Augsburger Friedensfest 2015, Teil 2

Das Augsburger Friedensfest – eine zweifelhafte Errungenschaft und von Beginn an martialisch

Strukturelle Intoleranz der Konfessionen und soziale Disziplinierung der Untertanen durch die Konfession

Offizieller Anlass des Friedensfestes
Martialischer Anfang
„Die kriegstreibende Rolle historischer Jubiläen“
Strukturelle Intoleranz der Konfessionen und soziale Disziplinierung der Untertanen
Strukurelle Intoleranz auch bei der Stadtdekanin
Eine Entschuldigung der evangelischen und katholischen Kirche Augsburgs gegenüber den Wiedertäufern wäre fällig
Mit der Machtübertragung auf die Obrigkeit legte Melanchthon die Grundlage für das landesherrliche Kirchenregiment des deutschen Protestantismus
An der Confessio Augustana gibt es eigentlich nichts zu feiern, sie ist auch ein Dokument der Intoleranz, der Repression und des Krieges

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Im ersten Teil dieser Artikelserie befassten wir uns mit dem Rahmenprogramm der Augsburger Friedensfeste der vergangenen fünf Jahre.[1] In diesem zweiten und in einem dritten Teil wollen wir etwas tiefer in die Geschichte eindringen und uns mit dem historischen Kontext des Friedensfestes auseinandersetzen – allerdings nur schlaglichtartig und punktuell. Wir hoffen dennoch, einige kritische Punkte und wichtige Quellen zu streifen, wo es sich auch lohnen würde, weiter zu recherchieren. Im vierten Teil soll es dann um das diesjährige Friedensfest gehen und einige sehr bedenkliche Veranstaltungen im Rahmen des Programms, die allerdings Gott sei Dank bald auch schon Geschichte sein werden. In einem fünften Teil wollen wir uns mit dem anstehenden Reformationsjubiläum 2017 befassen, das jetzt schon seine Schatten vorauswirft. Unser Motto wird in etwa sein: 500 Jahre Luther sind genug.

Offizieller Anlass des Friedensfestes

Zum Anlass des Friedensfestes schreibt das Kulturamt der Stadt Augsburg: „Das Augsburger Hohe Friedensfest am 8. August ist seit 1950 ein gesetzlicher, auf die Stadtgrenzen Augsburgs begrenzter und weltweit einzigartiger Feiertag des Friedens. Seinen Ursprung hat er im Jahr 1650, als die Protestanten Augsburgs erstmals ihre im Augsburger Religionsfrieden (1555) formulierte und im Westfälischen Frieden (1648) schließlich errungene Gleichberechtigung mit der Römisch-Katholischen Kirche feierten, nachdem ihnen am 8. August 1629 die Ausübung ihres Glaubens offiziell untersagt wurde. Die Herausforderungen, die sich damals mit der Koexistenz der beiden christlichen Konfessionen verbanden, liegen für die Stadt Augsburg mit ihren über 40 % Bürgerinnen und Bürgern mit Zuwanderungsgeschichte heute in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Vielfalt. Diese aktiv zu gestalten, versteht die »Friedensstadt Augsburg« als Auftrag, der sich aus ihrem besonderen historischen Erbe ableitet.“[2]

Martialischer Anfang

Aus dieser Darstellung des Kulturamts der Stadt ergibt sich die Frage, ob es noch Sinn macht, die Gleichberechtigung der protestantischen mit der katholischen Kirche zu feiern. Zumal ja damals alle anderen Religionen und Weltanschauungen ausgeschlossen waren. Es handelte sich also um eine sehr exklusive Art von Toleranz, die zum Beispiel darauf basierte, dass die Juden schon im 15. Jahrhundert aus der Stadt gejagt und die Täufer während der Reformationszeit blutig verfolgt wurden. Noch dazu hatte der jeweilige Landesherr die Macht, die ausschließliche Religion auf seinem Territorium zu verordnen. Konfessionell anders Gesinnten blieb nur das Recht der Auswanderung. Man sollte auch nicht vergessen, dass der Protestantismus und Katholizismus kein Segen waren für die Bevölkerung, sondern geherrscht haben. Einer der wichtigsten Stadthistoriker, der Züricher Prof. Bernd Roeck, schreibt: „Wie blutige Hähne hatten die Mächtigen Augsburg heimgesucht, hatten die Stadt katholisch, lutherisch, dann wieder katholisch gemacht. Von einem Tag auf den anderen war die Frage, welchem Glauben man anhing, von essenzieller, lebensmächtiger Bedeutung geworden. Sie hatte über berufliches Fortkommen, manchmal sogar über Leben und Tod entschieden.“[3]

Dass die „Herausforderungen … für die Stadt Augsburg mit ihren über 40 % Bürgerinnen und Bürgern mit Zuwanderungsgeschichte heute in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Vielfalt“ liegen – wie das Kulturamt formuliert –, geht ja in Ordnung. Und soweit das Rahmenprogramm für das Friedensfest diesem Multikulturalismus Rechnung trägt, kann man das nur begrüßen. Aber welche Auswirkungen hat das auf die Stadtverwaltung, welche Konsequenzen zieht diese? Werden dem berüchtigten Ausländeramt Zügel angelegt, oder wird hemmungslos deportiert und abgeschoben? Werden für die Flüchtlinge endlich Wohnungen gebaut oder bleiben sie weiterhin kaserniert und in Lagerhaft?

Dass sich die „Herausforderungen“ der Stadt angesichts hoher Bevölkerungsanteile von Zuwanderern und Flüchtlingen als Auftrag der Stadt „aus ihrem besonderen historischen Erbe ableitet“ ist schon gewagt und wahrscheinlich Unsinn. Jedenfalls bleibt es so lange Phrase, solange es nicht wirklich wissenschaftlich und historisch abgeleitet wird. Wir können an dieser Stelle nur auf die Historiker verweisen und eine Lektüreempfehlung für Johannes Burkhardt und Bernd Roeck aussprechen.[4]

Den ziemlich martialischen Anfang des Augsburger Friedensfestes beschreibt Bernd Roeck so: „Am 8. August 1650, dem Jahrestag der Vertreibung der Prediger, wurde der Errettung aus höchster Bedrängnis »ein sehr herrliches Danck, Frid- und Frewdenfest« gefeiert. Mit martialischen Klängen – Trompetenschall, Heerpauken und Salutschüssen – feierten die Augsburger Protestanten ihren Sieg.“[5] Und der Beitrag von Johannes Burkhardt „Die kriegstreibende Rolle historischer Jubiläen im Dreißigjährigen Krieg und im Ersten Weltkrieg“ in dem Band „Krieg und Frieden in der historischen Gedächtniskultur“ sollte uns vielleicht auch zu denken geben.[6]

Die kriegstreibende Rolle historischer Jubiläen“

Dem historischen Beginn des Augsburger Friedensfestes im Jahr 1650 gingen damals bereits zwei wichtige Jubiläen voraus. Darauf macht Johannes Burkhardt, Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Augsburg bis 2008, aufmerksam. Burkhardt nimmt zwar Abstand davon, den Dreißigjährigen Krieg primär als Religionskrieg zu sehen, bemerkt aber unter den „zahllosen Ursachen“ des Krieges:[7]

… daß der Konflikt genau 100 Jahre nach der Reformation ausbrach. Denn im Oktober 1517 jährte sich der Thesenanschlag Luthers zum 100. Mal, und nach etwas Anlaufzeit griff man im Frühjahr l618 zu den Waffen. Das ist nicht Zahlenmystik und gar die Wirkung des Hundertjährigen Kalenders. Aber dieser Termin gab der evangelischen Religionspartei Gelegenheit, erstmals im großen Stil den Beginn der Reformation zu feiern: mit Glockengeläut und Geschützdonner, Jubelpredigten und Universitätsfeiern, Prozessionen und Belehrung. Es war das erste Säkularjubiläum, wurde über mehrere Tage begangen und entsprechend vor- und nachbereitet und von einer Flut von Jubiläumsschriften begleitet. Schon die zeitgenössische Chronistik hat hier einen Zusammenhang zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges erkannt. So sah der Ulmer Schuster Hans Heberle in dem Jubiläum den „Anfang des Krieges“.[8]

Diese Wirkung ist natürlich aus der Situation zu verstehen, einem Höhepunkt der katholischen Konfessionsbildung und Gegenreformation, auf dem sich aber die evangelischen Reichsstände auch nach Kräften zu wehren wußten. Nichts aber konnte geeigneter sein, die konfessionellen Feindbilder aufzufrischen als ein Jubiläum, das Gelegenheit gab, die Reformation noch einmal durchzuspielen. Dazu kam, daß ein evangelisches „Jubiläum“ schon an sich als eine Provokation empfunden werden konnte. Denn ein „Jubiläum“ verkündete ursprünglich der Papst als Jubeljahr Christi und stattete es mit einem Ablaß aus. Ein lutherisches Jubiläum konnte es danach eigentlich gar nicht geben, schon gar nicht die Feier eines Termins, an dem der Ablaß kritisiert und schließlich abgeschafft worden war. Gegen dieses „Pseudojubiläum“ schrieb dann auch Rom 1617 selbst ein Jubiläum „zur Ausrottung der Ketzereien“ aus, das gleichzeitig begangen wurde.

Johannes Burkhardt ermittelt ein weiteres „kriegstreibendes“ Jubiläum:[9]

Es ist fast unglaublich, aber wahr, daß auch die zweite Hälfte des Dreißigjährigen Krieges wieder von einem Jubiläum angestoßen und angeheizt worden ist. Mit dem Frieden zu Lübeck 1629 hätte der Krieg eigentlich gut zu Ende sein können; die Kampfhandlungen kamen 1630 tatsächlich zum Erliegen. In dieser Situation landete Gustav Adolf, der schon mehrfach bereitgestanden hatte, und fand nun die Umstände und das Jubiläum vor, das seine Stilisierung zum evangelischen Glaubenshelden und seinen deutschen Siegeszug ermöglichte: das Jubiläum der Confessio Augustana, der auf dem Reichstag zu Augsburg dem Kaiser übergebenen gültigen Bekenntnisgrundlage der evangelischen Konfession, deren erste Säkularfeier anstand.

Strukturelle Intoleranz der Konfessionen und soziale Disziplinierung der Untertanen

Johannes Burkhardt ist auch Direktor des Fuggerarchivs in Dillingen. Es muss nicht verwundern, dass es ausgerechnet protestantische Jubiläen sind, die er als kriegstreibend ermittelt. Allerdings macht er es sich nicht so einfach und stellt die Ereignisse in einen größeren Zusammenhang, vor allem in seinem wichtigen Buch über den 30-jährigen Krieg.[10] Dort schreibt er im Kapitel „War der 30-jährige Krieg ein Religionskrieg?“ zum Zusammenhang von Konfession und Politik über zwei sehr wichtige Aspekte – von deren zusätzlicher Verkettung mit ökonomischen Triebkräften wollen wir hier nicht sprechen. Der eine Aspekt ist die Absicht der sozialen Disziplinierung der Untertanen durch die Konfession. Hierzu schreibt Burkhardt:

Die werdenden Staaten wählten aus dem Angebot der Konfessionen eine zur Identitätsverstärkung aus und betrieben über die Kirchenverfassung unter dem Begriff der „Ordnung“ die soziale Disziplinierung der Untertanen.[11] Ja, man hat wegen dieses Vorteils der Homogenisierung und Kontrolle der Untertanen geradezu von einem „Zwang zur Konfessionalisierung“ für den Staat gesprochen.[12]

Der andere Aspekt, auf den Burkhardt hinweist, ist die strukturelle Intoleranz der Konfessionen, bzw. konfessionellerer Staaten:

Die so wirkungsmächtige wie vielgestaltige Verbindung von Religion und Politik enthielt jedoch ein schwer lösbares Problem. Wenn die noch unfertigen werdenden Staaten zu ihrer Legitimation und Organisation auf die Konfession angewiesen blieben, so handelten sie sich damit auch das Problem der strukturellen Intoleranz in der Frühen Neuzeit ein. Was sie nach innen festigte, machte sie nach außen aggressiv, und eben dies war der Entstehungsgrund des Religionskriegs. So wie einige große Staaten den Alleinvertretungsanspruch einer Universalmacht reklamierten, so beanspruchten alle drei Konfessionen das Alleinerbe der einen christlichen Kirche. Mehrere Konfessionen erschienen so inakzeptabel wie mehrere Monarchien; jede genügte sich selbst vollkommen. Ja mehr noch: die Möglichkeit einer Verbindung von Religion und Politik gründete eigentlich in der Einheit dieses doppelten Erbes der religiösen wie politischen Vorstellung der einen Christenheit. Die politischen Universalmächte hatten so in der Religion ihren eigentlichen kontradiktorisch konkurrierenden Legitimationsanspruch. Aber auch die etatistisch moderneren, politisch bescheideneren Konfessionsstaaten schleppten mit ihrer Konfession eben doch den religiösen Universalanspruch als Altlast mit sich, die zumindest in den außenpolitischen Feindbildern und gemeinsamen Frontbildungen wirksam blieb.[13]

Strukurelle Intoleranz auch bei der Stadtdekanin

Zeugnis für diese strukturelle Intoleranz legt auch die Stadtdekanin Susanne Kasch in ihrem Buch St. Anna. Eine Kirche, viele Geschichtenab, obwohl sie darin in höchsten Tönen die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre zwischen der katholischen und evangelischen Seite rühmt.[14] Die Stadtdekanin hält die Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung am 31. Oktober 1999 in St. Anna für eine Sternstunde der Ökumene.

Die gemeinsame Erklärung wurde unterzeichnet von Kardinal Cassidy, damals Präsident des päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen und Landesbischof Christian Krause, damals Präsident des Lutherischen Weltbundes. Die gemeinsame Erklärung von 1999 hält fest, dass die Lehre von der Rechtfertigung, einem Kernstück lutherischer Theologie, nicht kirchentrennend sei: „Gemeinsam bekennen wir: allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht aufgrund unseres Verdienstes, werden wir von Gott angenommen und empfangen den Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert und uns befähigt und aufruft zu guten Werken.“

Man muss sich das vorstellen: es musste ein halbes Jahrtausend vergehen, bis die katholische und evangelische Seite bereit waren, eine solche Kompromissformel zu unterzeichnen. Und dies nach langer Vorbereitung und großem Widerstand in beiden Kirchen, wie Susanne Kasch bemerkt. Und der Widerstand geht weiter. Selbst beim evangelischen Gottesdienst in Sankt Jakob am Unterzeichnungstag warnte Prof. Jörg Bauer, einer der entschiedensten Gegner der gemeinsamen Erklärung, in seiner Predigt vor der Gefahr von „Fusionen“.

Der Theologenstreit ging in der Folgezeit weiter und Kritiker stellten fest, dass die Erklärung für praktische Fortschritte in der Ökumene wertlos sei. Otto Hermann Pesch, ein katholischer Theologe, Lutherforscher und engagiert für die Ökumene, stellte zwar enthusiastisch fest: „So wurde Augsburg zum vierten Mal die wichtigste Stadt der deutschen Reformationsgeschichte“. Pesch musste aber bezüglich der Vorgeschichte der gemeinsamen Erklärung die Frage stellen „Noch einmal die Kämpfe von gestern?“ und sah sich genötigt, ausführlich auf die Schwachstellen der gemeinsamen Erklärung einzugehen, die fortbestehen.[15]

Bezeichnend ist, dass die Stadtdekanin Susanne Kasch in ihrem Buch St. Anna. Eine Kirche, viele Geschichten zwar auf die Gemeinsame Erklärung eingeht, aber nicht auf die Gründe für das Arrangement zwischen katholischer und evangelischer Kirche, das seit der Reformationszeit immer wieder versucht wurde. Bezeichnend auch, dass die Stadtdekanin kein Wort des Bedauerns aufbringt über die Ausgrenzung und Verfolgung der Wiedertäufer, woran die Protestanten aktiven Anteil hatten.

Eine Entschuldigung der evangelischen und katholischen Kirche Augsburgs gegenüber den Wiedertäufern wäre fällig

Fünf Jahre nach Erscheinen des Buches von Susanne Kasch raffte sich der Lutherische Weltbund immerhin zu einem Schuldbekenntnis gegenüber den Täufern auf und bat mennonitische Christen um Vergebung für die brutale Verfolgung im 16. und 17. Jahrhundert. Dennoch werden lutherische Pastoren bis heute auf das von Philipp Melanchthon verfasste Augsburger Bekenntnis (Confessio Augustana) ordiniert, in dem die Täufer unter anderem für ihre Gewaltfreiheit verdammt werden (Artikel 16 nennt ausdrücklich die Verwerfung und Verdammung der pazifistischen Täufer).[16]

Genau diese Confessio Augustana von 1530 zählt Susanne Kasch „zu den Bekenntnisschriften von über 66 Mill. Lutheranern weltweit. Von seinem Selbstverständnis her ist es [das Augsburger Bekenntnis] offen formuliert und auf Verständigung mit anderen Konfessionen angelegt.“ So klingt es, wenn man der Kirchenleitung die Geschichtsschreibung überlässt. Eigentlich reicht hier Wikipedia, um uns vom Gegenteil zu überzeugen:

Artikel 5: Vom Predigtamt „Verdammt werden die Wiedertäufer, die davon ausgehen, dass in ihnen selbst der Heilige Geist spricht ohne die oben genannte Vermittlung [durch die Bibel und die Sakramente].

Artikel 9: Von der Taufe Die Taufe ist notwendig zum Heil, da auch durch die Taufe die Gnade Gottes dargeboten wird. Folglich müssen auch bereits die Kinder getauft werden, weil sie in die Gnade Gottes durch die Taufe aufgenommen werden. Die Täufer, die die Kindertaufe ablehnen, werden hier verworfen.

Artikel 16: Von der Polizei (Staatsordnung) und dem weltlichen Regiment … Ebenso ist der Staat berechtigt, sogenannte gerechte Kriege zu führen und Kriminelle der Gerichtsbarkeit zu überführen. … Verdammt werden die Täufer, welche die genannten Sachverhalte nach Ansicht der Verfasser der Confessio Augustana nicht anerkannten und ablehnten.[17]

Mit der Machtübertragung auf die Obrigkeit legte Melanchthon die Grundlage für das landesherrliche Kirchenregiment des deutschen Protestantismus

Philipp Melanchthon (1497-1560), Verfasser der Confessio Augustana, Werkstatt Lucas Cranach der Ältere 1532, Gemäldegalerie Dresden Fotografiert im Museum Lutherstiege St. Anna, Augsburg

In seinem Buch Leben und Wirken des Philipp Melanchthon: Dr. Martin Luthers theologischer Weggefährte erwähnt Horst Jesse eine eigene Schrift Melanchthons über Thomas Müntzer, die fünf Jahre vor der Confessio Augustana erschien.[18] Darin konzentriert er seine Kritik an Müntzer auf zwei Irrtümer. Der geistliche Irrtum: dass man Zeichen fordern solle von Gott und sich nicht allein mit der Schrift trösten solle. Dies würde die Rolle der Pfarrer bei der Predigt und der Auslegung der Schrift relativieren und damit die Rolle der Kirche. Der weltliche Irrtum: dass man dem weltlichen Regiment nicht gehorsam sein solle. Diese Position Melanchthons führt dazu, von den Untertanen zu fordern, die Maßnahmen der Fürsten, das Regierungshandeln hinzunehmen und sogar dann zu ertragen, wenn die Fürsten Fehler machen. In einer zugespitzten Situation, wie dem Bauernaufstand, führt eine solche Position zwangsläufig dazu, sich auf die Seite der Fürsten, der Macht zu schlagen, den Terror des weltlichen Regiments zu billigen und sich – bei entsprechender Position, wie sie Melanchthon innehatte – sogar am blutigen Terror aktiv zu beteiligen. Horst Jesse schreibt:

Die Vorgänge während des Bauernkrieges hält Philipp Melanchthon fest in seiner »Histori Thome Muntzers, des anfengers der Döringischen vffrur [Thüringer Aufruhr]«, die 1525 jedoch anonym erscheint. Er kritisiert Thomas Müntzers aufrührerisches Verhalten, so dass ihm Müntzers Geschichte als ein Beispiel erscheint »auff das wir von solcher histori ein exempel nemen/ und wachen und Gott bitten/ das er uns behuet/ das wir nicht ynn yrthumb fallen«. Als geschichtliche Irrtümcr werden aufgezählt: »Also hat Thomas ynn summa zwen yrthumb gelert/ Den ein von geistlichen sachen/ das man Zeichen fordern solte von Gott/ sich nicht trösten der schrifft/ auch das trewm ein gewis Zeichen wer/ das man den heiligen Geist empfangen hat/ Der ander yrthumb ist gewesen/ und weltlichem regiment/ das man dem selben nicht gehorsam sein solte/ so doch die schrifft solchen gehorsam seer ernstlich gebeut«. Melanchthon hat die Geschichte Müntzers von Luthers Schriftprinzips und von dem Standpunkt der Fürsten geschrieben. Nach seiner Meinung lehrt Müntzer nicht Gehorsam, sondern Raub und Mord. Er wie auch Luther fühlen sich von den Bauernkriegen tief getroffen und verunsichert. Seinem Freund Camerarius teilt Melanchthon mit: »Wir schweben hier in großer Gefahr, denn falls es Müntzer glückt, so ist es, wenn Christus uns mehl rettet, um uns geschehen. Müntzer trägt eine mehr als skytische Grausamkeit zur Schau, und es lässt sich nicht sagen, wie furchtbar er alle bedroht, die den Aufstand nicht billigen.« Die Fehler der Fürsten erkennt Melanchthon. Doch die Untertanen haben sie in Geduld zu ertragen. Nach dem Sieg der Fürsten billigt Melanchthon ihr Vorgehen gegen die aufständischen Bauern.[19]

Im Kapitel Melanchthon und die Politik kommt Jesse zu der Schlussfolgerung, dass Melanchthon mit seiner Machtübertragung auf die Obrigkeit „die Grundlagen für das landesherrliche Kirchenregiment in dem deutschen Protestantismus“ gelegt habe:

In seiner politischen Anschauungen hilft er sich durch die Aussagen des Apostel Paulus zu Römer 13, dass die Obrigkeit von Gott gewollt sei und ihr jedermann zu Gehorsam verpflichtet sei. Aufstände, wie die der Bauern und der Wiedertäufer lehnt er ab. Ja, er ruft um der Ordnung willen die Obrigkeit auf, diese zu strafen. … Die Obrigkeit sei aufgrund ihrer besonderen Stellung der »Nährvater der Kirche«, so dass sie für die Geltung der »rechter Lehre« [so im Original; Red.] und des Gottesdienstes zu sorgen habe. Mit dieser Machtübertragung auf die Obrigkeit legt Melanchthon die Grundlagen für das landesherrliche Kirchenregiment in dem deutschen Protestantismus.[20]

Wie weit das Zusammenwirken der Protestanten mit der Obrigkeit gehen konnte, demonstrierte Philipp Melanchthon noch selbst. Wikipedia schreibt:[21]

Als sich 1530 der Gothaer Reformator Friedrich Myconius mit seinen Bedenken hinsichtlich der Verfolgung der Täufer brieflich an Melanchthon wandte, rechtfertigte dieser die laufenden Verfolgungen. Im gleichen Jahr verfasste Melanchthon auch die Confessio Augustana, in der die Täufer als Ketzer verdammt wurden. Ein Jahr später formulierte Melanchthon auf Anforderung des sächsischen Kurfürsten ein ausführliches Gutachten über die Anwendung der Todesstrafe gegen die Täufer. Im Winter 1535/36 war er in Jena auch selbst in einem Prozess gegen eine Gruppe Täufer engagiert, unter denen sich auch der Thüringer Täuferführer Hans Peißker befand. Peißker und zwei weitere wurden schließlich gefoltert und am 26. Januar 1536 enthauptet.

„… und sollen nochmals gefragt werden, ob sie dabei bleiben oder widerrufen wollen. Die, die antworten, sie wollten dabei bleiben, sollen als Aufrührer und Gotteslästerer verurteilt und mit dem Schwert getötet werden. Wenn aber einer sich noch bekehren wolle, der solle wieder in den Kerker geführt werden zur längeren Unterweisung …
Dagegen aber sprechen etliche, man solle niemand töten wegen des Glaubens. Darauf diese wahrhaftige, gewisse Antwort: Erstens ist ganz offensichtlich, dass die Obrigkeit es schuldig ist, Aufruhr zu strafen. Zweitens wer der Obrigkeit Widerstand leistet, wird gestraft. Nun ist die Lehre der Wiedertäufer von weltlicher Obrigkeit, Gericht, Gütergemeinschaft und Eid gewiss aufrührerisch und zerstörerisch für die Obrigkeit und ein ordentliches Regiment. Wer wegen solcher frevlerischer Reden und Verführung gestraft wird, der wird nicht von Glaubens wegen gestraft, sondern wegen aufrührerischer Lügen. Weise christliche Protestanten sollten diese Lügen nicht unterschätzen. Denn durch solche Lügen wird nicht allein die Obrigkeit unsinnig geschmäht und die Zucht der Güte zerstört, sondern auch Gott gelästert, der Obrigkeit, Gericht, Eigentum und Eid geordnet hat.“
Philipp Melanchthon. „Procesz, wie es soll gehalten werden mit den Widert[ae]üffern.“ Wormbs 1557, S. 16f., DFG-Viewer

Neben der Ablehnung der Obrigkeit durch die Täufer brachte Melanchthon vor allem auch deren Position zum Eigentum auf. Die Ablehnung von Privateigentum und Forderungen nach Gemeinschaftseigentum bedrohte die Grundfesten sowohl der kirchlichen als auch der der frühbürgerlichen Ordnung.[22]

Man kann wohl davon ausgehen, dass die protestantische Kirche nicht bereit ist, von der Confessio Augustana abzugehen oder irgendwelche Abstriche daran zu machen. Ebenso wird die Kirche an dem Verfasser Philipp Melanchthon eisern festhalten. Der Leser möge sich selbst Gedanken machen, was die protestantische Kirche damit im Grunde verteidigt und vertritt.

An der Confessio Augustana gibt es eigentlich nichts zu feiern, sie ist auch ein Dokument der Intoleranz, der Repression und des Krieges

Hans Guderian, damals noch Pastor in Augsburg, jetzt Präsident der Europäischen Baptistischen Föderation (EBF), stellt in seinem Buch Die Täufer in Augsburg[23] ein entschiedenes und kämpferisches Auftreten lutherischer Theologen gegen die Täufer fest. Er gesteht ihnen dafür auch theologische Gründe zu, aber:

Ausschlaggebend aber für diese erbitterte Gegnerschaft dürften politische Gründe gewesen sein. Denn im Kampf gegen die Täufer, den gemeinsamen Feind für Lutheraner und Katholiken, wollte man versuchen, zumindest auf diesem einen Gebiet ein Stück Gemeinsamkeit zwischen den getrennten Kirchen wieder zu erreichen. Die „Confessio Augustana“ und insbesondere die in ihr so zahlreich ausgesprochenen Verwerfungen der Täufer waren „ein Bündnisangebot der konservativen lutherischen Fürstenreformation an die Altgläubigen gegen die radikale Reformation“.

Verdammung, Unterdrückung und Verfolgung der Täufer waren der Preis, den man auf Seiten der lutherischen Pfarrer bereit war zu zahlen, um damit die eigene reichsrechtliche Anerkennung und ein Stück der verlorengegangenen Einheit der Kirche zu erlangen.[24]

Obwohl laut evangelischer Stadtdekanin Susanne Kasch „offen formuliert und auf Verständigung mit anderen Konfessionen angelegt“ – war die jüdische Religion kein Thema der Confessio Augustana. Trotz eines umfassenden Schutzbriefs, den Kaiser Karl V 1544 auf dem Reichstag zu Speyer den Juden gewährte, ließen die meisten alten Reichsstädte weiterhin keine Juden zu. Dazu zählten auch Augsburg, Nördlingen, Konstanz und Ulm.[25]

Im Jahre 2008 machte Otto Hermann Pesch einen öffentlichkeitswirksamen Vorschlag, anlässlich des 500-Jahr-Gedenkens des Reformationsjahres (2017) den Vater der evangelischen Kirche, Martin Luther, aus katholischer Sicht kirchenrechtlich vollständig zu „rehabilitieren“. Wir sind damit schon vorgewarnt, 2017 können wir in Augsburg was erleben, wenn nicht nur die Protestanten mit Martin Luther auf den Putz hauen sollten, sondern auch die katholische Seite sich entschließen sollte, im Lichte Luthers mitzuglänzen.[26] Man sollte die Geschichte (in) der Stadt nicht einfach den Kirchen und ihren Theologen überlassen, auch nicht die Religions- und Kirchengeschichte.

Peter Feininger, 9.9.2015

wird fortgesetzt

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1] Augsburger Friedensfest 2015, Teil 1: Beachtliche, progressive Tendenzen im Programm des Friedensfestes in den vergangenen Jahren, 6.8.2015 http://www.forumaugsburg.de/s_2kommunal/Friedensstadt/150806_friedensfest-1/index.html

2] „Rahmenprogramm Augsburger hohes Friedensfest.“ Stadt Augsburg. Zugegriffen 26. Juli 2015. http://www.augsburg.de/kultur/festivals/hohes-friedensfest/.

3] Roeck, Bernd: Geschichte Augsburgs. 1. Aufl. C.H.Beck, München 2005, S. 141

4] Burkhardt, Johannes; Haberer, Stephanie: Das Friedensfest. Augsburg und die Entwicklung einer neuzeitlichen Toleranz-, Friedens- und Festkultur (Colloquia Augustana, Bd. 13), Berlin 2000

Roeck, Bernd. Eine Stadt in Krieg und Frieden. Studien zur Geschichte der Reichsstadt Augsburg zwischen Kalenderstreit und Parität, Schriftenreihe der historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 37. Göttingen: Vandenhoeck + Ruprecht, 1986

5] Roeck, Bernd: Geschichte Augsburgs, a. a. O., S. 140

6 Burkhardt, Johannes: Die kriegstreibende Rolle historischer Jubiläen im Dreißigjährigen Krieg und im Ersten Weltkrieg, in: Krieg und Frieden in der historischen Gedächtniskultur, hg. v. Johannes Burkhardt (Schriften der Philosophischen Fakultäten der Universität Augsburg, Bd. 62), Vögel, München 2000, S. 91-102

7] Ebd.

8] s. Zillhardt, Gerd. Der Dreißigjährige Krieg in zeitgenössischer Darstellung. Hans Heberles „Zeytregister“ (1618 - 1672), Aufzeichnungen aus dem Ulmer Territorium ; ein Beitrag zu Geschichtsschreibung und Geschichtsverständnis der Unterschichten. Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm ; 13. Ulm: Kohlhammer, 1975. [Fassung der Fußnote durch die Redaktion]

9] Burkhardt, Johannes: Die kriegstreibende Rolle, a. a. O.

10] Johannes Burkhardt, Der Dreißigjährige Krieg, Neue Historische Bibliothek, Edition Suhrkamp, 1992

11] vergleiche Münch, Zucht und Ordnung sowie derselbe, Ordnung, Fleiß und Sparsamkeit, München 1984. P. Münch, Zucht und Ordnung. Reformierte Kirchenverfassungen im 16. und 17. Jahrhundert, Stuttgart 1978, Auswahlbiografie S. 301 [Anpassung der Fußnote durch die Redaktion]

12] Johannes Burkhardt, Der Dreißigjährige Krieg, a. a. O., S. 140

13] Johannes Burkhardt, Der Dreißigjährige Krieg, a. a. O., S. 143

14] Friedrichs, Michael, und Susanne Kasch. St. Anna: Eine Kirche, viele Geschichten. 1., Aufl. Augsburg: Wißner-Verlag, 2005, S. 75

15] „Die ‚Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre‘ vom 31.10.1999 – Probleme und Aufgaben, Vortrag gehalten am ökumenischen Forum Heidelberg 21.7.2007, unveröffentlichter Text, der an verschiedene Veröffentlichung des Verfassers von 2000/2001 und 2006 anknüpft, Otto Hermann Pesch, München/Hamburg“, 2007. http://www.uni-heidelberg.de/md/fakultaeten/theologie/oek/forum/13.2.pdf.

16] Nach „Täufer.“ Wikipedia, 23. Juli 2015. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=T%C3%A4ufer.

17] Inhaltliche Zusammenfassung der Artikel der Confessio Augustana bei Wikipedia, ebd.

18] Jesse, Horst. Leben und Wirken des Philipp Melanchthon: Dr. Martin Luthers theologischer Weggefährte. Literareon, 2005. https://books.google.de/books?id=mEhiT-Z_pGUC

19] Ebd. S. 159

20] Ebd. S. 163

21 „Philipp Melanchthon.“ Wikipedia, 15. Juli 2015. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Philipp_Melanchthon.

22] s. z. B. Process, wie es soll gehalten werden mit den Widertäuffern Worms 1557 (Digitalisat), Siehe dazu auch der Auszug aus dieser Schrift im Faksimile im vorangehenden Text.

23] Hans Guderian. Die Täufer in Augsburg: Ihre Geschichte und ihr Erbe. Ein Beitrag zur 2000-Jahr-Feier der Stadt Augsburg. Pfaffenhofen: Ludwig Verlag, 1994.

24] Hans Guderian. Die Täufer in Augsburg, a. a. O., S. 93

25] Battenberg, J. Friedrich. Die Juden in Deutschland vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Oldenbourg Verlag, 2001, S. 6 und 33

26] „Otto Hermann Pesch.“ Wikipedia, 7. Juni 2015. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Otto_Hermann_Pesch.


   
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