Augsburger Friedensfest 2015, Teil 1

Beachtliche, progressive Tendenzen im Programm des Friedensfestes in den vergangenen Jahren

Die Tradition des großen Rahmenprogramms zum Augsburger Friedensfest

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Vorbemerkung

Was die Ausrichtung der Friedensfeste in Augsburg angeht, hat in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Entwicklung stattgefunden. Es gab direkt progressive Tendenzen, was ganz ungewöhnlich für diese Stadt ist. Die Motten – eigentlich heißt der Plural laut Duden Mottos – der Rahmenprogramme waren in den letzten Jahren recht peppig, kritisch und hintergründig. Noch erstaunlicher war, dass diese Entwicklung nicht etwa in der Amtszeit von Paul Wengert und Rot-Grün stattfand, sondern in der Amtszeit von Kurt Gribl und seinem damaligen Kulturreferenten Peter Grab. Davon soll der erste Teil der Artikelserie handeln.

Inzwischen scheint bei der Ausrichtung des Friedensfestes ein regelrechtes Rollback stattzufinden, hinter dem der Klerus und die Panzerfraktion stehen dürften, wie auch die CSU. Es kann ja nicht ausbleiben kann, wenn man einem CSU-Oberbürgermeister eine zweite Amtszeit gestattet und ein relativ lockerer Kulturreferent auswechselt wird durch einen relativ hart gesottenen Amtsleiter.

So sprach heuer im Rahmen des Friedensfestprogramms Prof. Bock, dessen Karriere an der Bundeswehruniversität München begann, über die Ukraine. Er hielt das Vorrücken der NATO an die Grenzen Russlands ebenso für völkerrechtskonform wie den Kosovokrieg, sprich den Angriff der NATO gegen die Bundesrepublik Jugoslawien. Parallel zu dieser NATO-Propaganda baute eine Künstlergruppe aus Kiew eine 5 m hohe Plastik im Foyer der Stadtbücherei auf. Auf russophoben Darstellungen auf mannshohen Spielkarten werden die Aufständischen im Donbass herabgewürdigt. Ein Joker mit Putin ganz unten im Kartenhaus wurde weggeschlagen und das ganze Donbass-Projekt fiel symbolisch in sich zusammen. Die SPD macht im Rahmen des Friedensfestes eine Parteiveranstaltung zur Unterstützung ihrer Außenpolitik mit Rolf Mützenich, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion im Bundestag und für die Bereiche Außenpolitik, Verteidigung und Menschenrechte zuständig. Deutschland habe sich „im Ukraine-Russland-Konflikt intensiv für Vermittlung und Deeskalation engagiert“, wird da wahrheitswidrig im Flyer behauptet. Mützenich stellt hingegen klar, Willy Brandt sei nicht in [geschweige denn vor] Moskau auf die Knie gefallen, sondern in Warschau. …

In Wirklichkeit soll also die aggressive deutsche Außenpolitik beschönigt und gerechtfertigt werden – alles im Rahmen des Friedensprogramms. Sogar der Einsatzleiter von Frontex bekommt in der Brecht-Bühne auf, mit der Absicht, die Einsätze im Mittelmeer zu rechtfertigen. Diese Veranstaltung wurde allerdings von Gegnern des Sterbens im Mittelmeer gesprengt. Mit diesen Vorgängen wollen wir uns in Teil 2 dieser Artikelserie befassen. Auch das Motto des diesjährigen Rahmenprogramms des Friedensfestes klingt verdächtig nach einer Neuauflage des kalten Krieges und muss erörtert werden: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“.

Stadtrat Andreas Jäckel (CSU), Vorsitzender des Kulturausschusses (vordere Reihe, dritter von links), rechts neben ihm die beiden Friedensradler_innen Wolfgang Schlupp-Hauck, Vorsitzender der Friedenswerkstatt Mutlangen e.V. und 2020 Vision-Campaigner von „Mayors for Peace“, und Brigitte Schlupp-Wick, im Kreise Augsburger Friedensaktivist_innen. Zweiter von links: Timo Köster, Projektleiter Frieden und Interkultur der Stadt Augsburg. Das Foto entstand anlässlich eines Besuchs der Friedensradler_innen aus Schwäbisch Gmünd in Augsburg und ihres Empfangs im Rathaus am 29.7.2011

2011 noch ohne Motto und Rahmenprogramm

Ein großes Rahmenprogramm gab es im Jahr 2011 noch nicht. Eine Woche vor dem Augsburger Friedensfest im Jahr 2011 empfing die Stadt zwei Friedensradler, die sich aus Schwäbisch Gmünd auf den Weg nach Augsburg gemacht haben, um den Mayor for Peace zu besuchen und die Forderung nach Abschaffung aller Atomwaffen zu bekräftigen. Der Mayor for Peace war damals Oberbürgermeister Gribl, der diese Funktion von seinem Vorgänger Wengert übernommen hatte. Mayors for Peace ist ein weltweites Städtebündnis, dass sich die Abschaffung aller Atomwaffen bis zum Jahr 2020 zum Ziel gesetzt hat. Immerhin hatte sich Oberbürgermeister Gribl als „Mayor for Peace“ angesprochen gefühlt und für einen kleinen Empfang am 29. Juli im Rathaus gesorgt, bei dem er sich durch Stadtrat Jäckel, Vorsitzender des Kulturausschusses, vertreten ließ. Erreicht wurde mit dem Empfang der Friedensradler, dass sich die Stadt an ihre Mitgliedschaft bei Mayors for Peace wieder erinnerte und dass die Rüstungsproduktion im Raum Augsburg wenigstens kurz angesprochen wurde. Das reichte aber auch schon für die städtische Pressestelle, das Medien- und Kommunikationsamt wie auch für die Augsburger Allgemeine, von jeder Berichterstattung darüber konsequent Abstand zu nehmen.[1] Arrangiert hatte den Auftritt der beiden Friedensradler Timo Köster, Projektleiter „Frieden und Interkultur“ der Stadt Augsburg. Die Stadtverwaltung hatte aber kein Interesse, dass dieser Auftritt in irgendeiner Weise bekannt wird.

Obwohl Oberbürgermeister Kurt Gribl die Mitgliedschaft im Städtebündnis Mayors for Peace unseres Wissens nie aufgekündigt hat, findet sich auf der Homepage der Stadt Augsburg nichts zu dieser Mitgliedschaft. Die Sache ist von höchster Brisanz, denn mit dem Tornado wurde und wird in Augsburg das Trägerflugzeug für die in Büchel eingelagerten Atomwaffen produziert und gewartet. Eine Konsequenz der Mitgliedschaft der Stadt Augsburg im Städtebündnis Mayors for Peace wäre zwangsläufig, dass die Stadt für ein Ende der Ausrüstung des Tornados zum Nuklearträger eintritt und sich selbstverständlich auch gegen eine Umrüstung des Eurofighter zu diesem Zweck stellt.[2]

Auf taube Ohren stieß unsere Kritik am Friedensmarathon vor dem Augsburger Friedensfest im Jahr 2011. Zu den ausgewählten Friedensstiftern, die während des Laufs gewürdigt werden sollten, zählten u.a. Sumaya Farhat-Naser, Helmut Hartmann, Max Josef Metzger, Mietek Pemper, Anna Pröll, „Tür an Tür – miteinander wohnen und leben e. V.“, die Stadtteilmütter, Bündnis für Menschenwürde, Augsburger Friedensinitiative, Brücke Augsburg e. V., Solwodi, das Schülerprojekt „Streitschlichter“ oder auch „Lions Quest“.

Bedauerlicherweise findet sich unter den ausgewählten Friedensstiftern des Friedensmarathons auch der berüchtigte Militärbischof Hermann Kunst, der 1985 als erster den Augsburger Friedenspreis erhielt. Die Redaktion der MIZ, Materialien und Informationen zur Zeit, merkte dazu an: „Die letzte größere Entlarvung gelang 1985 dem Bund für Geistesfreiheit Augsburg in Verbindung mit der MIZ, als der Militärgeistliche, Feldprediger und spätere Militärbischof Hermann Kunst (der sich in der Nachkriegszeit gleichfalls als Nazi-Gegner hinzustellen versuchte) mit Vereidigungs-Predigten während der Nazizeit konfrontiert wurde, die ihn als theologischen Einpeitscher der Hitlerarmee auswiesen (vgl. MIZ 3/85, S.2ff.).“[3]

Auch die Augsburger Friedensinitiative beteiligte sich mit einem Stand am Friedensmarathon.

2012 „Alle reden vom Frieden – wir nicht!“

Im Jahr 2012 lief Timo Köster vom Büro für Frieden und Interkultur der Stadt Augsburg dann zur Höchstform auf. Das Motto des städtischen Rahmenprogramms lautete: Alle reden vom Frieden – wir nicht! Das Motto entstammt einem prominenten Plakat von Klaus Staeck von 1981. Es zeigt ein Foto von fünf Rheinmetall-Managern von 1978 bei der Übergabe der ersten Feldhaubitze FH 70 an das Verteidigungsministerium.[4]

Die DAZ schrieb damals unverblümt:[5]

Mit ihren zahlreichen High-Tech-Maschinenbau-Firmen, die in den Auftragsbüchern der Rüstungsindustrie stehen und tausende von Augsburgern in Brot und Arbeit halten, gehört Augsburg zu den wichtigen Rüstungsstandorten Deutschlands. Genpo Döring hat es (im Rahmenprogramm der Friedenstafel) zwar nicht so gesagt, aber genau so gemeint: Augsburg ist ein Rüstungsstandort - und so lange das so ist, sind die „Reden zur Friedensstadt“ kaum das Papier wert, auf denen sie geschrieben sind. …

Was allerdings nichts daran ändert, dass das so genannte Rahmenprogramm zum Hohen Friedensfest für sich betrachtet hohe Qualität hatte. Die Kunst der Subversion gegen die Macht des Faktischen ist eine politische Kunst. Projektleiter Timo Köster will den Rüstungsstandort Augsburg offensichtlich mit den Mitteln der Subversion aus den Eingeweiden der Verwaltung heraus hinterfragen. Köster könnte somit möglicherweise der raffinierteste Trojaner-Künstler sein, der je in unserer Stadt in Amt und Würden gesetzt wurde. Kunst ist subversiv oder eben keine Kunst. Timo Köster hat in seinem 200seitigen und 30.000 Euro teuren „Programmheft“ sehr schön aufgelistet und großformatig beworben, was es lohnt aufzulisten und zu bewerben.

Es gab ein „Welten Gespräch: [Zu]Flucht Augsburg?“ und einen „Themenabend Zivilklausel“ mit der Initiative friedliche Universität Augsburg (IFUA). Im städtischen Programmheft wird diese Initiative zitiert: „Eine Zivilklausel ist eine Selbstverpflichtung einer Universität oder einer vergleichbaren wissenschaftlichen Einrichtung, nur für friedliche und zivile, also nicht-militärische Zwecke zu forschen und zu lehren. Dies bedeutet, dass die Universität keine Kooperationen oder Drittmittelprojekte mit der Rüstungsindustrie oder der Bundeswehr eingeht bzw. durchführt.“

Unter dem provozierenden Motto „Zu viel Panzer, zu wenig Hirn“ gab es eine Ausstellung „Kunst für den Frieden – Positionen aus 6 Jahrzehnten“. Unter dem Motto „Wenig Panzer, viel Hirn“ kamen Friedensaktivisten zu Wort, darunter auch Klaus Stampfer von der Augsburger Friedensinitiative und der Deutschen Friedensgesellschaft/vereinigte Kriegsgegner. „Frieden schaffen mit deutschen Waffen?“ lautete der Titel einer Podiumsdiskussion unter der Moderation von Prof. Christoph Weller, Lehrstuhl für Politikwissenschaft Friedens- und Konfliktforschung der Universität Augsburg. Hier kam auch der Sprecher der „Aktion Aufschrei. Stoppt den Waffenhandel!“ zu Wort. Die Tendenz gegen deutsche Rüstungsexporte dürfte auch durch die Festpredigt von Margot Käßmann gestärkt worden sein. Eine konkrete Kritik der Panzerproduktion bei der Firma Renk gab es im offiziellen Programm natürlich nicht. Das blieb nach wie vor Tabu.

Sogar das Forum solidarisches und friedliches Augsburg landete mit einer Selbstbeschreibung im Programmheft der Stadt, was uns von Timo Köster ermöglicht wurde, von der Verwaltung aber sicher nur mit Zähneknirschen hingenommen wurde und seitdem nicht mehr vorkam:

Das Forum solidarisches und friedliches Augsburg unterstützt nach Möglichkeit alle Anliegen, die der Tendenz entsprechen, die schon in seinem Namen zum Ausdruck kommen. Hierzu zählen insbesondere antirassistisches Engagement, Flüchtlingsrechte, kulturelle und politische Aktivitäten von MigrantInnen, die ihrer Gleichberechtigung und selbstständigen Interessenwahrnehmung dienen, Kultur von unten. Demokratische Stadtentwicklung, gewerkschaftliche Rechte, Antifaschismus und Antimilitarismus, gegen die Rüstungsproduktion am Ort – all das versucht das Forum vor allem über seine Webplattform zu unterstützen. Ein besonderes Augenmerk hat es darauf, dass die Friedensstadt Augsburg ihrem Namen auch gerecht wird. www.forumaugsburg.de

Die Fraktion der Säbelrassler organisierte rechtzeitig vor dem Friedensfest 2012 eine militärische „Feststunde“ im Goldenen Saal. Die Bundeswehr beging den Weltfriedenstag im Rathaus, im Beisein von Johannes Hintersberger, Kurt Gribl und Weihbischof Anton Losinger. Der stellvertretende Commodore des Jagdbombergeschwaders 32, Oberstabsfeldwebel Thomas Doderer, äußerte, Jugendliche sollten sich kein Beispiel an „Popstars oder Supertalenten“ nehmen, sondern ihre Vorbilder bei Personen suchen, die Verantwortung übernehmen. Verantwortung lerne man bei der Bundeswehr und ohne Verantwortung sei weder Gerechtigkeit noch Frieden möglich.[6] Die Augsburger Allgemeine schrieb: „Für Oberstleutnant Dohler […] gehören Militär und Frieden zusammen. »Wenn es ohne Waffengewalt geht, ist uns das natürlich lieber«, so Dohler. »Aber manchmal ist ein militärischer Einsatz – wie in Afghanistan – zur Friedenssicherung einfach notwendig.«“[7] Auch Oberbürgermeister Gribl wirkte an diesem Festakt mit. Unseres Wissens hat zuletzt Militärbischof Mixa zusammen mit Militärs im Jahr 2008 den Weltfriedenstag und das Rathaus für militärische Zwecke missbraucht. Er feierte damals im Beisein von Kurt Gribl mit 350 Soldaten![8]

Es konnte damals nicht ausbleiben, dass die Fraktion der Säbelrassler das Programm zum Friedensfest 2012 und die Organisatoren im Büro für Frieden und Interkultur auch direkt angriffen. Dabei wagten sie nicht, das Programm politisch inhaltlich anzugreifen, sondern verlegten sich darauf, es sei verschwenderisch, „hinausgeworfen Geld“ und nichts anderes als ein „Bewerbungsschreiben“ Kösters für einen anderen Job.[9] Timo Köster, der eben erst seinen unbefristeten Vertrag vom Kulturreferenten erhalten hatte, betonte, er denke nicht an eine Wegbewerbung.

Bedauerlicherweise fand der Friedensmarathon im Jahr 2012 erneut statt, obwohl zu den Sponsoren auch die Firma Deuter, jetzt Gersthofen, früher Augsburg, zählt. Diese Firma räumt auf ihrer Webseite „dunkle Jahre“ im Dritten Reich ein, wo sie für die Wehrmacht „Ausrüstungsgegenstände und Zelte“ fertigte und mit der Rüstungsproduktion die Fertigung „fast vollständig“ auslastete.[10] Wen wundert es bei einer Augsburger Rüstungsfirma, dass sie in der Kontinuität bleibt. Deuter fertigt immer noch für das Militär, allerdings verbirgt sie das auf ihrer eigenen Webseite. Aber auf der Military Outdoor Side findet man schon Deuterprodukte, so zum Beispiel ein Combat Pack, womit ein schwerer Gefechts-Rucksack gemeint ist.[11]

Die Augsburger Friedensläufer ließen sich also von einer Firma sponsern, die Kampfgepäck für die Auslandseinsätze der Bundeswehr herstellt unter dem schmissigen Label Military Outdoor. Für eine solche Firma kann man schon laufen, Outdoor bleibt Outdoor.

2013 „Niemand hat das Recht zu gehorchen“

Das Rahmenprogramm zum Friedensfest 2013 stand dann unter dem Motto „Niemand hat das Recht zu gehorchen“, was ein Zitat von Hannah Arendt von 1964 darstellt. Lesung und Gespräch mit Harald Welzer „Selbst denken – Eine Anleitung zum Widerstand“ dürfte wohl einer der politischen Höhepunkte gewesen sein.

Aber Prof. Dr. Philipp Gassert vom Lehrstuhl für die Geschichte des europäisch-transatlantischen Kulturraumes an der Universität Augsburg beugte dann schon vor und erläuterte, wo aller Widerstand zu landen habe – nämlich bei der Stabilisierung des Systems. Und so lautete denn der Abschnitt im Programmheft: „Warum Protest und Streit Gemeinsamkeit schaffen: für eine stabile parlamentarische Demokratie bedarf es einer außerparlamentarischen Protestkultur.“ Selbstverständlich gab es dazu viel Musik, Gebete, Predigten und auch ein Premium Friedensbier von Schwarzbräu.

Als ob er auf die professorale Haltung Gasserts direkt antworten würde, sagte Harald Wälzer im Interview mit dem Tagesspiegel ein Jahr später:[12]

Haben Sie deshalb Ihre wissenschaftliche Karriere beendet und vor zwei Jahren die Stiftung „Futurzwei“ gegründet?

Mich interessiert vor allem die reale Veränderung von Gesellschaft. Verglichen mit mehreren Jahrzehnten akademischer Tätigkeit zuvor, bei der man in dieser Hinsicht keinen Millimeter vorwärtskommt, ist die Gründung von „Futurzwei“ eine tolle Erfahrung. Wir arbeiten in der Stiftung ohne festgelegtes Betriebssystem. Universitäten und Forschungsinstitutionen sind als System dagegen extrem strukturkonservativ, nicht erneuerungsfähig, also auch nicht handlungsfähig.

Selbst denken, Widerstand leisten, die Bedingungen klären, wie man Widerstand leisten kann, sich überlegen, wie aus normalen Menschen im Krieg Massenmörder werden – das sind in einem Rüstungszentrum wie Augsburg mit entsprechender Tradition im Ersten und Zweiten Weltkrieg in gewisser Weise schon aufrüherische Töne:

Deshalb wollen Sie in Ihrem Buch „Selbstdenken. Eine Anleitung zum Widerstand“ auch niemanden anleiten oder belehren; Sie trauen also das Selbstdenken den Menschen zu.

Ja, Menschen können das. Es ist eine unglückselige Entwicklung, dass man meint, für viele Fragestellungen seien Experten nötig. Dabei wird völlig übersehen, dass Menschen im Alltag das meistens selbst viel besser wissen.

Allerdings haben Sie 2005 eine Untersuchung veröffentlicht, die darüber aufklärt, „wie aus normalen Menschen Massenmörder werden“. Darin zeigt sich, dass Widerstand im Faschismus keineswegs selbstverständlich, sondern eine Leistung war.

Aber er war keine Frage formaler Bildung. Der Widerstand, den Menschen geleistet haben, hatte immer mit einer Haltung zu tun. Wir finden Helfer im kleinkriminellen Milieu genauso wie im gehobenen Bürgertum oder bei polnischen Landarbeiterinnen, die nicht lesen und schreiben können, aber Menschen verstecken und dabei eine unglaubliche situative Intelligenz entwickeln. Dem versuche ich ja auch in „Selbstdenken“ auf die Spur zu kommen: Wie kann man überhaupt so etwas wie eine Haltung der Widerständigkeit entwickeln?

So dass man als Person für die Haltung „Mit mir nicht!“ steht?

Ganz genau, das ist eine Art pragmatische Ethik, die keiner Reflexion bedarf. Sie sagen einfach: „Das mach’ ich nicht.“ Zeitzeugen aus Dänemark würden sagen: „Bei uns macht man das nicht.“ Dänemark war das einzige Land, das alle seine Juden gerettet hat. Warum? Weil man das als Däne macht. Diese völlig selbstverständliche ethische Haltung ist sehr interessant.[13]

Jede Menge Leute bei der Tafel des Friedensfestes 2013 im Annahof, auch viel Prominenz. Rechts vorne der damalige Kultur- und Sportreferent Peter Grab. Aber auch Justizministerin Beate Merk war da (Bild Mitte im roten Kleid). Links neben ihr mit weißen Haaren und weißem Hemd – und weißer Weste, wollen wir noch bemerken – Helmut Hartmann. Er ist einer der Augsburger Friedenspreisträger, der den Preis auch verdient hat. Wir erinnern nur an seinen Einsatz im Jahr 2003 für das türkisch-islamische Kulturzentrum im Hochfeld gegen die rechten Umtriebe im Viertel, aber auch gegen den Widerstand von Bauausschuss, CSU und SPD. „Eine Moschee kann man den rund 20.000 Muslimen in Augsburg nicht verbieten“, sagte Hartmann damals, scheiterte aber mit dieser vernünftigen Position an einer dumpfen, rückständigen Grundströmung in Politik und Verwaltung. Helmut Hartmann machte sich auch um die Gründung des Forums interkulturelles Leben und Lernen FILL verdient. Peter Grab, dessen schillernde Karriere hier unmöglich dargestellt werden kann, ist gerade dabei, mit dem rechten Rest der AfD im Rathaus ins Bündnis zu gehen. Die jetzige bayerische Europaministerin Beate Merk (CSU) soll Ende 2012 als Justizministerin in ein Strafverfahren eingegriffen haben. Merk soll sich einem Bericht der Augsburger Allgemeinen zufolge für die Freilassung von zwei Chefs des Möbelhauses Imhofer aus dem Landkreis Neu-Ulm eingesetzt haben. Wenige Tage später seien die beiden Beschuldigten aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Merk war von 1995 bis 2003 Oberbürgermeisterin in Neu-Ulm. (nach SZ 25.7.2015) Als Justizministerin holzte sie in den Strukturen der bayerischen Justiz, zulasten des Personals und des Publikums. Die Auflösung der Amtsgerichte in Schwabmünchen, Nördlingen, Donauwörth lässt grüßen. Ganz zu schweigen von ihrer Rolle im Fall Mollath. – Das Publikum bei der Tafel des Augsburger Friedensfestes im Jahr 2013 war also durchaus gemischt und hatte mit Frieden z. T. wenig zu tun.

Nachdem die Fraktion der Säbelrassler schon im Vorjahr Jahr massiv auf den Plan getreten waren gegen die Ausrichtung des Rahmenprogramms des Friedensfests, kamen nun die Kirchen, denen es zu bunt wurde: „Kirchenvertreter kritisieren, dass dem Friedensfest sein religiöser Kern verloren gehe und fordern, dass die Kirchen stärker in das Programm eingebunden werden.“[14]

Die Stadtdekanin monierte dass es nicht um den Frieden als solchen gehe, das sei zu beliebig. Es gehe ausschließlich um den Zusammenhang von Religion und Frieden, außerdem sei das Friedensfest im Ursprung evangelisch – und nicht etwa muslimisch, jüdisch etc., muss man wahrscheinlich ergänzen. Die Katholiken betonten, dass sie zu einer Beteiligung am Friedensfest bereit waren, aber der Versuch, noch andere Religionen einzubinden, habe dazu geführt, dass der religiöse Charakter sich in einem multikulturellen verwandle. Die Augsburger Allgemeine schrieb damals:

Die evangelische Kirche fürchtet, dass die ureigene Bedeutung des Augsburger Hohen Friedensfestes immer mehr in den Hintergrund gerückt wird. So sehr Stadtdekanin Susanne Kasch es begrüßt, dass das städtische Friedensbüro ein großes Beiprogramm organisiert, so sehr müsse man aufpassen, „dass mit dem Event-Charakter des Festes auch das Bewusstsein für seinen Ursprung erhalten bleibt“. Die Kirchen sollten als Partner auf Augenhöhe in die Programmgestaltung eingebunden werden, fordert Kasch. Es gehe schließlich nicht um eine beliebige Friedensfeier. „Es ging immer darum, wie Religion und Frieden zusammenhängen.“ Das Friedensfest, das am 8.August exklusiv in Augsburg begangen wird, ist im Ursprung evangelisch. …

Ähnlich sieht es Prälat Bertram Meier. Die Katholiken hätten sich dem Fest angeschlossen, um zu zeigen, dass Christen zusammenstehen, sagt der Ökumenebeauftragte der Diözese. Man habe außerdem versucht, andere Religionen einzubinden. Doch er beobachte, dass der religiöse Charakter sich in einen multikulturellen verwandle.[15]

Nach der Militärfraktion im Jahr 2012 rebellierte also im Jahr 2013 der konservativ-christliche Klerus gegen einen Multi-Kulti-Frieden.

2014 „Heimat? Da war ich noch nie!“

Im Jahr 2014 lautete das Motto Heimat? Da war ich noch nie! Nach zwei für die Stadtbonzen und Militaristen unerträglichen Jahren der Rüstungskritik und der Propagierung eines Widerstandsrechts gegen Krieg und nach einer für Kleriker unerträglichen Phase tendenziell areligiöser Friedensrethorik und nicht-christlichen Multikulturalismus‘ landete man nun ganz sanft auf der „Heimat“. Mit Heimat kann man alles machen und Timo Köster war man los, er wurde Geschäftsführer der Friedensakademie Nordrhein-Westfalen. Die Rahmenprogramme der Friedensfeste von 2012 und 2013 sind auf der Homepage der Stadt Augsburg nicht mehr auffindbar, die umfangreichen, ansprechenden Broschüren im PDF-Format sind gelöscht oder für Besucher der Webseite nicht mehr zugänglich.

Wie passend, dass es inzwischen auch ein Heimatministerium in Bayern gibt. Es wurde von Staatsminister Markus Söder im Beisein des neuen Staatssekretärs Johannes Hintersberger, auch CSU-Stadtrat in Augsburg und Vorsitzender der Arbeitsgruppe Wehrpolitik der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag, im Februar 2014 eröffnet. Man kann also davon ausgehen, dass die Heimat auch geschützt war, solange Hintersberger am Werk war – also mindestens bis 30. Juni 2015, als Hintersberger mit sofortiger Wirkung ins Sozialministerium wechselte. Der Wehrpolitiker wurde nun zur Bewältigung des Flüchtlingsstroms gebraucht, was für die CSU auch eine Art Heimatschutz darstellen dürfte.

2014 gab es natürlich Heimatgottesdienste und Heimatlieder, aber nicht nur christliche und nicht nur deutsche. Der Schulmalwettbewerb des evangelisch-lutherischen Dekanats musste natürlich das Motto haben „Wo Gott zu Hause ist“. Bei den Workshops und Installationen zum Thema „Temporäre Heimaten“ hätte es natürlich auch eine Kritik der Abschiebung von Flüchtlingen geben können und nicht nur eine Heimat zum Aufblasen als „pneumatischer Raum“ oder eine „geodäsische Kuppel aus recycelten Lattenrosten“, „deren Außenhülle aus Kletterbohnen … organisch wächst“.[16]

Aber immerhin ging es auch um die Dekonstruktion von Heimat in der Popkultur, um den Kampf afroamerikanischer GIs um Bürgerrechte, um die Geschichte der schwäbischen Sinti-Familie Reinhardt auch als Kontrapunkt gegen die Hetze gegen Roma aus Osteuropa. Am Anfang des Programmheftes von 2014 wurde den Augsburgern ein Zitat von Ernst Bloch ins Stammbuch geschrieben: „Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

Während 2014 also mit Ernst Bloch noch eine Art Sozialismus propagiert wurde, sollte im darauffolgenden Jahr beim Friedensfest 2015 die Kritik am Realsozialismus der DDR und an Russland eine zentrale Rolle spielen. Es hat zwar einen Wechsel gegeben vom Kulturreferenten Grab zu Weitzel und von Kulturamtsleiter Weitzel zur Leiterin Elke Seidel. Aber ob das der entscheidende Punkt ist, wissen wir nicht. Jedenfalls scheinen zwei Stadtratsperioden CSU-Herrschaft und die Einbindung von SPD und Grünen in diese Herrschaft der städtischen Friedenskultur nicht gut zu tun.

Peter Feininger, 6.8.2015

wird fortgesetzt

Ausblick auf das Friedensfest 2015: Klaus Rösler, Direktor für die Abteilung „Einsatzangelegenheiten – Operations Division“ von Frontex, (rechts) und Moderator Dr. Tanjev Schultz (Süddeutsche Zeitung, Innenpolitik) auf der Veranstaltung Frieden & Frontex am 31. Juli in der brechtbühne kurz vor dem durch Demonstranten erzwungenen Abbruch. Foto: Frank Heindl

 

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1] s. unseren Bericht: 17.08.2011 Friedensradler auf dem Weg zum italienischen Atomwaffenstandort Aviano besuchen Augsburg als Mitgliedsstadt von „Mayors for Peace“ http://www.forumaugsburg.de/s_1aktuelles/2011/08/17_friedensradler-mayors-for-peace.pdf

2] Näheres s. unseren Artikel: Zuerst die Stationierung eines Tornado-Atombomber-Geschwaders auf dem Lechfeld und dann die Umrüstung des Eurofighters zum Nuklearträger? Die Region Augsburg als Plattform zur Vorbereitung von Nuklearkriegen? Augsburg als Mitglied von Mayors for Peace am Abgrund? Schlimme Aussichten für die Friedensstadt, lukrative Aussichten für EADS/Premium Aerotec, 1.9.2011 http://www.forumaugsburg.de/s_3themen/Antimil/110901_nukleare-teilhabe/artikel.pdf

3] „1991 - Meldungen 1359-1407, Internationale Rundschau der MIZ, Materialien und Informationen zur Zeit.“ IBKA nternationaler Bund der Konfessionslosen und Atheisten e. V., 1991. http://www.ibka.org/ir/1359f.html.

4] Für sein Friedensposter erhielt Staeck 1981 die Kampfansage der Düsseldorfer Rüstungsfirma Rheinmetall. Für sein Plakat hatte er ein Foto verwendet, auf dem fünf Rheinmetall-Manager (1978) bei der Übergabe der ersten Feldhaubitze FH 70 an das Verteidigungsministerium zu sehen sind. Nachdem das Steack-Werk im Spiegel Nr. 44 1981 abgedruckt worden war, wollte der Vorstandsvorsitzende der Rheinmetall-Holdinggesellschaft Hans Hockel durch das Landgericht Heidelberg die weitere Verbreitung des Friedens-Motivs verbieten lassen. Die Richter schützten indes Staecks „politische Meinung, die, auch wann sie falsch wäre, noch nicht eine Schmähung“ Hockels sei. Auch eine Beschwerde Hockels wies das Landgericht ab: „Jede Satire läuft Gefahr, von jenen verkannt zu werden, die keinen Sinn dafür haben“, hieß es dazu. (Spiegel 48 1981) Quelle: „Klaus Staeck: ‚Alle reden vom Frieden - wir nicht‘, 1981, in: Plakate – Zensur Archiv“. Zensur Wiki. Zugegriffen 4. August 2015. http://www.zensur-archiv.de/index.php?title=Plakate#Klaus_Staeck:_.22Alle_reden_vom_Frieden_-_wir_nicht.22.2C_1981.

Das Plakat findet sich hier: „‚Ich musste mich früh für eine Haltung entscheiden‘, Klaus Staeck, Alumni-Interview Universität Heidelberg“, Mai 2013. http://www.uni-heidelberg.de/universitaet/
heidelberger_profile/interview/staeck.html
. Direkter Link zur Grafik: http://www.uni-heidelberg.de/md/zentral/alumni/personen/interview/4.jpg

5] Siegfried Zagler. „Die Kulturpolitik der Stadt bleibt unberechenbar.“ DAZ, 13. August 2012. http://www.daz-augsburg.de/?p=27590.

6] Nach Staz 18.7.2012 und AZ 4.7.2012

7] AZ 4.7.2012

9] AZ 4.8.2012

10] „Deuter Firmengeschichte.“ Deuter. Zugegriffen 4. August 2015. http://www.deuter.com/DE/de/unsere-geschichte-836.html.

11] „Aircontact PRO 70+15+30L, Combat Pack made by Deuter, flecktarn.“ Military Outdoor Side. Zugegriffen 4. August 2015. http://www.military-outdoor-side.de/product_info.php?info=p1097_combat-pack-made-by-deuter-flecktarn.html.

12] Angelika Bauer. „Soziologe Harald Welzer im Interview: Weg mit den Privilegien!“ Tagesspiegel, 11. August 2014. http://www.tagesspiegel.de/kultur/soziologe-harald-welzer-im-interview-weg-mit-den-privilegien/10314276.html.

13] Ebd.

14] AZ 8.8.2013

15] Ebd.


   
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