Sinti brechen das Schweigen

Gesprächsrunde mit dem Regionalverband Deutscher Sinti & Roma Augsburg/Schwaben in der Halle 116, einem ehemaligen KZ-Außenlager auf dem Sheridan-Gelände. Ausstellung: Überlebende sinti im Fischerholz

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Unter dem harmlosen Titel „Tafelrunde Sinti & Roma. Ausstellung und Gespräch“ – so im Programmheft der Stadt Augsburg zum Friedensfest – fanden in der Halle 116 im Sheridan Park zwei Veranstaltungen des städtischen Friedensbüros in Kooperation mit dem Regionalverband Deutscher Sinti & Roma[1] und dem Theaterverein Nyx e. V.[2] statt. Sie wurden moderiert von Marcella Reinhardt, Vorsitzende des Regionalverbands Deutscher Sinti und Roma Augsburg/Schwaben, und der Regisseurin Dorothea Schroeder. Der Regionalverband Deutscher Sinti & Roma gab der Veranstaltung noch einen eigenen Titel: „Sinti brechen das Schweigen. Sinti gestern, heute und morgen“. Im Gegensatz zur Stadtzeitung berichtete die Augsburger Allgemeine nicht über die Veranstaltungen, obwohl sich am 30. Juli sogar der städtische Kulturreferent die Ehre gab.

Der Titel der Veranstaltung Sinti brechen das Schweigen war nicht übertrieben. Und auch der Ort der Veranstaltung in der Halle 116, einem ehemaligen Außenlager des KZs Dachau auf dem Sheridan-Gelände, war angemessen. 500.000 Sinti und Roma waren den deutschen Mördern des NS-Regimes zum Opfer gefallen. Es hat tatsächlich sieben Jahrzehnte gedauert, bis sich die Augsburger Sinti und Roma organisierten und mit ihrem neuen Regionalverband Deutscher Sinti & Roma Schwaben e. V. anfingen, öffentlich aufzuklären und zu erinnern. Die zweite Erlebensgeneration, die Kinder der Ermordeten und der Überlebenden Sinti und Roma, musste erst einmal eine Sprache finden für das ungeheuerliche Verbrechen. Und sie mussten versuchen, sich freizumachen von der fortdauernden Diskriminierung, Ausgrenzung und auch Verfolgung in der Nachkriegszeit. Marcella Reinhardt, die Vorsitzende des Regionalverbandes Augsburg der Sinti und Roma: „Wenn wir Kinder das Wort ‚Lager‘ hörten, spulten sich im Kopf die Schreckenserlebnisse unserer Eltern ab. Ihre Traumata lebten in uns fort“.[3] Die Veranstaltungen in der Halle 116 am 27. Juli, wiederholt am 30. Juli, waren nach der großen öffentlichen Gründungsfeier im Rathaus am 19. Februar dieses Jahres ein wichtiges Ereignis zur Formierung und Etablierung des neu gegründeten Regionalverbandes.

Abbildung 1: Veranstaltung „Sinti brechen das Schweigen“, 27. Juli, Kopfbau Halle 116, ehemalige Sheridan-Kaserne Fotos Abbildung 1-4: ©hristian menkel www.christian-menkel.de
 

Die Gründungsfeier im Augsburger Rathaus

Schon die Gründungsfeier im Februar im Rathaus war eine großartige Veranstaltung von historischer Dimension. Sowohl Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats der deutschen Sinti und Roma, als auch Oberbürgermeister Kurt Gribl gingen bei dieser Gelegenheit auf die riesigen Probleme ein, mit denen es die Sinti in der Nachkriegszeit zu tun hatten. Romani Rose: „Wir wuchsen im Schatten der Konzentrationslager auf. Aber anders als bei den jüdischen Opfern und ihren Nachfahren gab es für uns keine Anerkennung, keine Aufarbeitung. Wir lebten auch nach dem Krieg am Rand der Gesellschaft.“[4] Kurt Gribl sagte bei der Gründungsfeier im Rathaus am 19. Februar:

… Dieser Höhepunkt des Leidens in der NS-Zeit hat sicherlich Spuren hinterlassen. Und es ist auch nicht ohne Folgen geblieben. Aber es ist erschreckend, wie viele Jahre seitdem vergangen sind, bis die Befassung mit diesem Leid konzentriert und strukturiert angegangen worden ist. Es war in Deutschland das Jahr 1982, als die Anerkennung des Völkermordes erfolgte durch eine entsprechende Beschlusslage und Aussage der damaligen Bundesregierung. 30 bis 40 Jahre später – so lange hat es gedauert, bis dieser formal erlösende Akt oder diese formal erlösende Erklärung abgegeben worden ist.

Wir alle wissen, dass ein Bekenntnis oder eine Erklärung geschehenes Leid nicht ungeschehen macht, dass die Menschen nicht wieder lebendig werden dadurch. Aber es ist für eine betroffene Volksgruppe eine tiefgehende Erleichterung, eine klare Aussage dazu zu bekommen, dass dasjenige, was geschehen war, Unrecht war.

Böse Geschichten – Sintize prangern die anhaltende Diskriminierung an

Auf der Veranstaltung am 27. Juli in der Halle 116 sprachen eigentlich nur die Frauen, die sintize. Ihre Männer, die sinti, soweit vorhanden, kümmerten sich um die Kinder oder räumten auf und dergleichen – auch dies ein äußerst sympathisches Phänomen. Aufgebracht berichteten die sintize der zweiten Erlebensgeneration von der anhaltenden Diskriminierung in den fünfziger und sechziger Jahren, in den achtziger Jahren, bis heute, die sie selber erleben mussten und vor der sie ihre Kinder schützen wollen. Zum Teil sind sie von weit angereist, um das zornige Schweigen zu brechen.

Sie wurden in den Schulen ausgegrenzt, verprügelt, zum Teil täglich geschlagen von den Lehrer_innen. Sie mussten die Schulen wechseln, zum Teil die Schule ganz verlassen und sind heute noch stolz, sich das Lesen und Schreiben selbst beigebracht zu haben. Eine sintiza war mit ihrer Tochter gekommen und berichtete über den extremen Kampf, den sie führen musste, dass ihre Tochter eine schulische Ausbildung bekommt und auf die Realschule gehen kann. Die Eltern wagten bei Arbeitgebern oft nicht, als sinti aufzutreten und gaben sich als Italiener oder Spanier aus. Zum Teil geht es ihren Kindern noch so. Wenn der Arbeitsmarkt für sintize verschlossen war, mussten sie putzen gehen. Aber auch das konnte zum Fiasko werden, wenn sie ganze schwäbische Kleinstädte abgrasten und nichts bekamen, dann in die nächste Stadt wechselten, und wieder nicht putzen gehen durften (!).

Eine sintiza berichtete über ihre Verfolgung samt ihrer Kinder in Lauingen. Ständig sei die Polizei gekommen, die Polizisten hätten ihr die Tür eingetreten und sie mit ihren Pistolen bedroht. Auf Nachfrage, wann das gewesen sei, sagte sie 1983. Es war also vor der Zeit von Bürgermeister Barfuß, der erst 1986 ins Amt kam und sich unter anderem erfolgreich für den Bau einer großen Moschee einsetzte und deswegen auch in seiner eigenen Partei, damals noch die CSU, als „Türken-Schorsch“ diffamiert wurde. Die sintiza musste aufgrund der Verfolgung in Lauingen buchstäblich nach Ingolstadt flüchten. Dort wurde sie zunächst erneut von der Polizei aufgegriffen, weil sie sich angeblich nicht umgemeldet hatte. Sie wurde in das Polizeipräsidium München in der berüchtigten Ettstraße verschleppt und dort widerrechtlich zwei Wochen festgehalten, während ihre Kinder in Ingolstadt allein waren. Sie engagiert sich in der Linken in Ingolstadt und kann jetzt lesen, fühlt sich aber beim Schreiben noch unsicher.

Wir haben diese und viele andere unglaubliche, erschütternde Erzählungen aus Respekt vor den sinti nicht aufgezeichnet.

Die Ausstellung und das Fischerholz

Auch die Ausstellung, die in den Gängen des Kopfbaus der Halle 116 aufgebaut war, sollte man nicht fotografieren. Es sind überwiegend Fotos aus dem Privatbesitz von Marcella Reinhardt, der Vorsitzenden des Regionalverbandes der Sinti und Roma. Sie zeigen historische Fotos von Mitgliedern der Familien Reinhardt, Franz, Blach, Herrzenberger …, ihr Schicksal in den Konzentrationslagern und die Geschichte der Überlebenden, die fast allesamt im Fischerholz landeten. Insofern ist die Ausstellung einzigartig für die Region Augsburg, weil diese Menschen in historischen Aufnahmen erstmals öffentlich gezeigt werden und auch ein konkretes Bild vom Fischerholz entsteht, einer Siedlung in Oberhausen-Nord am Lech an der Grenze zu Gersthofen.

Zunächst war das Fischerholz nur ein Stellplatz, an dem die Stadt Augsburg Wohnwagen genehmigt hatte. Es entstanden auch Baracken und die Augsburger sinti, die das KZ überlebt hatten, ließen sich hier nieder und versuchten trotz elender Verhältnisse und katastrophaler hygienischer Zustände ihre Gemeinschaft aufrechtzuerhalten und ihr Leben zu leben. Sie mussten das tun unter dem willkürlichen Druck der Polizei, ständigen Polizeirazzien. Eine sintiza berichtete auf der Veranstaltung, wie Polizisten sie als Kind versuchten, in einen Wagen zu zerren und zu vergewaltigen.

Eine Sanierung des Viertels, wie es von Marcella Reinhardt und schon von ihrem Vater angestrebt wurde, wurde von der Stadt abgelehnt. Die Maßnahmen der Stadt gingen eher in die Richtung, das Viertel aufzulösen und die Bewohner zu verlagern. Die Errichtung kleiner Häuser im Fischerholz durch die städtische Wohnungsbaugesellschaft, die der sozialdemokratische Oberbürgermeister Paul Wengert angeblich befürwortet hätte, wurde vom Leiter der städtischen Wohnungsbaugesellschaft, Edgar Mathe, abgelehnt. Das dürfte der Todesstoß für das Viertel gewesen sein.

Marcella Reinhardt gelang es aktuell nicht einmal, dass im Viertel zumindest Stellplätze für Wohnmobile angelegt werden.[5] Marcella Reinhardt hat uns erlaubt, ein bisschen was von der Ausstellung zu zeigen.

         Abbildung 2

 

Antiziganismus fast ungebrochen

„Sinti brechen das Schweigen“ war eine Veranstaltung, die man nicht so schnell vergisst. Dass dies nicht einfach Geschichten aus dem Fischerholz waren, sondern Belege für ein allgemeines Phänomen, einen immer noch virulenten Antiziganismus, belegt eine aktuelle Studie der Bundeszentrale für politische Bildung.

So schreibt Sonja Wolf in einer aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte „Zur sozialen und politischen Lage der anerkannten nationalen Minderheiten in Deutschland“ über deutsche Sinti und Roma[6] :

Diese Maßnahmen [Unterstützung der Verbände der Sinti und Roma mit staatlichen Mitteln, Integrationsmaßnahmen, Red.] sind deshalb wichtig, weil sich Sinti und Roma in Deutschland und ganz Europa auch heute noch Diskriminierungen ausgesetzt sehen. In Deutschland manifestiert sich dieser Antiziganismus vor allem im mangelnden Zugang der Sinti und Roma zum Wohnungs­- und Arbeitsmarkt sowie zu Bildungsangeboten, was den Angehörigen der Minderheit durch eine ablehnende Haltung der Mehrheitsbevölkerung deutlich erschwert wird. Dies wirkt sich stark negativ auf die soziokulturelle Situation der Minderheit aus und verhindert häufig sozialen Aufstieg. Gemeinsam mit der noch immer lückenhaften Anerkennung des NS-­Völkermordes an den Sinti und Roma und der damit einhergehenden Entschädigung der Überlebenden und ihrer Familien zählt der erschwerte Zugang zu Bildung, Arbeit und Wohnraum daher zu den Kernthemen ihrer Interessenvertretungen.

Obwohl in den vergangenen Jahren auf Bundes­- und Länderebene wichtige Schritte hin zu mehr politischer und gesellschaftlicher Teilhabe der deutschen Sinti und Roma unternommen worden sind (etwa durch ihre bessere Einbindung in sie betreffende Entscheidungsprozesse), bleibt ihre anhaltende Diskriminierung ein schwer­ wiegendes Problem, das von ihren Interessenvertretungen sowie vom Beratenden Ausschuss des Europarats regelmäßig angesprochen wird. Letzterer weist insbesondere darauf hin, dass die unzulässige Zuweisung von Sinti­ und Roma-Kindern in Sonderschulen eine unhaltbare Diskriminierung der Minderheit durch die Behörden darstellt. Auch die zunehmende Fremdenfeindlichkeit, von der auch deutsche Sinti und Roma in besonderem Maße betroffen sind, ist ein gravierendes Problem, das dringend der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit und verstärkten Bearbeitung bedarf.

Präventive Beobachtung durch die Polizei

Der Mann Marcellas, Ringo Reinhardt, berichtete, dass es immer noch oder wieder zur polizeilichen präventiven Beobachtung von sinti in Bayern kommt. Sie kann sich auf einen Zeitraum von einem Jahr erstrecken, die Polizei sammelt Daten, observiert und überprüft auch die Freunde der sintiza/des sinto – aber nur, wenn es sich um sinti handelt.

Marcella Reinhardt sagte zu diesen Problemen bereits in ihrer Rede bei der Eröffnung:

… Der Bedarf in Augsburg ist von Seiten der Sinti und Roma aber auch der Behörden ungebrochen groß und so steht im Zentrum unserer Arbeit noch immer die Beratung, Begleitung und Unterstützung der Augsburger Sinti und Roma.

Dabei erfahren wir Ausgrenzung und Diskriminierung nicht nur auf einer strukturellen Ebene, sondern auch von behördlicher und amtlicher Seite. Jugendliche Sinti werden aufgrund einer präventivpolizeilichen Anordnung von einem Jahr zur polizeilichen Beobachtung ausgeschrieben. Durch einen Verdacht, der sich nie bestätigt hat.

Jugendliche unserer Minderheit werden abends kontrolliert, während sie auf ein Taxi warten, weil man was getrunken hat und das Auto stehen lässt, anschließend in Gewahrsam genommen wegen „Gefährdung der Öffentlichkeit“.

Hier sei angemerkt, dass in Bayern noch im Jahre 1998 durch den Datenschutzbeauftragten aufgedeckt wurde, dass eine Polizeidirektion zur Erstellung von „Lagebildern“ generelle personenbezogene Daten von „Landfahren“ bzw. ihrer Fahrzeuge erfasste und diese Praxis zwei Jahre danach – trotz Untersagung durch das bayerische Staatsministerium des Innern – immer noch nicht eingestellt hat.[7]

Uta Horstmann und der Hungerstreik

Auch Uta Horstmann war aus München gekommen. Sie wird vom Regionalverband und auch vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma sehr verehrt, da sie vor bald 40 Jahren den legendären Hungerstreik im KZ Dachau unterstützt hatte. Anfang dieses Jahres erhielt sie das Bundesverdienstkreuz.[8] Marcella Reinhardt in ihrer Eröffnungsrede:

Ich bin ein Kind von Eltern, die den Holocaust am eigen Leib erfahren haben. Der Schrecken, der Schmerz und die Trauer, die meine beiden Eltern aufgrund der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft erlitten haben, mussten wir Kinder im vollem Ausmaß spüren.

Dennoch gab es bei meinen Eltern nie den Gedanke von Hass oder Rache. Es gab zwar das Gefühl des Schmerzes, der Traurigkeit, aber nie der Vergeltung. Da gab es das Nicht-Verstehen können, der Abwehr, der Nicht-Anerkennung des Völkermords.

Das Jahr 1982 war für uns von großer Bedeutung. ln diesem Jahr wurde eines der wichtigsten Ziele auf dem langen Weg der Aufarbeitung der Verbrechen Deutschlands während des Nationalsozialismus erreicht, die Anerkennung des Völkermords an Sinti und Roma durch Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Leider gehört es zu den traurigen Wahrheiten, dass erst ein Hungerstreik im Jahre 1980 an der Gedenkstätte im KZ-Dachau ein Umdenken auslöste und ein Wendepunkt wurde.

Wendepunkt heisst nicht, das wir alles geschafft haben. Nein … vielmehr fing unsere Arbeit erst richtig an. Ich begrüße herzlich Frau Uta Horstmann. Ich freue mich sehr, dass Sie heute bei uns sind. Sie war als einzige Nicht-Sintezza am Hungerstreik beteiligt und setzt sich seitdem für die Belange der Sinti und Roma ein. Danke…

Abbildung 3: Von links: nicht im Bild sinto Albert Wolf, Zeitzeuge und Überlebender mehrerer KZs; Felix Bellaire, Mitarbeiter im Kulturamt der Stadt; Christiane Lembert-Dobler, Leitung des Friedensbüros im Kulturamt der Stadt Augsburg; Dorothea Schroeder, Regisseurin, moderierte die Veranstaltung; Marcella Reinhardt, Vorsitzende des Regionalverbands Deutscher Sinti & Roma Augsburg/Schwaben; Uta Horstmann, Bürgerrechts-Aktivistin der ersten Stunde; Gerold Braun, Verwalter des Nordfriedhofs in Oberhausen; Josef Strzegowski, Referent für öffentliche Arbeit und Kultur der jüdischen Gemeinde Augsburg bzw. der Israelischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg

 

Halle 116

Marcella Reinhardt kam deutlich zu sprechen auf die Bedeutung, die die Halle 116 für die Stadt hat und haben sollte. Nicht von ungefähr platzierten die Veranstalter die Diskussionsrunde und die Wanderausstellung in dieser Halle. Marcella Reinhardt sagte bei der Eröffnung:

Wir haben uns heute an diesem Ort versammelt, um uns an das Verbrechen zu erinnern, das von den Nazis an unserer Minderheit, den Sinti und Roma, begangen wurde. Ich benutze nicht gern das Wort „Minderheit“, weil es den Geruch von wenig hat. 500.000 Sinti und Roma wurden unter der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft gequält, gepeinigt und grausam ermordet. Vom Baby bis zum Greis.

Es gab Sachsenhausen, Ravensbrück, Bergen-Belsen, Flossenbürg, KZ-Dachau bis zur Todesfabrik Auschwitz.

Dieses Gebäude auf dem Sheridan-Areal, die sogenannte Halle 116, war ein Außenlager des Konzentrationslager Dachau. Hier im Stadteil von Augsburg waren Zwangsarbeiter der Flugzeugfabrik Messerschmitt untergebracht. 1944 wurde die Messerschmitt AG durch Bomber angegriffen. Unter den Opfern waren Namen wie (Steinbach, Brand, Adler, Reinhardt und viele mehr …)

Die männlichen Häftlinge waren in 8 Blocks zu je 200 Gefangenen aufgeteilt. Praktisch haben hier bis zu 2000 Menschen in einem einzigen Raum geschlafen. Die Halle war mit Stacheldraht von der restlichen Kaserne abgetrennt. ...

Augsburg galt im schwäbisch-bayerischen Raum als Hauptlager. Es ist ein geschichtsträchtiger Ort, der unter anderem an die schreckliche Zeit der Nazi erinnern soll. Diese Erinnerung soll auch künftig wachgehalten werden.

Abbildung 4

Sehr bald nach seiner Gründung wandte sich der Regionalverband Deutscher Sinti & Roma an die Bürgeraktion Pfersee, die sich vorgenommen hat, die Halle 116 zu erhalten und zum Denkort[9] zu machen:

Kooperationsanfrage zur Halle 116 in Augsburg-Sheridan

Schon länger hegen wir Interesse an der Halle 116 im Sheridan-Park. Wir empfinden die Halle als passenden Gedenkort, an dem sich ein Dokumentations-, Bildungs- und Kulturzentrum für die Augsburger Sinti und Roma realisieren lässt. Aufgrund unserer persönlichen Vergangenheit und der Erfahrungen unserer Großeltern und Eltern in den Konzentrations- und Vernichtungslagern sehen wir als Verband unsere Pflicht und Aufgabe darin, folgende Generationen über die individuellen Schicksale aufzuklären und durch eine effektive Erinnerungsarbeit anhaltende Vorurteile zu thematisieren. Es ist uns ein Anliegen, antiziganistische Diskriminierung in Augsburg abzubauen und die Kommunikation zwischen der Mehrheitsbevölkerung und den Augsburger Sinti und Roma zu fördern.

Wir planen eine feststehende Ausstellung für Schüler_innen und Jugendliche zur Aufklärung über den Holocaust und die spezifische Situation der verschleppten und ermordeten Augsburger Sinti und Roma in Form eines Dokumentationszentrums. Weiterhin würden wir auch eine Anlaufstelle für Sozialberatung und Antidiskriminierungs- sowie Bürgerrechtsarbeit in das Konzept integrieren. Auch die in Ihrem Konzept erwähnten Ausstellungsräume, Ateliers und Räume für kulturelle Ereignisse entsprechen unseren Vorstellungen eines Denkorts.

Ein Ort wie die Halle 116 und ihre Geschichte darf nicht in Vergessenheit geraten. Aus diesem Grund möchten wir uns am Aufbau der Halle 116 als Gedenkort beteiligen und streben eine Kooperation an.[10]

Der Regionalverband Deutscher Sinti & Roma hat seinen Wunsch und sein Angebot in Bezug auf die Halle 116 in diesem und im vergangenen Jahr mehrfach bekräftigt. Der zuständige Kulturreferent Weitzel hat dem Regionalverband zwar zugesagt, dass er das Anliegen der Augsburger sinti befürworte, hat aber bisher kein konkretes Angebot und keine konkrete Aussage zum Fortgang mit der Halle 116 gemacht. Die Bürgeraktion Pfersee, an die sich der Regionalverband Deutscher Sinti & Roma wegen Unterstützung und Kooperation gewandt hatte (s. o.), wartet seit zwei Jahren auf einen Gesprächstermin mit dem städtischen Kulturreferenten und hat bisher nicht einmal eine Antwort bekommen!

Immerhin hat der Stadtrat auf Basis des Gutachten von Prof. Gassert am 24.11.2016 beschlossen: „Die Verwaltung schlägt vor, den historischen Ort zu sichern, das gesamte Gebäude zu erhalten und einen Kopfbau im ersten Schritt im Sinne der Erinnerungskultur zu bespielen. Um entsprechende Nutzungen für das Gebäude Halle 116 zu finden soll in einer referatsübergreifenden Arbeitsgruppe ein entsprechendes Nutzungskonzept erarbeitet werden.“[11] Seit dem hat man nicht mehr viel gehört. In dem Stadtratsbeschluss wurde die Verwaltung beauftragt, das Konzept von Professor Gassert, dass auch dem Stadtrat vorlag, im Internetauftritt der Stadt sowie in einer gedruckten Publikation zur Verfügung zu stellen. Dem kam die Verwaltung bisher nicht nach. Ebenso wenig wurde die neuen Unterseite zur Erinnerungskultur auf der städtischen Homepage, auf der auch die Geschichte der Halle 116 dargestellt werden sollte, eingerichtet.

Es gibt aber das Gerücht, dass die städtische Gesellschaft AGS die Halle 116 an einen bisher unbekannten Investor verkaufen will. Es sei daran erinnert, dass das Gutachten und die Vorschläge von Prof. Dr. Philipp Gassert vom März 2015, „einen Diskussionsprozess ‚Friedensstadt und Lernort Halle 116‘ einzuleiten und die Ergebnisse in den weiteren konzeptionellen Planungsprozess gezielt einzubringen“ genau an diese AGS-Augsburger Gesellschaft für Stadtentwicklung und Immobilienbetreuung GmbH adressiert waren.

Das Friedensbüro und der Regionalverband haben mit dieser Veranstaltung im Grunde versucht, symbolisch das zu realisieren, was der Kulturreferent bisher blockiert. Dafür wurden dem Regionalverband Deutscher Sinti & Roma 200-300 Euro Miete für die zwei Veranstaltungen und die Aufstellung der Ausstellungsfahnen berechnet. Das ist schon ziemlich unverschämt, vor allem, wenn man bedenkt, dass der Amerika-Verein und eine Clique von Oldtimer-Besitzern seit Jahren mehrere Stollen der Halle belegen und dafür mit Sicherheit nicht 150 Euro pro Stollen und Tag bezahlen. Unter diesen Herrschaften ist übrigens auch Edgar Mathe, der frühere Leiter der Städtischen Wohnungsbaugesellschaft, deren Tochtergesellschaft die schon erwähnte AGS ist.

Man muss in nächster Zeit also politisch sehr wachsam sein, was aus der Halle 116 wird und ob u. a. die mehr als berechtigten Interessen der Sinti und Roma berücksichtigt werden.

Abbildung 5: Eine der Ausstellungsfahnen

 

Einige weitere bedeutsame Aspekte

Zum Schluss sei noch auf einige weitere bedeutsame Aspekte der Veranstaltung hingewiesen.

Gekommen war auch Josef Strzegowski, Referent für öffentliche Arbeit und Kultur der jüdischen Gemeinde Augsburg bzw. der Israelischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg und sozusagen linke Hand des Landesrabbiners. Marcella Reinhardt zeigte ihm persönlich die Ausstellung und umarmte ihn öffentlich als Zeichen der Verbundenheit zweier verfolgter Minderheiten. Eine engere Zusammenarbeit der jüdischen Gemeinde und des Regionalverbands der Sinti und Roma wäre sehr zu begrüßen. Denn die Augsburger jüdische Gemeinde hat zwar eine große Synagoge, eines der schönsten Bauwerke dieser Art in Europa, aber auch eine sehr prekäre Entwicklung in der Nachkriegszeit. Sie konnte sich wahrscheinlich nur durch Zuwanderung zum Beispiel polnischer und russischer Juden halten, konnte den Verkauf der Synagoge durch die US-Besatzungsmacht zur Entschädigung von Juden in den USA nur mit Mühe und Not verhindern, etc.[12]

Bei der Bildung geht es für die Sinti und Roma ganz massiv um die Verbesserung der Bildungschancen und Bildungsteilhabe.[13]

Trotz aller Ähnlichkeiten ist es so, dass es der jüdischen Gemeinde in der Regel nicht an Geld und Bildung fehlt. Die anstehende Generalsanierung der Synagoge wird zum Beispiel aus Mitteln des Bundes, des Freistaats und auch aus dem Etat der Stadt Augsburg mit Millionenbeträgen unterstützt. Das Ansinnen des Regionalverbands Deutscher Sinti & Roma auf Förderung wurden von der Stadt und vom Bezirkstagspräsident bisher rundweg abgelehnt. Auf einer der Ausstellungsfahnen formulierte der Regionalverband seine Ziele und Aufgaben:

– Der Regionalverband sorgt für die Förderung und Beratung aller Sinti und Roma in Schwaben in allen kulturellen, bildungspolitischen bürgerrechtlichen und sozialen Fragen

– Der Regionalverband setzt sich gegen Diskriminierung, die die Situation der Sinti und Roma belasten, ein

– Der Regionalverband macht insbesondere Öffentlichkeitsarbeit über die Geschichte, die Lebenssituation und die soziale Lage der Sinti und Roma

– Begleiten der Sinti und Roma

– Der Regionalverband Schwaben gibt Hilfestellung in Fragen der Schul- und Berufsausbildung der Sinti und Roma zum Thema Holocaust

– Kultur und Muttersprache soll erhalten und respektiert werden

Nimmt man diese Schwerpunkte des Regionalverbands zur Kenntnis, so kann nur Empörung aufkommen über das Verhalten Augsburger und schwäbischer Institutionen, solche Ziele in keiner Weise zu fördern!

Und nicht zuletzt beobachtet der Regionalverband Deutscher Sinti & Roma mit großer Sorge das Schicksal der Roma und Romaflüchtlinge aus Osteuropa und hat dies auch auf der Veranstaltung thematisiert: Ihre Behandlung von den Behörden in Augsburg und Bayern, der Abschiebedruck, die Konzentration in Lagern. Marcella Reinhardt berichtete zum Beispiel, dass ihr der Zutritt zum Lager in Manching/Ingolstadt für den Besuch von Roma verweigert wurde.

Unter den Teilnehmern auf dem Podium war auch Gerold Braun, Verwalter des Nordfriedhofs in Oberhausen, auf dem praktisch alle Augsburger sinti ihre Gräber haben. Ferner war auf dem Podium der sinto Albert Wolf, Zeitzeuge und Überlebender mehrerer KZs.

Peter Feininger, 3. August 2017

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2] Der Nyx e.V. wurde 2003 als Zusammenschluss freier Theaterschaffender gegründet und fungiert seitdem als Plattform für genreübergreifende Projekte und Stückentwicklungen. Herzstück dieser Arbeiten sind Interviews, die als dokumentarisches Ausgangsmaterial dienen. Maßgeblich beteiligt an der Gründung des Vereins und der Entwicklung der Methodik waren Nina Gühlstorff und Dorothea Schroeder. https://dernyx.wordpress.com/about/

3] Augsburger Allgemeine 20.2.2017

4] Zitiert nach Augsburger Allgemeine, ebd.

5] s. dazu David Libossek. „Das Augsburger Fischerholz: Leben in der Kloake der Stadt“. Stadtzeitung Augsburg online, 27. Juli 2016. http://www.stadtzeitung.de/augsburg-nordwest/lokales/das-augsburger-fischerholz-leben-in-der-kloake-der-stadt-d13158.html.

6] Sonja Wolf: Zur sozialen und politischen Lage der anerkannten nationalen Minderheiten in Deutschland, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Fremd in der Heimat? APuZ 11-12/2017, Zeitschrift der Bundeszentrale für politische Bildung http://www.bpb.de/apuz/243860/zur-sozialen-und-politischen-lage-der-anerkannten-nationalen-minderheiten-in-deutschland?p=all

7] Noch im Jahre 1998 wurde durch den bayerischen Datenschutzbeauftragten aufgedeckt wurde, dass eine Polizeidirektion zur Erstellung von „Lagebildern“ generelle personenbezogene Daten von „Landfahren“ bzw. ihrer Fahrzeuge erfasste: Aufenthalt, Name des verantwortlichen Sippenführers, Kfz Kennzeichen. Die Daten wurden unter dem Schlagwort „LAND“ (Landfahrer), später in „ILAN“ (Informationen über Landfahrer gesammelt. Die Begründung des Staatsministeriums des Inneren war, dass die Angehörigen der Volksgruppe sinti und Roma aufgrund ihrer „Beweglichkeit“ zu den polizeilich relevanten Gruppen gehören, hinsichtlich derer die polizeiliche Erfahrung bestehe, daß von ihnen Gefahren für die öffentliche Sicherheit ausgehen können. Eine Speicherung sei nach der Rahmenerrichtungsanordnung GAST(vgl. Nr. 5.3.5) zulässig. Der bayerische Datenschutzbeauftragte widersprach dieser Rechtsauffassung: rein abstrakte Gefahren Verursacher würden von der Rahmenerrichtungsanordnung GAST nicht erfasst. Der Datenschutzbeauftragte forderte das Staatsministerium des Inneren auf , die pauschale und damit diskriminierende Speicherung von Sinti- und Roma-Gruppen zu unterbinden.

Der Bayerische Landesbeauftragte für den Datenschutz (BayLfD), 18. Tätigkeitsbericht 1998, 5. Polizei, 5.3.5.1. Arbeitsdatei „Lagebild“ (LAGEB) https://www.datenschutz-bayern.de/tbs/tb18/k5.html#5.3.5.1

Zwei Jahre später stellte der Datenschutzbeauftragte fest, dass das Staatsministerium des Innern die Speicherung zwar in der bisherigen Form untersagt habe, die betreffende Polizeidirektion diese Untersagung aber nicht umgesetzt hat. Außerdem habe sich das Staatsministerium noch nicht abschließend geäußert zur Forderung des Datenschutzbeauftragten, keine pauschale Speicherung von sinti und Romagruppen vorzunehmen.

Der Bayerische Landesbeauftragte für den Datenschutz (BayLfD), 19. Tätigkeitsbericht 2000, 5. Polizei https://www.datenschutz-bayern.de/tbs/tb19/k5.html

8] Uta Horstmann erhält das Bundesverdienstkreuz. Münchner Bürgerrechte-Aktivistin für ihre langjährige Arbeit mit Sinti und Roma geehrt, Pressemitteilung des Zentralrats Deutscher Sinti & Roma, 12.1.2017 http://zentralrat.sintiundroma.de/uta-horstmann-erhaelt-das-bundesverdienstkreuz/

10] Schreiben von Marcella Reinhardt an die Bürgeraktion Pfersee, 28.11.2016

11] Stadtrat Augsburg, Nutzungskonzept für einen Lern- und Erinnerungsort im Gebäude 116, 2016.11.08 BSV/16/01113 mit Anlage 3 Kostenansätze, einstimmig beschlossen vom Stadtrat am 24.11.2016

12] In dem Zusammenhang sei auf ein langes Interview mit Josef Strzegowski vom Bayerischen Rundfunk, 29.5.2017, zum Thema 100 Jahre Synagoge Augsburg verwiesen. Er schildert hier den Kampf um den Bestand der jüdischen Gemeinde in Augsburg. http://www.ardmediathek.de/radio/Habe-die-Ehre/100-Jahre-Synagoge-Augsburg-29-05-2017/BR-Heimat/Audio-Podcast?bcastId=28366552&documentId=43156272

Noch ausführlicher zu den historischen Aspekten die Homepage des Jüdisch Historischen Vereins Augsburg https://jhva.wordpress.com/

13] Siehe hierzu zum Beispiel Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma: Der Zentralrat verfolgt das Ziel, mehr jugendliche Sinti und Roma in bessere Bildung zu bringen und den Bildungsaufstieg zu fördern. In großen Teilen der Minderheit ist die Bedeutung von Bildung unstrittig. Eine maßgeblich negative Beeinflussung der Bildungskarrieren wird indes nicht nur durch die soziale Situation, sondern vor allem durch die historischen Erfahrungen mit Verfolgung und Ausgrenzung und die immer noch tief verwurzelten Ressentiments und Negativbilder über Sinti und Roma verursacht. Bei vielen Eltern ist deshalb eine gewisse Skepsis gegenüber der staatlichen Institution Schule vorhanden. Viele Sinti und Roma geben ihre Herkunft aus der Minderheit nicht preis, weil sie sonst Nachteile auch in der Schule befürchten. Auf Seiten der Roma aus anderen Ländern kommen weitere Unsicherheiten, wie zum Beispiel die über ihren Aufenthaltsstatus und Verständigungsprobleme hinzu.

An diesen Befunden müssen Aktivitäten für eine bessere Bildung und gleichberechtigte Bildungsteilhabe für Sinti und Roma ansetzen.

Aus dem Vorwort von Romani Rose für die Broschüre: „Gemeinsam für eine bessere Bildung. Empfehlungen zur gleichberechtigten Bildungsteilhabe von Sinti und Roma in Deutschland, evz Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft“, 2016. http://www.stiftung-evz.de/fileadmin/user_upload/EVZ_Uploads/Handlungsfelder/Handeln_fuer_Menschenrechte/
Sinti_und_Roma/Arbeitskreis_Bildung/EVZ_Bildungsteilhabe_online.pdf
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