Augsburger Friedenstafel am 8. August

Ein großartiges Zeichen der Humanität für das Überleben der Flüchtlinge im Mittelmeer

Die Bürgermeisterin: „Die Aktion war nicht in Ordnung“

13.8.2018


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In diesem Artikel soll es um ein großartiges Zeichen der Humanität gehen, das verschiedene Organisationen bei der Augsburger Friedenstafel am 8. August für das Überleben der Flüchtlinge im Mittelmeer gesetzt haben. Hierzu zunächst die Pressemitteilung des Flüchtlingsrats, dann eine Analyse der Reaktionen, dann die Rede des Kapitäns der Lifeline, Claus-Peter Reisch.

Augsburg wird Hafenstadt – Pressemitteilung des Flüchtlingsrats am 8. August

Augsburg wird Hafenstadt

Pressemitteilung des Augsburger Flüchtlingsrates zum Friedensfest am 8.8.2018 (1)

Was wäre wenn?

Im Rahmen einer beeindruckenden Aktion des Augsburger Flüchtlingsrats (2) mit Augsburg Postkolonial – Decolonize Yourself! (3), bluespots productions (4), dem Grandhotel Cosmopolis (5), ResQship (6) und Seebrücke (7) Augsburg (8) wurde ein weithin sichtbares Zeichen für Solidarität mit Geflüchteten und für eine gerechte Stadt in die Welt gesendet. Im Anschluss an einen berührenden und politisch aufrüttelnden Redebeitrag des derzeit auf Malta angeklagten Lifeline (9)-Kapitäns Claus-Peter Reisch (Landsberg) schickten die Gäste der Augsburg Friedenstafel 300 Ballons mit der Aufschrift „Augsburg wird sicherer Hafen“ in den blauen Himmel. An den orangen Ballons hing ein zuvor verlesenes Manifest, das das Motto des diesjährigen Friedensfestes aufgriff und mit Blick auf die Tragödie im Mittelmeer fragt Was wäre, wenn…?

Was wäre, wenn Augsburg ein sicherer Hafen wird und Geflüchtete aus dem Mittelmeer aufnimmt?

Was wäre, wenn Augsburg eine Leuchtturmstadt für gelebte Utopien wird?

Was wäre, wenn der Frieden unser Süden und die Solidarität unser Kompass wird?

Was wäre, wenn Menschen nicht nur stranden, sondern auch ankommen und wir gemeinsam eine offene Gesellschaft gestalten?

Was wäre, wenn wir unsere Friedensübungen statt auf dem Trockenen in der Realität durchführen?

Was wäre, wenn wir eine sichtbare Leuchtkanone in den verfinsterten Himmel der Menschenwürde schießen?

Hafenstadt Augsburg!

Von links: zwei VertreterInnen des Flüchtlingsrats, bluespots productions, ResQship, Augsburg Postkolonial – Decolonize Yourself!, Flüchtlingsrat, Grandhotel Cosmopolis, Seebrücke Augsburg, davor Lifeline-Kapitän Claus-Peter Reisch aus Landsberg

An den EU-Außengrenzen sind seit dem Jahr 2000 mindestens 35.000 Menschen gestorben, allein in diesem Jahr ertranken 1500 im Mittelmeer. Die Dunkelziffer dürfte noch weit höher liegen. Davor kann und darf die Friedensstadt Augsburg nicht mehr die Augen verschließen.

Wir fordern daher:

  • Augsburg soll sichere Hafenstadt werden!

  • Stoppt die Hafenblockade für Seenotrettungsschiffe in Italien, Malta und überall!

  • Lasst alle laufenden Anklagen und rechtlichen Verfahren gegen Seenotretter*innen fallen!

  • Gewährt allen Asyl, die in ihren Heimatländern verfolgt werden oder unter Krieg, Not und Perspektivlosigkeit leiden!

  • Stoppt die Abschiebungen von Geflüchteten!

  • Keine Anker-Zentren, keine Lager, nirgendwo!

  • Schafft solidarische Städte. Alle Menschen in solidarischen Städten sollen ein Recht auf Teilhabe, Bildung, Arbeit, menschenwürdige Versorgung und Bleiberecht haben!

Augsburg soll sich der Initiative von Bonn, Köln, Düsseldorf, Solingen, Potsdam und Regensburg anschließen und verbunden mit einem bedingungslosen Bekenntnis zur Seenotrettung ihre Bereitschaft zur direkten und unbürokratischen Aufnahme aus Seenot geretteter Flüchtlinge erklären.

Die Bürgermeisterin: „Die Aktion war nicht in Ordnung“

Wenige Stunden nach der Aktion des Flüchtlingsrats vermeldeten Medien wie die Augsburger Allgemeine und der Bayerische Rundfunk harsche Kritik von Seiten der Bürgermeisterin Eva Weber an der Aktion (10). Eva Weber beruft sich dabei auch auf die Rückendeckung von Oberbürgermeister Kurt Gribl, der sich im Urlaub befindet. Die Augsburger Allgemeine schrieb:

„‚Die Aktion war nicht in Ordnung. Die Friedenstafel am 8. August ist ein Fest der Kirchen und der Augsburger Bürgerinnen und Bürger. Es soll und darf nicht zu politischen Zwecken missbraucht werden‘, sagte Bürgermeisterin Eva Weber deutlich. Sie vertrat Oberbürgermeister Kurt Gribl, der sich gerade im Urlaub befindet. Für die Diskussion politischer Themen, die durchaus gewollt sei, sei explizit das Rahmenprogramm vorgesehen, betonte sie. Oberbürgermeister Gribl, der über den Vorgang informiert wurde, teile Webers Haltung, hieß es aus dem Rathaus. Die Stadt werde das Vorgefallene in den kommenden Tagen aufarbeiten und analysieren. Sie kündigte Diskussionen in den zuständigen Gremien an.“

Die Stimmung bei den Friedenstafeln angesichts der Rede des Kapitäns und des Manifests des Flüchtlingsrats war mehrheitlich wohlwollend, der Beifall bei den 1000 Teilnehmern war breit.

Bei der Augsburger Allgemeinen kann man online abstimmen über die Frage „Friedenstafel: Wie fanden Sie den Kapitäns-Auftritt?“ Als Ergebnis wurde am Sonntag den 12. August um 16:00 Uhr ausgewiesen: „Unangemessen“ 36 Prozent, „Gut“ 64 Prozent (11).

Einen Tag nach dem Friedensfest platzierte die Augsburger Allgemeine einen Kommentar von Ina Marks „Stadtspitze reagiert unsouverän“ (12):

„(…) hier geht es um den Zwischenfall, der die Stadtspitze verärgerte.Verständlich, dass man sich zunächst überrumpelt fühlte und in einem ersten Moment verschnupft reagierte. Doch das Endergebnis war die Rede eines engagierten Zeitzeugen und Helfers, der von seinen Erlebnissen als Seenotretter berichtete. Der Beifall und der Zuspruch, den Claus-Peter Reisch danach erfuhr, zeigt, dass er die Menschen emotional erreicht hat. Viele Besucher werden vielleicht sogar davon ausgegangen sein, dass die Rede ein geplanter Teil des Programms war, so sehr passte das hochaktuelle Thema Seenotrettung in den Rahmen des Friedensfestes am Mittwoch.

Die Reaktion von Bürgermeisterin Eva Weber und auch von OB Kurt Gribl mutet da etwas harsch an. Warum jetzt ein Fass aufmachen, indem man gar von ‚Missbrauch für politische Zwecke‘ spricht? Diese Reaktion wirkt eher unsouverän. In einer demokratischen Gesellschaft muss man eine solche Aktion aushalten können. Augsburgs Friedensfest würde es im Übrigen nicht geben, wären in der Vergangenheit nicht auch Regeln und Grundsätze gebrochen worden.“

Das Grußwort der Bürgermeisterin war hochpolitisch und handelte sogar vom Vorkämpfer gegen Rassismus und Vietnamkrieg, Martin Luther King

Genau genommen war Bürgermeisterin Eva Weber während des Friedensfestes politisch gar nicht so enthaltsam, wie sie es dem Flüchtlingsrat, seinen Partnern und dem Friedensbüro aufoktroyieren will. Sie forderte sogar dazu auf, einfach mal nachzudenken, was man ändern könnte, was wäre, wenn das eine oder andere geschehen würde. Genau dazu hat der Flüchtlingsrat auf der Kundgebung aufgerufen (siehe oben). Eva Weber bedankte sich sogar bei all denjenigen, die beim Programm des Friedensfestes „Flagge gezeigt haben“. Wenn das ernst gemeint war von der Bürgermeisterin, dann kann sie nicht gleichzeitig die Flüchtlingsaktivisten, Antirassisten und Seenotretter wegen ihres Beitrags auf dem Friedensfest in die Pfanne hauen. Das passt irgendwie nicht. Gleich zu Beginn der Friedenstafel sagte Bürgermeisterin Eva Weber in ihrem Grußwort etwas Bemerkenswertes:

 

„I have a dream“

„Aber es geht ja auch ein bisschen um die Frage „Was wäre denn, wenn?“ Einfach mal nachdenken, was könnte man ändern, was wäre, wenn das eine oder das andere geschehen würde? Und in den letzten Wochen haben viele, viele in der Stadtgesellschaft sich dieses Motto auf die Fahnen geschrieben und eine Reihe von Veranstaltungen durchgeführt. Ich möchte mich ganz herzlich bedanken bei all denjenigen, die hier Flagge gezeigt haben und in die unterschiedlichsten Diskussionen eingestiegen sind. Was wäre, wenn? Es ist auch ein bisschen ein Traum, ähnlich vielleicht wie Martin Luther King, der in den sechziger Jahren gesagt hat: „I have a dream“. Ein paar Jahre später dann war die Rassentrennung aufgehoben und noch ein paar Jahrzehnte später haben die Amerikaner ihren ersten schwarzen Präsidenten gewählt. Anfang der Sechziger unglaublich – und 2008 war‘s soweit. Vielleicht ist es auch einfach ein Zeichen dafür, dass man Träume haben muss, um Träume auch umsetzen zu können. Und ich glaube, das ist eigentlich die beste Botschaft, die wir auch hier zum Augsburger Friedensfest senden können: Zu überlegen, was wäre, wenn? Und dann tatsächlich dran zu arbeiten. Das ist auf jeden Fall etwas, was ich mir für unsere Stadtgesellschaft wünsche, und ich glaube, wir können immer, jeden Tag, alle miteinander immer noch ein kleines bisschen besser werden.“

Martin Luther King sagte ja nicht einfach „I have a dream“, sondern dieser Satz steht für eine historische Rede, die er am 28. August 1963 beim Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit vor mehr als 250.000 Menschen vor dem Lincoln Memorial in Washington, D.C. hielt. Es war die größte Massendemonstration, die die USA je gesehen hat, der Abschluss des Marsches auf Washington, den sechs führende Bürgerrechtsorganisationen beschlossen hatten – für vollständige Gleichberechtigung der Afroamerikaner in allen Gesellschaftsbereichen. Es war der politische Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung in den USA. In seiner Rede fasste Martin Luther King die aktuellen Forderungen dieser politischen Bewegung für die soziale, ökonomische, politische und rechtliche Gleichstellung der Afroamerikaner zusammen. Insbesondere der Gleichheitsgrundsatz der US-amerikanischen Verfassung wurde von Martin Luther King eingefordert und die gesellschaftliche Realität angeklagt, die weithin von Segregation und Rassismus geprägt war.

All das tischte die Bürgermeisterin im Grunde mit ihrem Zitat „I have a dream“ bei der Friedenstafel auf. Wenn das nicht hochpolitisch ist! Wenn aber der Augsburger Flüchtlingsrat die Menschenwürde und den Gleichheitsgrundsatz für Flüchtlinge einfordert, verordnet Frau Weber, Politik habe auf dem Friedensfest nichts zu suchen?!

Zu vermerken ist, dass Martin Luther King auch für den Protest gegen Rassismus im Norden der USA steht, für den Widerstand gegen den Vietnamkrieg oder für die groß angelegte gewerkschaftliche Kampagne Poor People’s Campaign. In den Tagen nach dem Marsch auf Washington führte Kings Rede zu positiven Reaktionen in der Presse. Das FBI hingegen sah King und seine Verbündeten in der Bürgerrechtsbewegung als subversiv an und beschloss, King als Hauptfeind der Vereinigten Staaten zu behandeln. William C. Sullivan, der damalige Leiter des FBI-Geheimprogramms Counter Intelligence Program, schrieb zwei Tage nach Kings Rede in einem Memorandum: „Im Lichte von Kings einflussreicher demagogischer Rede gestern glaube ich persönlich, dass er alle anderen Negerführer zusammengenommen weit überragt, in Bezug auf die Einflussnahme auf große Massen von Negern. Wir müssen ihn jetzt, wenn wir dies vorher noch nicht getan haben, als den gefährlichsten Neger der Zukunft in dieser Nation kennzeichnen, vom Standpunkt des Kommunismus, des Negers und der nationalen Sicherheit.“ (13)

Die CSU führt sich fast so auf, als ob sie den Kapitän der Lifeline, Claus-Peter Reisch, als den „gefährlichsten Neger der Zukunft in dieser Nation“ Bayern halte. Gleichzeitig hält Frau Weber Martin Luther King hoch. Gleichzeitig will sie der Friedenstafel einen politischen Maulkorb verpassen. Das alles verstehe wer will.

Die Organisatoren

Von den Organisationen, die die Aktion „Augsburg wird sicherer Hafen“ trugen, waren Bluespots Productions und das Grandhotel wohl die ältesten, aber immer noch relativ jung. Bluespots Productions, ein multimediales 50-köpfiges Theaterensemble, tritt seit 2011 öffentlich auf. Das Grandhotel wurde 2012 in einem Altenheim in der Altstadt gegründet als soziale Plastik und ist Flüchtlingsunterkunft für 65 Menschen und hat 16 Hotelzimmer, offene Lernwerkstätten und interdisziplinär genutzte Ateliers, Bühne, Café-Bar und einen kosmopolitisch organisierten Küchenbetrieb für Reisende aller Art.

Der Flüchtlingsrat für Augsburg und Umgebung wurde vor zwei Jahren gegründet, trifft sich regelmäßig alle 14 Tage und ist seitdem konsequent für seine Zielsetzungen tätig. Im Schlussteil seiner Gründungserklärung heißt es (14):

„Wir machen es uns als Augsburger Flüchtlingsrat zur Aufgabe, die Bevölkerung von Augsburg und Umgebung über Missstände zu informieren und Geflüchtete zu unterstützen, die Ausgrenzung und Diskriminierung erfahren.

Wir lehnen Abschiebungen strikt ab, weil sie Lebensentwürfe zerstören und Familien auseinanderreißen. Wir fordern eine Politik, die sich dem Schutz von Menschen verschreibt und das Sterben an den Grenzen verhindert. Wir wollen, dass alle Menschen ein selbstbestimmtes Leben führen können. Die Kategorisierung von Menschen als Flüchtling wird dadurch obsolet.“

ResQship wurde 2017 gegründet, Seebrücke erst im Juni 2018. Es sind bundesweit, zum Teil europaweit agierende Organisationen mit örtlichen Unterstützergruppen.

ResQship formuliert seinen Zweck so:

„RESQSHIP e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, den wir als ehrenamtliche Helfer*innen im Juni 2017 gegründet haben. Zum Selbstverständnis unserer Crew gehört, dass die derzeitige Situation an den Außengrenzen Europas nicht akzeptierbar ist: Sie widerspricht dem Gedanken einer freien, offenen und toleranten Weltgemeinschaft, in der Menschenleben als wertvoll und schützenswert betrachtet wird.

Vor diesem Hintergrund versteht sich RESQSHIP als Verein für die zivile Seenotrettung: Es ist unsere humanitäre Pflicht, Menschen in höchster Not zu helfen und sie vor dem Tod durch Ertrinken zu retten. Solange die Ursachen für die Flucht nicht beseitigt worden sind, werden Menschen auf dem Mittelmeer sterben.“

Und Seebrücke schreibt über ihren Hintergrund:

„Die Bewegung SEEBRÜCKE hat sich Ende Juni gegründet, als die ‚Lifeline‘ mit 234 Menschen an Bord tagelang auf hoher See ausharren musste und in keinem europäischen Hafen anlegen konnte. Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits mehrere Städte und Länder angeboten, die Menschen von der ‚Lifeline‘ aufzunehmen.

Doch statt die Solidarität innerhalb der Bevölkerung anzuerkennen, nutzen europäische Politiker*innen wie Seehofer, Salvini und Kurz die Not der Menschen aus, um ihre eigenen Machtkämpfe auszutragen. Sie treten damit internationale Menschenrechte mit Füßen. Das ist unerträglich und widerwärtig.

Aus Empörung über diesen Zustand haben sich einige Aktivist*innen, die seit Jahren ehren- und hauptamtlich in der Geflüchtetenhilfe arbeiten, in einer Messenger-Gruppe organisiert. Daraus erwuchs innerhalb weniger Tage die Bewegung SEEBRÜCKE, der sich deutschlandweit viele Menschen angeschlossen haben. Über 35.000 Menschen sind bis heute im Namen der SEEBRÜCKE auf die Straßen gegangen.

In diesen Minuten, Stunden und Tagen laufen weiterhin Boote von Libyen aus. Viele Menschen werden keine Hilfe erhalten, denn aufgrund der Kriminalisierung von Seenotrettung sind derzeit fast keine Schiffe auf dem Mittelmeer. Das Sterben von Menschen wird damit von Politiker*innen billigend in Kauf genommen. Das ist eine unfassbare humanitäre Katastrophe, die verhindert werden muss.

Wir wollen nicht weniger Rettung, sondern viel, viel mehr!“

Die Basisgruppe der Seebrücke in Augsburg nennt sich zum Beispiel SearchWing und ist ein Forschungsteam der Fakultät für Elektrotechnik der Hochschule Augsburg. SearchWing arbeitet mit einem Professor an einer Rettungsdrohne für das Mittelmeer.

Augsburg Postkolonial – Decolonize Yourself! „ist eine Initiative von engagierten Augsburger*innen, die sich dafür stark machen, postkolonial-kritische Blickwinkel einzunehmen.“ Im Oktober 2017 gegründet, wollen sie „eine Gesellschaft, die sich gegenüber rassistischer Ausgrenzung sensibel und veränderungswillig zeigt“ anstreben.

Insgesamt stellen alle diese Organisationen ein beachtliches kulturelles und gesellschaftspolitisches Kapital dar mit vielfältigen Kontakten in die örtliche und überörtliche Szene, unterstützt und gefördert zum Teil von den Kirchen, von der Stadt, vom Staat etc.

Breite Zustimmung

Wie oben schon erwähnt, wurde das Anliegen und die Aktion dieser Organisationen von 1000 Teilnehmer_innen am Friedensfest mehrheitlich geteilt, wie auch die Augsburger Allgemeine bestätigte. Bei der online Umfrage der Augsburger Allgemeinen ergibt sich momentan eine Zweidrittelmehrheit für die Angemessenheit der Aktion. Unmittelbar nach dem Friedensfest am 8. August äußerte sich der Kapitän Claus-Peter Reisch (15):

„‚Es haben unglaublich viele Leute geklatscht‘, freute sich der 57-Jährige. Anschließend hätten sich nicht nur die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, ein Pfarrer aus Tutzing und Vertreter Augsburger Religionsgemeinschaften bei ihm bedankt. ‚Auch von Besuchern bekam ich Zuspruch. Einige drückten mir Spenden für die Seenotrettung in die Hand. Es war unglaublich.‘ Drei Stunden habe er sich noch auf dem Rathausplatz mit Menschen unterhalten. Umso enttäuschter ist er von der Reaktion der Stadtspitze.“

Sehr erfreulich auch die postwendende Pressemitteilung der Augsburger SPD (16):

„‚Wir sind sehr erstaunt über die Aussagen von Frau Weber‘, heißt es in der Pressemitteilung der SPD. ‚Wir sind als Koalitionspartner ebenfalls Teil der Stadtregierung und begrüßen den Redebeitrag des Seenotrettungs-Kapitäns. Auch können wir die These, dass für politische Themen kein Platz an der Friedenstafel sei, nicht unterstützen. Frieden kann niemals unpolitisch sein‘, so Anna Rasehorn, Stadträtin der SPD-Fraktion.

Fraktionsvorsitzende Margarete Heinrich pflichtet bei: ‚Wo, wenn nicht bei der Friedenstafel soll denn über Frieden gesprochen werden?‘ Menschen wie Claus-Peter Reisch, Kapitän des Rettungsschiffs ‚Lifeline‘ gehörten geehrt statt, wie jetzt in Malta, angeklagt zu werden, so Heinrich.“

Nachdem die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, die zuvor beim ökumenischen Gottesdienst in der Annakirche gepredigt hatte, sich umstandslos hinter den Auftritt des Kapitäns und die Aktion des Flüchtlingsrats und seiner Partner gestellt hatte, und auch Vertreter des Runden Tisch der Religionen dem Kapitän beipflichteten, fragt sich nun, was die Stadtdekanin Susanne Kasch dazu sagt.

Auf unsere Anfrage hin gab Frau Kasch uns zu verstehen, dass sie ohne interne Absprache im Dekanat keine offizielle Stellungnahme abgeben könne. Sie teilte uns aber freundlicherweise ihre persönliche Meinung mit: Sie habe bereits bei der Friedenstafel mit Frau Bürgermeisterin Weber, mit Herrn Weitzel und Frau Seidel gesprochen. Dabei habe sie „sehr intensiv darauf hingewiesen, dass man von der Friedenstafel gerade nicht die Themen fernhalten kann, die die Menschen beschäftigen und die Seenotrettung im Mittelmeer gehört bestimmt dazu.“

Gleichzeitig könne sie die Stadt als Veranstalterin verstehen, die Wert darauf lege, dass das Podium nicht einfach unabgestimmt „gekapert wird“. Von daher glaube sie, dass es nach der Sommerpause noch einmal eine Vereinbarung aller Beteiligten an der Friedenstafel braucht, wie viel politische Aktivität, wie viel Kontroverse die Friedenstafel verträgt, damit das Gemeinschaftssystem, das in ihr angelegt ist, nicht verloren geht. „Das sollte, glaube ich, niemand alleine entscheiden.“

Hierzu zwei Anmerkungen. Erstens. Wie der Kapitän der Lifeline, Claus-Peter Reisch, in seiner weiter unten zitierten Rede erwähnte, ist die Evangelische Kirche aktiv beteiligt an der zivilen Seenotrettung und finanziert ein Suchflugzeug mit. Die Organisation Sea-Watch berichtet im Mai auf ihrer Homepage (17):

Allein im letzten Jahr sind auf dem zentralen Mittelmeer weit über 3000 Menschen ertrunken; 2018 sind bereits über 500 Menschen ums Leben gekommen. Ohne das Suchflugzeug ‚Moonbird” – betrieben von Sea-Watch und der Schweizer Humanitären Piloteninitiative (HPI) –, wären es in 2017 mindestens 1000 Tote mehr gewesen. Immer wieder konnte das Flugzeug, das mit Unterstützung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) angeschafft wurde, sinkende Schlauchboote in letzter Sekunde entdecken und zivile Rettungsorganisationen informieren.

Sea-Watch freut sich über die Entscheidung der EKD, das Aufklärungsflugzeug ‚Moonbird‘ in den kommenden drei Jahren weiterhin zu fördern und damit alle zivilen Seenotrettungsschiffe auf dem Mittelmeer zu unterstützen.

Damit ist die Evangelische Kirche in Deutschland ganz eindeutig aktiv an der Seite von Claus-Peter Reisch – ja, das Suchflugzeug der EKD dürfte sogar direkt mit dem Kapitän der Lifeline kooperiert haben beziehungsweise kooperieren.

Zweitens. Wenn die Stadtdekanin noch einmal eine Vereinbarung aller Beteiligten an der Friedenstafel anstrebt, so sollte man die Position des Kulturbeirats hierzu berücksichtigen, die wir weiter unten zitieren. Der Kulturbeirat ist diesem Ansinnen gegenüber eher skeptisch und der Meinung, dass eine solche Vereinbarung oder auch ein entsprechendes Gremium „nur Leitlinien entwickeln kann, dass die konkrete, operative Programmplanung aber vom Friedensbüro in Eigenverantwortung durchgeführt werden können muss“.

am Tisch der CSU: vorher - nachher

 

Die Zuständigkeit des Friedensbüros – es gibt kein Politikverbot, im Gegenteil

Auf Nachfrage beim Friedensbüro ist die Programmverantwortung für den 8. August so gelagert:

Gottesdienste und Festkonzert am Abend: Evangelisches Dekanat Augsburg

Kinderfriedensfest: Amt für Jugend, Familie und Senioren

Friedenstafel: Friedensbüro

Bei der Friedenstafel ist vom Programm her gesetzt:

* Grußwort des Oberbürgermeisters

* Friedensgrüße der Religionsgemeinschaften

Grundsätzlich aber gestalten den 8. August die Stadt Augsburg und die Kirchen und der Runde Tisch der Religionen gemeinsam. Schon von daher verbietet sich die öffentlich-mediale Intervention der zweiten Bürgermeisterin Eva Weber gegen den Ablauf der Tafel am 8. August ohne Absprache mit den Kirchen und dem Runden Tisch der Religionen.

Vor allem aber richtet sich die harsche Kritik der Bürgermeisterin gegen das Friedensbüro als verantwortlichen Organisator.

Auf der offiziellen Homepage Friedensstadt Augsburg finden sich knappe, aber sehr wichtige Angaben zu den Aufgaben des Friedensbüros, seiner Arbeitsweise und sogar zu seinen gesellschaftspolitischen Themen (18):

„Das Friedensbüro ist eine Einrichtung im Kulturamt der Stadt Augsburg. Es organisiert Veranstaltungen, wie zum Beispiel das Kulturprogramm zum Augsburger Hohen Friedensfest, (…)

Zu weiteren relevanten gesellschaftspolitischen Themen, die wie z. B. die Rüstungs- und Flüchtlingspolitik oder die Antidiskriminierung im Friedenskontext stehen, regt das Friedensbüro den bürgerschaftliche Diskurs an. Zudem begleitet es den interreligiösen Dialog am Runden Tisch der Religionen. Zentrales Merkmal des Friedensbüros ist die wertschätzende und konstruktive Arbeit in einem breit aufgestellten Netzwerk mit vielen Partner*innen, mit Vereinen, der Universität, Künstler*innen und Religionsgemeinschaften.“

Direkt zuständig für das Kulturprogramm des gesamten Friedensfestes ist das Friedensbüro. Zum Kulturprogramm zählt ausdrücklich auch die große Friedenstafel am 8. August am Rathausplatz (19). Für die Friedenstafel am 8. August gelten keine anderen Richtlinien oder Themen als für das gesamte Kulturprogramm. Zu den „relevanten gesellschaftspolitischen Themen, die (…) im Friedenskontext stehen“ – also im Kontext auch des Friedensfestes – zählen ganz offiziell „die Rüstungs- und Flüchtlingspolitik oder die Antidiskriminierung“! Man sollte jetzt aufpassen, dass diese drei dürren, aber knackigen Themengesichtspunkte in der kommenden Auseinandersetzung nicht gecancelt werden.

Der Runde Tisch der Religionen wurde von der Stadt Augsburg initiiert und wird gemeinsam von der Stadt und den beteiligten Religionsgemeinschaften getragen. Er soll die Vielfalt der Religionen und Konfessionen in Augsburg abbilden (20).

Faktisch scheint es also kein Politikverbot für die Friedenstafel am 8. August zu geben. Es scheint so, als dass dies von den OberbürgermeisterInnen Gribl und Weber nur postuliert wird, weil ihnen eben diese Politik und politische Richtung nicht passt, die sich am 8. August artikulierte.

Beherzte politische Interventionen beim Friedensfest haben Tradition

Schon früher gab es beherzte Interventionen in das Friedensfest, die aber nicht so heftige Reaktionen der Stadtsspitze hervorriefen, sondern eher stillschweigend hingenommen werden mussten (21). Wir erinnern zum Beispiel an das große Go-in von Equal Rights Movement bei der Eröffnungsveranstaltung zum Augsburger Friedensfest am 14. Juli 2016 im Goldenen Saal des Rathauses. Diesem beeindruckenden Go-in folgte die massive Eroberung der Bühne des Friedensfestes auf dem Rathausplatz am 8. August mit Textplakaten durch die afrikanische Equal Rights Movement Gruppe. Damals war es nur Volker Ullrich (CSU, MdB), der in der Presse auf die Gruppe Equal Rights Movement losging und sie als linksextrem bezeichnete, was natürlich auch eine Drohung gegenüber dem Flüchtlingsrat und dem Friedensbüro bedeutete. Kurt Gribl, der damals noch nicht dem rechten Flügel der CSU anzugehören schien, würdigte demgegenüber in seiner Ansprache auf dem Friedensfest 2016 ausdrücklich die Arbeit des Friedensbüros und seiner Leiterin (22).

Im Jahr 2015 sprengte eine Gruppe mit dem Transparent „Refugees welcome - Fuck Frontex“ die Veranstaltung Frieden und Frontex am 31. Juli in der Brechtbühne und erzwang den Abbruch durch Klaus Rösler, Direktor für die Abteilung „Einsatzangelegenheiten – Operations Division“ von Frontex.

Im Jahr 2013 machte die Augsburger Armutskonferenz eine Kampagne während des Friedensfestes. Gefordert wurde einen Sozialpakt für Augsburg: Wohnraum für alle, Mobilität für alle, Arbeit & gerechte Löhne für alle. Im Annahof, wo das Friedensfest am 8. August stattfand, gab es zwei große Tafeln zum Thema: „Sozialpakt für Augsburg – Bildung & Kultur für alle“.

Warum reagieren Eva Weber und Kurt Gribl gerade jetzt so geharnischt? Es dürfte an der politischen Strategie der CSU und des Bundesinnenministers liegen, die „Festung Europa“ so massiv auszubauen wie nur möglich, solange sie in München und Berlin noch die Macht dazu haben. Dazu gehört auch die brutale Illegalisierung und Kriminalisierung der Seenotrettung. Von daher war der Auftritt des Kapitäns auf der Friedenstafel und das dort verlesenen Manifest des Flüchtlingsrats ein Schlag ins Kontor der CSU unmittelbar zu Beginn der heißen Phase des Landtagswahlkampfes.

Angriffe auf das Friedensbüro haben auch Tradition

Die Angriffe auf das Friedensbüro beziehungsweise früher das Büro für Frieden und Interkultur von Seiten der Unternehmer, Kirchen und Stadtverwaltung haben Tradition. Der Spielraum, den sich die Büros des Kulturamtes erkämpft haben, geht den Machthabern in der Stadt in regelmäßigen Abständen zu weit. Das Kulturamt muss aber seinen Büros diesen Spielraum geben, sonst wenden sich die Kulturschaffenden und auch politische Initiativen von der Stadt ab und der kulturpolitische Draht der Stadt zur Szene würde abreißen. Gerade das Kulturprogramm zum Friedensfest bewährt sich immer wieder als ein Eldorado für hochinteressante Künstler und künstlerische Projekte, die in der Regel eben auch politisch progressiv sind. Wenn die Stadt dies plattwalzen würde, könnte sie den Laden am 8. August dichtmachen. Siehe hierzu auch unsere Übersicht aus dem Jahr 2015: „ Beachtliche, progressive Tendenzen im Programm des Friedensfestes in den vergangenen Jahren. Die Tradition des großen Rahmenprogramms zum Augsburger Friedensfest“ (23).

Der Kapitän der Lifeline, Claus-Peter Reisch, nach seiner Rede im intensivem Gespräch mit Vertretern des Runden Tischs der Religionen

Im vergangenen Jahr musste der Kulturbeirat Kurt Gribl in die Schranken weisen und jegliche politische Einflussnahme auf das Rahmenprogramm zum Friedensfest ablehnen

Schon im vergangenen Jahr gab es einen Vorstoß von Kurt Gribl, dem Friedensbüro beim Entwurf des Kulturprogramms für das Friedensfest Zügel anzulegen. Der Oberbürgermeister hat damals verfügt, dass künftige Programme des Friedensfestes dem Kulturausschuss zur Entscheidung vorgelegt werden müssen. Auch aus dem Kulturausschuss selbst kam damals Widerstand: „Wir sind kein Zensurausschuss“, stellte zum Beispiel Rudolf Holzapfel fest (24). Der Versuch des Oberbürgermeisters, das Friedensbüro zu reglementieren, scheiterte unter anderem auch, weil Pro Augsburg, der Kulturbeirat und der Kulturreferent nicht mitmachen wollten.

Wir zitieren die Stellungnahme des Kulturbeirats aus dem Protokoll der Sitzung vom 20.9.2017 (25). Es ist schon erstaunlich, dass ausgerechnet dieses Protokoll auf der Homepage des Kulturbeirats in der Liste der zur Verfügung gestellten Downloads fehlt (26).

Zu Punkt 2) Verfügung des Oberbürgermeisters zur Erarbeitung eines Grundsatzbeschlusses für die zukünftige Gestaltung des Friedensfestes

Der Kulturbeirat möchte für die nächste Sitzung des Kulturausschuss eine empfehlende Meinungsbildung erarbeiten. Bereits im letzten Kulturausschuss wurde ein Statement verlesen, das vorab bereits schriftlich per Mail an den Oberbürgermeister versandt worden war.

Diskussionsbeiträge:

  • Die Arbeit des Friedensbüros scheint dem Kulturbeirat durch die ausführliche Evaluation, die 2013 dem Kulturausschuss vorgestellt wurde, ausreichend begründet.

  • Der Kulturbeirat hat bei den Kooperationspartnern ein Stimmungsbild eingeholt. Dieses zeigt, dass die Partner die Zusammenarbeit als sehr positiv empfinden.

  • Das Friedensfest ist das einzige Format, das den Anspruch der Partizipation vieler unterschiedlicher Bevölkerungskreise tatsächlich vorbildlich einlöst und dies mit einem Format wie „Friedensbüro goes“ transparent praktiziert.

  • Die Mitglieder der Agenda werden, falls notwendig, auch eine Stellungnahme nachlegen (dies gilt auch für den Flüchtlingsrat). Beide Organisationen wirken immer wieder am Friedensfest als Kooperationspartner mit.

  • Solange die Formate formal zulässig sind und genauso auch im öffentlich rechtlichen Fernsehen gezeigt werden könnten, sollte weder inhaltlich noch personell mit Einmischung reagiert werden

  • Vor dem Hintergrund einer reklamierten offenen Führungskultur innerhalb der Stadtverwaltung wird kritisiert, dass eine Mitarbeiterin im Stadtrat persönlich angegriffen wird, aber keine fachliche Stellungnahme eingeholt wurde

  • Die evangelische und katholische Kirche beurteilt das jetzige Programm sehr positiv, die Kirchen denken ihrerseits an ein Gremium für eine längerfristige Zukunftsleitlinie, um dies auch für die Zukunft zu sichern

  • Es besteht Konsens darüber, dass ein Gremium nur Leitlinien entwickeln kann, dass die konkrete, operative Programmplanung aber vom Friedensbüro in Eigenverantwortung durchgeführt werden können muss

  • Zu Bedenken sei, dass ein Leitlinienprozess erfahrungsgemäß langwierig und nicht immer zielführend ist, daher müsse gut überlegt werden, ob dies gewünscht ist

  • Einschränkungen in der Programmgestaltung und konkreten Programminhalten werden als sehr kritisch angesehen, da damit immer auch einer Einschränkung der Kunst- und Meinungsfreiheit die Tür geöffnet wird

  • Da das Programm des Friedensfestes weitgehend partizipativ entsteht, sei ohnehin fraglich, wieweit die Einflussnahme reichen könnte



Einstimmig wird vom Kulturbeirat folgende empfehlende Meinungsbildung beschlossen.

Der Kulturbeirat übermittelt dem Kulturausschuss gem. § 1 Abs. 2 Nr. 2 GeschO-Kulturbeirat folgende empfehlende Meinungsbildung:

1. Das Rahmenprogramm zum Hohen Friedensfest hat sich nach Auffassung des Kulturbeirats in den letzten Jahren äußerst positiv entwickelt: Unverzichtbar sind der partizipative Charakter des Programms und der Freiraum für lebhaften Diskurs, die gekennzeichnet sind von hoher gesellschaftspolitischer Relevanz.

2. Die Zusammenarbeit des Friedensbüros mit seinen Partnern erachtet der Kulturbeirat als vorbildlich, das zeigt sich insbesondere durch die beständige „Politik der offenen Tür" und die ganzjährige Veranstaltungsreihe „Friedensbüro goes".

3. Der Kulturbeirat lehnt jegliche politische Einflussnahme auf das Rahmenprogramm zum Hohen Friedensfest ab. Von der Einrichtung eines Friedensfest-Kuratoriums rät der Beirat ab. Das Programm soll wie bisher dem Kulturausschuss vorgestellt werden; im Übrigen muss die kuratorische Freiheit des Friedensbüros gewahrt bleiben.

4. „Mutig bekennen – Friedlich streiten“ sind auch die Grundsätze, welche die politische und die verwaltungsinterne Auseinandersetzung mit dem Hohen Friedensfest prägen sollten.

Die beiden BürgermeisterInnen haben heuer wegen des Beitrags zur Seenotrettung auf dem Friedensfest ein Nachspiel in den „zuständigen Gremien“ angekündigt. Man kann das durchaus auch als erneute Drohung gegenüber dem Friedensbüro auffassen. Sollte es Kurt Gribl darauf anlegen, einen Reglementierungsbeschluss im Kulturausschuss oder im Stadtrat zu erzwingen, könnte es sein, dass er nur die CSU und die AfD hinter sich bringt. Dann hätte er zusammen mit seiner eigenen Stimme nur ein Patt im Stadtrat. Ob die gesamte CSU-Fraktion mitspielen würde, ist noch die Frage.

Den wichtigen Punkt aus dem Manifest des Flüchtlingsrats, dass Augsburg „sicherer Hafen“ wird, wollen wir im Rahmen unserer noch ausstehenden Berichterstattung über die Aktion Seenotbrücke Augsburg vom 21. Juli behandeln.

Rede des Kapitäns der Lifeline, Claus-Peter Reisch, auf dem Augsburger Friedensfest

8. August 2018

Heute geht es nicht darum, wie man Integration erreicht, sondern in Europa Menschlichkeit zu retten. Vielen herzlichen Dank, schön dass so viele Leute da sind, um an diesem Friedensfest teilzunehmen und vielleicht auch – und das ist die Hoffnung – Augsburg zu einem sicheren Hafen zu machen. Die Situation vor der Küste in dem Seenotrettungsgebiet, in dem wir tätig sind, ist dramatisch. Jeden Tag sind dort Schlauchboote – eines könnt Ihr Euch unten auf dem Elias-Holl-Platz nachher anschauen – unterwegs. Nur kann sie jetzt keiner mehr dokumentieren und auch niemand mehr retten.

Die Todeszahlen seit Juni – und das ist noch ein gar nicht so langer Zeitraum – sind erschreckend. Seit die NGOs nicht mehr fahren dürfen, sind über 1000 Menschen ums Leben gekommen. Einfach weg, das sind mehr, als hier sitzen. Man muss sich einmal vorstellen, im Bayerischen Landtag sitzen mehr als 180 Abgeordnete, das ist mehr als fünfmal so viel. Und der Bundestag, der hat 709. Also das ist fast eineinhalb mal so viel wie der Bundestag. Das ist unglaublich.

Die Schiffe und Flugzeuge dürfen nicht fahren und nicht fliegen. Das von der Evangelischen Kirche zu einem guten Teil finanzierte Suchflugzeug „Moonbird“ hat alle Zertifikate, hat hervorragende Piloten, die im wirklichen Leben in der Verkehrsfliegerei einen Airbus oder sowas ähnliches fliegen. Die dürfen nicht abheben, weil sie einfach keine Starterlaubnis bekommen. Es ist völlig unglaublich.

So wird auch die Dokumentation dessen, was wirklich an der libyschen Küste passiert, einfach unterbunden. Die Schiffe, es sind zur Zeit drei in Valletta auf Malta, die einfach festgesetzt sind, sie bekommen keine Erlaubnis, den Hafen zu verlassen. Mein Schiff, die Lifeline, vom Mission Lifeline e.V. aus Dresden wird festgehalten wegen einem, ich sage, mal blauen Papier, wegen einem Zulassungspapier. In diesem Zulassungspapier steht einwandfrei drin, das kann man sich auch im Internet anschauen, haben wir vorgezeigt: Flag dutch, Flagge holländisch, Heimathafen Amsterdam, es ist nicht abgelaufen, es ist keine Fälschung. Der Prozess gegen mich ist letztlich rein politisch motiviert.

Aber, ich könnte auch zu Hause bleiben und sagen: die 5000 Euro, die ich für meinen Pass bezahlt habe als Kaution, die schieße ich in den Wind. Aber das tue ich nicht. Am 21. fliege ich wieder nach Malta und dann werden wir am 23. sehen, wie das weitergeht. (Breiter Beifall)

Die libysche Küstenwache, von Eurem oder auch meinem Steuergeld finanziert, macht Rettungen. Nur leider können Sie das nicht oder sie wollen das nicht. Bei ihren „Rettungen“ gibt es immer ohne Ausnahme Tote – und das nicht zu wenig. Sie drohen den Leuten mit einer Waffe, damit sie den Motor abstellen. Dann werden die Leute aus dem Schlauchboot gezogen und es gibt auch Videos dazu, da werden die Leute erst mal verprügelt auf dem Schiff. So geht Rettung auf lybisch.

Vor einigen Tagen haben wir über 80 Meilen vor der Küste ein Schlauchboot aufgebracht – 80 Meilen, 150 km internationale Gewässer, das ist der halbe Weg nach Malta. Dann haben wir die 157 Leute aus dem Schlauchboot gezerrt und zwei Frauen mit einem Kind wollten nicht mit. Und was hat man dann gemacht? Dann hat man sie auf der offenen See einfach zurückgelassen. Aber nicht nur das. Man hat das Schlauchboot zertrümmert und zerstört. Von diesem Schlauchboot schwammen nur noch Fetzen. Und durch Zufall hat eine spanische Organisation, Open Arms, dieses Boot gefunden und hat eine Frau nach 48 Stunden lebend retten können. Das kleine Kind und die Mutter des Kindes waren tot.

Das ist Rettung auf lybisch, mit Eurem Steuergeld. Und dagegen müsst ihr Euch wehren – für meine Begriffe!

Unsere Lifeline ist festgesetzt, wir können nicht fahren. Wir sind lauter Ehrenamtler. Auch ich als Kapitän bezahle meinen Flug nach Malta selbst, ich bekomme nichts dafür. Ich fahre ehrenamtlich, im Gegenteil, ich gebe auch noch was in die Kasse. Wir konnten nämlich die fünf Missionen vor dieser Mission sechs gar nicht fahren, weil wir kein Geld hatten. Wir hatten kein Geld, um dieses Schiff aus dem Hafen zu bringen. Das ging erst mit Unterstützung von zum Beispiel Udo Lindenberg, Urban Priol, Christoph Sieber und anderen.

Wir finanzieren uns ausschließlich aus Spenden, kleine Spenden von fünf Euro im Monat, auch mal eine größere Firma, die uns 2000 Euro gibt und Udo Lindenberg mit einem fünfstelligen Betrag, ganz toll. Das ist die Wahrheit, wir kriegen nix von irgendwelchen Schleppern oder sowas. Das sind furchtbare Leute, denen ist es auch letztlich völlig egal, ob Menschen irgendwo ankommen oder ob sie untergehen. Die Menschen sind ausgepresst wie eine Zitrone, wir sehen ja die Verletzungen, die die Männer großteils haben. Und die Geschichten, die die Krankenschwestern bei uns auf dem Schiff von den Frauen zu hören kriegen, sind eigentlich nicht dazu geeignet, dass man sie wiedergibt.

Das ist ganz, ganz furchtbar. Und deswegen hoffen wir natürlich, dass auch ihr uns auch weiter unterstützt, Mission Lifeline eine kleine Spende schickt, damit wir dieses Schiff wieder in Betrieb setzen können. Und wenn Sie uns unser Schiff nicht zurückgeben, dann machen wir‘s ganz anders. Dann kaufen wir einfach ein neues. Wir lassen uns nicht unterkriegen. Menschen sterben lassen auf See, das ist völlig inhuman.

Wir holen jeden, der aus dem Nichtschwimmerbereich rausgeschwommen ist, mit großem Aufwand wieder zurück. Das ist auch richtig so. Aber diese Leute, die steigen ja noch nicht mal freiwillig in diese Boote zum Schluss ein. Wer nicht einsteigt am Strand – diese Geschichten kennen wir im Dutzend – da werden halt einfach mal zwei, drei am Strand erschossen, dann steigt der Rest schon ein.

Die EU tut mehr gegen die Seenotretter, um uns aufzuhalten, als gegen das Ertrinken. Und das kann so nicht weitergehen. Und da müsst ihr die Stimme erheben und auch bei der nächsten Wahl richtig wählen! Ganz wichtig: bunte Farben wählen, bunte Farben.

Seenotrettung ist kein Verbrechen. Das war es nie, das ist es nicht und das darf es auch niemals werden! Weil da können wir nämlich die Bergwacht, die Wasserwacht, das Rote Kreuz und alles andere auch abschaffen. Warum holen wir den Motorradfahrer, der zu schnell in die Kurve gefahren ist, von der Leitplanke runter? Und warum holt man die Leute aus dem Meer, wenn sie zu ertrinken drohen, nicht aus ihren Booten? Das ist ne gute Frage. Die Kriminalisierung der NGOs, wir retten ja nur 40 Prozent, nur, den Rest macht die Handelsschifffahrt und auch das Militär. Und unser Schiff Lifeline haben sie festgesetzt, dieses Schiff hat insgesamt – es hieß vorher Sea-Watch 2 – 20.000 Menschen das Leben gerettet. Und so ein Schiff lässt man nicht mehr aus dem Hafen!

Was haltet ihr davon? Im Grund geht es doch um viel mehr, nämlich um die Debatte, ob Seenotrettung auf dem Mittelmeer zulässig ist oder ob nicht. Das ist doch das Problem. Wir unterhalten uns vor Gericht nicht über irgendetwas Technisches oder sowas. Nein, letztlich unterhalten wir uns da drüber: darf das Schiff fahren und retten oder nicht.

Peter Feininger, 13. August 2018

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2 „Flüchtlingsrat für Augsburg und Umgebung“. Zugegriffen 5. August 2016. http://augsburgerfluechtlingsrat.blogspot.de/.

3 „Augsburg postkolonial – Decolonize Yourself!“ Zugegriffen 12. August 2018. https://augsburgpostkolonial.wordpress.com/.

4 „bluespots productions – Das Multimediale Ensemble“. Zugegriffen 12. August 2018. http://www.bluespotsproductions.de/.

5 „Grandhotel Cosmopolis Augsburg“. Zugegriffen 12. August 2018. https://grandhotel-cosmopolis.org/de/.

6 „RESQSHIP“. Zugegriffen 12. August 2018. https://resqship.org/de/.

7 „Seebrücke – Schafft sichere Häfen!“ Zugegriffen 12. August 2018. https://seebruecke.org/.

8 „SearchWing. Die Rettungsdrohne im Mittelmeer, Forschungsteam der Hochschule Augsburg, Fakultät Elektrotechnik“. Hochschule Augsburg. Zugegriffen 12. August 2018. https://www.hs-augsburg.de/Elektrotechnik/SearchWing.html.

9 „LIFELINE Keep calm & save lives“. Facebook Seenotrettung. Zugegriffen 3. August 2018. https://de-de.facebook.com/seenotrettung/.

mdr.de. „‚Lifeline‘: Logbuch einer umstrittenen Mission“. MDR. Zugegriffen 3. August 2018. https://www.mdr.de/investigativ/seenotrettung-logbuch-umstrittene-mission-lifeline100.html.

10 Barbara Leinfelder. „Life-Line-Kapitän Reisch als Überraschungsgast: Streit wegen Flüchtlingsaktion auf dem Friedensfest in Augsburg“. BR.de, 8. August 2018. https://www.br.de/nachrichten/schwaben/inhalt/streit-wegen-fluechtlingsaktion-beim-friedensfest-in-augsburg-100.html.

Marks, Ina. „Augsburger Friedensfest - Aktion des Flüchtlingsrats verärgert Stadtspitze“. Augsburger Allgemeine, 8. August 2018. https://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/Aktion-des-Fluechtlingsrats-veraergert-Stadtspitze-id51882456.html.

11 Marks, Ina. „Warum der Auftritt des Lifeline-Kapitäns für Ärger sorgte“. Augsburger Allgemeine, 9. August 2018. https://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/Warum-der-Auftritt-des-Lifeline-Kapitaens-fuer-Aerger-sorgte-id51889841.html.

12 Marks, Ina. „Friedensfest: Stadtspitze reagiert unsouverän“. Augsburger Allgemeine, 9. August 2018. https://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/Friedensfest-Stadtspitze-reagiert-unsouveraen-id51891136.html.

13 Nach: O. A. (2018): I Have a Dream. Wikipedia, Text abrufbar unter: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=I_Have_a_Dream (Zugriff am 15.8.2018).

14 „Der Augsburger Flüchtlingsrat. Kein Mensch ist illegal! – Alle Menschen sind gleich! Selbstverständnis und Zielsetzungen“. Zugegriffen 13. August 2018. https://drive.google.com/file/d/0B_bI4BtkBhnaNUFSbURsLTU1N1U/view?usp=sharing&usp=embed_facebook.

15 Marks, Ina. „Warum der Auftritt des Lifeline-Kapitäns für Ärger sorgte“, a. a. O.

16 Redaktion Stadtzeitung. „Seenotrettung: SPD-Fraktion stellt sich hinter Augsburger Flüchtlingsrat und reagiert irritiert auf Weber-Aussage“. stadtzeitung.de, 9. August 2018. https://www.stadtzeitung.de/augsburg-city/politik/seenotrettung-spd-fraktion-stellt-sich-hinter-augsburger-fluechtlingsrat-und-reagiert-irritiert-auf-weber-aussage-d58249.html.

17 O. A. (2018): Evangelische Kirche in Deutschland unterstützt weiterhin zivile Seenotrettung - Suchflugzeug entscheidender Faktor bei der Rettung von Menschenleben. Sea-Watch e.V., Text abrufbar unter: https://sea-watch.org/ev-kirche-in-deutschland-unterstuetzt-weiterhin-zivile-seenotrettung/ (Zugriff am 15.8.2018).

18 „Das Friedensbüro. Friedensstadt Augsburg“. Zugegriffen 13. August 2018. https://www.friedensstadt-augsburg.de/de/friedensb%C3%BCro.

19 „Kulturprogramm zum Augsburger Hohen Friedensfest So 22.07. – Mi 08.08.18: Große Friedenstafel am Mi 08.08. am Rathausplatz“, nach: „Augsburger Hohes Friedensfest - Kulturprogramm“. Zugegriffen 13. August 2018. https://www.friedensstadt-augsburg.de/de/kulturprogramm.

20 „Runder Tisch Selbstverständnis - Friedensstadt“. Zugegriffen 13. August 2018. https://www.friedensstadt-augsburg.de/de/runder-tisch-selbstverst%C3%A4ndnis.

21 Zum Augsburger Friedensfest 2016: „Friedensstadt ohne Gleichberechtigung, gibt es das wirklich?“. Bobet Nlombi, einer der Sprecher von Equal Rights Movement Augsburg: „Oder ist dieser Friede nur für eine bestimmte Gruppe von Menschen?“, 16.8.2016, Forum solidarisches und friedliches Augsburg http://www.forumaugsburg.de/s_2kommunal/Friedensstadt/160816_augsburger-friedensfest-2016/index.html

22 Ebd.

23 Augsburger Friedensfest 2015, Teil 1: Beachtliche, progressive Tendenzen im Programm des Friedensfestes in den vergangenen Jahren Die Tradition des großen Rahmenprogramms zum Augsburger Friedensfest, 6.8.2015, Forum solidarisches und friedliches Augsburg http://www.forumaugsburg.de/s_2kommunal/Friedensstadt/150806_friedensfest-1/index.html

24 Markus Höck. „Keine politische Einflussnahme auf das Friedensfest: Kulturbeirat stärkt Friedensbüro den Rücken“. StadtZeitung online, 21. September 2017. https://www.stadtzeitung.de/augsburg-city/politik/keine-politische-einflussnahme-auf-das-friedensfest-kulturbeirat-staerkt-friedensbuero-den-ruecken-d32174.html.

———. „Streit um Augsburger Friedensfest: Zensur oder Kultur?“ Stadtzeitung online, 27. Juli 2017. https://www.stadtzeitung.de/augsburg-city/politik/streit-um-augsburger-friedensfest-zensur-oder-kultur-d29970.html.

Thoma, Susanne. „OB Gribl soll sich nicht einmischen. Der Kulturbeirat lehnt jegliche politische Einflussnahme auf das Rahmenprogramm zum Hohen Friedensfest ab.“ a3kultur, 25. September 2017. https://a3kultur.de/positionen/ob-gribl-soll-sich-nicht-einmischen.

25 Kulturbeirat. „Protokoll der Sitzung des Kulturbeirats vom 20.9.2017, 17:30 bis 20:00 Uhr“. Stadt Augsburg, 17. September 2017. https://www.augsburg.de/fileadmin/user_upload/buergerservice_rathaus/rathaus/beiraete/kulturbeirat/
kulturbeirat_protokoll_20_9_17.pdf
.

26 „Kulturbeirat, Stadt Augsburg“. Stadt Augsburg. Zugegriffen 13. August 2018. https://www.augsburg.de/buergerservice-rathaus/rathaus/beiraete/kulturbeirat/.


   
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