgelegt – und diese will nicht an ihre Schandtaten erinnert werden. Die Messerschmitt Stiftung muss zahlen! Peter Feininger, 19.1.2018, Forum solidarisches und friedliches Augsburg http://www.forumaugsburg.de/s_2kommunal/Stadtgeschichte/180119_halle-116-in-gefahr/index.html

24 Die deutsche Airbus-Gesellschaft besteht heute immer noch: ab 2000 unter dem Namen EADS Airbus GmbH, ab 2014 unter Airbus Deutschland GmbH und ab 2017 unter Airbus Operations GmbH als Tochterunternehmen der EADS (heute Airbus) mit Sitz in Hamburg. „Airbus“. Wikipedia, 25. November 2018. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Airbus.



   
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